In diesem Buch geht es um das von der Autorin entwickelte Modell des Hauses mit vielen Zimmern, das sie seit langem erfolgreich in ihrer Arbeit sowohl in verschiedenen interkulturellen Kontexten, als auch ...
In diesem Buch geht es um das von der Autorin entwickelte Modell des Hauses mit vielen Zimmern, das sie seit langem erfolgreich in ihrer Arbeit sowohl in verschiedenen interkulturellen Kontexten, als auch in Unternehmen, in der Paarberatung, im Einzelsetting und auch mit Kindern einsetzt.
Es ist ein leicht verständliches und gleichzeitig wirkungsvolles Modell: die Idee, dass unsere Persönlichkeit einem Haus mit vielen Zimmern entsprechen würde, die wir erkunden und gestalten können. Es ist eine Arbeit, die die Selbstwirksamkeit stärkt, weil sie uns bewusst macht, Herr oder Herrin im eigenen Haus zu sein und selbst wählen zu können, wie wir die Zimmer einrichten und positionieren, welche wir jeweils betreten und verlassen und auch, von welchem Dachsymbol als Vertreter unserer wichtigsten Werte wir unser gesamtes Haus leiten lassen wollen. Mit dieser Metapher kann es gelingen, über bisher verbal schwer zugängliche psychische Zustände zu sprechen und lösungsorientiert erste Veränderungen einzuleiten.
In diesem Buch wird das Modell zuerst einmal vorgestellt und erklärt, auf welchen Grundsätzen und welchem Menschenbild es beruht. Danach folgen ausführliche Anwendungsbeispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die Arbeit mit dem gut verständlichen Modell ist grundsätzlich auf der Basis dieses Buches gut ausprobier- und erlernbar. Wer weitere Unterstützung dabei möchte, für den bietet die Autorin entsprechende Seminare an.
Ich bin selbst im therapeutischen Kontext tätig und kenne ähnliche Modelle, doch dieses Modell in seiner Prägnanz und gleichzeitig Ausführlichkeit war mir neu. Dieses Buch hat mich sehr neugierig darauf gemacht, mich nun auch aktiv damit auseinanderzusetzen, mich selbst damit besser kennen zu lernen und es später auch mit Klienten anzuwenden. Ich kann das Buch allen, die sich für Persönlichkeitsentwicklung, Coaching oder Therapie interessieren und eine vielseitig anwendbare, innovative und flexible neue Methode in diesem Bereich kennen lernen möchten, sehr empfehlen.
Dieses Buch ist speziell. Ich empfehle, mit nicht zu speziellen Erwartungen an die Lektüre heranzugehen und sich insbesondere dabei nicht zu sehr auf den Klappen- und Umschlagtext zu verlassen, denn diese ...
Dieses Buch ist speziell. Ich empfehle, mit nicht zu speziellen Erwartungen an die Lektüre heranzugehen und sich insbesondere dabei nicht zu sehr auf den Klappen- und Umschlagtext zu verlassen, denn diese könnten eine Erwartung auslösen, die dieses Buch dann nicht erfüllen kann.
Kernthema dieses Buches ist für mich das Innenleben einer Frau, die auf der Suche nach Orientierung ist und dabei tief in sich hineinfühlt, im Außen immer wieder ein Licht wahrnimmt und diesem folgen will. Aus dieser Beschreibung zeigt sich vielleicht schon: es ist von großem Vorteil, wenn man selbst eine Verbindung zu Spiritualität und Mystik hat, wenn man an diesem Buch Gefallen finden möchte. Vorangestellt ist dem Buch folgendes Bibelzitat aus dem Johannesevangelium: "Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können". Für mich bezieht sich dieses Licht stark auf Ivy und ihren Weg, und es kommt auch im Buch immer wieder vor als etwas, das ihr eine neue Richtung weist. Überhaupt findet sich so einiges an interessanter Symbolik in dem Buch, auch speziell bezogen auf die Ostermythologie.
