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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein Feuerwerk der Sprache

Herzklappen von Johnson & Johnson
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Dieses Buch ist bezogen auf seine Sprache so erlesen wie ein Feuerwerk. Ständig knallt es, bunte Funken sprühen und man kann nur staunen ob der schriftstellerischen Fähigkeiten von Valerie Fritsch. Nur ...

Dieses Buch ist bezogen auf seine Sprache so erlesen wie ein Feuerwerk. Ständig knallt es, bunte Funken sprühen und man kann nur staunen ob der schriftstellerischen Fähigkeiten von Valerie Fritsch. Nur handelt es sich bei "Herzklappen von Johnson & Johnson" weniger um ein Feuerwerk bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele als viel mehr um ein Silvesterfeuerwerk. Was ist der Unterschied? Während das eine zeitlich sehr begrenzt und punktuell für Freude an der Schönheit sorgt, ist das andere langgezogen und irgendwann auch zu viel des Guten. Die ersten fünf Minuten mit all den Raketen freut man sich und staunt, die folgende halbe Stunde seiht es immer noch schön aus, aber langsam hat man auch genug und danach wird es einem eigentlich schon kalt draußen und man will wieder rein in die warme Stube, die anhaltenden Raketenstarts lösen keine kindliche Freude mehr aus.

Fritsch wirft in ihrem Buch mit grandiosen Sprachbildern um sich. Gefühlt (oder vielleicht sogar tatsächlich) steckt in jedem Satz eine Metapher. Die sprachlichen Vergleiche sind hochkarätig, keine Frage, nur leider zu dicht, zu viel, selbst auf nur 175 Seiten Text. Auch inhaltlich erzählt Frtisch die Geschichte von Almas Großeltern mit Kriegstraumata, Almas Beziehung zu Emils Vater, Emils Gendefekt, welcher das Fehlen von Schmerzempfindungen zur Folge hat und einem Roadtrip durch den ehemaligen Ostblock so dicht, dass nirgendwo ein Aufatmen dazwischen passt.

Insgesamt ist dieser Roman gekennzeichnet von einer überbordenden Sprache. Von der ersten Seite an ist jeder Satz schwer an Bedeutung und all diese Sätze sind unglaublich klug geschrieben. Ein Meisterwerk, das gleichzeitig zu viel Meisterwerk ist.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Sehr guter Einstieg, dann aber nur lauwarm umgesetzt

Ein wenig Glaube
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Nickolas Butler zeichnet in seinem Buch eine Welt, die - zumindest für uns Deutsche - ur-amerikanisch erscheint. Der 65jährige Lyle lebt in einer Kleinstadt in Wisconsin, arbeitet auf einer Apfelfarm, ...

Nickolas Butler zeichnet in seinem Buch eine Welt, die - zumindest für uns Deutsche - ur-amerikanisch erscheint. Der 65jährige Lyle lebt in einer Kleinstadt in Wisconsin, arbeitet auf einer Apfelfarm, trifft sich mit seinen Kumpels und trinkt dazu ein Bierchen. Sonntags geht er mit seiner Frau in die Kirche. Nun kommt in diesers Lebensmodell die Mitte 20jährige Tochter mit ihrem 5jährigen Sohn Isaac. Die Tochter gehört einer extremen Glaubensgemeinschaft an, die im Klappentext und auch einmal im Buch "Sekte" genannt wird, eigentlich aber kaum unterscheidbar wirkt von Evangelikalen Christen in den USA.


So dreht sich der Roman durchgängig um das Leben von Lyle und hauptsächlich seine Einstellung zum Thema Glaube und Religion. Der Spannungsbogen wird dabei leider nicht sehr straff gespannt. Die Geschichte dümpelt eher lauwarm vor sich hin, nachdem ein feinfühliger Einstieg zur Opa-Enkel-Beziehung mehr verspricht. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass etwas passiert, aber es passiert nur wenig. Die Figuren kommen nur selten und dann recht schleppend in Aktion. Dabei gewinnt der Plot nur an wenig Tiefe, man bindet sich nicht sonderlich an die Figuren.


