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Veröffentlicht am 05.02.2026

Konnte nicht überzeugen, schade.

Empire of Whispers and Shadows
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„Empire of Whispers and Shadows“ von Ursa Jaumann ist Band eins einer Dilogie, die uns in eine japanisch inspirierte, von einem Monarchen regierte und von Plagen heimgesuchte Welt entführt. Uns in gefährliche ...

„Empire of Whispers and Shadows“ von Ursa Jaumann ist Band eins einer Dilogie, die uns in eine japanisch inspirierte, von einem Monarchen regierte und von Plagen heimgesuchte Welt entführt. Uns in gefährliche Prüfungen und Intrigen, in eine Geschichte voller Tod und Leidenschaft trägt.
Seit die alten Götter vor knapp 200 Jahren ausgelöscht wurden, herrscht der Gottkaiser über das Reich, das nur noch dank ihm und seiner mystischen Kräfte existiert. Damit das Volk sicher bleibt, werden Gezeichnete eliminiert, bevor sie zu einer Bedrohung werden können, oder von seiner sorgsam erwählten Schattenarmee exekutiert. Denn, so heißt es, jene mit einem Sternenmal hätten Teile seiner Macht gestohlen …

Saya wird im Haus des Flüsterns und der Schatten zu einer Waffe ausgebildet – sieben Prüfungen trennen sie jetzt noch von der Chance, eine Assassine des Kaisers zu werden. Dann muss sie zehn Jahre überstehen, bis sie endlich frei sein, ihre eigenen Pläne verfolgen und Rache an all jenen nehmen kann, denen sie dieses Schicksal zu verdanken hat.
Dass ihr gerade Teno als Partner zugeteilt wird, um die letzten Aufgaben zu absolvieren, treibt die junge Kriegerin an die Grenzen ihrer Selbstbeherrschung, ist er doch der erste Name auf ihrer Todesliste. Teno, der ihre Zieheltern verraten hat. Teno, der ihren Weg aus Gewalt und Verlust, aus Schmerz und Einsamkeit geebnet hat …

Nach einem interessanten Prolog verfolgen wir die Handlung aus wechselnder Perspektive, was uns die gegenwärtige Situation sowie die sich im Verlauf wandelnden Gefühle, gewonnenen Erkenntnisse und individuellen Ziele näherbringt. Teno, der seine Ausbildung absolvieren will, um zu bekommen, was ihm zusteht, ist von der Aussicht, mit einer zierlichen Frau, die ihn hasst, zusammenarbeiten zu müssen, nicht begeistert. Aber sie loszuwerden ist gegen die Regeln … Und schon bald wird beiden klar, dass ihnen nicht nur die Zeit im Nacken sitzt …
Wir erhalten einen vorstellbaren Eindruck von Mingoku – Hauptstadt und Sitz des Gottkaisers. Jaumann bedient sich japanischer Begrifflichkeiten und Gebaren, lässt die Straßen genauso detailliert aufleben wie die etlichen Kampf- und Fluchtszenen. Dennoch konnte mich der Assassinen-Aspekt nicht überzeugen. Saya, die sich Gewissen und Mitgefühl, ihren Glauben, bewahrt hat, agiert mehrfach impulsiv und zögernd, unbedacht. Im Verlauf werden ihre Vergangenheit und ihr persönlicher Umgang mit ihren Taten zwar feinfühlig aufgegriffen, bestärken jedoch den Eindruck, dass sie zu gelähmt für dieses Dasein ist. Tenos Präzision und Kalkül hingegen werden relativ schnell von den Gefühlen zu seiner Mitstreiterin torpediert. Nichtsdestotrotz unterhält die Rivals-to-Lovers-Romance mit spritzigen Schlagabtauschen, einer knisternden, wenn auch vorhersehbaren Anziehung und offenen Gesprächen.

Zugegeben: Wirklich viel Gutes kommt nicht mehr. Meiner Meinung nach verliert sich die Story viel zu oft in Nebensächlichkeiten, in Monologen, Abwägen und Lücken, was Interesse und Spannung vehement erstickt. Das komplette Worldbuilding bleibt flach – sowohl den fantastischen, den politischen als auch den mythologischen Aspekt betreffend. Auch Nebenfiguren fungieren lediglich als Schemen. Ebenso enttäuschend und wirr: die Aufgaben, die Saya und Teno von ihren MeisterInnen zugespielt bekommen (sollten). Hierzu erhaschen wir knappe Erwähnungen, manchmal eine unkoordinierte Suche nach Hinweisen und abrupte Zeitsprünge, die es schwer machen, (in diesem Bereich) den Überblick zu behalten.
Leider muss ich auch sagen, dass ich „Empire of Whispers and Shadows“ insgesamt nicht fesselnd oder atmosphärisch geschrieben fand. Der Stil war sehr einfach gehalten und abgesehen von den Details, die das Setting hervorhoben, fehlte es mir an Relevanz, Fokus, Struktur und Klarheit. Viele Worte, die kaum etwas preisgeben. Selbst die kleinen Spannungsspitzen, zarte Überraschungsmomente oder der Hauch von Misstrauen täuschen nicht über Langatmigkeit und Längen hinweg.
Eine Geschichte, die ohne Frage auf einer interessanten Idee basiert, jedoch nicht überzeugen konnte.

