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Frau_Lentge

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2025

✨ Für alle, die verstehen wollen, dass „damals“ nie abgeschlossen ist.

Treppe aus Papier
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Ein Haus erzählt. Kein Mensch, kein Ich, sondern Mauern, Dielen, Ritzen. Ein originelles Erzählexperiment, das Erinnern und Erzählen neu denkt: Räume werden zu Archiven, Sprache zu Spurensicherung.

Szántós ...

Ein Haus erzählt. Kein Mensch, kein Ich, sondern Mauern, Dielen, Ritzen. Ein originelles Erzählexperiment, das Erinnern und Erzählen neu denkt: Räume werden zu Archiven, Sprache zu Spurensicherung.

Szántós Stil ist fragmentarisch, rhythmisch, manchmal wie eine Liste, manchmal wie ein Echo. Literaturwissenschaftlich spannend, weil die Form das Thema spiegelt: Erinnerung ist nie linear, sondern brüchig, widersprüchlich, voller Leerstellen – so wie die deutsche Geschichte selbst.

👉 Gesellschaftspolitisch relevant: Vergangenheit vergeht nicht. Sie hallt nach, auch in der Gegenwart. Mit Nele Bittner (15, später 16) gibt es eine junge Protagonistin, die Fragen stellt, die sich der Familiengeschichte stellt und so Verantwortung neu verhandelt.

Treppen aus Papier ist mehr als „nur“ ein Beitrag zur Erinnerungskultur. Es ist ein Text über das Schweigen und die Sprache, über das Nicht-Erzählen und das Neu-Zusammensetzen. Ein Roman, der zeigt, dass Literatur Räume öffnen kann, in denen Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch kommen.

Veröffentlicht am 22.08.2025

👉 Perfekt für alle, die feministische, historische Romane lesen möchten, ohne dass es zu schwer oder überfordernd wird.

Die Frauen der Familie Flores
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Ein Familienfluch, Frauen, die zurückbleiben und ein Netz aus Fäden, das zu einem Symbol für Widerstand wird. Angélica Lopes hat mit Die Frauen der Familie Flores einen Roman geschrieben, der sich eindringlich, ...

Ein Familienfluch, Frauen, die zurückbleiben und ein Netz aus Fäden, das zu einem Symbol für Widerstand wird. Angélica Lopes hat mit Die Frauen der Familie Flores einen Roman geschrieben, der sich eindringlich, aber gleichzeitig zugänglich liest.

Ich sage es mal so: Das Buch ist vielleicht nicht das beste, was ich je gelesen habe – aber gerade deshalb möchte ich, dass viele Menschen es lesen. Es eignet sich unfassbar gut für alle, die Lust auf einen feministischen Roman haben, ohne gleich in extrem hochtrabende oder retraumatisierende Stoffe einzutauchen. Die Einstiegshürde ist niedrig, man braucht kaum Vorwissen über Geschichte oder Geografie – Schulwissen reicht völlig.

Was mich wirklich berührt hat, ist die weibliche Solidarität, die durch jede Seite hindurchscheint. Diese Verbundenheit zwischen den Frauen, ihre stille, fast unzerbrechliche Stärke, war für mich das Herzstück des Buches. Männer gibt es natürlich in der Geschichte, aber sie nehmen kaum Raum ein und genau das hat mir gefallen. Hier stehen endlich Frauen im Zentrum, ohne dass ihre Geschichten zur Randnotiz degradiert werden.

Vielleicht werde ich dieses Buch nicht hundertfach empfehlen. Aber es bleibt für mich trotzdem ein wichtiges, wertvolles Leseerlebnis – eines, das zeigt, wie weibliche Solidarität nicht nur rettet, sondern Generationen verbindet. 🕸️💜

*Rezensionsexemplar

Veröffentlicht am 17.08.2025

Dieses Buch tut weh, weil es zeigt: Der Abgrund ist nicht fern, er wohnt nebenan. Und genau das ist seine literarische und gesellschaftspolitische Sprengkraft.

Heimat
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Dieses Buch hat mich kalt erwischt. So schmal der Roman ist, so lange wird er in mir nachhallen. Lühmann gelingt es, mit erschreckender Präzision sichtbar zu machen, wie harmlos verpackte Ideologien unsere ...

Dieses Buch hat mich kalt erwischt. So schmal der Roman ist, so lange wird er in mir nachhallen. Lühmann gelingt es, mit erschreckender Präzision sichtbar zu machen, wie harmlos verpackte Ideologien unsere Gegenwart vergiften.

