Wichtige Themen ummantelt von einer 0815-Mafia-Romance
Calisto's Revenge - Eine Liebe wie Sterne„Calistos Revenge“ führt uns zum dritten Mal in die „Eine Liebe wie Sterne“-Welt, doch ist wie schon Band zwei als eigenständiger Roman lesbar. Nicht nur das Cover hebt sich von den beiden Vorgängern ab, ...
„Calistos Revenge“ führt uns zum dritten Mal in die „Eine Liebe wie Sterne“-Welt, doch ist wie schon Band zwei als eigenständiger Roman lesbar. Nicht nur das Cover hebt sich von den beiden Vorgängern ab, auch wird die Story als besonders dark beworben und dementsprechend für LeserInnen ab der Volljährigkeit empfohlen.
Statt im Urlaub zu entspannen, findet sich Marija Fradkow nach einer Feierlichkeit in den Fängen einer Gruppierung der russischen Mafia wieder. Gezeichnet von ihrer traumatischen Vergangenheit, die sie noch immer viel zu oft überrollt, von der sie sich jedoch weder definieren noch einschränken lässt, bietet sie ihren Entführern mutig und stolz die Stirn. Denn sie hat schon Schlimmeres überlebt …
Vadim Kamenev wurde etwas für ihn ungemein Wertvolles gestohlen. Um es zurückzuerlangen, schnappt er sich etwas, von dem er denkt, dass es Roman Fradkow am Herzen liegt: Seine Nichte. Eigentlich soll Marija als Pfand herhalten, doch die Prinzessin wird zu Kamenevs Verbündeter. Und zu so viel mehr …
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive, sodass wir von Anfang an verfolgen können, wie sich die Protagonisten kennenlernen und einander näherkommen. Nach und nach kristallisieren sich neben Geheimnissen auch bewegende Geständnisse heraus, sodass viel Raum für eigene Spekulationen und aufwallendes Interesse bleibt.
Der Mafiaboss ist bereit, zu töten, sein Revier und seine Männer gnadenlos zu verteidigen. Wenn auch etwas Raubtierhaftes, Berechnendes in seinem Auftreten liegt, ist nicht zu übersehen, dass etwas Gutes in ihm schlummert. Präzision, Beschützerinstinkt, Humor und zumindest ein gewisses Maß an Geduld – doch diese strapaziert seine Gefangene ziemlich schnell über.
Marija ist eine schlagfertige Frau mit magischen Fähigkeiten und einem ausgesprochen genauen Gedächtnis. Vehement wehrt sie sich dagegen, erneut in eine Opferrolle gepresst zu werden. Sind ihre Hintergründe, ihr schmerzhaftes Schicksal, auch berührend, ihre Stärke bewundernswert, kam ich nicht umhin, des Öfteren eine Teenagerin in ihr zu sehen – eine, die unnötig Geld ausgeben, provozieren und mit dem Fuß aufstampfen muss.
Die Tatsache, dass ihr Onkel sie tatsächlich wiederhaben will, aber aus anderen Gründen, als von ihren Kidnappern angenommen, führt zu der Koalition mit Vadim. Seine Expertise in illegalen Gefilden sowie die Skrupellosigkeit, mit der der Russe und seine treuen Männer vorgehen, könnten in Kombination mit Marijas internem Wissen, ihrer Wut und ihrem Verlangen nach Gerechtigkeit eine Win-win-Situation und den Sturz ihres Gegenspielers ebnen – oder die Magierin und den Mafiosi zu Fall bringen.
Aufgrund des Marketings hatte ich auf eine spannende Dark-Romantasy-Story gehofft, in der sich Gefahren und Dunkelheit durch die Seiten ziehen. Bekommen habe ich eine „einfache“ Mafia-Romance mit einem Hauch Fantastik, in der zwar die Dynamik der Charaktere unterhaltsam, jedoch nicht sonderlich „Enemies“ war. Es gab einige Uneinigkeiten, aber abgesehen weniger Szenen schwang nie etwas wirklich Bedrohliches mit. Statt das vorhandene Konfliktpotenzial zu nutzen, wurde hauptsächlich der leichtere Weg gewählt. Dementsprechend fehlte es mir in der letztlich seichten, flotten romantischen Komponente an Dynamit, funkensprühenden Momenten, aufgeregtem Prickeln.
Heißt nicht, dass gänzlich auf unerwartete Turbulenzen, Tod, Blut und Verluste verzichtet wurde, nur waren diese eben nicht schockierender oder gewaltvoller als für Romance, die in Mafia oder Dark eingeordnet werden, typisch.
Ebenfalls ein Kritikpunkt: Das Magiesystem – die übernatürlichen Gegebenheiten –wird innerhalb der Handlung zu keiner Zeit erklärt oder stimmig beleuchtet. Es gibt sie eben, die Magie, wie auch – zugegeben zauberhafte – fantastische Wesen existieren.
(→ Im eBook/Print findet sich vor dem Beginn eine Zusammenfassung, diese fehlt im Hörbuch.)
Jaumanns Stil ist unkompliziert zu lesen; einerseits reich an Bildern, Gefühlen und Witz. Andererseits gab es Dialoge, die wenig Authentizität versprühten, Wortwiederholungen und Formulierungen, die unrund wirkten.
Wie die Inszenierung der bewegenden Schicksale, die wir zwischen den Zeilen ergründen, sind auch die Themen emotionaler Natur. Es sind solche, die nahegehen, die Erkennen und Verständnis entfachen. Nicht nur platziert die Autorin Figuren mit Handicaps und macht erneut auf Sklaverei und Kastensysteme aufgrund von Herkunft und Können aufmerksam. In „Calistos Revenge“ erhalten auch Frauen, die (unfreiwillig) kinderlos sind/bleiben, still unter dem Umstand und der Ursache, die vielfältiger Natur sein kann; unter unsensiblen Äußerungen und Ratschlägen leiden, die dringend nötige Sichtbarkeit.
Ebenfalls unglaublich wichtig ist die Enttabuisierung von (Kindes-)Missbrauch und die deutliche Botschaft: Schuld trägt einzig der/die TäterIn – und alle (Mit-)Wissenden, die sich nicht in der Handlungspflicht sahen, sich aus der Verantwortung zogen!
Widmung und Kern der Romance sind herzzerreißend – und allein daher ist dieses Buch schon lesenswert. Wem das nicht reicht: Wie wäre es mit Nixen, Cerberus oder Fairies?