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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.01.2026

Mit sozialistischem Gruß

Deine Margot
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„Ich weiß, dass es eine Margot gab. Das war eine Person, die deinen Vater Erich nannte. Aber ich weiß nicht, wer das war. Und will es auch jetzt nicht wissen. Sei so gut, vernichte diese Briefe.“
Vilja ...

„Ich weiß, dass es eine Margot gab. Das war eine Person, die deinen Vater Erich nannte. Aber ich weiß nicht, wer das war. Und will es auch jetzt nicht wissen. Sei so gut, vernichte diese Briefe.“
Vilja hat „diese Briefe“ gefunden und beginnt, den Spuren jener Zeit nachzugehen, in der ihre finnische Familie in der DDR lebte. Sie will verstehen, welche Rolle sie in der Beziehung zwischen „Erich“ und „Margot“ spielte.
Die Puzzleteile fügen sich aus Episoden der Jahre zwischen 1983 und 2012 zusammen. Wie der Vater, der als Journalist tätig war, nimmt auch die Tochter die Recherche auf. Von Berlin aus sammelt und verknüpft sie die Aussagen ihrer Gesprächspartner, um der Wahrheit näherzukommen.
Es ist eine besondere Perspektive, die die Autorin mit ihren Figuren teilt: die von Ausländern aus einem westlichen Land, die sich bewusst auf ein Leben in der DDR einließen. Dadurch wirkt manches fremd oder verschoben, etwa wenn vom „Sandmännchen“ als „Abendmärchen“ die Rede ist, eine Bezeichnung, die wohl kaum jemand verwenden würde, der damit aufgewachsen ist.
Neben Einblicken in politische und gesellschaftliche Entwicklungen geht es um familiäre Strukturen, den Alltag mit Kinderkrankheiten und Haushalt - und darum, wie viel eine Familie aushält, wenn eine fremde Frau dazwischenkommt.
Mir hat es ausgesprochen gut gefallen, diese Reise in die Vergangenheit anzutreten. Es wurden Erinnerungen geweckt und zugleich um neue Aspekte ergänzt, etwa den wenig bekannten Blick auf Finnen in der DDR. Die Spurensuche ist spannend und authentisch erzählt, und genau darin liegt für mich der Reiz dieses Romans.

Veröffentlicht am 10.01.2026

Frag doch!

50 Fragen, die das Leben leichter machen
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Karin Kuschik hat fünfzig Fragen zusammengestellt, die „das Leben leichter machen“ sollen. Das klingt vollmundig, fast zu schön, um wahr zu sein, und doch verlockend genug, um neugierig zu machen. Und ...

Karin Kuschik hat fünfzig Fragen zusammengestellt, die „das Leben leichter machen“ sollen. Das klingt vollmundig, fast zu schön, um wahr zu sein, und doch verlockend genug, um neugierig zu machen. Und tatsächlich sind sie beim Hören ihres Hörbuchs plötzlich da, die Erkenntnisse, wie sich festgefahrene Konstellationen entschärfen oder ganz neue Lösungswege für ein Problem finden lassen. Vieles wirkt dabei überraschend einfach.
Anhand eigener Erfahrungen und Coaching-Beispiele zeigt Kuschik, wie oft eine präzise, schlagfertige Frage der entscheidende Impuls ist, um klarer zu sehen. „Das Wunderbare ist: Die Qualität einer Frage bestimmt die Qualitat der Antwort. Schon mit unserer Formulierung nehmen wir also Einfluss aufs Geschehen“.
„War das ein Vorwurf oder Interesse?“, „Wie könntest du das Problem verschlimmern?“ oder „Wäre heute ein guter Tag, um zu sterben?“ - das ist keine Raketenwissenschaft, und doch wird in den geschilderten Situationen deutlich, wie sehr solche Perspektivwechsel einen Unterschied machen können - im Umgang mit anderen ebenso wie mit sich selbst.
Kuschik begegnet uns verständnisvoll und menschlich und versprüht dabei eine Energie, die ansteckend ist. Bleibt zu hoffen, dass sich die richtigen Fragen im entscheidenden Moment auch spontan abrufen lassen.

Veröffentlicht am 07.12.2025

Heiter bis wolkig

Wie fühlst du dich?
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In Anbetracht von Pandemien, Klimawandel oder Krieg fällt es manchmal schwer, nicht den Kopf zu verlieren, „… denn es gibt kein Gefühl auf der Welt, das der Mensch schlechter erträgt als Ohnmacht, den ...

