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Veröffentlicht am 17.12.2025

Spannend, gefühlvoll und lesenswert

To Cage a Wild Bird
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Dividium ist eine grausame Welt, in der die Reichen stetig reicher werden und die Armen verhungern. Mit strikten Regeln, harten Strafen und gezielter Manipulation wird vor allem der Untere Sektor kontrolliert. ...

Dividium ist eine grausame Welt, in der die Reichen stetig reicher werden und die Armen verhungern. Mit strikten Regeln, harten Strafen und gezielter Manipulation wird vor allem der Untere Sektor kontrolliert. Doch damit nicht genug: Um Einnahmen zu generieren, haben sich die Mächtigen einen perfiden Vergnügungspark geschaffen …


Raven würde alles tun, um ihren Bruder zu beschützen.
Als dieser verhaftet und in das gefürchtete Gefängnis – die Endstation – Endlock gebracht wird, schleust sie sich mithilfe des Widerstands und einem Fluchtplan in das Loch ein. Aber als bekannte Kopfgeldjägerin, die nicht wenige der Insassen selbst nach Endlock befördert hat, hat es Raven nicht leicht, das Vertrauen der Häftlinge zu gewinnen. Schon bald ist es gerade Vale, ein ihr nicht unbekannter Wachmann, auf den die 23-Jährige angewiesen ist, wenn sie den tödlichen Spielen des Rates entkommen und das Gefängnis mitsamt ihrem Bruder lebend verlassen will. Doch wie kann sie einem Menschen vertrauen, der weder Freund noch Feind ist, wankelmütig zwischen den Seiten und für all das steht, was ihr nicht nur ihre Unschuld und ihre Kindheit, sondern auch ihre Eltern genommen hat?


Einzig aus der Sicht der Kopfgeldjägerin verfolgen wir das Geschehen, sodass diese im Verlauf eine greifbare Figur wird, eine mit Fehlern und Eigenheiten, die impulsive Entscheidungen trifft, manchmal naiv hofft, wütend ist und bis zum Ende kämpft. Für den letzten Rest Familie, den sie noch hat, und für die Freiheit.

Aufgrund des klaren und recht einfachen Stils von Brooke Fast gelingen das Ankommen in Dividium und das Einfühlen in Raven problemlos. Nach und nach, wenn auch zumeist eher knapp und oberflächlich, bringt uns die Autorin die Gegebenheiten, die diesem für eine Dystopie typischen (Kasten-)System zugrunde liegen, das Unrecht, das Leid, die Missstände näher.

In den ersten Kapiteln bekommen wir einen Eindruck des Lebens der Unterschicht außerhalb des Gefängnistraktes – von Gesetzen und gnadenlosen Strafen über den Mangel an Credits bis hin zu dem von der Oberschicht inszenierten, gezielten Aufwiegeln der ärmeren Bevölkerungsschicht gegeneinander. Auch die Existenz des Kollektivs, einer Rebellengruppe, gibt dem Ganzen eine dunkle, Vorsicht heischende Note.

Ebenso trist und grau, von Hierarchien gespalten, von Gewalt und Überwachung gezeichnet, kam Endlock zur Geltung. Angst und Anspannung ziehen sich durch die kalten Korridore, aufgestaute Aggressionen sowie Sorge und die nagende Ungewissheit, wer als Nächstes auf Leben und Tod rennen muss. Obgleich die Art der Spiele kein neues Element ist, wirkten sie originell aufbereitet. Denn in dieser Haftanstalt bezahlen die Gutbetuchten dafür, selbst zu jagen …



„𝗪𝗶𝗿 𝗸𝗼𝗻𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗦𝗰𝗵𝘂𝗹𝗱𝗴𝗲𝗳𝘂𝗲𝗵𝗹𝗲 𝗳𝘂𝗲𝗿 𝗱𝗮𝘀 𝗹𝗲𝗶𝘀𝘁𝗲𝗻, 𝘄𝗮𝘀 𝘄𝗶𝗿 𝘁𝘂𝗻 𝗺𝘂𝘀𝘀𝘁𝗲𝗻, 𝘂𝗺 𝘇𝘂 𝘂𝗲𝗯𝗲𝗿𝗹𝗲𝗯𝗲𝗻.“



Durch eine gewisse Cliquenbildung, deren Basis auf der Verfolgung ähnlicher Ziele – Überleben und Flucht – und dem Hass auf den Oberen Sektor und die Strippenzieher beruht, bedient Fast den Found-Family-Trope auf stimmige Weise. So sind es Jed, August, Momo, Kit und Yara, die mit ihren Eigenheiten für Abwechslung sorgen und auf individuelle Weise Interesse schüren.