Außerdem empfehle ich dem Verlag eine zweite Korrekturrunde, um fehlende oder doppelte/falsche Worte auszumerzen.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

„Willkommen am St. Clair, wo die Realität die Regeln frisst.“

Royal Clair Club 1: Her First Hunt
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Man nehme Twilight in abgefuckt, Fairytales ohne Glitzer, Wednesday mit Libido und ein elitäres Internat mit einer Vielzahl gestörter, intriganter und gewissenloser Peeps – gesprenkelt mit Gossip-Girl ...

Man nehme Twilight in abgefuckt, Fairytales ohne Glitzer, Wednesday mit Libido und ein elitäres Internat mit einer Vielzahl gestörter, intriganter und gewissenloser Peeps – gesprenkelt mit Gossip-Girl – und voilà …

Granny Zooza ist es zu verdanken, dass Inez Campbell die schäbige Schuleinrichtung Westcliffs und ihr heruntergekommenes Zuhause hinter sich lassen kann, um im Elite-Internat der St. Clair ihren akademischen Weg zu beschreiten. Inez – nicht gefasst auf das, was sie in dem herrschaftlichen Gemäuer erwartet – setzt all ihre Hoffnungen auf einen Abschluss, um für sich und ihre Familie eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen, weg vom Dreck. Außerdem will die 21-Jährige unbedingt hinter Zoozas Geheimnisse und ihre Beweggründe kommen, immerhin war sie selbst einst eine Schülerin der berüchtigten Academy …
Allerdings zählt hier nicht harte Arbeit, sondern Einfluss, Schamlosigkeit und das Wort der X-Boys. Jede/r hier wetteifert um einen Platz im exquisiten Royal Clair Club der Königssöhne – ohne zu wissen, was es letztlich bedeutet, von den Barclays auserwählt zu werden, treten MitschülerInnen in blutigen Bällen und tödlichen Prüfungen gegeneinander an. Inez kommt sich vor wie im falschen Film und ist doch mittendrin. Denn der jüngste Prinz hat eine ungesunde Obsession ihr gegenüber entwickelt … Statt Pauken bis zum Umfallen heißt es nun kämpfen, flüchten, jagen, stöhnen. Plötzlich setzt auch Inez alles daran, es bis ins Finale und darüber hinauszuschaffen – denn je tiefer die junge Frau in die Gerüchte und Mythen der St. Clair eintaucht, in das Netz aus Intrigen, Dominanz und Lügen, desto tiefere Abgründe, umso mehr Fragen tun sich auf – Fragen über sich selbst, über Zooza, die Königsfamilie und all die verschwundenen SchülerInnen …

Mit 700 Seiten enthält der Auftakt der Dark-Romantasy-Dilogie eine Menge Input, der sich schwerlich zusammenfassen lässt. Fakt ist: Ayla Dade hält ihr Versprechen aus dem Vorwort: Dieses Buch ist – auf die bestmögliche Weise – creepy, verstörend, intensiv und dunkel. Es gibt keine HeldInnen, keinen Pseudo-Bad-Boy, der durch Liebe seine Ritterlichkeit entdeckt, kein Gewissen und auch kein Schamgefühl. Dafür nimmt uns die Atmosphäre von der ersten Seite an gefangen. Brutale Szenen bannen den Blick aufs Papier, zügellose Begierde heizt ordentlich ein und freche, schlagfertige Dialoge, Sarkasmus und ein Hauch Glamour sorgen samt „ausgefallener“ (kranker) Charaktere für eine Art schrägen Humor. „Royal Clair Club“ ist skurril, fesselnd und erschreckend faszinierend.
Wirkt Inez zu Beginn noch ziemlich und regelkonform, lernen wir im Verlauf eine knallharte Bitch kennen, die nicht davor zurückschreckt, sich die Hände schmutzig zu machen, zurückzuschlagen, zu betteln. Ihre Empfindungen sind ambivalent – hin- und hergerissen zwischen „Das ist falsch“ und „Ich will es trotzdem“ war sie nahbar, aber definitiv nicht perfekt. Auf den Spuren ihrer Granny zu wandeln, deren kryptischen Hinweisen nachzugehen, nicht an der Academy – nicht während der Spiele, nicht in Calix' Nähe – unterzugehen, allen zu beweisen, mehr zu sein als ihre armselige Herkunft, treibt die Studierende mehrfach an ihre Grenzen. Immer öfter bleibt die Frage nach dem Warum: Warum ist Zooza tot, warum ist Inez hier und warum ist sie – ein Mädchen aus dem Armenviertel – für die X-Boys so interessant? Zumindest wird dem „Black Swan“ schnell und sehr deutlich vor Augen geführt, dass sie niemandem trauen kann, weder an der St. Clair noch in Westcliff, und dass die ganze verdammte Insel ein Morast aus Geheimnissen ist.

