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Veröffentlicht am 24.12.2024

Eine Übersetzung für den Müll?

Vertraute Welt
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Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner ...

Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner schmutzigen Seite. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn er blickt auf eine Kindheit in einem Slum auf der sogenannten "Blumeninsel" einer riesigen Mülldeponie vor den Toren Seouls. Zeitlich ist der Roman in den 1980ern verortet, bevor es zu einer Renaturierung des Gebietes kam und sich damals noch die Arbeitsbrigaden durch Berge von Zivilisationshinterlassenschaften wühlten, um diese zu sortieren. Aber diese Arbeiter*innen lebten dort eben auch mit ihren Familien, wie es noch bis heute überall auf der Welt der Fall ist. Dort lebt nun auch der Hauptprotagonist Glupschaug mit seiner Mutter, dem Stiefvater und dem Stiefbrüderchen. Sie müssen arbeiten und sollen nebenher noch ein normales Leben führen. Aber geht hier Normalität? Zum Glück in der Erzählung von Hwong Sok-Yong schon und das macht diese Lektüre auch etwas heiterer als erwartet.

Grundsätzlich wird aus dieser inhaltlichen Beschreibung schon deutlich, wie ethisch-moralisch wichtig das Thema ist, vor dem niemand seine Augen verschließen sollte. Wovor man bei der Lektüre jedoch am liebsten die Augen verschließen möchte ist die Übersetzung. Ganz ehrlich: Ich glaube noch nie eine so altbackene, verstaubte und über weite Strecken hinweg sogar grandios unpassende Übersetzung gelesen zu haben. Leider kann ich in Ermangelung der sprachlichen Kenntnisse das koreanische Original nicht zum Vergleich lesen, bin mir aber sicher, dass hier in der Übersetzung einiges schiefgelaufen ist. Da werden erzwungene Formulierungen gesucht, prägnante Phrasen auf wenigen Seiten immer wieder wiederholt, obwohl Abwechslung angesagt wäre, und vor allem wird in einer veralteten Art und Weise bagatellisiert. Fast schon hätte ich mich während des Lesens daran gewöhnt, als aber eine Katastrophe über die Deponie und deren Bewohner hineinbricht, wurde es mir definitiv zu viel des Schlechten.

So verliert der Roman leider massiv an erzählerischer Sprengkraft und mich verliert er als interessierte Leserin. Außerdem hätte mir auch eine ausführlichere Nutzung der magischen Elemente, welche aus diesem Kulturkreis durchaus bekannt sind, gefallen. Auch wird eine liebgewonnene Figur einfach aussortiert, wie es nun einmal auf dem Müll der Fall ist, hier aber nicht hätte in dieser Form hingenommen werden müssen. Schade.

Insgesamt handelt es sich hierbei aus meiner Sicht durchaus um einen guten Roman, der dreieinhalb Sterne verdient hätte, jedoch durch die Übersetzung dermaßen an Qualität verliert, dass ich mich für die Tendenz nach unten - und damit nur zwei Sterne - entschieden habe.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Blockbuster mit nicht nur (!) philosophischem Tiefgang

Die Anomalie
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Die namensgebende Anomalie ereignet sich im Juni 2021 (beachte das Buch wurde in 2020 erstveröffentlicht), indem ein Flugzeug als Duplikat seiner selbst nebst aller Insassen drei Monate nach seiner ersten ...

Die namensgebende Anomalie ereignet sich im Juni 2021 (beachte das Buch wurde in 2020 erstveröffentlicht), indem ein Flugzeug als Duplikat seiner selbst nebst aller Insassen drei Monate nach seiner ersten Ankunft erneut in New York landen will. Was mit den Menschen an Bord passiert und den restlichen rund acht Milliarden Menschen auf der Welt passieren könnte, wird auf den nur rund 350 folgenden Seiten behandelt. Nebenbei oder hauptsächlich - das ist Ansichtssache - schlüsselt Tellier auch noch mögliche wissenschaftliche Erklärungen für ein solches Phänomen ebenso wie philosophische und religiöse Überlegungen zum Thema auf.

Das alles verpackt der Autor in einen auf der Oberfläche packenden, fast thrillerhaften Roman um zwei Dutzend der Passagiere. Hier werden in der Tiefe Gedankenexperimente angestoßen und zur weiteren Verarbeitung bei den Lesern hinterlegt. Exzellent stellt Tellier fast minutiös dar, wie Geheimdienste, Wissenschaft und Politik auf ein solch unwahrscheinliches Ereignis reagieren würden. Gerade diese Darstellung finde ich besonders gelungen. Das alles passiert aber auch nicht ohne Witz. Gerade durch die schnell herangerufenen Mathematiker*innen kommt es beim Lesen häufig zum Schmunzeln, nie über sie sondern immer mit ihren Ideen.

