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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein guter Titel ist schon die halbe Miete

Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei
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Dass ein guter Buchtitel schon die halbe Miete ist, bewahrheitet sich leider nicht bei jeder Lektüre. Bei diesem Buch vermittelt der (meines Erachtens großartige!) Titel zunächst ein recht humorvolles ...

Dass ein guter Buchtitel schon die halbe Miete ist, bewahrheitet sich leider nicht bei jeder Lektüre. Bei diesem Buch vermittelt der (meines Erachtens großartige!) Titel zunächst ein recht humorvolles Buch. Auch der Text auf der Buchrückseite verstärkt den ersten Eindruck nochmals. Man erwartet amüsante Anekdötchen aus dem Berufsleben einer langjährigen berliner Busfahrerin. Aber weit gefehlt. Man bekommt zwar durchaus Situationskomik geliefert, einen leichten Schreibstil, der literarisch trotzdem anspruchsvoll ist, aber hauptsächlich geht es hier um Unerwartetes. Susanne Schmidt berichtet nämlich ungeschönt von ihrem späten Berufseinstieg mit Mitte Fünfzig bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die Leser*innen sind dabei, wenn die Autorin sich zur Bewerbung aufgrund einer Stellenoffensive der BVG speziell für "ältere Frauen" (außerhalb des gebärfähigen Alters) entscheidet. Sitzen mit am Tisch während der Auswahlgespräche. Drücken zusammen mit ihr die Schulbank, um in nur vier Monaten einen komplett neuen Beruf zu erlernen und begleiten sie weitere Monate in ihrem neuen Beruf als Busfahrerin in der chaotischen Millionenmetropole Berlin.

Frau Schmidt schreibt zu ihrem Berufseinstieg als Busfahrerin in einer der ersten "Frauenklassen" (übrigens um 2010!): "Plötzlich öffnete sich eine Tür in einen von Männern beherrschten öffentlichen Bereich, der die ganze Stadt betrifft, ja, ihr in gewisser Weise ein Gesicht gibt. [...] Wie sehr diese kleine Tür klemmt, dass niemand sie ölt, abhobelt, neu einhängt und weit öffnet, wussten wir da noch nicht." So werden konkrete Situationen in diesem "Männerberuf" geschildert, die jeder Frau(-enrechtlerin) und hoffentlich auch vielen Männern die Nackenhaare aufstellen lassen. Erschreckend.

Wie gesagt, erwartet hatte ich eine locker-leichte Lektüre. Ich wurde jedoch mit einer tiefgründigen, gesellschaftkritischen, sexismuskritischen, klugen und durchaus zwischendurch auch humorvollen Lektüre belohnt. Die Autorin schreibt wirklich mitreißend und literarisch auf hohem Niveau. Allein die Entscheidung des Verlags zum oben erwähnten Klappentext sowie der Sortierung letzten beiden Kapitel "Endstation - Das Fazit" und "Anhang" mindern die Qualität des Buches. Der Anhang enthält etwa erneut kleine Anekdoten und ausführlichere Gedankengänge zu einem Thema, was einfach nicht in einen Anhang gehört, sondern ein gesondertes Kapitel vor dem Fazit hätte sein müssen. Das Fazit macht die Lektüre rund und man geht definitiv klüger sowie verständnisvoller aus der Sache raus. Man wird danach zukünftig immer die Mittetüren freihalten. ;) Ein insgesamt durchweg lesenwertes wie auch empfehlenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Schwer fassbar aber lesenswert

Adas Raum
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Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden ...

Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden einen zeitlichen Rahmen von 1459 bis 2019 und beleuchtet Lebensabschnitte von vier verschiedenen Frauen, alle genannt Ada, alle mit einer Verbindung zueinander. Von der Einwohnerin eines Küstenstreifens Westafrikas, welche Kontakt mit einem europäischen Eroberer hat, über eine Frau, die den ersten Computer im 19. Jahrhundert ersann, zu einer KZ-Inhaftierten, die dort zur Prostitution gezwungen wird, bis hin zur Informatik-Studentin Ada im Berlin der Gegenwart.

So weit so verständlich. Nur ist das alles bei diesem Roman nicht so einfach. Es gibt nämlich noch die Passagen, in denen die oben genannten "Dinge" aus der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Diese haben sogar Kontakt zu Gott, und sie ist sogar sehr humorvoll. Alle arbeiten daran, dass soetwas wie ein "Schicksal" erfüllt wird und alle Protagonisten zur richtig Zeit am richtigen Ort sind. Klingt alles sehr spannend. Ist es über weite Strecken auch. Auf jeden Fall mal etwas anderes. Es wird mir persönlich dann zum Ende hin jedoch zu diffus mit dem Plot. Die Autorin sagt selbst: Es sei bei diesem Erzählstil nicht so wichtig, was in einer Geschichte passiert, sondern wie es passiert. Das Wie ist hier definitiv mal unüblich und dadurch auch fordernd. Zur verwendeten Sprache ist mir über dies noch wichtig zu erwähnen, dass dies der erste literarische Text ist, in dem ich ganz selbstverständlich und konsequent "mensch" statt "man" lese. (Und es ist wirklich sehr schön zu lesen.) Denn hier spielt nicht nur Race eine Rolle in der Geschichte, sondern auch Gender. Wirklich sehr gut gemacht.