In wenigen Kapiteln sind wir Teil von Calix – trotz rührender Hintergründe über sein Aufwachsen, Einblicke, die ihn verletzlich und die Familien,dynamik’ griffiger machen, trotz gestohlener Augenblicke und überraschender Intentionen bleibt er, was er ist … Diese Konsequenz zieht Ayla Dade nicht nur bei ihren Figuren knallhart durch – auch erzählerisch haben wir ausschließlich einen direkten, ungeschönten und dabei sehr bildhaften Ton, ohne, dass das Geschriebene einen billigen Beigeschmack erhält.
Sadistische Szenen und psychopathische Züge, Gräuel und Creepy-Things, ohne rosa Flimmern. Von moralischen Grautönen bis hin zur schwärzesten Nacht.
Ein weiteres Beispiel sind die Mysterien, die verborgen bleiben. Dade facht Vermutungen an, gibt wankende Hinweise, wirft rege alles um und verrät dabei nichts. Bis zum Ende – und darüber hinaus – sind die X-Boys, der König, die Spiele, Inez' und Zoozas Rollen sowie allerhand anderes nur eine Ahnung. Frustrierend? Im Gegenteil. Einerseits erhält die Story dadurch einen ganz eigenen Sog, weiß man doch nie, was kommt, woran man wirklich ist, andererseits bleibt so die Neugier konstant erhalten und die Überraschungsmomente gesichert.
Und der Spice? Die expliziten Szenen? Die sind gewagt – klatschnass und steinhart. Nie sanft. Mit Konsens im Zwiespalt.

Weitere Mitwirkende – ob FreundIn, Initiator oder irre/r KonkurrentIn – beleben die Handlung zusätzlich: Violet, Fergie, Yule, Shay, Don, die restlichen X-Kids oder der perfide Monarch von Monclair (…) Auch hier ist nie gewiss, wem zu trauen ist. Ich fand sie alle jedenfalls äußerst eigenwillig und interessant. Gerade Pixie und Bellatrix sind abgefahrene Nummern für sich! Der fantastische Aspekt ist mehr oder minder gegeben, jedoch Teil der Ungewissheit, die Ayla Dade um ihre Dilogie gesponnen hat.

Zwischen poetischen Worten und vulgären Ausdrücken, zwischen harten Ficks und absurder Obszönität; Wettbewerben, die einem Horrorstreifen entspringen könnten, und bitterbösen Abgründen finden sich Blut und Verderben, Leidenschaft und Abscheu, Huldigungen, die stark an Sekten, und Szenen, die an eine abgefuckte Twilight-vs-Aschenputtel-Version erinnern. Ich habe diese Kombination geliebt, gibt es doch einiges zu entdecken – inmitten Wiedererkennen und der offensiven Neugestaltung des Bekannten.
Die Dark-Academia-Vibes, die Inszenierung der Schauplätze – von dekadenten Anwesen, alles verschlingendem Moor, verlassenen Wäldern und Gänsehaut erregenden Zeremonien – sowie die temporeichen Sequenzen und jene, in denen Beklemmung dominiert, waren hervorragend ausgearbeitet. Jedoch fehlte es stellenweise an Tiefe und Momenten zum Verweilen. Vor allem ab der zweiten Hälfte hechtet Campbell von einer Gefahr, einer Aufgabe, einer Spur zur nächsten; der Unterricht, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Tiefe gesammelter Erkenntnisse und Empfindungen bleiben hingegen auf der Strecke. Nichtsdestotrotz ist „Her first Hunt“ ein mitreißendes Sammelsurium aus Geheimnissen, Irrungen, Gewalt und einer Dunkelheit, die selbst die abgeklärtesten Fassaden bricht. Der Cliffhanger lässt jetzt sehnsüchtig auf „His last Bite“ warten!
Seid ihr bereit, in die schillernde Elite einzutauchen, vor den Prinzen im Dreck zu knien und eure Seelen zu verkaufen?

Übrigens: nicht nur äußerlich ein Hingucker. Im Inneren warten neben einem ziemlich coolen Vorwort und einer Karte der Insel, stilvolle Kapitelüberschriften und mehrere Illustrationen.

Bock auf einen Schocker – unzensiert? Dann werdet Mitglied im „Royal Clair Club“.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Romancesuspense die bewegt

The Storm in Our Hearts
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Ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Jane McCaffrey ihre Heimatstadt und damit auch ihren besten Freund, ihre erste Liebe, wortlos verlassen hat. Statt den perfekten Neuanfang inmitten der Großstadtanonymität ...

Ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Jane McCaffrey ihre Heimatstadt und damit auch ihren besten Freund, ihre erste Liebe, wortlos verlassen hat. Statt den perfekten Neuanfang inmitten der Großstadtanonymität zu erhaschen, sich als Musikerin einen Namen zu machen, verfängt sie sich schon bald in einem Netz aus Angst und Gewalt – etwas, das sie doch so dringend hinter sich lassen wollte …

♡ „𝘝𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘸𝘢𝘳 𝘴𝘪𝘦 𝘻𝘶 𝘦𝘪𝘯𝘴𝘢𝘮 𝘶𝘯𝘥 𝘷𝘦𝘳𝘻𝘸𝘦𝘪𝘧𝘦𝘭𝘵 𝘨𝘦𝘸𝘦𝘴𝘦𝘯, 𝘶𝘮 𝘮𝘦𝘩𝘳 𝘻𝘶 𝘦𝘳𝘸𝘢𝘳𝘵𝘦𝘯 𝘢𝘭𝘴 𝘥𝘢𝘴, 𝘸𝘢𝘴 𝘴𝘪𝘦 𝘢𝘮 𝘌𝘯𝘥𝘦 𝘣𝘦𝘬𝘢𝘮. 𝘝𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘴𝘤𝘩𝘪𝘦𝘯 𝘦𝘴 𝘪𝘮𝘮𝘦𝘳 𝘯𝘰𝘤𝘩 𝘣𝘦𝘴𝘴𝘦𝘳 𝘻𝘶 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘢𝘭𝘴 𝘥𝘢𝘴, 𝘸𝘢𝘴 𝘴𝘪𝘦 𝘷𝘰𝘯 𝘻𝘶 𝘏𝘢𝘶𝘴𝘦 𝘬𝘢𝘯𝘯𝘵𝘦.“

Jetzt sieht Jane endlich die – womöglich einzige – Chance, zu flüchten, hoffentlich zum letzten Mal. Raus aus der Isolation, raus aus dem Leben auf Zehenspitzen. Sich der Risiken ihres Plans bewusst, setzt die heute 28-Jährige alles daran, Scarlett vor Trauma und Schmerz, vor jenen Erfahrungen zu bewahren, vor denen ihre eigene Mutter sie nie beschützen konnte. Linden Falls wird zu einer Zwischenstation – die Jane mit einer Flut aus Erinnerungen und Gefühlen willkommen heißt. Mit verdrängten Momenten voller Pein, Vorsicht und Tränen. Aber auch mit Augenblicken, an die sie sich so lange verboten hat, zu denken: Erdnussbutter Brownies. Auftritte im Grassroots Café. Abende auf der Aussichtsplattform. Ali, Hannah, Nik. Schmetterlinge und Küsse. Dass Jane trotz ihrer damaligen Entscheidungen auch Herzlichkeit entgegenschwappt, Umarmungen von alten FreundInnen, ist für die junge Mutter ebenso überraschend, wie sie die Liebe, die noch immer in Nik Andinos Augen liegt, überfordert …

„The Storm in Our Hearts“ ist ein bewegender Roman, in dem wir mit sensiblen Themen, lückenhaften Systemen und realen Situationen konfrontiert werden. Mit Szenarien und Emotionen, die wehtun. Mit Figuren, deren Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen so nahbar gezeichnet waren, so schmerzhaft echt, dass es mir den Hals zuschnürte. Denn wo Zärtlichkeit sein sollte, ein Gemeinsam und Verbundenheit, herrschen bei den McCaffrey Frauen Unsicherheit und Schrecken. Sozial abgeschieden, unterdrückt und in Abhängigkeit gezwungen, erpresst und auf verschiedene Arten misshandelt … – Ergebnisse, die Narben hinterlassen, falsche Scham und Vorsicht. Aber auch Wut.

Erzählt wird hauptsächlich aus Janes Perspektive, sodass wir Teil ihres inneren Aufruhrs werden, ihres Chaos, ihrer Zweifel und ihres Plans. Da uns Melissa Wiesner in einem einfachen, schnörkellosen Stil – aber durchaus in bildreichen Worten – durch die Handlung führt, war es leicht, sich mit Jane in Linden Falls zu verlieren, sich zu erinnern. Inmitten von Angst, Melancholie und Schwermut flimmern nach und nach Hoffnung auf, begrabene Leidenschaft. Aufgrund intensiver Schilderungen und Einblicke in die Zeit vor und während Los Angeles waren der stete Schulterblick zurück, das Misstrauen, Sorge und Unruhe ein präsenter Bestandteil der Protagonistin und der Storyline, genau wie Janes Distanz, ihre Kälte. Wie die still in ihr brodelnden Vorwürfe, wenn sie ihrer Mutter in die Augen sieht – dieselben, die auch in ihr toben, wenn sie ihrem eigenen Spiegelbild entgegenblickt. Denn eigentlich wollte die Flüchtige, die alles und jeden verlassen hat, um dem Kreislauf zu entfliehen, nie so sein, nie so werden …

Durchbrochen werden Janes Vergangenheit und Gegenwart von Nik, dessen Träume mit den Jahren andere wurden, der seine Bestimmung fand, aber nie aufhörte, seine beste Freundin zu suchen, sie zu vermissen, sich nach ihr zu sehnen. Jane McCaffrey jetzt zu begegnen, reißt dem Assistenzarzt den Boden unter den Füßen weg und doch ist er nicht gewillt, Jane noch einmal ohne Antworten gehen zu lassen.
Als er ihren Geheimnissen näher kommt, taucht plötzlich eine weitere Frage in seinem Kopf auf. Eine, dessen Antwort er vielleicht nicht ertragen kann.

