Jim erzählt
James"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. ...
"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. Neben dem historischen Vorwurf, es wäre recht derb, steht der Roman in der zeitgenössischen Kritik vor allem unter dem Vorwurf des Rassismus.
Percival Everett hat dieses Element in seiner "Adaption" von Huckleberry Finn ins Zentrum gestellt, indem die Hauptperson nun der Sklave Jim ist. Aus seiner Sicht wird die Geschichte ähnlich, neu und doch ganz anders erzählt. Zunächst bleibt Everett recht eng an seiner Vorlage. Im zweiten Teil wird die Handlung erzählt, die wir als Huck-Leser nicht aus erster Hand kennen, denn Jim und Huck werden getrennt und Mark Twain bleibt natürlich bei seinem Ich-Erzähler Huck. Der letzte Teil schließlich entfernt sich komplett von der Vorlage und erzählt eine ganz andere Geschichte.
Bei Everett zeigt sich Jim nicht nur als völlig andere Person, sondern ich möchte fast sagen, überhaupt erst als Person. Bei Twain wird Jim häufig als leicht- und abergläubisch, nicht besonders helle, schreckhaft etc. dargestellt. Everett entwirft ein völlig anderes, überraschendes Bild, das uns als Leser*innen den Spiegel vorhält. An dieser Stelle gilt dem Übersetzer Nikolaus Stingl besondere Anerkennung, ohne zu viel verraten zu wollen. Ab dem zweiten Abschnitt verabschieden wir uns auch von dem Idyll, das wir mit Twains geschilderten Abenteuern auf dem Mississippi verbinden. Es wird ungeschönt und brutal über die Situation der versklavten Menschen geschrieben.
Ein Roman, der mich sehr überrascht hat und Huck Finn in einem neuen Licht erscheinen läßt. Ich empfehle, zumindest eine umfassende Zusammenfassung von Twains Werk vorab zu lesen, sofern der Inhalt nicht (mehr) bekannt sein sollte. Der Pulitzer-Preis ist verdient an diesen Roman gegangen.