In Anbetracht von Pandemien, Klimawandel oder Krieg fällt es manchmal schwer, nicht den Kopf zu verlieren, „… denn es gibt kein Gefühl auf der Welt, das der Mensch schlechter erträgt als Ohnmacht, den Verlust von Kontrolle“. Also stellen wir uns gemeinsam mit Axel Hacke die Frage, wie es uns damit geht, jetzt in dieser Welt zu leben.
Daraus entwickelt der Autor ein ganzes Buch, schließlich wollen die unterschiedlichen Aspekte der Dilemmata und mögliche Bewältigungsstrategien sorgfältig beleuchtet werden. Entstanden ist eine Mischung aus Fakten und Empfindungen, aus fremden und eigenen Episoden, die ebenso gut kurzweilig unterhalten wie als Denkanstoß nachwirken können.
Mir gefällt die Vielfalt der Beispiele, von literarischen Anlehnungen bis zu politischen Anspielungen, in die ganz persönliche Erfahrungen einfließen. Dieses Menschliche macht schließlich alles ein bisschen leichter, denn du bist nicht allein mit deinen Sorgen! Und auch das Büchlein bleibt kein Einzelgänger, passt es doch wunderbar zum gelben Band über die Heiterkeit.

Veröffentlicht am 30.11.2025

Müll für die Ewigkeit

Die Atompriester
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„Unser Orden wird dafür verantwortlich sein, die Menschen in einer fernen Zukunft vor der tödlichen Strahlung unserer nuklearen Hinterlassenschaften zu schützen.“ Elias weiß kaum etwas über „die Atompriester“, ...

„Unser Orden wird dafür verantwortlich sein, die Menschen in einer fernen Zukunft vor der tödlichen Strahlung unserer nuklearen Hinterlassenschaften zu schützen.“ Elias weiß kaum etwas über „die Atompriester“, als er sein altes Leben hinter sich lässt und in ein abgelegenes Kloster in den Pyrenäen zieht.
Rolf Sakulowski verlässt mit diesem Roman die vertrauten Pfade seiner in Thüringen spielenden Regionalkrimis und legt einen Thriller vor, der mit Verfolgungsjagden, Intrigen und Morden aufwartet. Die Bedrohung lauert hier nicht erst in der Zukunft, sondern unmittelbar in Elias’ Gegenwart, denn er stößt auf Zusammenhänge, die besser im Verborgenen geblieben wären.
Der unbedarft wirkende Held pendelt dabei zwischen erstaunlichem Glück und überdramatischen Wendungen. Das hat mir stellenweise den Spaß genommen, weil die Handlung dadurch gleichzeitig unglaubwürdig und vorhersehbar wirkte.
Der Autor selbst hat mit seinen präzise konstruierten Kriminalgeschichten die Messlatte hoch gelegt. Idee und Atmosphäre dieses Thrillers fand ich durchaus packend; der erzählerische Kern blieb für mich jedoch hinter seinem sonstigen Niveau zurück.

Veröffentlicht am 25.11.2025

Der Buchclub

Das Antiquariat am alten Friedhof
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Vier Freunde haben sich dem Diebstahl von Büchern verschrieben und nennen sich selbst „Club Casaubon“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Felix zurückgeschickt, um im von den Amerikanern besetzten Leipzig ...

Vier Freunde haben sich dem Diebstahl von Büchern verschrieben und nennen sich selbst „Club Casaubon“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Felix zurückgeschickt, um im von den Amerikanern besetzten Leipzig einen geheimen Auftrag auszuführen.
„Das Antiquariat am alten Friedhof“ ist Kai Meyers viertes Buch, das im Graphischen Viertel der Stadt spielt, jenem historischen Zentrum, in dem im frühen 20. Jahrhundert Bücher hergestellt und verbreitet wurden. Im Handlungsstrang von 1930 erleben wir den Stadtteil noch in seiner Blüte, während er 1945 weitgehend zerstört ist.
»Hätten Sie mir auch nur ein Wort geglaubt, wenn ich bei unserem ersten Gespräch vom Eingangssatz eines obskuren Buchs geredet hätte? Eines Buchs, das aus den Protokollen angeblicher Geisterseher besteht, aufgeschrieben in einem halben Dutzend Sprachen?«
Alle Teile der Reihe stellen die Leidenschaft für Bücher in den Mittelpunkt und ihre Figuren zugleich vor mysteriöse Herausforderungen. Dieser Band wirkte auf mich etwas schwächer als seine Vorgänger, vermutlich aufgrund eines weniger abenteuerlichen Szenarios, und hat mich dennoch in seinen Bann gezogen.
Die detailreichen Beschreibungen von Artefakten und Rätseln schüren den Wunsch, das Knäuel an Hinweisen zu entwirren. Zudem erschafft der Schreibstil ein authentisches Ambiente von Handlungsorten, die heute so nicht mehr bestehen. Wer die Reihe kennt, wird schließlich mit Querverweisen zu den anderen Büchern belohnt und ihr weiterhin treu bleiben, so wie ich.