Wiesner hat hier eine aufwühlende Geschichte geschrieben, die das Denken und Fühlen, den Alltag, zu vieler Menschen aufgreift und damit mitten ins Herz trifft. Eigenen Zorn entfacht. Das winterliche Setting einer Kleinstadt wurde im Heute gemütlich inszeniert, während dem Elternhaus der Protagonistin ein Stillstand, Trostlosigkeit, anhaftet. Obgleich die Stimmung angespannt ist, wankend, subtil von Bedrohung durchtränkt, sorgt Scarlett – einerseits mit unbedarfter Kindlichkeit, andererseits zu erwachsen, sich der Umstände bewusst – für Leichtigkeit. Für Normalität. Auch Janes Mom ist relevant, eine Frau, die ihr Leben in die Hände eines Monsters gelegt hat. Bereut. Und so ambivalente Emotionen diese Figur auch auslöst, so … authentisch ist sie. Zerbrochen, aber nicht am Boden. Frei, jedoch nicht losgelöst von den ihr über Jahre hinweg eingebläuten (Denk)Mustern.

Nik ist ein absoluter Greenflagboy, einer, der trotz der Tatsache, dass er mit einem gebrochenen Herzen und vielen, vielen nagenden Fragen zurückblieb, zugänglich, verständnis- und rücksichtsvoll agiert. Fürsorglich. Und Jane … die jetzt für so viel mehr kämpft als für sich. Mut, Bewunderung und Mitgefühl sind Dinge, die ich ihr auf ihrem beschwerlichen Weg, während der unerwarteten Veränderungen, entgegenbrachte. Ihr Halt in Linden Falls entwickelt sich vollkommen anders als von der Endzwanzigerin, von dieser starken Mutter, erhofft – der Verlauf spitzt sich zu, schlägt Haken und mündet in eine unerwartete Richtung.

Melissa Wiesner widmet sich in „The Storm in Our Hearts“ ungemein wichtigen Themen, generiert Aufmerksamkeit für die Opfer von häuslicher Gewalt und bannt Empfindungen und Handlungsweisen realistisch auf Papier. Zudem weist die Autorin in ihrer Romance darauf hin, dass sich selbst unter dem Deckmantel eines Retters, eines Charmeurs, ein Ungeheuer verbergen kann … und ein ganzes Dorf täuscht. Du bist nicht allein und du hast mehr verdient.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Neuauflage Rezension

Von Blut & Magie
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So viel habe ich von Melanie Lanes „Anderswelt-Serie“ gehört, dass ich jetzt, wo die Neuauflage erschienen ist, selbst einen Blick wagen musste.



Lilly ist eine attraktive, introvertierte Kellnerin – ...

So viel habe ich von Melanie Lanes „Anderswelt-Serie“ gehört, dass ich jetzt, wo die Neuauflage erschienen ist, selbst einen Blick wagen musste.



Lilly ist eine attraktive, introvertierte Kellnerin – und allein. Schon immer hat sich die Mittzwanzigerin eine Familie gewünscht, gab es doch immer nur sie und ihre Mum, die eher einer Freundin gleichkam.

Als sie eines Nachts plötzlich von zwei Männern entführt wird, in einem luxuriösen Zimmer erwacht und einer der Übeltäter gar nicht so fremd ist, kann sie nicht glauben, was diese von sich geben: Sie soll Lillianna Callahan sein? Thronfolgerin Alliandoans und der sieben Welten? Herrscherin über ein Paralleluniversum, das es eigentlich nur in Büchern gibt? Tz … (Un-)Glücklicherweise sind die Beweise hierfür beängstigend real. Das Knistern von Magie in der Luft, blaue Flammen, die auf ihrer Haut tanzen, die Verbundenheit zu Nickolas, der ihr Bruder ist, und die überirdisch attraktiven Unsterblichen um sie herum. Vor allem Lucan Vale, der zwar nicht das Haupt vor ihr senkt, sie aber stetig mit einem herablassenden, intensiven Blick mustert, und seine dunkle Kriegerschar ziehen Lilly in ihren Bann.