Dieser fordernder Debütroman ist wirklich äußerst lesenswert, sofern mensch nicht zwingend auf einen kontinuierlichen Eregnissfluss besteht. Lässt mensch sich darauf ein, bekommt mensch einen interessanten Einblick in verschiedenste (schwarze) Frauenleben. Eine klare Leseempfehlung von mir.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Hypnotisches Cover, wenig einnehmender Roman

Botanik des Wahnsinns
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Während das coole Cover zum Buch „Botanik des Wahnsinns“ hypnotisch wirkt, ist die Hypnotherapie eins der wenigen therapeutischen Verfahren, welches nicht in diesem Roman erwähnt wird. Denn Leon Engler ...

Während das coole Cover zum Buch „Botanik des Wahnsinns“ hypnotisch wirkt, ist die Hypnotherapie eins der wenigen therapeutischen Verfahren, welches nicht in diesem Roman erwähnt wird. Denn Leon Engler entwirft einen Erzähler, der eine psychopathologische Familienanamnese seiner eigenen Familie niederschreibt und nebenbei auch seinen eigenen, verworrenen, wenn auch nicht verrückten Weg im jungen Erwachsenenalter zeichnet.

Der Erzähler Leon hat eine scheinbar ähnliche Biografie wie der Autor Leon. Was an diesem Roman frei erfunden und was autobiografisch ist, bleibt offen, und das ist auch gut so. Die Familie des Erzählers Leon ist jedenfalls bis in mehrere Generationen von psychischen Erkrankungen geplagt. Schon Urgroßeltern haben Probleme, die diagnostisch relevant erscheinen. Leon, der nach viel Orientierungslosigkeit selbst Psychologie studiert hat, arbeitet nun in einer Psychiatrie und soll zu Übungszwecken seinen eigenen Anamnesebogen ausfüllen. Beim Punkt „Familie“ wird es schwierig. Wie weit soll er zurückgehen? Reicht die reine Aufzählung von Diagnosen schon aus, um zu erfassen, wie die Familie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits von diesen Erkrankungen geprägt ist?

In wechselnden Kapiteln folgen wir nun zum einen Leon selbst und auf seinem Weg durch die Welt als junger Erwachsener, erfahren in Rückblicken auch immer wieder etwas aus seiner Kindheit und Jugend. Auf der anderen Seite vermittelt uns Leon bis in früheste Generationen hinein ein Bild von den verschiedenen Familienmitgliedern, die von psychischen Erkrankungen geplagt waren bzw. noch sind. Er selbst kämpft ständig mit der Angst, die Anlagen für eine oder mehrere psychische Erkrankungen in sich zu tragen und somit unausweichlich „verrückt zu werden“.

Engler hat gute Ideen für seinen Roman. Der Aufbau, die Herangehensweise an eine psychopathologische Familiengeschichte, der durchblitzende Humor bezogen auf das Studium der Psychologie, die fachlichen Einwürfe zu verschiedenen Erkrankungen und ihre Behandlungsformen, das Einweben von literarischen und philosophischen Überlegungen zu psychischer Krankheit. All das klingt eigentlich nach genau einem Buch für mich. Aber leider konnte er mir zwar den ein oder anderen Lacher entlocken, mich aber nicht mit seinem reduzierten Schreibstil für sein Buch begeistern. Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Generationen, Familienseiten und Personen mit ihren Krankheitsgeschichten machte es schwer, zu folgen und die Personen auseinanderzuhalten oder einzuschätzen, in welcher Zeitebene das Erzählte jetzt gerade stattfindet.

Es steht fest, dass Leon Engler hier sehr viel Recherche in seinen Roman gesteckt hat und dass er durchaus gut schreiben kann, nur vom Hocker hat mich das Endresultat nicht hauen können. Trotzdem habe ich das Buch durchaus gern und kurzweilig gelesen.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Großartiger Roman über die Sehnsucht nach Freiheit

Himmlischer Frieden
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Viele Menschen kennen den originalen Videoausschnitt des sog. „Tank Man“, der sich am Tag nach dem Massaker der kommunistischen Regierung Chinas auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 den ...