Wie nicht anders zu erwarten, hält „To Cage a Wild Bird“ neben aufregenden, temporeichen Momenten und solchen, die Achtsamkeit verlangen, ein Wagnis erfordern und Risiko bedeuten, auch solche bereit, die Verlust, Opfer und Wahrheiten, die alles verändern könnten, mit sich bringen. Die nach Hoffnungslosigkeit schmecken, nach bitterer Verzweiflung.

Vale, der in Raven und den anderen mehr zu sehen scheint als eine Nummer, bleibt unnahbar, ein Schemen, und ist doch die einzige Rettung. So sehr sich Raven auch gegen ihre Gefühle wehrt, wird der hochrangige Wärter, von dem sie kaum etwas weiß, zu jemanden, an den sie sich inmitten der Tristesse klammert. Aber trotz Hilfsbereitschaft und Charme sind es Vales verborgene Intentionen sowie die unbeantworteten Fragen, die dazu ermahnen, ihn mit Argwohn zu betrachten. …

Bezeichnet als Enemies-to-Lovers-Romance, war das Verhältnis von Raven und Vale weder von Feindschaft noch von Abneigung geprägt, und auch nicht sonderlich „slow“. Dies ändert aber nichts daran, dass in so manchen Diskussionen die Funken sprühen und die Dynamik Unerwartetes wie Unterhaltsames bereithält. Meiner Meinung nach haben die expliziten/anrüchigen Szenen nichts für die Story getan, schienen sie doch im Angesicht der Umstände unpassend. Statt diesen hätte ein ausgefeilteres, genauer betrachtetes Worldbuilding die Dystopie aufgewertet. Wie sich der Verlauf entwickelt und ob es Raven und ihren neuen FreundInnen gelingt, Endlock zu verlassen? Lest unbedingt selbst nach!


So viel noch: Das Ende von „To Cage a Wild Bird“ bietet zwar Spielraum für eine Fortsetzung, doch die Autorin verzichtet auf einen riesengroßen Cliffhanger und darauf, uns mitten aus der Geschichte zu reißen. Dafür gibt's auf jeden Fall einen Pluspunkt!

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Veröffentlicht am 10.12.2025

Wohlfühlstory mit Herz und Tiefe

Die geheimnisvolle Bäckerei in der rue de Paris
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Edith Lane ist mittlerweile dreißig und weiß noch immer nicht, was sie im Leben will. Den Großteil ihres Erwachsenwerdens hat sie sich selbst, ihre eigenen Wünsche und Ziele, zurückgestellt, um für ihre ...

Edith Lane ist mittlerweile dreißig und weiß noch immer nicht, was sie im Leben will. Den Großteil ihres Erwachsenwerdens hat sie sich selbst, ihre eigenen Wünsche und Ziele, zurückgestellt, um für ihre Eltern da sein zu können. Diese Entscheidung bereut die bis dato Barista keine Sekunde lang, doch nun treibt es sie in die Ferne, Richtung Neuanfang.
Eine Stellenausschreibung für eine Führungsposition in einer Bäckerei in der Hauptstadt Frankreichs kommt ihr da gerade recht. Mit ausbaufähigen Sprachkenntnissen, aber voller Tatendrang und Euphorie macht sie sich auf den Weg nach Paris.
Um erschüttert festzustellen, dass sich die bezaubernde Bäckerei nicht in der Liebesstadt, sondern in einem kleinen Dorf außerhalb befindet. Kaum ist die erste Enttäuschung abgeflaut, trifft sie schon der nächste Tiefschlag: Geneviéves Moreau, ihre zukünftige Chefin, tritt alles andere als herzlich oder gar freundlich auf. Und selbst Manu, der Auszubildende, spart an Wärme und Worten …
Eigentlich sollte sich Edie zurück -und an die Regeln halten, immerhin will sie weder die rüstige Inhaberin verärgern noch ihren Job in der Fremde und das dazugehörige Dach über dem Kopf riskieren. Doch die Auflage, der sich im Keller befindlichen Backstube fernzubleiben, und die Geräusche des Nachts, die nicht dem urigen Gemäuer geschuldet sind, treiben die Irin dazu an, dem Geheimnis der Boulangerie et Pâtisserie de Compiègne auf den Grund zu gehen, nur um etwas zu entdecken, das ihr Weltbild und ihren Glauben aus den Angeln hebt. Gleichzeitig sorgt die Wahrheit, ungeschönt, dafür, dass sie das abweisende Verhalten von Madame Moreau und die eindrucksvolle wie tragische Geschichte der Bäckerei versteht, sie fühlt.
Nichts kann sie von jetzt an noch davon abhalten, sich der Welle aus Problemen, die unaufhörlich durch die Straße schnellt und das Lebenswerk der Moreaus mit sich zu reißen droht, mit aller Macht entgegenzustellen. Selbst wenn das bedeutet, ihr Herz bei diesem Akt zerspringen zu lassen.

