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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.06.2025

Rückkehr nach Wien

Die Trümmerschule – Zeit der Hoffnung
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Das ansprechend gestaltete Cover bildet einen perfekten Einstieg in die Erzählung. Ich habe schon einige Bücher von Beate Maly mit Begeisterung gelesen. Die Handlung ihres neuen Romans hat die Autorin ...

Das ansprechend gestaltete Cover bildet einen perfekten Einstieg in die Erzählung. Ich habe schon einige Bücher von Beate Maly mit Begeisterung gelesen. Die Handlung ihres neuen Romans hat die Autorin in Wien unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg angesiedelt. Der jüdische Lehrerin Stella kehrt aus dem englischen Exil nach Wien zurück. Zum Glück erwartet sie dort ihre treue Freundin Feli. Stella findet eine Anstellung am Lindengymnasium, ist aber dort aufgrund ihrer fortschrittlichen Erziehungsmethoden sowie ihrer jüdischen Herkunft Anfeindungen anderer Lehrkräfte ausgesetzt.

Der Einstieg in den Roman ist spannend, Beate Maly beschreibt eindrucksvoll und sehr bildhaft die komplizierten Verhältnisse in der vom Krieg gezeichneten österreichischen Hauptstadt. Die Not der Menschen, vor allem der Kinder, nimmt einen großen Teil der Erzählung ein. Hinzu kommen Vorurteile und Anfeindungen einst regimetreuer Lehrer. Für die immer noch engagierte Sozialdemokratin Stella ist das alles sehr schwer zu ertragen. Sie würde am liebsten das gesamte Schulwesen verändern. Ich habe ihren Mut bewundert und ihre Entschlossenheit, sich gegen ihre Widersacher durchzusetzen und neue Wege zu betreten. Die Autorin hat mit Stella und Feli sowie den Schülern Norbert und Peter sympathische und authentische Charaktere beschrieben. Das Thema Reformpädagogik ist ihr auch in diesem Roman ein Anliegen. Ich vergebe fünf Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Vergangenheit und Gegenwart

Zypressensommer
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Julia Matthiesen, Goldschmiedin aus Hamburg, reist zum ersten Mal in ihrem Leben in das Dorf Lucignano in der Toskana. Ihr Großvater Gianni hat ihr ein Vermächtnis hinterlassen, das aus wenigen Sätzen ...

Julia Matthiesen, Goldschmiedin aus Hamburg, reist zum ersten Mal in ihrem Leben in das Dorf Lucignano in der Toskana. Ihr Großvater Gianni hat ihr ein Vermächtnis hinterlassen, das aus wenigen Sätzen auf einem Blatt Papier besteht. Er musste in den 1940er-Jahren seine Familie, die seit Generationen Oliven anbaut, in dem kleinen Ort zurücklassen. Ebenso eine junge Frau, die er sehr geliebt hat. Julia begibt sich mit Unterstützung des jungen Italieners Matteo auf eine Reise in die Vergangenheit und zu den Wurzeln ihrer Familie.

Bereits das schön gestaltete Cover stimmt auf den Roman ein. Ich habe schon einige Bücher von Teresa Simon gelesen und bin auch von diesem Roman begeistert. Der Autorin ist es gelungen, eine fesselnde Geschichte von Krieg, Verrat und Liebe zu schreiben. Sie hat ihr neues, sorgfältig recherchiertes Buch in zwei Zeitebenen angelegt. Beginnend mit der Geschichte von Großvater Gianni, der 1943 als italienischer Militärinternierter nach Deutschland gelangte. Ein Umstand, der mir bislang unbekannt war. Später wurde Gianni in einer Fischräucherei in Hamburg eingesetzt. Ein anderes wichtiges Thema in dieser Zeit ist der Widerstand italienischer Partisanen gegen die brutalen deutschen Besatzer.
Im Jahr 1998 folgt Julia den Spuren ihres Großvaters und reist in die Toskana. Besonders beeindruckt hat mich die Entschlossenheit Julias, anhand eines Zettels voller Rätsel die Geschichte Giannis und somit ihrer Familie zu erforschen. Auch die Natur der Toskana mit ihren Wäldern und wunderbaren Stränden bildet einen Teil der Erzählung. Nicht zuletzt tragen Tagebücher dazu bei, das Rätsel um ihre Familie zu lösen und ein Kreis schließt sich. Teresa Simon hat interessante Protagonisten geschaffen, ihr authentischer Schreibstil hat mich bis zur letzten Seite gefesselt. Die Autorin hat stimmig eine romantische Liebesgeschichte mit historischen Tatsachen geschickt verknüpft. Traditionelle toskanische Rezepte am Ende des Buches runden die Erzählung perfekt ab. Ich habe mich mit dem Roman sehr gut unterhalten gefühlt, vergebe fünf Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Vermisste Kinder