Erzählt werden exemplarisch einige Tage aus dem Leben Ivys, jeweils um die Osterzeit, und in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten, von der jungen Frau bis ins hohe Alter.
Wer an das eigene Leben ausschließlich rational-planerisch herangeht, Kontinuität sehr schätzt, das für die einzig richtige Herangehensweise ans Leben hält und mit intuitiven Eingebungen und plötzlichen Richtungswechseln im Leben nichts anfangen kann, der wird sich mit der Hauptfigur Ivy möglicherweise schwer tun.
Denn Ivy ist keine, die sich im Leben auf eine Rolle beschränkt und sie wird, jeweils ihren momentanen Intuitionen und ihrem gefühlten inneren Kompass folgend, ganz unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben machen wollen: das reicht von der konventionellen Rolle als Mutter und Partnerin, allerdings eines 25 Jahre älteren Mannes, über eine Verliebtheit, Schwärmerei und schließlich Affäre und Partnerschaft mit einer anderen Frau bis zu einem Ausflug in ein ganz anderes Leben als Nonne in einem Kloster.
Es gibt solche Menschen, die das Gefühl haben, dass das Leben sie in ganz verschiedene Richtungen zieht und dass es für sie dran ist, ganz unterschiedliche Erfahrungen zu machen, um sich in Summe vollständig zu fühlen und das Gefühl zu haben, den eigenen inneren Lebensplan zu erfüllen. Da sind wir wieder bei der spirituellen Komponente: Ivy, schon in eine unkonventionelle Künstlerfamilie geboren, aber bei sich selbst keine besonderen Talente in dieser Hinsicht entdeckend, fühlt sich nicht in ein standardisiertes Schablonenleben passend. Zwar gibt es die Zeit mit Töchtern und Mann, doch sie ist immer eine Persönlichkeit, die viel Raum für Rückzug und ihr Innenleben braucht.
So erleben wir auch den Roman: aus Ivys sehr spezieller Perspektive, die schon als Jugendliche fernab von den traditionellen Geschlechterrollen ihrer Zeit ist: "Vielleicht, so überlegte sie, lag das daran, dass sie keine Frau wie andere war. Schon als Kind hatte Ivy das Gefühl gehabt, ihre Seele sei nicht ganz weiblich." (S. 37)
Zeitlich umspannt der Roman ein ganzes Leben: von der Jugend Ivys zur Zeit des 2. Weltkrieges in Großbritannien und danach, über die Jahrzehnte danach, bis in die Gegenwart. Das dient allerdings nur als eher schwach ausgearbeiteter Rahmen für Ivys Persönlichkeit: zwar werden etwa der Krieg, Bombardierungen und Rationierungen erwähnt, aber insgesamt bleibt das Zeitgeschehen blass gestaltet und die Figuren und insbesondere Hauptfigur Ivy wirken kaum in der jeweiligen Zeitperiode verankert. So ist zum Beispiel in der Reaktion der Umwelt auf Ivys durchaus exzentrische Handlungsweisen wenig Unterschied zwischen den 1940ern und späteren Zeitperioden spürbar.
Am spannendsten wird das Buch, wenn man den Lesefokus tatsächlich auf die Persönlichkeitsstudie Ivys legt und weniger um das Geschehen drumherum: dann kann das Bild einer unkonventionellen Frau entstehen, die es dahin zieht, viel zu erleben und zu erfahren in ihrem Leben, und ganz unterschiedliche, scheinbar für die meisten Menschen ganz unvereinbare Dinge zu erleben, immer geführt von ihrem inneren Kompass und dem im Außen wahrgenommenen Licht. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, was für eine interessante Persönlichkeit das am Ende ihres Lebens sein muss, die so ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht und in ihrem Leben vereint hat. Wer offen dafür ist, sich mit so einer durchaus nicht so häufig vorkommenden Persönlichkeit tiefer zu beschäftigen und sich auch für Lebensentwürfe und Einstellungen zu öffnen, die möglicherweise sehr stark von den eigenen abweichen, kann aus diesem Buch einiges an Inspiration mitnehmen.