Bereits in den beiden vorigen Romanen von Evie Woods habe ich ihre Art, verschiedene Schicksale und Zeitebenen miteinander zu verknüpfen und alles mit einem Hauch Magie zu spicken, sehr genossen und die Geschichten fasziniert verfolgt! So auch jetzt.
„Die geheimnisvolle Bäckerei in der rue de Paris“ wird hauptsächlich aus der Sicht von Edith Lane wiedergegeben, sodass wir die junge Frau, ihre Zweifel und Ängste, ihren Verlust und die bis heute nicht abgeflaute Sehnsucht greifen können. Ebenso spürbar waren ihre Hoffnung, die der Wechsel von Wohnort und Beruf entfachte, und die Enttäuschung, die über Edie hinwegrollte. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten, die die Verständigung mit den Franzosen und Französinnen sowie die angespannte, unterkühlte Situation am eigentlich gemütlichen Arbeitsplatz mit sich brachten, überwindet die Irin ihre sprachlichen Unsicherheiten nach und nach, kommt aus sich heraus und knüpft Freundschaften. Auch der charmante, aufmerksame Hugo Chadwick hilft Edie dabei, sich einzuleben. Ihr Herz zu öffnen, ohne zu ahnen, dass der attraktive Hobby-Fotograf etwas Wichtiges vor ihr verbirgt …

Woods versteht es, emotional verletzte, nahbare und authentische Charaktere zu zeichnen und diese in Storys zu platzieren, die nicht nur relevante Themen ansprechen – Verlust, Selbstfindung, Neuanfänge oder, wie hier, das Sterben von echtem Handwerk und kleinen Betrieben –, sondern auch historische Ereignisse umreißen, Romantik und Geheimnisse beinhalten und zusätzlich etwas magisch-wundersames. An passender Stelle wird die Gegenwart unterbrochen, sodass wir etwas über Madame Moreaus Heimlichkeit und die Geschichte über ihre herzige Bäckerei erfahren. Diese Rückblenden in ein Frankreich des Zweiten Weltkriegs geben dem Roman etwas Echtes und gleichsam Tragisches.
Macht es euch gemütlich in der Boulangerie et Pâtisserie de Compiègne, denn diese Handwerksbäckerei lässt euch nicht so schnell los …

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Veröffentlicht am 10.12.2025

Originelles Worldbuilding und unterhaltsame Geschichte

The Tainted Cup
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„The Tainted Cup“ ist der Auftakt der Biopunk-Krimi-Reihe „Shadow of Leviathan“ von Robert Jackson Bennett, in der wir in eine Welt mit dystopischem Charakter geführt und mit den Auswirkungen/Möglichkeiten ...

„The Tainted Cup“ ist der Auftakt der Biopunk-Krimi-Reihe „Shadow of Leviathan“ von Robert Jackson Bennett, in der wir in eine Welt mit dystopischem Charakter geführt und mit den Auswirkungen/Möglichkeiten von Biotechnologie und Genmanipulation konfrontiert werden.

