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Veröffentlicht am 27.11.2022

Mut, Ehrlichkeit und Loyalität

Anton Monsterjäger - Ein Traum auf der Flucht
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Seitdem sein einziger Freund Henry aus Helltoren, dem Ort, an dem die hier zu besprechende, rundum erfreuliche Geschichte spielt, weggezogen ist, ist Anton ziemlich einsam. In der Schule hat er keinen ...

Seitdem sein einziger Freund Henry aus Helltoren, dem Ort, an dem die hier zu besprechende, rundum erfreuliche Geschichte spielt, weggezogen ist, ist Anton ziemlich einsam. In der Schule hat er keinen leichten Stand, zumal ihm andauernd seltsame Missgeschicke zustoßen, die leider größere Folgen haben. Na, und dann sein Hobby! Anton baut mit Leidenschaft kleine Roboter zusammen, die allerlei Kunststücke beherrschen, anstatt sich so zu verhalten, wie Jungs das nun einmal zu tun haben. Dass er deswegen gehänselt und von dem großen Matthias, der einmal sein Freund war, bevor er von seinem Vater in den örtlichen Fußballverein gesteckt wurde, mit Wonne schikaniert wird, macht ihm das Leben auch nicht leichter! Nein, glücklich ist Anton sicher nicht.
Alles aber ändert sich mit einem Schlag, als er zu seinem 10. Geburtstag von seinem bewunderten Onkel Martin einen Schrank geschenkt bekommt, mit der Auflage, ihn keine Sekunde vor Mitternacht, dem Beginn seines Geburtstags, zu öffnen. So lange möchte der Junge aber nicht warten – und löst damit eine Reihe von Ereignissen aus, die ihn und mit ihm die jungen und genauso die nicht mehr ganz so jungen Leser 188 Seiten lang in Atem halten und während derer der ängstliche Anton, der sich für einen Versager hält und sich rein gar nichts zutraut, nicht nur erfährt, dass er, wie der verehrte Onkel auch, ein Monsterjäger ist, sondern mit Hilfe seiner Freunde schließlich über sich selbst hinauswächst und dem überaus gefährlichen Monster, dem er durch seine Neugierde in die Freiheit verholfen hat, den Garaus macht!
Doch noch ist es nicht soweit! Zunächst einmal wechselt Anton die Schule, nachdem er, natürlich unfreiwillig, denn solche Dinge passieren ihm nun einmal ohne eigenes Zutun, die Schultoilette unter Wasser gesetzt hat und sowieso sein Rausschmiss drohte. Nie hätte er geglaubt noch sich gewünscht, ausgerechnet in die Burgschule, in Helltoren als Freakschule verrufen, einzuziehen, die aber genau die richtige Schule ist für angehende Monsterjäger wie ihn , und die sich als wahrer Glücksfall erweist, denn hier findet er zum ersten Mal echte Freunde, die ihm zur Seite stehen und buchstäblich durch Dick und Dünn mit ihm gehen.
Von dieser Monsterjäger-Schule, die durchaus Ähnlichkeiten aufweist, mit dem allseits bekannten Hogwarts, so wie die Freundschaft der drei neuen Freunde Anton, Suna und Theo an das feste Bündnis Harry Potter – Ron Weasley – Hermine Granger erinnert, erfährt man nicht allzu viel, was aber keineswegs ein Manko ist in einem Roman, in dem vieles der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, der aber nichtsdestoweniger voller origineller, so spannender wie amüsanter Einfälle ist. Gruselig geht es zur Sache, man ist hin- und hergerissen zwischen Erschrecken und Erleichterung, denn ein Ereignis jagt das nächste, kaum, dass man sich aufatmend zurückgelehnt hat. Doch hat die wunderhübsch illustrierte, actionreiche Geschichte auch zarte, tiefe Momente, voller Poesie, voller Weisheit und Freundlichkeit, die ein Licht werfen auf das, was zählt im Leben von kleinen und großen Menschen, von Monsterjägern und ganz normalen Jungen und Mädchen, in der Werte wie Anstand, Loyalität und Ehrlichkeit großgeschrieben werden, wodurch Antons Entwicklung so glaubwürdig erscheint. Helden dürfen Angst haben, dürfen sie auch zugeben, denn erst ihr Bezwingen macht wahres Heldentum aus. Das nennt man dann Mut! Und davon hat Anton zu seiner eigenen Überraschung eine ganze Menge!