Der Kindersuchdienst (Kindersuchdienst 1)
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Im Jahr 1955 arbeiten Annegret und Charlotte beim Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg. Die Frauen können unterschiedlicher nicht sein. Während Charlotte aus wohlhabenden Verhältnissen ...

Im Jahr 1955 arbeiten Annegret und Charlotte beim Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg. Die Frauen können unterschiedlicher nicht sein. Während Charlotte aus wohlhabenden Verhältnissen kommt, führt Annegret ein sehr einfaches Leben. Beide hüten zudem ein Geheimnis, das niemand erfahren darf. Die beiden Frauen arbeiten bald mit aller Kraft gemeinsam daran, die Eltern von Waisenkindern zu finden. Dabei stehen ihnen verschiedene Personen im Wege.

Die Romane von Antonia Blum, welche die „Kinderklinik Weißensee“ zum Inhalt haben, habe ich sehr gerne gelesen. Mit dem Kindersuchdienst stellt die Autorin wiederum die Schwächsten der Gesellschaft, die Kinder, in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Bereits das schön gestaltete Cover, das perfekt zum Titel des Buches passt, lädt zum Lesen ein. Antonia Blum schildert spannend und sehr emotional die Arbeit des Kindersuchdienstes. Kinder und ihre Eltern wieder zusammenzuführen, ist für Charlotte und Annegret eine Herzensangelegenheit. Im Zeitalter von Internet ist es nicht mehr vorstellbar und dennoch interessant zu lesen, wie mühselig und zeitaufwendig es für die beiden Frauen war, anhand von Karteikarten zu arbeiten.
Die Autorin hat zudem ein stimmiges Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit gezeichnet. Veraltete Denkstrukturen über Frauen und ihren Platz in der Gesellschaft und im Arbeitsleben, für die der Abteilungsleiter Jochen Krüger steht, waren selbst 1955 noch nicht überwunden. Charlotte und Annegret sind authentische und sympathische Protagonistinnen, die sich beständig durch ihre Arbeit beim Kindersuchdienst weiter entwickeln. Auch wenn Antonia Blum für meinen Geschmack etwas viele Zufälle in ihre Erzählung eingefügt hat, ist ihr doch dank des flüssigen Erzählstils ein lesenswerter Roman gelungen. Ich vergebe für das Buch vier Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Drei Frauengenerationen

Die Summe unserer Teile
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Der Roman beginnt im Jahr 2014 in Berlin, als die Informatikstudentin Lucy einen Steinway-Flügel in ihrem kleinen WG-Zimmer vorfindet. Ihre Mutter Daria hat den Transport veranlasst. Lucy hat darauf als ...

Der Roman beginnt im Jahr 2014 in Berlin, als die Informatikstudentin Lucy einen Steinway-Flügel in ihrem kleinen WG-Zimmer vorfindet. Ihre Mutter Daria hat den Transport veranlasst. Lucy hat darauf als Kind gespielt. Mit dem Klavier taucht auch der Name ihrer Großmutter Lyudmila auf. Kurz entschlossen begibt sich Lucy auf die Reise nach Sopot, dem letzten Wohnort, bevor die Großmutter in den Libanon ausgewandert ist.