Wer sich hingegen ein eher lineares, gut in der jeweiligen Zeitepoche verankertes Buch mit vielfältigen interessanten Interaktionen zwischen tiefgründigen Figuren statt der ausführlichen Innenschau einer Figur erwartet, ist mit anderen Büchern besser beraten.
Noah ist 14 Jahre alt, an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er lebt mit seiner Familie in einem nicht näher benannten Land, das unschwer als der Irak zu identifizieren ist. Noah liebt es, gemeinsam ...
Noah ist 14 Jahre alt, an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er lebt mit seiner Familie in einem nicht näher benannten Land, das unschwer als der Irak zu identifizieren ist. Noah liebt es, gemeinsam mit Onkel Ali, der in der zweiten Hälfte des geerbten und in der Mitte geteilten Großelternhauses lebt, auf dem Dach des Hauses Tauben zu züchten, ihren Flug zu beobachten, einen Lockvogel zu bestimmen oder Vogelpärchen für eine lebenslange, treue Beziehung zusammenzuführen. Kindlich-naiv bildet er gemeinsam mit zwei Freunden eine Bande, die Streiche aushecken möchte.
Doch nun bricht Schritt für Schritt, jeden Tag ein bisschen mehr, ein totalitäres islamistisches Regime in Noahs jugendliche Welt ein. In beklemmender Weise wird das Leben der Menschen - ganz besonders der Frauen, die nur mehr in Begleitung das Haus verlassen dürfen, die meisten Berufe nicht mehr ausüben dürfen und sich verhüllen müssen - aber auch der Männer immer mehr eingeschränkt. Die neuen Tugendwächter verbieten alles, was als sündig angesehen wird: Zigaretten, Handys, sogar Musik. Verbotene Gegenstände werden demonstrativ einkassiert und auf den Straßen kommt es zu den ersten drakonischen Bestrafungen nach der Scharia: öffentliche Auspeitschungen und Steinigungen.
Das alles beobachtet der junge Noah. Besonders sympathisch ist, dass diese Perspektive eines männlichen Jugendlichen auch die Frauen und ihr Schicksal mitfühlend im Blick hat, wie sich zum Beispiel an dieser Stelle zeigt, als es um die erwachsene Schwester Suad geht, die schwanger ist, um ihren inhaftierten Mann bangt und wieder bei den Eltern einziehen musste: "Doch Suad hat jede Leichtigkeit längst verloren. Hinter ihrem Niqab verbirgt sich derzeit ein blasses Gesicht mit Augenringen. Damals war sie wie eine Taube - frei und unbeschwert und mit sicherem Rückweg nach Hause. In ihren farbenfrohen Kleidern bewegte sie sich voller Anmut, und ihre langen schwarzen Haare tanzten dabei im Wind." (S. 43)
Auch die Faszination, die die neuen islamistischen Herrscher speziell auf so manche orientierungslose männliche Jugendliche und junge Erwachsene haben, ist Thema dieses Buches. Davon bleibt auch Noahs Familie nicht verschont, es gibt noch den älteren Sohn Bakir, ursprünglich ein sehr begabter Junge, mit dem große Zukunftshoffnungen verbunden waren, der sich nach einem Schicksalsschlag von der Familie entfremdet und den Islamisten zugewandt hat: "Im Gegensatz zu meinen Tauben, die immer über mir schweben, ist Bakir ein Flüchtender, verloren zwischen den Himmelsrichtungen. Wird er jemals zu uns zurückfinden?" (S. 55)
Thematisiert wird auch das Phänomen westlicher islamistischer Kämpfer, auch dies basiert auf Tatsachen. Hier ist es Ralf Becker aus Mülheim an der Ruhr, der unter seinem neuen Namen "Abu Islam", Vater des Islam, eine bedeutende Rolle bei den islamistischen Kämpfern eingenommen hat, demnächst Noahs 15-jährige Cousine heiraten wird und mit dem abtrünnigen Bakir befreundet ist: "Die ganze Heimfahrt über denke ich an Ralf Abu Islam. Wie kann jemand gleichzeitig ein freundlicher Taubenliebhaber und ein Gotteskrieger sein? Kurz bevor wir ankommen, beugt sich Suad zu mir. Wir flüstern. "Und? Wie ist er?", "Nett und bewaffnet." (S. 137)
Auch hier zeigt sich wieder die besondere Qualität dieses Buches: trotz all des Schreckens sind die Charaktere realistisch und mit Graubereichen gezeichnet, eben nicht schwarz-weiß, sodass sogar die Anziehungskraft, die das islamistische Regime auf manche speziell junge Menschen ausübt, zwar nicht legitimiert, aber erklärt wird. Das macht es zu einem sehr weisen Werk über die Tiefen menschlicher Psyche in den beklemmenden Zeiten totalitärer Machtergreifung.