Veröffentlicht am 26.11.2022

Wäre Linnea doch nur verschwunden geblieben....

Das Verschwinden der Linnea Arvidsson
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Der Roman beginnt mit dem Besuch eines Kriminalbeamten bei der kroatischen Einwandererfamilie Simovic im schwedischen Malmö. Der Kommissar ist auf der Suche nach Daniel, dem Sohn der Familie, der verdächtigt ...

Der Roman beginnt mit dem Besuch eines Kriminalbeamten bei der kroatischen Einwandererfamilie Simovic im schwedischen Malmö. Der Kommissar ist auf der Suche nach Daniel, dem Sohn der Familie, der verdächtigt wird, auf irgendeine Weise verwickelt zu sein in das Verschwinden der jungen Studentin Linnea, das von deren Lebensgefährten angezeigt worden war. Bei Lydia Simovic, aus deren Erzählperspektive der Leser anschließend eingeführt wird in die komplizierte und deprimierende Geschichte ihrer Familie, läuten sämtliche Alarmglocken! Ihr Bruder, dem sie sich stets besonders verbunden gefühlt hatte, ist kein unbeschriebenes Blatt, wurde schon als 13jähriger straffällig und hatte danach eigentlich keine echte Chance mehr auf Rehabilitation, obwohl er, so erfahren wir von Lydia, sich inzwischen losgesagt hat von der kriminellen Szene und versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Doch einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen bedeutet ganz offensichtlich auch im liberalen Schweden einen unauslöschlichen Makel und macht einen bloßen Verdacht im Handumdrehen zur Gewissheit, worüber sich die desillusionierte Lydia völlig im Klaren ist! Wenn jemand den Bruder reinwaschen kann von den schwerwiegenden Anschuldigungen, die sich zusehends verdichten, dann, so meint sie, aus Erfahrung äußerst misstrauisch der Polizei gegenüber, ist sie das. Allzumal sie meint, Daniel etwas schuldig zu sein, war doch sie der Auslöser dafür, dass er als Jugendlicher, beinahe noch ein Kind, ins Visier von Polizei und Jugendamt geriet....
Eine so hektische und planlose, wie verbissene Suche beginnt, in deren Verlauf der Leser einen traurigen Einblick erhält nicht nur in den Zerfall einer mit großen Hoffnungen im sozialen Wunderland Schweden angekommenen Familie, sondern sich auch der Mühsal bewusst wird, mit der die Familie Fuß zu fassen versucht in einem fremden Land, und der Diskriminationen, denen sie allenthalben begegnet. Es bleibt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Familie Simovic da keine Ausnahme bildet, sondern für die große Masse der Immigranten steht, was einen vielsagenden Blick zulässt auf unser aller Umgang mit dem Fremden, das uns im eigenen Land begegnet, egal ob dieses nun Deutschland ist oder Schweden oder irgendwo sonst auf der Welt. Es scheint keine Rolle zu spielen!
Doch die Geschichte verfolgt man beileibe nicht nur aus Lydias Perspektive, sondern auch aus der des Bruders selbst, der inzwischen aufgegriffen wurde und, jede Auskunft verweigernd, in Untersuchungshaft sitzt – und schließlich auch, nachdem der Roman, der so stark begonnen hatte, bereits in Bedeutungslosigkeit, Nichtigkeit und Langeweile versandet ist, aus der Sicht der titelgebenden Person.