Mit „Die Summe unserer Teile“ hat Paola Lopez ihren Debütroman vorgelegt. Der Roman umfasst drei Generationen von Frauen, die abwechselnd zu Wort kommen. Die Autorin zeichnet ihre Protagonistinnen detailliert und überzeugend. Die familiäre Situation der Mütter und Töchter ist komplex und konfliktreich. Jede der Frauen führt ihr eigenes Leben, leider kommt die Kommunikation dabei zu kurz. Vor allem habe ich den Mut von Großmutter Lyudmila bewundert, Polen als junge Frau alleine zu verlassen und im Libanon Chemie zu studieren. Lyudmila bewahrt aber auch Geheimnisse, die sie daran hindern, eine intensivere Beziehung zu Tochter Daria aufzubauen. Davon erfährt Daria erst Jahre später nach dem Tod der Mutter. Aber auch das Verhältnis zwischen Daria und Tochter Lucy ist angespannt. Ich konnte nachvollziehen, dass sich Lucy nach Sopot begibt, um mehr über das Leben ihrer Großmutter zu erfahren. Mit der Erzählung ist Paola Lopez aus meiner Sicht kein herausragender Roman gelungen, aber dennoch eine lesenswerte Erzählung.

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Veröffentlicht am 04.04.2025

Schicksalsjahre

Maikäferjahre
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Im Frühjahr 1945 gelingt Anni gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter und sowie dem halbjüdischen Geiger Adam die Flucht aus dem brennenden Dresden. Dann ist Deutschland von den Alliierten besetzt. Unter Strapazen ...

Im Frühjahr 1945 gelingt Anni gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter und sowie dem halbjüdischen Geiger Adam die Flucht aus dem brennenden Dresden. Dann ist Deutschland von den Alliierten besetzt. Unter Strapazen erreichen die Flüchtlinge die Familie von Annis im Krieg verschollenen Ehemann Fritz in Tirol. Dort ist Anni willkommen, Adam aber nicht. Anni muss eine Entscheidung treffen, so schwer es ihr auch fällt.
In der Zwischenzeit ist Annis Zwillingsbruder Tristan, Pilot der Luftwaffe, über Großbritannien abgestürzt. Er überlebt schwer verletzt und lernt die Krankenschwester Rosalie kennen und lieben. Das wird weder von ihrer Familie noch von der Gesellschaft akzeptiert.

Sarah Höflich beschreibt eindrucksvoll und in bewegenden Worten die Geschichte von Annis Familie sowie jene des halbjüdischen Geigers Adam. Beginnend mit der Flucht aus dem brennenden Dresden, über den mühevollen Weg durch das besetzte Deutschland, bis zur Ankunft in Tirol. Parallel dazu stellt die Autor das erstaunliche Schicksal Tristans in Großbritannien dar. Die Erzählweise der Autorin ist komplex, mit ständig wechselnden Schauplätzen. Sarah Höflich hat ihre Protagonisten liebevoll und sehr überzeugend dargestellt. Hilfsbereitschaft, der Einsatz des Lebens für andere Menschen sowie grenzenlose Geschwisterliebe nehmen dabei einen zentralen Platz ein. Das Buch ist in Kapitel unterteilt, Anni und Tristan kommen abwechselnd zu Wort. Besonders angenehm ist die handschriftliche Darstellung der Briefe, die die Geschwister einander geschrieben haben. Die Liebe und der unbedingte Überlebenswille stellt beide immer wieder vor große Herausforderungen.
Die größeren Abstände zwischen den Zeilen verbessern nicht nur die Lesbarkeit des Buches, sondern lassen das Gelesene noch intensiver nachwirken. Das Ende des Buches lässt einiges offen und weist vielleicht auf eine Fortsetzung hin. Sarah Höflich ist ein überzeugendes Zeitporträt der NS-Zeit sowie der Nachkriegszeit gelungen. Ich vergebe für das Buch fünf Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.

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