Eine skurril zugerichtete Leiche führt Dinius Kol – Gehilfe der berüchtigten Ermittlerin Ana Dolabra – in das dekadente Anwesen einer der wohlhabendsten Familien des Reiches. Doch dieser Tote ist erst der Anfang. Schon bald geraten Ana und Din in ein Netz aus Korruption und Verrat, das sich bis in die höchsten Kreise des Imperiums erstreckt …

Obgleich uns der Autor nicht nur Stück für Stück in den Mord und in die folgenden Ermittlungen einweist, sondern uns auch gemächlich in die weitreichende, äußerst komplexe Welt ,Khanum' eintauchen lässt, uns mit deren Aufbau und den Gegebenheiten, den Konventionen und Hierarchien bekannt macht, hätte ich mir in diesem Punkt noch mehr Hintergründe und Details gewünscht, um das Ganze wirklich greifen zu können.
Soviel aber: Durch das Imperium ziehen sich Ringmauern, die die einzelnen Bereiche und Schichten voneinander abgrenzen. Wichtig ist jedoch jene Barriere, die das Volk vom Meer und somit von den Leviathane, grausamen Seemonstern, abschirmt. Diese greifen das Reich jedes Jahr zur Regenzeit mit geballter Kraft an. Ein sich näherndes Ereignis, das unserem außergewöhnlichen Paar zusätzlich Druck macht. Denn schnell wird klar: Motive und potenzielle TäterInnen gibt es zuhauf …
Ebenfalls spannend: Ausgewählte Personen Khanums wurden so modifiziert, dass sie teilweise übersinnliche Kräfte oder verstärkte Sinne besitzen.

Da wir der ersten Zusammenarbeit von Ana und Din beiwohnen, sind wir auch Zeugen ihrer Annäherung, ihres Kennenlernens. Mir hat es wirklich Spaß gemacht, die zwischenmenschliche (rein berufliche/platonische) Entwicklung zu verfolgen und zugleich die beiden Individuen, ihre Eigen- und Besonderheiten kennenzulernen.
Dinius Kol, der uns durch die oft amüsante, durchweg interessante Handlung führt, hat Schwächen und seit seiner gewaltvollen Ausbildung ein Trauma, das er ebenso gut verbirgt wie seine Lüge. Der Gravierer ist neugierig, manchmal naiv, aber pflichtbewusst, ruhig und loyal. Im Gegensatz zu Ana: exzentrisch, eigenwillig, schräg – beschreibt diese Frau mittleren Alters, die unkonventionell und gleichzeitig beeindruckend präzise agiert, perfekt. Wenig Wert legt sie auf Höflichkeit und Anstand, was sie nicht nur sympathisch macht, sondern auch etwas Spritziges und Direktes in die Geschichte bringt, unverfroren und frei heraus.
Der Autor versteht es, in seine durchaus langsame, strukturierte Story Sarkasmus und Charme einfließen zu lassen und mit Überraschungen, Spitzzüngigkeit und Spannungsmomenten für Abwechslung zu sorgen. Geschickt wird uns innerhalb der fortschreitenden Ermittlungen eine Schar Verdächtiger präsentiert. Bennett verführt sowohl die LeserInnen als auch die Protagonisten zu, basierend auf den Hinweisen, logischen Vermutungen und schafft so Misstrauen gegenüber dem Einzelnen. Die Möglichkeit der Modifikation fasziniert ebenso sehr wie das im Fokus stehende, sich ergänzende Duo. Der Stil ist detailreich, schnörkellos und recht modern.

Ohne Frage benötigt „The Tainted Cup“ Aufmerksamkeit und Konzentration, aber ist mensch einmal im Denken und Wirken von Ana Dolabra und Dinius Kol angekommen, sieht sich mit Verrat und Intrigen konfrontiert, mit Mord und Anschlägen, entfaltet dieses Buch einen ungeahnten Sog.
In „Shadow of Leviathan“ trifft Biopunk-Crime auf Low-Fantasy, Politik auf schräge Charaktere. Ich bin sehr auf weitere Eindrücke der Welt und neue Fälle des Duos gespannt. „A Drop of Corruption“ erscheint bereits im Mai 2026 in der deutschen Übersetzung.

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Veröffentlicht am 10.12.2025

Historische New-Adult-Romance mit düsterer Atmosphäre

Society of Death. Von Rache verführt
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„Von Rache verführt“ ist der Auftakt der Dilogie „Society of Death“, in der uns Regina Meissner in das Jahr 1875 führt. Mitten hinein in eine Geschichte, die von melancholischen Tönen durchzogen ist, von ...

„Von Rache verführt“ ist der Auftakt der Dilogie „Society of Death“, in der uns Regina Meissner in das Jahr 1875 führt. Mitten hinein in eine Geschichte, die von melancholischen Tönen durchzogen ist, von Geheimnissen, die niemals ans Licht kommen sollten, und von Gefahren, die weit über studentischen Schabernack hinausgehen …

Vorab: Dieses Buch ist stimmig abgeschlossen und als Einzelband lesbar.