Kurz dachte ich beim Lesen, ich müsste dem Autor ankreiden, dass er es mit dem Witz dann doch etwas übertreibt, wenn der (nach der Vorstellung des Autors wiedergewählte) Donald Trump aufs Tapet gebracht wird. Dessen einfältigen Kommentare zur Ausnahmesituation wirken zunächst allzu auf den Lacher aus. Bei näherer Betrachtung und mit Einbeziehen der vielen Quellen über ihn, muss jedoch angenommen werden, dass das weniger satirische Überhöhung ist, als vielmehr eine vermutlich nahe Darstellung seiner Art. Eine naive, äußerst einge- bzw. beschränkte Art, die unfreiwillig komisch wirken muss inmitten all dieser zusammengerufenen Experten auf ihrem Gebiet.

Für mich war dieses Buch ein absoluter Pageturner und gleichzeitig Anlass für tiefgründigere naturwissenschaftliche, philosophische, religiöse wie auch politische Gedankengänge. Ich möchte das Buch einfach jedem empfehlen, denn selbst wer weniger nachdenken möchte und eher das Leseerlebnis eines etwas anderen Thrillers genießen möchte, kommt hier auch auf seine Kosten. Wenn nebenbei noch Überlegungen zu unserer menschliche Existenz angeregt werden, umso besser.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Wenn zwei chatten ... trotzdem

Trotzdem
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Interessant ist an diesem Büchlein (75 Seiten Text in den Abmessungen 10x15cm!) vor allem die Entstehung des Diaglogs zwischen Ferdinand von Schirach und Alaxander Kluge. Beide Juristen, beide auch Schriftsteller. ...

Interessant ist an diesem Büchlein (75 Seiten Text in den Abmessungen 10x15cm!) vor allem die Entstehung des Diaglogs zwischen Ferdinand von Schirach und Alaxander Kluge. Beide Juristen, beide auch Schriftsteller. Denn sie haben am 30. März 2020 wenige Wochen nach dem Ausrufen des Lockdowns miteinander zum Thema "Grundrechtseinschränkungen zum Schutze der Menschen" miteinander gechattet. Der Text ist in den Vormittag und Nachmittag des genannten Tages eingeteilt und wechselt zwischen Kommentaren von Schirach und Kluge hin und her.

Kurz, knapp und prägnant diskutieren sie die Einschränkungen der Rechte des Volkes im Rahmen einer Pandemiebekämpfung. Meiste wird sich der Ball eher zugespielt, um dann mit eigenem Wissen aufwarten zu können. Eine richtige "Diskussion" entsteht weniger. Es gibt einen knappen geschichtlichen Abriss und historische Denkansätze von philosophischen Größen präsentiert. Das ist durchaus interessant, manchmal aber auch langweilig. Gefühlt springen die Juristen hier zwischen den Themen hin und her, kommen aber schlussendlich doch wieder auf die Grundfrage zurück. So wirkt das Buch weniger wie ein realer Chatverlauf, als vielmehr ein in Ruhe durchdachtes Mini-Projekt in Lockdown-Zeiten. Inwieweit die Nachrichten tatsächlich genauso wie abgedruckt zwischen den beiden verschickt wurden, würde mich wirklich interessieren. Ich würde es beieindruckend finden, wenn Menschen so gebildet und pointiert in Echtzeit schreiben und zitieren können.

Was mich inhaltlich einfach störte, aber an der Stelle schlicht die Meinung von Schirach darstellen kann, und ihm nicht abzusprechen, aber doch zu kritisieren ist, ist ein Kommentar seinerseits zu den "westlichen Werten" in "normalen Zeiten": Diese würden sich in den genannten "normalen Zeiten" "darin erschöpfen, dass wir im Supermarkt zwischen 146 verschiedenen Joghurtsorten wählen können, Oder dass es im Internet für jede erdenkliche sexuelle Verwirrung eine Plattform gibt". Spricht er hier von "sexuellen Verwirrungen" im Sinne sogenannter "sexueller Divianzen" (wie Pädophilie) oder meint er Geschlechtsidentitäten? Das eine oder das andere in einen Topf mit Joghurtsorten zu werfen, finde ich merkwürdig, wenn nicht gar zweifelhaft.

Nun ja, insgesamt gab es schon ein paar Denkansätze zu philosophischen Theorien der Vergangenheit. Einen bleibenden Eindruck konnte das Buch, eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung und bei anhaltender Pandemiesituation sowie nach verschiedensten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht wirklich bei mir hinterlassen. Es ist jedoch schnell gelesen und schadet zumindest nicht dem Allgemeinwissen. Fraglich bleibt, ob der Text im Format eines Buches wirklich hat veröffentlicht werden müssen, oder ob dieser Diskurs nicht auch in der Form als Beitrag z.B. im ZEIT Magazin hätte erscheinen können. Meines Erachtens hätte dies auch "ausgereicht".

