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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.09.2025

Kämpferisch

Mein Name ist Emilia del Valle
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Emilia del Valle erkämpft sich ihre Rolle in der Welt. Aufgewachsen im San Francisco des 19. Jahrhunderts, scheinen ihre Chancen als Frau ohnehin begrenzt zu sein. Noch dazu fehlt der finanzielle Rückhalt ...

Emilia del Valle erkämpft sich ihre Rolle in der Welt. Aufgewachsen im San Francisco des 19. Jahrhunderts, scheinen ihre Chancen als Frau ohnehin begrenzt zu sein. Noch dazu fehlt der finanzielle Rückhalt durch den wohlhabenden chilenischen Vater, der nichts von seinem „Bastard“ weiß.
So beginnt sie, unter männlichem Pseudonym Groschenromane zu veröffentlichen und landet schließlich bei einer Zeitung, die sie als Reporterin nach Chile schickt, wo gerade Bürgerkrieg herrscht.
„Ich war völlig blauäugig hierhergekommen, wollte den Krieg aus sicherer Entfernung beobachten und darüber berichten, aber der Krieg hatte mich mit seinem Drachenmaul verschlungen.“, stellt die Ich-Erzählerin fest, nachdem sie hautnah an der Front in den Reihen der Soldaten dem Geschehen beiwohnt.
Auch in den Artikeln, die sie an ihre Zeitung schickt, dürfen wir an ihren persönlichen Erlebnissen teilhaben. Sie entsprechen vielleicht nicht journalistischen Ansprüchen der heutigen Zeit, zeichnen jedoch ein stimmungsvolles Bild des Landes, so wie ihr Verleger sie in Auftrag gegeben hat. Dass sie sich dafür in Gefahr bringt, war nicht vorgesehen, aber aufgrund ihrer Kämpfernatur durchaus vorhersehbar.
Isabel Allende baut trotzdem spannende und unerwartete Wendungen ein. So gibt es verschiedene Männer im jungen Leben der Protagonistin oder eine Anklage wegen Verrats. Auch die Begegnung mit ihrer Familie väterlicherseits bildet eine besondere Facette der Handlung.
Die Autorin schafft es auch mit diesem Roman wieder, mir durch lebhafte Beschreibungen eine unbekannte Welt nahezubringen und mich mit einer nahbaren starken Hauptfigur mitfühlen zu lassen. Ich habe mich mit diesem Buch so wohlgefühlt, dass ich sein Ende gerne noch etwas hinausgezögert hätte und es dann doch als passenden Abschluss empfand.

Veröffentlicht am 03.08.2025

Heimkehr

Onigiri
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Die Tochter bringt die demente Mutter noch einmal in ihre Heimat, Japan, und damit auch einige Erinnerungen zurück.
Die titelgebenden Reisbällchen tauchen neben weiteren japanischen Gerichten im Buch auf. ...

Die Tochter bringt die demente Mutter noch einmal in ihre Heimat, Japan, und damit auch einige Erinnerungen zurück.
Die titelgebenden Reisbällchen tauchen neben weiteren japanischen Gerichten im Buch auf. Unwissend, dass diese im Anhang des eBooks erklärt würden, bin ich durch die Nachschlagefunktion des Readers noch tiefer in die japanische Kultur eingetaucht, um mir während der Lektüre weitere Details zu erschließen.
Die japanischen Begriffe stehen für die Zerrissenheit des Lebens zwischen zwei Ländern, Deutschland und Japan, und sorgen bei den Figuren für Heimatgefühle. „Natsukashii, sagt sie. Das Wort ist schwer zu übersetzen, es ist Ausdruck für eine Wehmut, die gleichzeitig Glück und Trauer bedeutet.“
Das Buch zeigt in der aktuellen Zeitebene das Verhalten einer an Demenz erkrankten Person im Alltag und die Lichtblicke, die durch das Erkennen von etwas Bekanntem entstehen, sei es eine Umgebung, ein Mensch oder ein Brauch. Durch dieses Erkennen wird die Zeitebene der Vergangenheit der Familie ergründet.
Den Zeitenwechsel empfinde ich hier als besonders passend, um das Wesen der Hauptfigur näher kennenzulernen. Gleichzeitig wird dieses ganz feinfühlig dargestellt, so dass ich mich als direkte Begleiterin an ihrer Seite fühle. Die Autorin hat die Besonderheiten der japanischen Lebensweise und der Demenzerkrankung authentisch miteinander kombiniert und einen besonderen Roman geschaffen, der mich sehr berührt hat.

Veröffentlicht am 06.07.2025

Zeitzeugnisse

Jahrhundertstimmen 1945-2000 - Deutsche Geschichte in über 400 Originalaufnahmen
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Die Audioaufzeichnungen aus der deutschen Geschichte decken die verschiedenen Aspekte des Lebens in beiden Teilen Deutschlands ab und machen Gesellschaft und Politik noch einmal lebendig. Während der erste ...