Bei all dem Schrecken immer präsent sind die Tauben: als Aufheiterung genauso wie als Metapher. Sie zeigen sich in Kapitelüberschriften wie z.B. "Das Fliegen nicht verlernen" (S. 70), "Flügel der Einsamkeit" (S. 97), "Ein Ort voller Flügel" (S. 110) und auch in religiösen Bezügen vermischt mit tatsächlichem naturwissenschaftlichem Wissen über Tauben: "Tauben kehren immer zu ihrem Partner zurück. Es liegt in ihrer Natur. Nach all der Zeit auf der Arche war die Taube dort längst zu Hause. Es kann nicht sein, dass sie nicht zurückkam. Nur der Tod oder eine Naturkatastrophe können eine Taube davon abhalten, zu ihrem Partner zurückzukehren." (S. 155)
Es ist eine große Kunst, auf nur etwa 200 Seiten, eingeteilt in kurze Kapitel, und aus einer kindlichen Perspektive, noch dazu nicht in der eigenen Muttersprache, so treffsicher, poetisch und anschaulich anhand vieler kleiner Alltagserlebnisse der Menschen spürbar zu machen, was es bedeutet, wenn totalitäre Herrschaft immer mehr in den Alltag der Menschen eindringt, und diese aber dennoch an der Hoffnung auf Freiheit und an ihrem Humor festhalten.
Hier handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das schnell gelesen ist - auch wenn es sich oft lohnt, innerhalb der kurzen Kapitel kurz innezuhalten und die Worte wirken zu lassen - und lange nachhallt, weil es gerade dadurch, dass es kein überschüssiges Wort enthält, treffsicher die Beklemmung autoritärer Herrschaft im Leben der Menschen spürbar macht. Es wird mir sicher noch lange speziell emotional nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen bleiben, und aus diesem spreche ich eine Leseempfehlung für alle mitfühlenden und an den Geschehnissen in der Welt interessierten Menschen aus.
Der Bloggerin und selbst Mutter zweier Kinder Julia Lanzke ist es ein Anliegen, zu zeigen, mit wie wenig Aufwand man sich mit der eigenen Familie abwechslungsreich und einigermaßen gesund ernähren kann, ...
Der Bloggerin und selbst Mutter zweier Kinder Julia Lanzke ist es ein Anliegen, zu zeigen, mit wie wenig Aufwand man sich mit der eigenen Familie abwechslungsreich und einigermaßen gesund ernähren kann, auch inmitten eines vollen Alltagslebens. Das Buch beginnt mit ein paar Tipps zum Thema Sicherheit beim Kochen mit Kindern, zum Beispiel zur Verwendung schnittfester Handschuhe, von Scheren statt Messern, Wellenschneider und Kindermesser. Wie alltagstauglich das tatsächlich ist, bin ich mir nicht sicher - mein Kind lernt schon im Kindergarten, mit ganz normalen, auch scharfen Messern umzugehen und zurechtzukommen, und ich habe die Befürchtung, dass Kochen mit Handschuhen den ganzen Prozess viel mühsamer gestalten würde. Andere Tipps wie die Verwendung eines Eierschneiders auch zum Zerkleinern von Pilzen, Erdbeeren, Kiwi oder Mozzarella klingen zumindest interessant, mal ausprobiert zu werden.