Wir lernen Victoria Foster als starke und selbstbewusste, wissbegierige und vielseitig interessierte Frau kennen, untypisch, zugleich jedoch erfrischend für die damalige Zeit. Als Tochter des Bürgermeisters von New Haven genießt die Protagonistin zwar ein gehobeneres Ansehen, doch letztlich sind es ihre beste Freundin und ihr geliebter Bruder, die ihr Leben mit Freude erfüllen. Dabei werden Nathaniels Tage stetig dunkler …
Victoria versucht alles in ihrer Macht stehende, um ihm zu helfen, tritt selbst den ,New Haven Circle for Mind Studies’ bei, um mehr über die Krankheit des Geistes, über die Melancholie und die Schwermut, die auch von dem 28-Jährigen Besitz ergriffen hat, herauszufinden. Doch jegliche Mühe reichte nicht. Aber statt in Trauer und Schuldgefühlen, in Wut, zu ertrinken, fokussiert sich Victoria auf die Suche nach der Wahrheit. Denn sie ist sich sicher, dass sich Nathaniel Foster nicht umgebracht hat, dass er sie niemals ohne ein Wort verlassen hätte …

Emery Grant studiert an der Yale-Universität Medizin, nicht, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, sondern um nie wieder untätig zusehen zu müssen, um nie wieder nutzlos zu sein. Mit der leisen Hoffnung, seine Mutter eines Tages aus jenem Loch zu befreien, in das er sie gestoßen hat; um Buße zu tun. Druck, Input und der Drang, Erwartungen zu erfüllen, sind groß. Doch mit dem Eintritt in die Studentenverbindung „Skull & Bones“ scheint seine Zukunft eine glorreiche zu werden. Eine, für die es sich lohnt, Opfer zu bringen.

Als sich Emery und Victoria bei einer Vorlesung über das Thema, das beide beschäftigt und begleitet, innerhalb der elitären Akademie begegnen, ist sie sofort da. Diese Verbindung. Keiner der beiden ahnt, dass ihre Beziehung schon bald eine Wendung einschlägt, die weder Liebe noch Vergebung aufwiegen kann …

In ihrem gewohnt souveränen Stil, mit vielen Details, greifbaren Empfindungen und Tiefe, in eher ruhigen Tönen, erzählt Regina Meissner ihre Romance, die dem Genremix entsprechend ausbalanciert ist. Heißt: Das historische Feeling – inklusive Gebaren und Konventionen – wurde wunderbar, sehr authentisch ausgebaut, die romantische Komponente ist unumstritten präsent, jedoch ist Victorias Priorität – unabhängig zarter Schmachter – die Aufklärung des Todes ihres Bruders. Spannende, beklemmende Sequenzen sind der dichten Stimmung zuträglich, während wir in Emerys Perspektive – hauptsächlich zu Beginn – mit der geheimnisumwobenen Studentenverbindung konfrontiert werden. Die „Skull & Bones“ basieren übrigens auf vagen Tatsachen, was deren brutales, verborgenes Vorgehen nur noch erschreckender macht. Dabei bin ich bis zum Schluss nicht sicher, welchem Sinn oder welchem Ziel die Gruppierung nachjagt, aber sei's drum. Im Gegensatz zu den Dark-Academia-Vibes schwappte die skrupellose Bruderschaft und die von ihr ausgehende Bedrohung/Gefahr wellenartig, zumeist subtil durch den Verlauf.
Meissner platzierte um ihre Protagonisten einige Irrungen und Mysterien, stellte sie vor Hürden und schockierende Offenbarungen, zwang sie, hinzusehen. Die Nebenfiguren blieben größtenteils Schemen, dennoch sind es vor allem Elodie, die Freundschaft symbolisiert und mit ihren eigenen Konflikten Neugier schürt, und Victorias Vater, der für eine Überraschung gut ist.