Je mehr die vermeintlich „einfache Sterbliche“ über ihre Herkunft und die tragische Geschichte der Anderswelt erfährt, umso sicherer ist sich die Prinzessin, dass sie hier richtig ist, dass das ihre Bestimmung, ihr Platz ist. Denn sie sieht, was jenen, die schon immer in einem System aus Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt gefangen sind, nicht sehen. Fokussiert nicht ihre eigenen Vorteile, Annehmlichkeiten und den Prunk, sondern gräbt in Abgründen, in Sklavenhandel, in Hass und Niedertracht. Hinterfragt altbackene, ideologische Gedankenmuster, archaische Strukturen und eine Regentschaft, die sich bereichert, alles hat und nichts gibt. Dass es gerade der Engelsadel, ihre Spezies, ist, der an der Spitze der Unsterblichen steht, hält Lillianna nicht davon ab, ihre Wut zu zeigen, sich Gehör zu verschaffen und die Veränderungen einzuleiten – schon bald werden die ersten Bündnisse geschlossen, Buße getan, Opfer befreit. Lilly wirbelt mit ihrer taffen Art und dem frischen Blick, mithilfe von neuen FreundInnen und Kriegern, die Anderswelt auf. Sehr zum Verdruss der snobistischen Minister. Aber weder die Vorbehalte aus dem engsten Kreis, Feinde, die nicht einzig aus dämonischen Reihen stammen, noch die Anschläge auf ihr Leben, halten den Halbengel davon ab, verstehen zu wollen und nach Lösungen zu suchen.

Während die Magie Lilly noch im Stich lässt, widmet sich die junge Frau mit Euphorie und Tatendrang ihrem körperlichen Training, lebt sich in die Politik der Reiche und in ihre Verantwortung ein. Immer an ihrer Seite, immer in ihrem Kopf: Lucan Vale – König der Assassinen, der gefürchtetste und geächtetste Mann der Anderswelt. Gefährlich für ihr Herz.



„Von Blut & Magie“ ist Band 1 einer sechsteiligen Urban-/High-Fantasy-Serie und der Beginn eines komplexen, aufregenden Abenteuers. Die Geschichte geht sofort los und bleibt in großen Teilen bis zum Schluss unterhaltsam und interessant. Mir persönlich fehlte es aber stellenweise an Ereignissen und Abwechslung. Viele ausführliche (oder sich wiederholende) Monologe, Beobachtungen und Zweifel der Protagonistin sowie Stillstand ziehen die Story in die Länge. Zudem geschehen etliche zwischenmenschliche Entwicklungen im Off, sodass es schwierig war, Resultate – wie Freundschaften oder romantische Gefühle – wirklich nachzuvollziehen. Zwar wirkt Lilly – abgesehen von ihren politischen Ambitionen und ihrem Verständnis – nicht immer wie die 27-Jährige, die sie ist, schafft es aber dennoch, mit Mut, Stärke und Schlagfertigkeit einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Denn Alliandoans Thronfolgerin hat Feuer, bietet dem Adel die Stirn, ist sich der Vorurteile und Gegenwinde bewusst und schreckt trotzdem nicht davor zurück, Altes auszuhebeln und für sich und die unterdrückten Unsterblichen einzustehen.

Schon in diesem Band vollzieht die Protagonistin eine deutliche Entwicklung. Wir dürfen also gespannt sein, womit uns Lillianna Callahan in den weiteren Büchern überrascht.


Lucan ist der geheimnisvolle Bad-Boy – kühl, harsch und abweisend. Obgleich ich ihn als mysteriösen Loveinterest anziehend fand, blieb er lange ein nicht zur Gänze einschätzbares Hintergrundrauschen, ebenso konturlos wie Lillys aufkeimende Empfindungen für ihn. Nur stückchenweise entsteht aus heimlichen Informationen, harten Wahrheiten, kleinen Gesten, Fürsorge und Rückhalt ein konturiertes Bild dieses Mannes. Eines, das sein Verhalten, seine Distanz erklärt und ihn gleichzeitig zugänglicher und weicher macht.


Was mich besonders faszinierte, war das ausgefeilte, aufwendige Worldbuilding; der Fokus deutlich auf den Missständen, die gleichzusetzen sind mit denen, die wir in unserer Welt finden. Melanie Lane beschäftigt sich in ihrer Serie viel mit Politik, dem Patriarchat und mit der Ausgrenzung von „Minderheiten“, von Wesen, deren Wert ihnen von der herrschenden Rasse abgesprochen wird. Allein dieser ernste und detailreich ausgearbeitete Aspekt und die Botschaft, die die Autorin durch das Handeln ihrer Protagonistin ausdrückt, heben die Story auf ein komplett anderes Level. Denn manchmal braucht es nur einen anderen Blickwinkel, nur eine Person, um Veränderungen zu generieren. Weil Stillstand nie besser ist als Wandel. Weil „das war schon immer so“ selten „gut“ ist. Dementsprechend ereilen uns in „Von Blut & Magie“ zahlreiche Informationen über die Anderswelt, um die Strukturen – und Lillys Zorn, ihr Bestreben – zu verstehen. Einige Reiche lernen wir in diesem Band bereits genauer kennen – und es war ein Erlebnis, die Thronfolgerin bei ihren Erkundungstouren zu begleiten; mächtigen Gelehrten, Ausgestoßenen, Dämonen und Harpyien, Ghoulen und Formwandlern zu begegnen.

