Spannend, gefühlvoll und lesenswert
To Cage a Wild BirdDividium ist eine grausame Welt, in der die Reichen stetig reicher werden und die Armen verhungern. Mit strikten Regeln, harten Strafen und gezielter Manipulation wird vor allem der Untere Sektor kontrolliert. ...
Dividium ist eine grausame Welt, in der die Reichen stetig reicher werden und die Armen verhungern. Mit strikten Regeln, harten Strafen und gezielter Manipulation wird vor allem der Untere Sektor kontrolliert. Doch damit nicht genug: Um Einnahmen zu generieren, haben sich die Mächtigen einen perfiden Vergnügungspark geschaffen …
Raven würde alles tun, um ihren Bruder zu beschützen.
Als dieser verhaftet und in das gefürchtete Gefängnis – die Endstation – Endlock gebracht wird, schleust sie sich mithilfe des Widerstands und einem Fluchtplan in das Loch ein. Aber als bekannte Kopfgeldjägerin, die nicht wenige der Insassen selbst nach Endlock befördert hat, hat es Raven nicht leicht, das Vertrauen der Häftlinge zu gewinnen. Schon bald ist es gerade Vale, ein ihr nicht unbekannter Wachmann, auf den die 23-Jährige angewiesen ist, wenn sie den tödlichen Spielen des Rates entkommen und das Gefängnis mitsamt ihrem Bruder lebend verlassen will. Doch wie kann sie einem Menschen vertrauen, der weder Freund noch Feind ist, wankelmütig zwischen den Seiten und für all das steht, was ihr nicht nur ihre Unschuld und ihre Kindheit, sondern auch ihre Eltern genommen hat?
Einzig aus der Sicht der Kopfgeldjägerin verfolgen wir das Geschehen, sodass diese im Verlauf eine greifbare Figur wird, eine mit Fehlern und Eigenheiten, die impulsive Entscheidungen trifft, manchmal naiv hofft, wütend ist und bis zum Ende kämpft. Für den letzten Rest Familie, den sie noch hat, und für die Freiheit.
Aufgrund des klaren und recht einfachen Stils von Brooke Fast gelingen das Ankommen in Dividium und das Einfühlen in Raven problemlos. Nach und nach, wenn auch zumeist eher knapp und oberflächlich, bringt uns die Autorin die Gegebenheiten, die diesem für eine Dystopie typischen (Kasten-)System zugrunde liegen, das Unrecht, das Leid, die Missstände näher.
In den ersten Kapiteln bekommen wir einen Eindruck des Lebens der Unterschicht außerhalb des Gefängnistraktes – von Gesetzen und gnadenlosen Strafen über den Mangel an Credits bis hin zu dem von der Oberschicht inszenierten, gezielten Aufwiegeln der ärmeren Bevölkerungsschicht gegeneinander. Auch die Existenz des Kollektivs, einer Rebellengruppe, gibt dem Ganzen eine dunkle, Vorsicht heischende Note.
Ebenso trist und grau, von Hierarchien gespalten, von Gewalt und Überwachung gezeichnet, kam Endlock zur Geltung. Angst und Anspannung ziehen sich durch die kalten Korridore, aufgestaute Aggressionen sowie Sorge und die nagende Ungewissheit, wer als Nächstes auf Leben und Tod rennen muss. Obgleich die Art der Spiele kein neues Element ist, wirkten sie originell aufbereitet. Denn in dieser Haftanstalt bezahlen die Gutbetuchten dafür, selbst zu jagen …
„𝗪𝗶𝗿 𝗸𝗼𝗻𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗦𝗰𝗵𝘂𝗹𝗱𝗴𝗲𝗳𝘂𝗲𝗵𝗹𝗲 𝗳𝘂𝗲𝗿 𝗱𝗮𝘀 𝗹𝗲𝗶𝘀𝘁𝗲𝗻, 𝘄𝗮𝘀 𝘄𝗶𝗿 𝘁𝘂𝗻 𝗺𝘂𝘀𝘀𝘁𝗲𝗻, 𝘂𝗺 𝘇𝘂 𝘂𝗲𝗯𝗲𝗿𝗹𝗲𝗯𝗲𝗻.“
Durch eine gewisse Cliquenbildung, deren Basis auf der Verfolgung ähnlicher Ziele – Überleben und Flucht – und dem Hass auf den Oberen Sektor und die Strippenzieher beruht, bedient Fast den Found-Family-Trope auf stimmige Weise. So sind es Jed, August, Momo, Kit und Yara, die mit ihren Eigenheiten für Abwechslung sorgen und auf individuelle Weise Interesse schüren.
Wie nicht anders zu erwarten, hält „To Cage a Wild Bird“ neben aufregenden, temporeichen Momenten und solchen, die Achtsamkeit verlangen, ein Wagnis erfordern und Risiko bedeuten, auch solche bereit, die Verlust, Opfer und Wahrheiten, die alles verändern könnten, mit sich bringen. Die nach Hoffnungslosigkeit schmecken, nach bitterer Verzweiflung.
Vale, der in Raven und den anderen mehr zu sehen scheint als eine Nummer, bleibt unnahbar, ein Schemen, und ist doch die einzige Rettung. So sehr sich Raven auch gegen ihre Gefühle wehrt, wird der hochrangige Wärter, von dem sie kaum etwas weiß, zu jemanden, an den sie sich inmitten der Tristesse klammert. Aber trotz Hilfsbereitschaft und Charme sind es Vales verborgene Intentionen sowie die unbeantworteten Fragen, die dazu ermahnen, ihn mit Argwohn zu betrachten. …
Bezeichnet als Enemies-to-Lovers-Romance, war das Verhältnis von Raven und Vale weder von Feindschaft noch von Abneigung geprägt, und auch nicht sonderlich „slow“. Dies ändert aber nichts daran, dass in so manchen Diskussionen die Funken sprühen und die Dynamik Unerwartetes wie Unterhaltsames bereithält. Meiner Meinung nach haben die expliziten/anrüchigen Szenen nichts für die Story getan, schienen sie doch im Angesicht der Umstände unpassend. Statt diesen hätte ein ausgefeilteres, genauer betrachtetes Worldbuilding die Dystopie aufgewertet. Wie sich der Verlauf entwickelt und ob es Raven und ihren neuen FreundInnen gelingt, Endlock zu verlassen? Lest unbedingt selbst nach!
So viel noch: Das Ende von „To Cage a Wild Bird“ bietet zwar Spielraum für eine Fortsetzung, doch die Autorin verzichtet auf einen riesengroßen Cliffhanger und darauf, uns mitten aus der Geschichte zu reißen. Dafür gibt's auf jeden Fall einen Pluspunkt!