Während wir Victoria bei ihrer Recherche begleiten, die sie immer tiefer in ein Netz aus Machtspielen und Manipulationen führt, sie dazu drängt, sich mit ihrem Verlust auseinanderzusetzen und ihn zu akzeptieren, kommen wir auch Emery, seinem problematischen Verhalten, seinen Prioritäten und Intentionen näher. Obgleich Ungesagtes zwischen den beiden steht, bedingungsloses Vertrauen fehlt und Regeln, gepaart mit Angst, der vollkommenen Offenheit im Wege stehen, das Bedauern über ihre Situation zu spüren ist, sind die zarten Gefühle da. Sind laut und nagend. Der Wunsch, die Hoffnung, auf ein Gemeinsam. Aber manche Vergehen und Lügen wiegen schwerer als die Liebe …

„Von Rache verführt“ ist eine historische Romance, die gleichermaßen Aufregung wie Längen, Melancholie und Romantik bereithält, die berührt und wichtige Themen – bspw. Depressionen, Sucht und Trauer – anschneidet. Regina Meissner betrachtet außerdem die damalige Stellung und Unterdrückung der Frau, zeigt, wie diese von Wissen ferngehalten, bewusst kleingehalten wurden, wie machtvoll und sicher schon immer Rang und Namen waren. Aber Victoria weiß, was sie will, ist bereit, alles und jeden loszulassen, um ihr Leben nach ihren eigenen Maßstäben und Zielen, losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen, auszukosten. Und ob Emery einen Platz in ihrer Zukunft hat? Das solltet ihr selbst herausfinden. Aber macht euch auf unerwartete Wendungen gefasst …
„Von Liebe befreit“ erscheint im April 2026 und ich bin bereits jetzt sehr gespannt auf die Charaktere, die wir dann kennenlernen werden.

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Veröffentlicht am 10.12.2025

Romance mit spannenden Sequenzen und brisanten Themen

Was die Nacht nie vergisst
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„Was die Nacht nie vergisst“ ist die neueste Romance von Justine Pust, in der uns die Autorin hinter den Glanz der Reality-TV-Shows blicken lässt, während wir zugleich in ein atmosphärisches Finnland und ...

„Was die Nacht nie vergisst“ ist die neueste Romance von Justine Pust, in der uns die Autorin hinter den Glanz der Reality-TV-Shows blicken lässt, während wir zugleich in ein atmosphärisches Finnland und in zahlreiche Geheimnisse eintauchen können.

Mona Heyne ist eine in Deutschland bekannte, polarisierende Streamerin, die sich auf ihrem Social-Media-Kanal u. A. für das Tierwohl starkmacht und nicht davor zurüeckt, Promis mit ihrem rücksichtslosen Verhalten zu konfrontieren. Jetzt hat die junge Veganerin als eine von 6 Teilnehmenden der Show „Celebrity Cache“ die Chance, 500.000 Euro und Reichweite zu gewinnen. Niemand soll erfahren, dass sich Mona weder des Geldes noch des Ruhmes wegen in den Flieger setzt …
Erst am Tag des Drehbeginns lernt die Deutsche ihre Konkurrenz kennen – mit Samu hat sie hier jedoch ganz und gar nicht gerechnet. Immerhin ist der attraktive Sportler ihr One-Night-Stand der letzten Nacht. Aber damit nicht genug: Schnell sieht sich Mona in ihrem Verdacht, dass hinter den Kulissen etwas im Argen liegt, bestätigt. Irgendjemand will sie nicht in der Show sehen und hat sie mit einer Zielscheibe versehen. So gilt Monas größte Sorge nicht den Schnitzeljagden, ihrem öffentlichen Auftreten oder den fünf anderen Online-Stars. Sondern ihrer eigenen Sicherheit. Und der Wahrheit.
Wildcard-Kandidat Samu kann sich kaum etwas Demütigenderes vorstellen, als tagelang mit den Möchtegern-Promis live vor der Kamera zu posieren. Doch um das Preisgeld zu gewinnen, ist der Finne bereit, Tausenden etwas vorzugaukeln, darauf bedacht, zu keiner Zeit seine Fassade fallen zu lassen. Zu viel steht für ihn und seine Familie auf dem Spiel.

Zwei Teilnehmende einer Reality-TV-Sendung – sie, die einen Skandal aufdecken und Gerechtigkeit, und er, der seine Lüge vertuschen und ein Versprechen halten will.
Zwei Menschen, die eine Rolle einnehmen, um ihre Ziele zu verfolgen. Und einander dabei näherkommen als in ihrer gemeinsamen Nacht.