Lane lässt uns bildreich in die Welten eintauchen, die Wunder samt den Flecken hinter dem glänzenden Schein sehen, Wut und die Faszination fühlen. Abgesehen von diesen Ortswechseln, den königlichen Verpflichtungen und Lillys Einfinden in ihre neue Rolle sind es die Nebenfiguren, die Abwechslung bringen, für Leben sorgen, Vielfalt symbolisieren. Vor allem ins Herz geschlossen habe ich Duncan, aber auch King, Alina, Malik, Olli und Nick sind stets an der Seite der zukünftigen Regentin und wurden mit Feinheiten gezeichnet, mit Tiefe und Entwicklung. Gerade Nick, festgefahren und glatt, wächst durch Lillys Sichtweise. Und Cora, Drake und Odile? Die wirbelten die Handlung mit Individualität und Direktheit gehörig auf.


Durch Misstrauen, allerhand Fragen und die erwarteten Bedrohungen ist der Verlauf oft angespannt. Hingegen sind spritzige Geplänkel, wagemutige Pläne, Trotz und offene Gespräche der Leichtigkeit zuträglich, während die Schlagabtausche und Flirts zwischen Lilly und Lucan eine gewisse Reibung bringen. Es warten actionreiche Szenen, bewegende Momente, erschütternde Offenbarungen und einiges an Humor, wunderschöne Freundschaften und nötige Konflikte. Aufgrund des authentischen, direkten und klaren Stils von Melanie ist es unproblematisch, sich in die Story einzufinden und alles zu verstehen. Lillys Ängste und Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Enttäuschung zu spüren. In den letzten Kapiteln nehmen Tempo und Spannung nochmal Fahrt auf, Entdeckungen und Ereignisse überschlagen sich und münden in einem Ende, dem unbedingt weiter nachgegangen werden muss. Aber auch die Neugier auf die übrigen Teile der Anderswelt, die scheinbar aussichtslose Romance und Lilliannas Pläne animieren dazu, diese Geschichte weiterzuverfolgen.


Kritisch anmerken möchte ich die Fehlerzahl, die in der überarbeiteten Neuauflage zu finden ist. Und den nicht durchweg optimalen Buchsatz.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Emotional, aufregend, komplex und düster

The Dark Is Descending
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„The Dark is Descending“ ist das Finale der „Nytefall-Trilogie“ – und was für eines!

»Die Dunkelheit kann lernen, das Licht zu lieben.«

Nach dem herzzerreißenden Cliffhanger geht es aufregend und emotional ...

„The Dark is Descending“ ist das Finale der „Nytefall-Trilogie“ – und was für eines!

»Die Dunkelheit kann lernen, das Licht zu lieben.«

Nach dem herzzerreißenden Cliffhanger geht es aufregend und emotional weiter. Astraea ist nicht bereit, den Verlust ihrer Liebe zu akzeptieren, und stürzt sich in die Suche nach Heilung, nach einer Lösung. Bereit, alles und jeden zu zerstören, der sich ihr, der Sternenmaid, der wahren Königin Solanis, in den Weg zu stellen versucht. Ihr Ziel: die Unendlichkeit mit ihm, mit Nyte. So wie es immer sein sollte … Doch schon bald läuft die Zeit gegen Astraea, gegen Nyte, gegen die Welt: Das Gleichgewicht gerät immer mehr aus den Fugen, die Nacht ist allgegenwärtig, Sterne fallen vom Himmel, und die Schläge der Götter sind tückisch. Denn selbst sie blicken neidvoll auf Lightsdeath und Nightsdeath, auf das, was Dunkelheit und Licht teilen.

So viel vorab: Ihr solltet diese Serie unbedingt selbst erleben, selbst fühlen.
Ja, der Auftakt war lückenhaft, irgendwie unausgereift und öfter holprig. Aber der tragische Kern, der dem Ganzen innewohnt, war bereits in „The Stars are Dying“ zu erahnen. Von Anfang an wurde gekämpft, miteinander und gegeneinander, wurde sich verloren, wiedergefunden und neu erschaffen, es wurde getrauert, gelitten und gebangt. Und nun ist er gekommen, jener Moment, auf den alles hinauslief – jedes Leid, jede Trennung, jeder Verrat, den Nyte und Starlight im Laufe ihrer Leben ertragen mussten.

„The Dark is Descending“ ist angefüllt mit Dramatik, Leidenschaft und Freundschaften, mit verlorenen Kämpfen und kleinen Siegen. Mit Aufbegehren und dem erbarmungslosen Durst nach Vergeltung. Mit noch mehr Opfern, Abschieden, Intrigen und Wahrheiten, die alles, was war, woran geglaubt wurde, in Grauschleier hüllen. Endgültige Entscheidungen, unerwartete Bedrohungen und gewagte Bündnisse, Flüche, Prüfungen, Machtdemonstrationen und actionreiche Schlachten ebnen die Seiten, die schwer sind, von Wut, Verzweiflung und Blut.