In der Figur Karolin steckt das gesamte Paradox der »Tradwife«-Szene: Ein Frauenbild, das vorgibt, emanzipatorisch »gewählt« zu sein, tatsächlich aber die Rückkehr zu ultrakonservativen Mustern feiert – und das in einer hippen, fast glamourösen Verpackung. Es ist dieser Widerspruch, der Jana nicht loslässt – und uns Leser:innen ebenso. Denn wer kennt nicht diesen kurzen Moment der Faszination für ein scheinbar „geordnetes“ Leben? Lühmann zwingt uns, genau dort hinzusehen, wo Bequemlichkeit in politische Gefahr kippt.

📚 Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist Heimat ein Meisterstück der Verdichtung: Der Text arbeitet mit Spiegelungen, Ambivalenzen, Schweigen. Das Private ist hier radikal politisch – Nachbarschaft wird zum Mikrokosmos des Rechtsrucks.

💡 Feministisch gelesen entlarvt der Roman nicht nur internalisierte Misogynie, sondern auch den perfiden Charme einer Ideologie, die Frauenrechte unterwandert, indem sie Lifestyle-Ästhetik mit reaktionären Werten koppelt. Das macht Heimat so beunruhigend aktuell.

Veröffentlicht am 17.08.2025

Feministisch, literarisch raffiniert, gleichzeitig voller Herz. Eine absolute Überraschung und definitiv ein Highlight!

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Selten hat mich ein Buch so unerwartet getroffen. Ich dachte erst: Hochzeitsszenario = Kitschgefahr. Aber was Alison Espach hier schafft, ist das Gegenteil: ein schonungslos ehrlicher, gleichzeitig absurd ...

Selten hat mich ein Buch so unerwartet getroffen. Ich dachte erst: Hochzeitsszenario = Kitschgefahr. Aber was Alison Espach hier schafft, ist das Gegenteil: ein schonungslos ehrlicher, gleichzeitig absurd komischer Roman über das Leben am Abgrund – und über Begegnungen, die uns retten können.

Phoebe hat mich vollkommen eingenommen: widersprüchlich, verletzlich, gleichzeitig unfassbar klug erzählt. Genau solche Figuren braucht die Literatur – Frauen, die nicht „perfekt“ sein müssen, um bedeutsam zu sein. Daneben Lila, die perfekte Ergänzung, weil sie zeigt, wie sehr wir alle in vorgefertigten Rollen gefangen sind.

Was mich am meisten bewegt hat: Wie Espach Sprache einsetzt, um diese Rollen sichtbar zu machen – mal ironisch, mal tief berührend. Ein Hochzeitsroman, der eben nicht von der Hochzeit handelt, sondern von Freiheit, Identität und der Frage, wie man weiterlebt, wenn man eigentlich nicht mehr kann.

Und ja: Ich liebe jede einzelne Interaktion zwischen Phoebe und den Menschen um sie herum. Weil darin eine Wahrheit steckt, die größer ist als jede „Happy End“-Erzählung.

Veröffentlicht am 13.08.2025

🖤 Für alle, die Fantasy lieben, in der Macht, Moral und Menschlichkeit neu verhandelt werden.

Das Lied der Krähen
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Düster, clever, voller Ecken und Kanten – Das Lied der Krähen ist keine 08/15-Fantasy. Bardugo schmeißt uns mitten in Ketterdams Gassen, wo Machtspiele genauso gefährlich sind wie Messer im Rücken.

Und ...

Düster, clever, voller Ecken und Kanten – Das Lied der Krähen ist keine 08/15-Fantasy. Bardugo schmeißt uns mitten in Ketterdams Gassen, wo Machtspiele genauso gefährlich sind wie Messer im Rücken.

Und dann diese Figuren: keine strahlenden Heldinnen, sondern Überlebenskünstlerinnen mit gebrochenen Knochen und noch gebrocheneren Herzen. Inej und Nina? So viel mehr als Love Interests – sie navigieren patriarchale Machtstrukturen mit Klinge, Witz und unerschütterlicher Selbstbestimmung.

Aus literaturwissenschaftlicher Sicht spannend: Bardugo unterläuft das klassische Helden-Narrativ. Hier geht es nicht um Auserwählte, sondern um moralisch graue Figuren, deren Entscheidungen zwischen Überleben und Schuld balancieren.

Der Anfang? Ein bisschen Chaos – aber sobald die Krähen zusammenfinden, liest sich das wie ein perfekt orchestrierter Coup: schnell, gefährlich, emotional.

🖤 Für alle, die Fantasy lieben, in der Macht, Moral und Menschlichkeit neu verhandelt werden.