Während Lydia von Trauer, Einsamkeit, Verlorensein und Sprachlosigkeit nach dem allzu frühen Tod der Mutter, die Herz und Seele der Simovics war, erzählt und der Leser schnell begreift, wieso Daniel, der jeden Halt verloren hatte, sich mit den falschen Freunden einlassen konnte, führt dieser selbst zunächst die Geschichte fort, berichtet er, zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her gleitend, über die traumatische Inobhutnahme, das Herausnehmen aus der eigenen Familie nach einer Körperverletzung, die er aber nie begangen hatte. Erschüttert liest man, dass er ein willfähriges Opfer war als Sohn von Zuwanderern, deren Familienoberhaupt gar noch arbeitslos und in Depressionen versunken war, und dass die Polizei sich, der Täter war ja vermeintlich gefunden, in keiner Weise für die Wahrheit interessierte. Und er erzählt gleichzeitig von seiner Untersuchungshaft, von dem, was sie mit ihm macht, obschon er überzeugt ist, wenn er sich nur ausschweigt, schon bald wegen Mangels an Beweisen in die Freiheit entlassen zu werden. Doch hat er sich gründlich verrechnet und seine Resistenz beginnt zu bröckeln. Bevor dies aber soweit ist, ertönt plötzlich, zu meiner Verblüffung, die Stimme der Vermissten höchstpersönlich aus dem Off! Und von da an wird die Geschichte zu einem einzigen Ärgernis!
Sicher, was diese nie dem Kindesalter erwachsene Linnea auf ihre dröge, einfältige Art zu der Handlung beizutragen hat, klärt manches auf, ist aber gleichzeitig ein vollständiger Bruch mit der anfangs intensiven und überaus realistischen Geschichte, die vielversprechend erschien und von der ich erwartet hatte, dass sie weitergeführt, den Roman tragen würde. Aber nichts da! Der Erzählfaden bricht einfach ab, lässt den Leser genauso einsam und ratlos zurück, wie es der Tod der Mutter bei ihrer Familie getan hatte. Stränge werden nicht weitergeführt, über die weitere Entwicklung der Familienmitglieder bleibt man im Unklaren, sich abzeichnende Konturen werden nebulös und verwischen ganz. Dafür erfährt man allerhand über das weder spannende noch interessante Seelenleben und die selbst produzierten Probleme der unreifen Linnea, die von einer unglaublichen Naivität und Manipulierbarkeit ist. Wie sie es je auf eine Universität geschafft hat, bleibt mir ein Rätsel! Spätestens, als die Autorin der Figur, die für das ganze Schlamassel verantwortlich ist, aus mir unbegreiflichen Gründen das Wort erteilte, verflacht die so interessante wie bedrückende Geschichte bis hin zum Nichts, um dann in ein Ende zu münden, über das man erstaunt die Augenbrauen hochzuziehen versucht ist. Sie zu analysieren lohnt der Mühe nicht, tiefer zu blicken auch nicht, denn eine Tiefe ist nach dem ersten Drittel schlicht nicht vorhanden – und war womöglich von Beginn an nur ein Trugschluss?
Zurück bleiben Ratlosigkeit und Unwillen ob dieses fragmentarischen Romans, ob der vertanen Chance, die sich hoffnungsvoll anbahnende, sozialkritische Geschichte einer Einwandererfamilie am Beispiel der Simovics aus Kroatien zu erzählen, konsequent und glaubwürdig und ohne das Geholpere und Gestolpere, in das sich die hochgelobte schwedische Autorin schließlich verloren hat. Insgesamt ein enttäuschendes Werk, fürwahr!