Dann wird für Menschen, die Struktur mögen, ein Wochenplan empfohlen, mit wiederkehrenden Gerichten pro Wochentag z.B. Suppen-Samstag und das 3-2-1-Prinzip vorgestellt: drei Klassiker-Tage, 2 Restetage, 1 Vorratsgericht und 1 Wünsch-dir-was-Tag. Mich persönlich haben diese sehr strukturierten Ideen nicht so abgeholt, sind aber vielleicht für andere Familien passend.
Gut gefallen hat mir das Prinzip, von einem Gericht, z.B. Pfannkuchen, gekochte Eier, Kartoffeln oder Tomatensauce, gleich mehr zu kochen, um es in abgewandelter Form an weiteren Tagen zu neuen Speisen ergänzen zu können. Und dann gibt es noch Tipps für den Vorratsschrank.
Diese Ausführungen zeigen vielleicht schon: jemand wie ich mit langer Kocherfahrung ist vielleicht nicht ganz die richtige Zielgruppe für dieses Buch. Vieles ist wirklich auf sehr basalem Niveau, für Menschen, die sich noch nicht viel mit Kochen oder Vorratshaltung auseinandergesetzt haben.
Diesem Prinzip folgt auch der umfangreiche und schön bebilderte Rezeptteil. Es gibt Frühstücksideen, Snacks, Hauptgerichte und Desserts, alles mit Fokus auf leichte, schnelle Herstellung und Familientauglichkeit. Dieser Teil wird insbesondere Menschen gefallen, die gerne auch Konserven oder Fertigprodukte in ihre Gerichte integrieren, z.B. gibt es Nudelsalat mit fertig gekauftem Pesto und noch ein paar weiteren Zutaten dazu. Einige der Rezepte sind so simpel, dass ich dafür kein eigenes Rezept gebraucht hätte, aber es gibt durchaus auch Inspiration für neue Kochideen, auf die ich so noch nicht gekommen wäre z.B. Joghurt-Pfannkuchen-Lasagne, Heidelbeerwaffeln aus Toastbrot, eine Honig-Senf-Sauce, mit der sich gleich drei verschiedene Rezepte zubereiten lassen, Pizza auf Ofenkartoffelbasis oder Ofenmilchreis mit Apfel.
Insgesamt ist es ein sehr schön und liebevoll gestaltetes Kochbuch, das ich insbesondere jenen, die noch nicht viel Kocherfahrung haben, auf jeden Fall empfehlen kann.
Es ist das Jahr 1949, der Zweite Weltkrieg ist erst seit wenigen Jahren vorbei und Elsa ist schwer traumatisiert. Zu viel Not und Elend hat sie erlebt, zu viele Tote gesehen. Innerlich mehr tot als lebendig ...
Es ist das Jahr 1949, der Zweite Weltkrieg ist erst seit wenigen Jahren vorbei und Elsa ist schwer traumatisiert. Zu viel Not und Elend hat sie erlebt, zu viele Tote gesehen. Innerlich mehr tot als lebendig folgt sie doch dem Ruf des Isländischen Bauernverbandes an junge deutsche Frauen mit landwirtschaftlicher Erfahrung, gegen gute Bezahlung ein Jahr lang auf isländischen Bauernhöfen auszuhelfen. Island erhofft sich davon nicht nur Unterstützung in der Landwirtschaft, sondern auch Heiratskandidatinnen für die vielen isländischen Single-Männer: zu viele isländische Frauen wurden von den im Krieg auf der Insel stationierten amerikanischen GIs abgeworben, sodass es nun einen deutlichen Männerüberschuss im Land gibt.