Veröffentlicht am 24.12.2024

Klare Empfehlung: Ganzheitlicher Ansatz für eine gesunde Ernährung

Gesunde Ernährung heute und morgen
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Die Psychologin Fionna Zöllner und ihr Vater, der Ernährungs-Doc Jörn Klasen, fassen in diesem ansehnlichen Sachbuch alles zusammen, was man nach neustem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema "Gesunde ...

Die Psychologin Fionna Zöllner und ihr Vater, der Ernährungs-Doc Jörn Klasen, fassen in diesem ansehnlichen Sachbuch alles zusammen, was man nach neustem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema "Gesunde Ernährung" wissen muss.

Sie gehen u.a. genaustens auf die einzelnen Bestandteile unserer (möglichen) Ernährung ein. Erklären Verdauungsprozesse und die Wirkung verschiedenster Lebensmittel(-bestandteile) auf unseren Körper und Gesundheit. Für einen gesunden Lebensstil werden außerdem ganzheitlich noch z.B. die Themen Bewegung, Stress und Gewohnheiten erörtert. Zum ganzheitlichen Ansatz gehört für die beiden Autorinnen jedoch nicht "nur" der Blick auf den gesamten Menschen sondern eben auch auf dessen Umwelt - unseren Planeten. So werden gekonnt in jedes Kapitel auch immer wieder Hinweise zu umweltfreundlichem und klimaschonendem Essverhalten gegeben. Alle Kapitel und Unterkapitel werden durch einen wunderbar knackig formulierten Take-Home-Massage-Kasten vervollständigt, sodass das soeben Gelesene konkret in die Umsetzung gehen oder man später noch einmal die Kernaussagen nachschauen kann.

Alle Fakten, Hinweise, Erklärungen und Empfehlungen sind hieb und stichfest wissenschaftlich hergeleitet und weit weg von Aufmerksamkeitshascherei, welche ja leider beim Thema Ernährung zu häufig angewendet wird. Mich überzeugten bereits die einleitenden Worte, durch welche die Autor
innen klar machen, dass sie ausschließlich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zurückgreifen und wie diese gewonnen werden. Meines Erachtens kann man diesen wissenschaftlichen Prozess heutzutage nicht oft genug betonen. Alle Aussagen werden durch Verweise auf das ausführliche Quellenverzeichnis gestützt. Zusätzlich gibt es noch persönliche Leseempfehlungen im Anhang.

Insgesamt hat mich dieses umfassende Buch zum Thema "Gesunde Ernährung" wirklich vollständig und ohne Abstriche überzeugen können. Ich kann und werde es jedem empfehlen zu lesen. Denn Verbesserungsbedarf gibt es sicherlich bei jedem und jeder von uns. Wenn ich mehr als fünf Sterne vergeben könnte, ich würde es tun.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mehr Menschlichkeit, weniger Ideologie

Über Menschen
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Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" ...

Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" begrenzt Zeh in diesem Roman den Blick jedoch auf nur eine Protagonistin und deren Erlebnisse. Dora, welche der Stadt entflieht und in einem Dorf in Brandenburg vor Berliner Corona-Aufregung und dogmatischem Freund Schutz sucht. Dort entwickelt sich, für sie unerwartet, eine Nähe zum Dorf-Nazi und den politisch nicht immer korrekt eingestellten Dorfbewohnern.

Gewohnt süffig und durchaus witzig beschreibt Zeh nun die Annäherung zwischen Städterin und Dörflern. Leider ist der Plot zu überzufällig-märchenhaft angelegt und wenig überraschend. Es menschelt gar sehr im neuen Roman, wobei man zugeben muss: Er heißt ja nun einmal "Über Menschen". Für Leserinnen aus dem städtischen Mittelstand (laut stereotypen Bild) könnten hier noch neue Erkrenntnisse lauern, für ländliche oder offenere Leserinnen wohl eher weniger. Denn wer z.B. sowieso schon in einem Dorf mit 50% AfD-Wählern lebt, wird eines schon kapiert haben: Auch diese Menschen, so wenig man deren Einstellungen mag oder teilt, sind Menschen und können durchaus auch unerwartet nette Dinge tun.

Die Dramaturgie des Romans ist knackig und flott angelegt. So könnte man sich gut eine Verfilmung vorstellen. Mir war das Ganze manchmal schon fast ein wenig zu sehr Richtung Kitsch geneigt.

Und trotzdem: Zeh konnte mich einmal mehr fesseln und erreichen mit ihrem Roman. Zwar weniger als noch mit "Unterleuten", trotzdem handelte es sich um eine durchaus lohnenswerte Lektüre.