Veröffentlicht am 12.11.2022

Die wundersame Wandlung eines Weihnachtsmuffels

Die Weihnachtsfamilie
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Wenn man die zeitlosen Klassiker unter den Weihnachtsromanen und -geschichten kennt, von Charles Dickens weltberühmtem 'A Christmas Carol', über Selma Lagerlöfs Weihnachtsgeschichten, Ludwig Thomas 'Heilige ...

Wenn man die zeitlosen Klassiker unter den Weihnachtsromanen und -geschichten kennt, von Charles Dickens weltberühmtem 'A Christmas Carol', über Selma Lagerlöfs Weihnachtsgeschichten, Ludwig Thomas 'Heilige Nacht', Peter Roseggers Erinnerungen an die Weihnachten seiner Kindheit bis zu den zahlreichen Weihnachtsepisoden aus vielen Büchern der Astrid Lindgren oder vielleicht sogar die bezaubernde Geschichte 'Das Geschenk der Weisen' von O. Henry, dann setzt man die Messlatte hoch, sehr hoch, auf jeden Fall zu hoch, um an dem hier zu besprechenden Roman 'Die Weihnachtsfamilie' wirklich Freude haben zu können. So wenigstens erging es mir, die ich mit Weihnachtsgeschichten wie der von Angelika Schwarzhuber geschriebenen nicht vertraut bin, mit den Klassikern jedoch umso mehr!
Dass Weihnachtsmuffel Emily, eine der Protagonisten des Romans, am Ende geläutert sein würde, war abzusehen, denn Weihnachtswunder, egal was man darunter versteht, müssen in Geschichten dieser Art unbedingt eingebaut werden – und schließlich ist Weihnachten auch aus den Klassikern dafür bekannt. Die Frage war für mich lediglich, auf welche Art und Weise die Autorin, von der ich zuvor noch nichts gelesen hatte, das tun würde, und ob es mich überzeugen könnte. Nun, Emily, die zwei Geschwister aus Hamburg, deren Eltern getrennt leben, zu ihrer vielbeschäftigten Mutter nach Berchtesgaden bringen soll, die dort mit ihrem neuen Lebensgefährten gerade einen Film dreht, um gemeinsam das Fest der Liebe und des Friedens zu feiern, hat eine bereits 22 Jahre währende Weihnachtsphobie, ein Weihnachtstrauma oder wie auch immer man ihre Abneigung nennen möchte, die daraus resultierte, dass ihre eigenen Eltern sich ausgerechnet an jenem denkwürdigen Heiligabend so viele Jahre zuvor trennten, mit einem wahrhaft nachhallenden Paukenschlag. Während die junge Frau nun also Weihnachten entgegen fährt mit den Zwillingen Stella und Joshua und, zunächst unfreiwillig, in die Pläne der Beiden, die Eltern unterm Tannenbaum wieder zusammenzubringen, hineingezogen wird, weicht sie zusehends auf und es kommen immer wieder – über die gesamte Handlung verstreut – Erinnerungen an das unselige Trennungsweihnachtsfest auf, die zusammen mit der überbordenden Gefühlsduselei, die Hannah, die Mutter der Zwillinge, entschlossen ist durchzuziehen, und die im Schmücken des riesigen Wohnzimmers im für die Dauer der Dreharbeiten fürs hohe Fest angemieteten Villa (klar, ein bescheideneres Häuschen kann ja nicht angehen für die berühmte Frau und ihren noch berühmteren Regisseurfreund!) mitten im schneereichen Winterwunderland, gipfelt, das nach vollbrachter Tat sogar das vor nichts zurückschreckende Hollywood vor Neid und Schock erblassen ließe... Weihnachten kann kommen!
Nicht ganz so freilich, wie man es erwartet – und das ist für mich fast das einzige Positive an dem trotz des Hintergrundthemas Scheidung, Kinderleid und Patchworkfamilie überaus sentimentalen Heile-Welt-Romans, in dem nebenbei, so wie es sich gehört, hemmungs- und gedankenlos und völlig unnötig mit dem Auto oder dem Flugzeug von einem Ort zum anderen gereist wird, ohne sich auch nur die geringsten Gedanken darüber zu machen, wie denn der eigene Beitrag zum Schutze von Umwelt und Klima aussehen könnte. Man hat die Mittel, also tut man es!
Emilys vollkommene Wandlung – anders als weiland die von Ebenezer Scrooge, der wirklich durch sämtliche Höllen gegangen ist, um die weihnachtlichen Prüfungen als veränderter Mann zu überstehen! – ist bedauernswerterweise weit davon entfernt, mich überzeugen zu können, und die übergroße Harmonie, die die geschiedenen oder getrennten Eltern der sehr manipulativen Zwillinge, die nie wirklich in ihre Schranken gewiesen werden, an den Tag legen, empfand ich ebenfalls als stark überzogen. Es wirkt gerade so, als wäre eine Scheidung die normalste Sache der Welt, ein Klacks, ein Spaziergang, und negiert damit einen mit vielfältigen Verletzungen verbundenen gravierenden Einschnitt aller Beteiligten, auch, nein vor allem, für die Kinder, die wie üblich nicht gefragt werden. So gesehen muss meine Sympathie, sofern es mir möglich war, mich mit einem der mir unrealistisch, stereotyp erscheinenden Charaktere anfreunden zu können, selbstredend bei den Kindern Stella und Joshua liegen und noch mehr bei der einsamen, normalerweise – typisch für britische Wohlstandsfamilien - im Internat vor sich hin vegetierenden Regisseurstochter Bonnie, die wohl die Unglücklichste von allen ist, unterm Weihnachtsbaum aber mutiert wird zu einem in Glückseligkeit dahinfließenden, die ihr kaum bekannte Stiefmutter nebst Stiefgeschwistern von Herzen liebenden Mitglied der zusehends anwachsenden Weihnachtsfamilie....
Und zu guter Letzt habe ich in der mit dicken Schichten Zuckerguss überträufelten, unglaubwürdig romantischen, zur perfekten Harmonie wild entschlossenen Weihnachtsgeschichte nicht einmal den Hauch eines Hinweises auf den wahren, den eigentlichen Sinn des Festes gefunden, das eigentliche Weihnachtswunder, den Grund, warum überhaupt Weihnachten ein so hehres Fest ist, dass es eben nicht um den perfekten äußeren Schein, eine mit Gewalt herbeigezerrte und deshalb aufgesetzte Harmonie geht, sondern vielmehr um etwas, das viel tiefer geht, das etwas mit dem innersten Selbst und schlicht und einfach mit dem Sinn des Lebens zu tun hat. Etwas übrigens, das in all den zu Anfang meiner Betrachtungen zitierten Klassikern zu finden ist, das über den darin erzählten Geschichten schwebt und sie daher unsterblich macht – nicht nur zur Weihnachtszeit!