So kommt Elsa bei einer Bauernfamilie unter. In einem abgeschiedenen Bauernhaus wohnen und arbeiten fünf Personen: Bauer und Bäuerin, deren zwei erwachsene Söhne und der Knecht. Eine verlorene Tochter gibt es auch noch, wie Elsa irgendwann erfährt. Es ist ein hartes Leben im ständigen Kampf gegen die Elemente, das die Menschen in der Landwirtschaft dort führen, doch grundsätzlich tritt die Familie Elsa offen entgegen und auch, als auffliegt, dass sie offensichtlich über keinerlei landwirtschaftliche Vorkenntnisse verfügt, nicht reiten kann und sich vor Hühnern fürchtet, wird sie dennoch nicht zurückgeschickt, sondern die Familie versucht, sie schrittweise an diese Arbeit heranzuführen. Schwierig ist dabei die Kommunikation, denn die traumatisierte Elsa möchte nicht sprechen, antwortet lange nicht einmal auf die deutschen Briefe ihrer Freundin Gerda, die auf einem anderen isländischen Bauernhof untergekommen ist, gibt vor, kein Englisch zu verstehen und lernt lange auch kein Isländisch.
Dadurch sind es nicht Worte und Dialoge, die dieses Buch tragen, denn von diesen gibt es nur sehr wenige. Gerade das macht aber die besondere Atmosphäre der Erzählweise aus: hier wird psychologisch feinsinnig und detailliert vom langsamen Ankommen und Vertraut-Werden miteinander und in einer fremden Umgebung erzählt, vom Heilen oder zumindest Vernarben tiefer körperlicher und seelischer Wunden, von feinen Beziehungsbanden zwischen sich fremden Menschen, die zu festigen beginnen und dabei ohne viele Worte auskommen, "Sie wirft den Mantel über den Haken an der Tür und springt ins Bett, verbirgt sich unter der Decke und schließt die Augen, als schliefe sie. Die Schritte verharren auf der Schwelle. Erst nach einer Weile tritt die Frau leise ins Zimmer und hantiert an der Kommode. Vorsichtig blinzelt sie unter der Decke hervor." (S. 22).
Einen ganz besonderen Stellenwert haben auch die vielen Landschaftsbeschreibungen, so atmosphärisch und bewegend, dass man das Gefühl hat, in dieser ländlichen Gegend Islands live mit dabei zu sein:
"Dass die Berge nie enden, sagt sie sich vor und glaubt es in diesem Augenblick. Keine Ebenen mit Häusern und Ställen, die hinter der nächsten Bergkette liegen, keine Steilhänge, die ins Meer fallen. Nur Berge, die sich an Berge reihen. Himmel und Wolken. Die Vogelfreien leben so." (S. 159)
"Im letzten Tageslicht erreicht sie die Talsohle und folgt dem Bach. Die Wolkendecke ist aufgerissen, hinter dem bleiernen Grau zeigt sich ein nachtdunkles Blau, über das die Abendsonne noch letzte rote Strahlen schickt. Stunden dauern die Sonnenuntergänge, aber dann fällt die Nacht, fällt wie ein Beil, und mit ihr kommt die bittere Kälte, die durch ihre nassen Kleider zieht." (S. 176)
Es ist ein stilles Buch, ein poetisches Buch, ein besonderes Buch. Ein Buch, das Ruhe, Stille und Tiefe braucht, um sich darauf einzulassen. Werden alle offenen Fragen am Ende beantwortet sein? Nein. Darum geht es hier nicht. Das meiste von dem, was Elsa in Deutschland erlebt hat und was sie so traumatisiert hat, schimmert nur hin und wieder und am Rande ein bisschen durch. Information und Aufarbeitung der Vergangenheit mit Worten stehen nicht im Zentrum dieses Buches. Stattdessen geht es um ein langsames Ankommen, im fremden Land, in einer ganz neuen Lebenssituation und wieder bei sich selbst.
Dieses Buch bekommt von mir eine ausdrückliche Leseempfehlung für ein besonderes Werk, das nicht nur berührend und auf eine ganz einzigartige Art und Weise geschrieben ist, sondern für das die Autorin auch sorgfältig recherchiert hat: die Einladung an die jungen deutschen Frauen zu dieser Zeit gab es wirklich und auch die Lebensbedingungen auf einer Landwirtschaft in Island wirken sehr authentisch dargestellt.