Ab und an musste ich an Kent Harufs "Unsere Seelen bei Nacht" aufgrund der Figurenkonstellation und dem sozialen Milieu denken. Nur schafft dieser auf nur 200 Seiten eine starke emotionale Dichte herzustellen, was Butler so leider nicht gelingt. Bezüglich der Glaubensthematik musste ich wiederum an den kürzlich gelesenen James Baldwin mit seinem Meisterwerk "Von dieser Welt" denken. Hier schafft dieser dem antheistischen Leser eine extreme Glaubensgemeinschaft nahezubringen, was Butler auch nur mäßig gelingt.


So bleibt dieser Roman leider insgesamt nur mittelmäßig und hinter anderen Autoren weit zurück.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Literarisches Werk? Eher eine journalistische Leistung.

Rote Kreuze
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Dieser erste Roman von Sasha Filipenko erzählt hauptsächlich die Lebensgeschichte einer 1909 geborenen Russin, Tatjana, die besonders unter der Herrschaft Stalins zu leiden hatte. Die Handlung wird jedoch ...

Dieser erste Roman von Sasha Filipenko erzählt hauptsächlich die Lebensgeschichte einer 1909 geborenen Russin, Tatjana, die besonders unter der Herrschaft Stalins zu leiden hatte. Die Handlung wird jedoch aus dem Jahre 2000 heraus erzählt, indem die alternde Dame mit Alzheimer Demenz ungefragt ihrem neuen Nachbarn größtenteils an den ersten beiden Tagen deren Bekanntschaft erzählt. Auch der junge Mann, Alexander gen. Sascha, erzählt ihr sehr offen von seinen traumatischen Erlebnissen.

Da ist schon eine Schwachstelle des Romans. Hier erzählen sich Wildfremde die intimsten Lebensereignisse, gefühlt zwischen Tür und Angel. Von der im Klappentext benannten "unerwarteten Freundschaft", würde ich nicht sprechen. Auch die gefühlsduselige Beschreibung "Nach und nach erkennen die beiden ineinander das eigene gebrochene Herz wieder..." passt aus meiner Sicht überhaupt nicht zu dem vorliegenden Roman. Zwischen den beiden Protagonisten entsteht leider kaum eine dyadische Kommunikation, sondern vielmehr zwei Monologe, die aufeinander treffen. Gefühle kommen da nur wenige auf. Sowohl scheinbar zwischen den Protagonisten als auch beim Leser. Dafür sind die Schilderungen viel zu jounalistisch, neutral, aufzählend gehalten. Letztendlich weiß man gar nicht mehr, wofür die Figur des Alexander überhaupt unbedingt gebraucht wurde. Die Thematik des stalinistischen Terrors und dessen zunehmendes Vergessen hätte der Autor auch ohne das Vehikel des Alexanders erzählen können. Dann hätte er auch vielleicht mehr Zeit darauf verwandt die Figur bzw. die Geschichte Tatjanas besser auszuführen. Denn gerade die erste Hälfte des Buches ist ein wilder Ritt durch die Zeiten, ohne jegliche Empathie aufkommen zu lassen.

Insgesamt bin ich enttäuscht von der Lektüre. Da wünsche ich mir die backsteinhaften, russischen Wälzer zurück, die entsprechendes Mitgefühl mit den Protagonisten und eine logische Herleitung der Geschehnisse erlaubten. Oder einfach Julian Barnes mit seinem Meisterwerk "Der Lärm der Zeit". Der kann die Thematik nämlich auch auf wenigen Seiten literarisch gelungen rüberbringen. Also: Eine sehr gute journalistische Leistung, als Roman jedoch nicht befriedigend.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Für die geschundenen Frauen

Das Haus der Frauen
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Laetitia Colombani zeichnet in ihrem neuen Roman ein Blind von Frauen, welche in verschiedensten prekären Situationen leben und trotzdem immer weiter machen. Diese Frauen finden sich im "Palast der Frau" ...