Veröffentlicht am 04.11.2022

Unfreiwillige Zeitreise des Dichterfürsten

Goethes Labyrinth
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Im Laufe seines für damalige Verhältnisse recht langen Lebens (er wurde immerhin 82 Jahre alt) besuchte Goethe drei Mal das Fichtelgebirge, wobei ihn als leidenschaftlichen Naturwissenschaftler besonders ...

Im Laufe seines für damalige Verhältnisse recht langen Lebens (er wurde immerhin 82 Jahre alt) besuchte Goethe drei Mal das Fichtelgebirge, wobei ihn als leidenschaftlichen Naturwissenschaftler besonders das Felsenlabyrinth der Luisenburg bei Wunsiedel interessierte, für dessen Entstehung er später eine noch heute gültige Erklärung fand. Die erste dieser Reisen unternahm er im Jahre 1785; Wunsiedel war hier, nebenbei bemerkt, wie auch während der viel später folgenden Reisen nur ein Zwischenstopp auf dem Wege nach Karlsbad, wo er, zeitlebens ein Hypochonder, der sich wie viele seiner Art einer eher robusten Gesundheit erfreute, hoffte, seine vielen Zipperlein kurieren zu können.
Genau auf dieser ersten Reise begegnen wir dem zukünftigen Dichterfürsten in Sissy Scheibles zauberhaftem Roman mit Märchenelementen, am 3. Juli 1785, gedankenverloren im damals sehr unzugänglichen Felsenlabyrinth herumtappend, als er von einem heftigen Gewitter überrascht wird. Schutzsuchend beeilt er sich zu einem Unterstand, stolpert jedoch, fällt unglücklich und verliert das Bewusstsein. Was danach geschieht leitet eine so erheiternde wie spannende, ganz und gar im Fichtelgebirge, der Heimat der Autorin, angesiedelte Geschichte ein, von der man in der Tat, so wie es sich Sissy Scheible sicherlich gewünscht hatte, ein wenig traurig ist, wenn man sie zu Ende gelesen hat.
Wie der Klappentext bereits verrät, erwacht der berühmte Mann, der er schließlich einmal werden sollte – unsterblich freilich nicht für das, was er sich ersehnte -, der aber schon allseits bekannt war für die dichterischen Werke, die er in seinen 36 Lebensjahren verfasst hatte, in der Zukunft, im Jahre 2024 nämlich, das die Autorin aus einem ganz besonderen Grunde gewählt hat, den ein Leser, der selber in Wunsiedel ansässig ist, ziemlich schnell erraten mag... Zum Glück ist es Caroline, die zweite Protagonistin, die den gerade wieder zu sich Kommenden beim Wandern im Felsenlabyrinth findet, denn die junge Frau hat das Herz auf dem rechten Fleck und bleibt äußerlich gelassen, als der durchnässte, seltsam gekleidete und sich ungewöhnlich ausdrückende, so offensichtlich verwirrte junge Mann sich ihr als Johann Wolfgang von Goethe vorstellt. Resolut nimmt sie sich seiner an und ihn, natürlich nur vorübergehend, wie sie sich immer wieder sagt, in ihre kleine Wohnung auf, abwartend, dass sich sein Geist klärt und sowohl Wolfgang, wie er von ihr genannt werden möchte, als auch sie selbst wieder in ihr normales Leben zurückkehren können. Doch geschieht das nicht, wie der Leser bald erfahren wird, denn Wolfgang besteht auch weiterhin darauf niemand anders zu sein als der er sich vorgestellt hat: Goethe!