Die Audioaufzeichnungen aus der deutschen Geschichte decken die verschiedenen Aspekte des Lebens in beiden Teilen Deutschlands ab und machen Gesellschaft und Politik noch einmal lebendig. Während der erste Teil den Zeitraum von 1900 bis 1945 behandelt, sind in diesem zweiten Teil die Jahre von 1945 bis 2000 enthalten.
Es beginnt mit der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, wo sich beispielsweise Schriftsteller gegenüber den Alliierten zu ihrer Haltung während des Nationalsozialismus äußern oder die späte Rückkehr von Kriegsgefangenen über das Kriegsende hinaus beklagt wird. Ein großes Thema sind der kalte Krieg und die Teilung Deutschlands, gegen die Bundestag und Bürger sich einsetzen und mit deren Aufhebung die „Jahrhundertstimmen“ schließlich enden.
Für mich war dies ein intensives Hörerlebnis, das meine volle Konzentration erforderte und mich mit geschichtlichen Details belohnte, die mir mitunter nicht bewusst waren, weil sie eben die Berichterstattung „einer anderen Zeit“ darstellen. Die Originalaufnahmen, eine Mischung aus oft gehörten und weniger bekannten, werden zudem durch aktuelle Sprecher in einen Kontext gebracht und mit eigenen Erinnerungen um eine persönliche Ebene ergänzt. Ein außergewöhnliches Hörbuch, das wohlverdient im Jahr 2024 den Deutschen Hörbuchpreis erhalten hat.

Veröffentlicht am 29.06.2025

Polizeinachwuchs

Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens
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„Der Tod des Blumenmädchens“ ist der erste Teil der Trilogie um „Die Kriminalistinnen“, die ersten Frauen, die zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet werden. Sie haben, im Düsseldorf des Jahres 1969, mit einer ...

„Der Tod des Blumenmädchens“ ist der erste Teil der Trilogie um „Die Kriminalistinnen“, die ersten Frauen, die zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet werden. Sie haben, im Düsseldorf des Jahres 1969, mit einer Toten zu tun, die sich in Hippiekreisen bewegt hatte.
Das besondere Thema des Romans, die Rolle der Frauen, wird voll und ganz ausgekostet, von der Mode über die Bevormundung in der Ehe bis zur ständigen Infragestellung ihrer Berufswahl („Wäre Stewardess bei der Lufthansa nicht auch ein schöner Beruf für Sie?“).
Neben den neu eingeführten Charakteren begegnen wir einer Figur aus Mathias Bergs früher veröffentlichter und zeitlich später angesiedelter Krimireihe um das Düsseldorfer LKA wieder, was für mich eine nette Überraschung war, aber auch zu einer ähnlichen Dynamik führte.
Nach bewährtem Rezept hat die Protagonistin Lucia mit Geistern der Vergangenheit zu kämpfen und werden verschiedene Spuren verfolgt, bevor der Fall schließlich aufgeklärt werden kann. Während die Situation der Frauen für meinen Geschmack etwas überstrapaziert wurde, wurden die Handlungsorte authentisch in Szene gesetzt und ein nachvollziehbarer Fall vor historischem Hintergrund geschaffen.

Veröffentlicht am 15.06.2025

Die Moral von der Geschicht‘

Verbrannte Wörter
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„Verbrannte Wörter“ ist ein Wörterbuch, das darüber aufklärt, welche Begriffe aufgrund ihrer Verwendung durch die Nazis heute gemieden werden sollten und welchen dieser Ruf zu Unrecht anlastet.
Schon die ...

„Verbrannte Wörter“ ist ein Wörterbuch, das darüber aufklärt, welche Begriffe aufgrund ihrer Verwendung durch die Nazis heute gemieden werden sollten und welchen dieser Ruf zu Unrecht anlastet.
Schon die Einleitung beleuchtet die Methoden, die Menschen im Nationalsozialismus zu einem „einheitlichen Denken“ bewegen sollten. „Dieser Metaphernüberfluss ist es, der den ‚Schwulst’ ausmacht, den schon die Zeitgenossen dem faschistischen Stil nachgesagt haben und den die Forschung der vergangenen sieben Jahrzehnte zu definieren versucht hat.“
Matthias Heine analysiert Wort für Wort von A wie „Absetzbewegung“ (unbedenklich) bis Z wie „zersetzen“ (bedenklich) dessen Gebrauch in der Geschichte der deutschen Sprache, das mitunter schon von den Dichtern und Denkern geprägt und schließlich erst später mit einer anderen Bedeutung belegt wurde. Nach der weiteren Verwendung in Ost und West folgt ein Fazit zur Einstufung jedes Wortes für die heutige Zeit.
Es ist interessant und schockierend zugleich zu lesen, mit welchem Aufwand und wie perfide „Propaganda“ (unbedenklich) betrieben wurde, um die Bevölkerung zu manipulieren. Ein Wermutstropfen waren für mich die Schlussfolgerungen, die teilweise so flapsig wirkten, dass sich ihr Sinn nicht erschloss oder die Wissenschaftlichkeit der Erörterung gemindert wurde. Ich halte es für wichtig, dass wir Sprache aufgeklärt und bewusst einsetzen, dabei hilft dieses Buch.