Laetitia Colombani zeichnet in ihrem neuen Roman ein Blind von Frauen, welche in verschiedensten prekären Situationen leben und trotzdem immer weiter machen. Diese Frauen finden sich im "Palast der Frau" in Paris wieder, um Starthilfe in ein neues Leben zu bekommen.

Colombani erzählt in zwei Strängen. Der eine beginnt im Paris "heute" der andere im Paris des Jahres 1925. Es wird nicht nur die Geschichte der Staranwältin Solène sondern auch der Heilsarmee-Soldatin Blanche. Bei letzterer handelt es sich um eine historische Figur, welche tatsächlich unter höchster Kraftanstrengung eines der ersten Frauenhäuser gründete. Die beiden Erzählstränge werden flott vorangetrieben, der Roman liest sich flüssig, Colombani hat einen schönen Schreibstil. Eine wichtige Hauptrolle spielen hier jedoch auch die Frauen, welche im heutigen Frauenhaus leben. Deren verschiedene Geschichten erzählen sie Solène und der Leser und die Leserin bekommen einen kurzen Einblick in deren geschundene Seelen. Dieser Einblick hätte durchaus von der Autorin tiefer gestaltet werden können. Außerdem erscheint die Geschichte um Solène recht vorhersehbar und am Ende mir etwas zu rund.

Festhalten möchte ich die sehr liebevolle und ansprechende Gestaltung des Buches. Hier wird nicht mit runtergekommenen Klischees gearbeitet sondern durch die hochwertige Gestaltung den Frauen aus dem untersten Milieu der Gesellschaft Respekt gezollt.

Insgesamt ein sehr gutes und inhaltlich wichtiges Buch, welchem etwas mehr Tiefe und mehr Brüche gutgetan hätten.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Feinfühliger Roadtrip

Marianengraben
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Jasmin Schreiber gelingt mit ihrem ersten Roman eine Melange aus verschiedenen Genres, die man so elegant verwoben selten findet. Paula, Anfang 20, hat vor zwei Jahren durch einen Unfall ihren 10jährigen, ...

Jasmin Schreiber gelingt mit ihrem ersten Roman eine Melange aus verschiedenen Genres, die man so elegant verwoben selten findet. Paula, Anfang 20, hat vor zwei Jahren durch einen Unfall ihren 10jährigen, geliebten Bruder verloren. Nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird sie quasi ungeplant in einen Roadtrip mit Helmut, um die 80 Jahre alt, dessen Ex-Frau ebenso vor Kurzem verstorben ist, hineingezogen. Dabei erzählt Schreiber mit viel Feingefühl aber auch genauso viel Humor nicht nur von den Erlebnissen der beiden auf ihrem Trip, sondern auch von einer Freundschaft durch widere Umstände. Dabei rutscht die Autorin nie in Kitsch ab und sorgt gerade deswegen das ein oder andere Mal für Tränen beim Lesen. Sie geht ungeschönt und ehrlich auf die Trauer ein, die nicht immer einfach verläuft, geradlinig und vorhersehbar, die zu verzweifelten Taten führen kann.

Ich hatte einen Tiefsee-Abenteuer-Roman erwartet und viel mehr als angenommen emotionale Tiefe bekommen. Dies ist kein Feel-Good-Roman und trotzdem fühlt man sich nach der Lektüre, nach Trauer und auch Spaß, gut. Sehr empfehlenswert.

Vom Inhaltlichen abgesehen, ist das Buch auch im Ganzen inklusive Umschlag- und Buchdeckelgestaltung äußerst gelungen. Besonders toll finde ich die Prägung von Krakenarmen auf Vorder- und Rückseite sowie die Entscheidung auf eine Platikpackung zu verzichten zugunsten eines eingeklappten Schutzumschlages.

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