Und so nimmt eine rundum vergnügliche Geschichte mit vielen amüsanten Zwischenfällen ihren Lauf, während derer der Leser nicht nur den als arrogant und launisch bekannten Dichterfürsten von einer anderen, neuen, ungemein menschlichen und sympathischen Seite kennenlernt, sondern auch – durch Goethes Augen – einen neuen Blick auf das eigene, so selbstverständlich erscheinende Jahrhundert mit all seinen vielfältigen Problemen gewinnt, die im Übrigen - der einzige, winzig kleine Kritikpunkt - für meinen Geschmack zu stark thematisiert wurden, was aber den sehr positiven Gesamteindruck nicht zu schmälern vermag. Sehr einfühlsam, sehr authentisch und ausgesprochen liebevoll lässt die Autorin, die ganz unverkennbar den historischen Goethe gut kennt und ihn, was noch mehr ist, sehr mag, ihren Zeitreisenden die Wunder des 21. Jahrhunderts bestaunen, sich in einer gänzlich fremden Welt zurechtzufinden versuchen und ihn mit der ihm eigenen Wissbegierde nach Erklärungen für all die technischen Errungenschaften und Erfindungen suchen, die ihm allenthalben begegnen. Peinliche Situationen können dabei nicht ausbleiben, auch nicht Verzagtheit, Traurigkeit bei dem so verzweifelt um Verstehen bemühten Wolfgang, als er erkennt, dass er schließlich vor all dem Neuen, Unverständlichen, das ihm begegnet, kapitulieren muss. Allzumal es ihm nicht gelingen möchte, eine plausible, eine logische Erklärung für seine Zeitreise zu finden, die es dennoch, so sagt ihm seine stark ausgeprägte Ratio, geben muss.
Obwohl sich Wolfgang längst in die hübsche Caroline mit dem großen Herzen verliebt hat, sehnt er sich nach Zuhause, nach seiner Welt, seinem Jahrhundert – und setzt alles daran, einen Weg zurück zu finden. Am besten dort, wo alles seinen Anfang genommen hat. Und was dann schließlich geschieht, ist so überraschend wie logisch – obwohl sich der eine oder andere Romantiker unter den Lesern möglicherweise einen anderen Ausgang gewünscht hätte, was allerdings eine neue Geschichtsschreibung nötig machen und das bezaubernde Märchen endgültig ins Reich des Fantasy-Genres katapultieren würde...
Summa summarum: Großes Lob für die Autorin! Sie hat eine, was heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich ist, sprachlich und grammatikalisch tadellose und gleichzeitig wunderschöne, herzliche, anrührende und durchweg humorvolle Geschichte rund um den Dichterfürsten geschrieben, die ihn herunterholt von seinem Sockel, ihn in seiner ganzen Sterblichkeit, mit all seinen Schwächen zeigt, seine Stärken dabei nie negierend, höchstens relativierend, hier und da, wo die posthume Heldenverehrung eine Mär um ihn gesponnen hat, der er, wer weiß das schon, vielleicht niemals gerecht werden konnte, noch wollte. Und nun ist es, hoffentlich nicht nur für die Verfasserin dieser Betrachtungen, sondern wünschenswerterweise für all die hoffentlich zahlreichen Leser, die Sissy Scheibles Geschichte finden wird, an der Zeit, Goethes Werke, wenigstens das eine oder andere davon, aus der hintersten Ecke des Bücherschrankes hervorzukramen, zu entstauben, um sie dann von Neuem und mit neuen Augen zu lesen und sich daran zu erfreuen!