♡„Sie wollen uns zum Schweigen bringen, aber diese Zeiten sind vorbei. Ich werde nichts sagen, ich werde schreien, bis sie endlich zuhören.“

„Was die Nacht nie vergisst“ wird aus wechselnder Perspektive von Mona und dem ihr nicht unbekannten Newcomer erzählt. So werden nicht nur die Intentionen beider, ihre persönlichen Geschichten und Hintergründe greifbar, sondern auch ihre individuellen Erfahrungen innerhalb der Show. Neben unterhaltsamen und aufschlussreichen Dialogen, den Aufgaben, die die WettstreiterInnen erfüllen müssen, und Konflikten innerhalb der Gruppe halten diverse Vorfälle und bedrohliche Nachrichten das Interesse aufrecht. Zwar sind die Fragen nach dem „Warum?“ und „Wer?“ in Mona präsent, doch die Tierschützerin ist nicht bereit, sich von ihrer Recherche abhalten zu lassen. Was ist ihrer besten Freundin, die „Celebrity Cache“ im letzten Jahr als Gewinnerin verlassen hat, geschehen? …

Durchbrochen werden die gegenwärtigen Ereignisse durch Rückblenden, die dem Verlauf wie den Protagonisten Substanz verleihen, und einfühlsam geschriebene, nahezu poetische und bewegende Tagebucheinträge von Fine Garo. Auch bekommt das Format der Sendung, bspw. durch Regeln, Protokolle der Einzelinterviews, Pressemitteilungen und Auszüge aus den Kommentarspalten von Social-Media, eine sich selbst tragende Dynamik. Dank der Anonymität des Internets ist es leicht, öffentlich zu verurteilen, theoretisch Fremde herabzuwürdigen und Hass zu speien. Angestachelt von fragwürdigen Schlagzeilen bekommt die Storyline durch dieses reale Verhalten eine explosive – dabei alltägliche – Note. Pust erinnert daran, dass das, was wir auf dem Bildschirm sehen, nicht mehr ist als zusammengeschnittene Fragmente, die ein möglichst verwerfliches und dramatisches Bild zeigen sollen. Was tatsächlich dahintersteckt und passiert, wenn die Kameras aus sind, weiß niemand. Darf niemand wissen. Alles für die Quote … Alles für Sichtbarkeit und die Demonstration von Macht.

Nahbar kamen Mona und Samu zur Geltung, während die restlichen TeilnehmerInnen mehr oder weniger typische Klischees erfüllten – und/oder durchbrachen. Ira, Pamela und Mona – und ihre in großen Teilen sich gleichenden Erfahrungen – spiegeln die Stellung und die Betrachtung des weiblichen Geschlechts im Showbusiness wider. Von Sxualisierung, Sxismus, Missbrauch, Erpressung (…) bis hin zum Wegsehen der Zuständigen, zu den Zuschauenden, die anstacheln und bewerten, den Betroffenen, die ertragen und zum Schweigen gebracht, unter Druck gesetzt werden. Denn wer glaubt ihr? Einer Frau im Minirock, einer Frau, die so oft JA sagte, einer Frau, die sich an der Stange räkelt, die offen spricht?
Wer glaubt dir?

Abgesehen von diesen wichtigen, brisanten Aspekten, die viel mehr und noch immer Aufmerksamkeit benötigen, sind auch Verlust und Trauer, Existenzängste und Schuld, Tierwohl und -schutz, Freundschaft, Zusammenhalt und Frauenpower tragende Punkte dieser New-Adult-Romance.
Justine Pust führt uns in einem klaren, authentischen Stil durch den wendungsreichen, oft melancholischen, nachdenklich stimmenden Verlauf, der reich an Emotionen ist, an spannenden und aufregenden Momenten, an berührenden Aussagen und Szenen, an ernsten Themen und der einen oder anderen überraschenden Offenbarung.
Sowohl das verschneite Finnland als auch das Show-Setting waren bildreich inszeniert und wurden immer wieder von einer angespannten Stimmung, einer unbehaglichen Atmosphäre, durchtränkt.
Ausreichend Menschen werden sich mit den hier geteilten Geschichten und Empfindungen der Frauen identifizieren können, sich vielleicht selbst sehen. Mitfühlen. Und – wie ich auch – einen Hauch Verständnis empfangen.
Was die Streamerin mit ungeahnter Hilfe am Ende ans Licht zerrt? Findet es heraus. Redet darüber. Lasst euch nicht zum Schweigen bringen.

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