Wieder verankern uns die wechselnden Perspektiven mitten in der Handlung, die dunkel und bedrückend ist. In einem System, in dem Gier, Neid und Ausbeutung regieren, das von Hetze, Furcht und realer Ungerechtigkeit durchzogen ist. Peñaranda spart nicht an bildhaften Beschreibungen und malerischen Details, sodass die komplexen Entwicklungen schlüssig, das Setting und die Figuren vorstellbar inszeniert waren.
Von Band zu Band wurden Solanis und die einzelnen Gebiete greifbarer – durch Mythen und Sagen um die Entstehung der Welt, aufgrund der Präsenz von Gottheiten und Erschaffern. Abwechslungsreich bevölkert, gleichermaßen mit Magie und Wundern besprenkelt wie mit Hass und Krieg. Wir stoßen auf Drachen und den Tod, auf Vampire, Magier, Celestials und Fae (…), die dem düsteren, oftmals aussichtslos erscheinenden Treiben eine fantastische, ehrfurchtgebietende Note verleihen.

Durch erneute Rückblenden wird auch die wankende, allseits als Bedrohung angesehene Beziehung von Astraea und Nyte weiter konturiert. Die Autorin zeichnete in gefühlvollen, poetischen Worten eine starke, bedingungslose Liebe, jedweder Hürde und Vorbehalte zum Trotz. Zwei Charaktere, die nie mehr wollten als ein Gemeinsam, als eine Veränderung; in denen so viel mehr verborgen liegt – Wunderbares und Beängstigendes … Diese Hintergründe, verteilt als Puzzle in der kompletten Trilogie, haben mich ungemein bewegt, Mitgefühl ausgelöst – zeigen sie doch Schrecken und Manipulationen, Gewalt und eine schiere Flut aus Verlusten. Konträr hierzu sind es Humor, spritzige Schlagabtausche, hitzige Diskussionen und damn heißer Spice, die den Schleier der Anspannung an passender Stelle heben.

Auch Darstellung und Entwicklung von Astraea und Nyte haben mich nachhaltig beeindruckt. Chloe C. Peñaranda schaffte es, ihre Protagonisten im Laufe der Serie wachsen zu lassen, ihnen stückchenweise, mit jeder Erkenntnis, jedem Rückschritt, jedem Opfer, mehr Stärke, mehr Facetten zu verleihen. Gerade Nyte ist in seinem Denken, Handeln und Fühlen ambivalent. Seine – frisch entdeckten – Empfindungen sind stets in Bewegung. Hin- und hergerissen zwischen dem Unheil, für das er steht, das er jederzeit entfachen kann, und seiner Liebe, einer ihm fremden Weichheit. Sehr interessant und clever: Chloe C. bringt uns in diesem Buch „Nightsdeath“ – die personifizierte Dunkelheit des Kriegers – losgelöst von Nyte näher. Aus Astraea, der erinnerungslosen Tänzerin, die ihrer Autonomie und Freiheit beraubt wurde, wurde eine Waffe – Hoffnungsträgerin und Untergang. Empathisch, gütig und doch bereit, für ihr Volk, ihre Prinzipien, ihre Verbündeten zu töten. Die Autorin erweckte ihre Hauptcharaktere zum Leben, gab ihnen im Angesicht der Finsternis und des Sturms um sie herum Menschlichkeit und Schwächen, ließ sie für wenige Augenblicke vergessen, um sich ineinander zu verlieren. Um sich zu erinnern. Explizite Szenen fügen sich trotz der hierfür gewählten derberen Sprache stimmig ein.

Diverse Intentionen samt aufwallender Zweifel und Befürchtungen waren nachvollziehbar herausgearbeitet, mit Trauma und Schmerz unterlegt, sodass selbst die Grausamkeit Verständnis entfacht. Niemand in diesem Geschehen ist nur gut, nur böse, handelt einzig selbstlos oder der allgemeinen Norm entsprechend. Überall finden wir Grau und Schatten, Authentizität inmitten Verderben.
Neben Astraea und Nyte bereichern Nebenfiguren die Storyline auf vielfältige Weise: Rosalind, Drystan, Zathrian, Nadia, Davina, Lilith und all die anderen waren ein Teil des Plots, fest integriert. Wir treten den Feinden entgegen, lernen neue Verbündete kennen, müssen alte gehen lassen, werden von Intrigen überrascht, von Offenbarungen erschüttert …
Und das Ende? Das ist nahezu perfekt. Stimmig. Bittersüß. Lässt wehmütig auf die „Nytefall-Trilogie“ blicken und hoffen, dass Peñaranda vielleicht irgendwann noch mehr Geschichten aus Solanis für uns bereithalten wird.

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