Veröffentlicht am 16.10.2022

Freunde, die keine sind

Am Ende des Schweigens
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Obwohl die Autorin Charlotte Link als derzeit kommerziell erfolgreichste deutsche Schriftstellerin gilt, überdies in Interviews außerordentlich sympathisch erscheint und ich ihr Engagement für notleidende ...

Obwohl die Autorin Charlotte Link als derzeit kommerziell erfolgreichste deutsche Schriftstellerin gilt, überdies in Interviews außerordentlich sympathisch erscheint und ich ihr Engagement für notleidende Geschöpfe, ob Mensch oder Tier, nur als beispielhaft bezeichnen kann, habe ich bis zu diesem Sommer nie ein Buch von ihr lesen wollen. Sogenannte Bestseller haben mich im Laufe meines Leserlebens in der Mehrzahl enttäuscht und sogenannten Erfolgsautoren, die gewöhnlich jene zweifelhaften Bestseller verfassen, stehe ich gleichermaßen skeptisch gegenüber. Kurzum – ich mag mir nicht von Bestsellerlisten meinen Lesegeschmack diktieren lassen.
Dass ich dennoch vor wenigen Monaten einen der psychologischen Spannungsromane der Frankfurter Autorin – denn was ich da las, kann ich weder als Krimi noch als Thriller bezeichnen – aufschlug, war reiner Zufall, eigentlich unbeabsichtigt. Jedenfalls hielt ich ihn auf einem Bücherbazar, auf denen ich immer gerne stöbere, plötzlich in der Hand – und nahm ihn mit! Es handelte sich dabei um den ersten Band der Kate Linville Reihe, „Die Betrogene“ - und ich hatte ihn im Nu gelesen, durchaus angetan davon, wiewohl das beharrliche Graue-Maus-Gehabe der Protagonistin schon anstrengend zu lesen war. Die nächsten beiden Bände dieser Reihe folgten und ich fühlte mich, obwohl sie schwächer waren als Band Eins, spannend unterhalten. Also würde ich Charlotte Link aufnehmen in meine Leselisten, ein Entschluss, der jedoch mit dem hier zu besprechenden Roman, nämlich mit eben jenem „Ende des Schweigens“, dem achten Buch, das ich inzwischen von Frau Link gelesen habe, ein abruptes Ende finden wird!
Dabei ist es nicht einmal ihr, nach meinem Geschmack, schlechtestes und unglaubwürdigstes Werk, gewiss aber das ärgerlichste. Und daran können auch die, wenn man die vielen Leerläufe überspringt, durchaus vorhandene Spannung und das unbestreitbare schreib-handwerkliche Können der Schriftstellerin nichts ändern! Nicht einmal die berückende und gleichzeitig bedrückende Landschaft, in der sie ihren Roman angesiedelt hat und die wie geschaffen ist für Krimis oder Thriller oder eben psychologische Spannungsromane, vermag etwas an meinem Gesamteindruck zu ändern. Große englische Autoren, allen voran sicherlich die Bronte-Schwestern, die einstmals dort, im Westen Yorkshires, beheimatet waren, haben das auf äußerst eindrucksvolle Weise unter Beweis gestellt, genau die Stimmung ihrer Heimat einfangend, was vielleicht nur dann wirklich möglich ist, wenn man dort geboren ist... Charlotte Links Yorkshire hätte auch irgendwo in Deutschland sein können, etwa in der Lüneburger Heide, durchaus auch im Allgäu.
Die hanebüchene Geschichte, die sich langatmig über sage und schreibe 671 Seiten erstreckte, konnte mich zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise überzeugen. Das Gleiche gilt für die recht zahlreichen handelnden Personen, die die Autorin als kollektiv unsympathischen Haufen angelegt hat, mit allen Klischees und psychischen Defekten behaftet, die man sich nur ausmalen kann. Durchgeknallt! Allesamt! Gemeingefährlich, bösartig, gehässig, zerstörerisch, die Luft um sich herum vergiftend. Größenwahn kommt auch vor, ein mir unbegreiflicher Masochismus der grenzdebilen Freundin des großen Unbekannten, dem gewiss nicht nur eine Latte am Zaun fehlt und den eine fixe Idee durch die Wiesen und Wälder streifen lässt, die das Anwesen umgeben, in dem drei Ehepaare alle, wirklich alle ihre Ferien gemeinsam verbringen – obwohl sie einander nicht ausstehen können, was keineswegs als Überraschung im Laufe der sich im Schneckentempo entwickelnden Handlung kommt, sondern von Anfang an sonnenklar ist. Nun, die meisten von ihnen überleben den neuerlichen Aufenthalt auch nicht – und die drei, die nur rein zufällig mit dem Leben davonkommen und von denen einer logischerweise der Mörder sein muss, verhalten sich reichlich seltsam, so unnatürlich, wie nur möglich.
Nein, ich habe keine Lust, in die unendlichen Tiefen ihrer Abgründe zu blicken. Mir reichen die brüchigen Fassaden, die in jahrelanger Kleinarbeit, von Schuldgefühlen zerfleischt und in Schuld verstrickt, um die Freundesclique aufgebaut wurden, und in deren immer größer werdende Risse die Autorin ihre Leser sich zu vertiefen zwingt, Voyeuren gleich, zu denen ich mich nicht hinzugesellen möchte. In der Tat möchte ich niemals mehr die Bekanntschaft von Leuten wie denjenigen machen, die Charlotte Link aus der Retorte gezogen und in Buchform verewigt hat! Inklusive der blutleeren Jessica, die, frisch verheiratet mit einem der sich als Freunde bezeichnenden Psychopathen und Neurotiker, seelische Krüppel allesamt, sich nicht einfügen mag in die Clique, in der man alles, aber auch wirklich alles gemeinsam macht, in der ein Ausscheren nicht geduldet wird, in der Übergriffigkeiten an der Tagesordnung sind und stillschweigend hingenommen werden. Wer nicht schon irre ist, wird es in diesem kranken Zwangskorsett unwiderruflich werden. Die brave Jessica ist eine der drei, eigentlich vier, Überlebenden, wenn man ihre sie leidenschaftlich hassende aufmüpfige Stieftochter hinzuzählt, die in ihrer Frühreife und ihren von den Erziehungsberechtigten geduldeten Alleingängen und eigenmächtigen Entscheidungen so unnatürlich wie nur möglich daherkommt. Und Jessica, die Tierärztin, die sich während dieses letzten Urlaubs zunehmend abseilt von der sie vereinnahmenden Gruppe, ist es auch, die die frisch – und so brutal wie nur möglich – Ermordeten findet – und am Schluss natürlich selbst in Lebensgefahr gerät... Ganz schön voraussehbar!
Aber dieses stets Voraussehbare ist es nicht, was ich dem Roman vorwerfe, schließlich haben wir es hier nicht mit einem Krimi zu tun, bei dem das Mitraten im Mittelpunkt steht und die große Überraschung gewöhnlich als Paukenschlag am Schluss kommt. Es sind die unsäglichen Charaktere mit ihren so widernatürlichen und überzogenen Verhaltensweisen, die mich von Anfang bis Ende nur abstoßen konnten. Es sind ihre so bösartigen, wie hirnlosen und unnötigen Dialoge, in die sie sich verstricken, beziehungsweise in die die Autorin sie verstrickt – was schon mal ein gutes Drittel des Romans ausmacht. Und da man bei der so erfolgreichen deutschen Autorin mit beidem immer rechnen muss, wie mir die Kenntnis der Bücher von ihr, die ich bereits gelesen habe, klargemacht hat, werde ich ihr zwar weiterhin gerne in Interviews zuhören, mit Gewissheit aber von nun an, und da wiederhole ich mich, Abstand nehmen von den gefeierten, angeblich so tiefschürfenden psychologischen Romanen aus ihrer Feder, ob mit oder ohne Spannung, die offensichtlich einem breiten Publikum immer wieder aufs Neue Freude machen. Ich kann mich jedenfalls nicht dazu zählen!