Viele Menschen kennen den originalen Videoausschnitt des sog. „Tank Man“, der sich am Tag nach dem Massaker der kommunistischen Regierung Chinas auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 den Panzern der Staatsmacht entgegenstellte. Dies ist ein Bild, welches sich ins kollektive Gedächtnis mehrerer Generationen gebrannt hat. Details zu den studentischen Protesten, die sich auf die arbeitende Bevölkerung Chinas in 1989 ausbreiteten, sind meist nicht präsent. Die chinesische Autorin Lai Wen macht sich nun mit ihrem autobiografischen Prosawerk daran, ein Bild von den 1980er Jahren in China, einer von der Kulturrevolution noch immer gebeutelten Nation, auf Ebene eines ganz durchschnittlichen Mädchens zu erzählen. Dies gelingt ihr auf jeder einzelnen Seite dieses Buches bravourös. Und nebenbei gibt sie ein komplett neues Bild des „Tank Man“, was einem die Kinnlade runterklappen lässt.

Lai Wen ist 1970 in Peking geboren und aufgewachsen. Als Studentin war sie direkt in den Studentenaufstand involviert, wenn auch nicht an vorderster Front dabei. Ihren 560 Seiten starken Roman beginnt sie in der Kindheit der autobiografischen Figur Lai. Ein Mädchen, welches schon im Grundschulalter die harte Hand des Staates zu spüren bekommen hat und fortan in ständiger Angst und zuvorkommendem Gehorsam lebt. Die Autorin nimmt sich genügend Zeit, um die Lebensumstände, familiäre Dynamiken und staatliche Einflussnahmen zu beschreiben, bevor sie eigentlich erst auf den letzten 150 Seiten zu den Protesten des Jahres 1989 kommt. An keiner Stelle ist jedoch der Roman langatmig. Dieses Herleiten eines beispielhaften Lebens unter der Diktatur der Kommunistischen Partei Chinas ist hoch interessant und fesselnd geschrieben. Es ist unglaublich erhellend zu lesen, wie dieser Staat den Spagat versuchte zwischen einer kommunistischen Parteiräson und einer Marktwirtschaft, die sich an dem westlichen Modell orientiert. Dass aber eine relativ freie Marktwirtschaft und die Öffnung gegenüber westlicher Popkultur, welche in anderen noch heute abgeschotteten Staaten wie z.B. Nordkorea vollkommen unterdrückt wird, trotzdem den Bürgern und Bürgerinnen des Landes noch nicht automatisch das Gefühl von Freiheit vermittelt, wird in diesem Roman mehr als deutlich.

Lai Wen schreibt zunächst sehr ruhig und im Verlauf der Geschehnisse um den Platz des Himmlischen Friedens jedoch immer drängender. So floss bei mir während dieser letzten 150 Seiten immer wieder auch die ein oder andere Träne, was wirklich sehr, sehr selten vorkommt. Aber die Autorin hat mich gepackt mit ihrer Geschichte. Sowohl ihrer eigenen Geschichte als auch der in Romanform verdichteten Geschichte der Figur Lai und ihrer Freunde. Das Ende des Buches hat mir dann noch komplett den Boden unter den Füßen weggezogen und dem Roman das Siegel des „Highlights“ verpasst.

Ich kann diesen Roman einfach nur uneingeschränkt empfehlen. Wer etwas mehr - als nur ikonische Bilder - über die Aufstände in Peking 1989 erfahren, eine Vorstellung von einer skrupellosen Staatsmacht bekommen möchte, die mit Schusswaffen und Panzern auf ihre eigene Bevölkerung losgeht, und auch sehen, was im schlimmsten Fall im gleichen Jahr auch in der DDR bei einem falschen Schachzug während der Proteste, die glücklicherweise als eine „friedliche Revolution“ in die Geschichte einging, hätte passieren können, sollte dringend zu diesem Roman greifen. Ich jedenfalls bin absolut begeistert davon.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Über Verlust und generationenübergreifende, psychische Erkrankungen

Perlen
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In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre ...

In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre Mutter verliert und fortan mit dieser Leerstelle in ihrer Familie leben muss. Was genau mit der Mutter geschah, ist fraglich, aber sie verschwand einfach eines Tages, ging aus dem Haus, ließ nicht nur die achtjährige Marianne zurück sondern auch den Säugling Joe sowie den Ehemann und Vater der Kinder.

Anhand von einzelnen Kapiteln, denen jeweils der Vers des Gedichtes von „Gawain Poet“ (anonym) vorangestellt ist, erzählt Hughes nun, wie dieses Mädchen Marianne zur psychisch auffälligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranwächst. Dabei verschränken sich verschiedene Faktoren bis hin zu Genese einer eigenen postnatalen Psychose. Auch schon die verschwundene Mutter zeigte psychotische Symptome und auch die Tochter von Marianne weist diese erneut auf. Leider wirft die Autorin hier verschiedene Krankheitsbilder in einen Topf, nämlich die schizoaffektiven Störungen bis hin zur erblich bedingten Schizophrenie und der, im Roman als postnatale Depression bezeichnete, postnatale Psychose. Diese Erkrankungen können sich durchaus gegenseitig bedingen, sind hier aber meines Erachtens für Laien schwer auseinanderzuhalten.

Die Autorin bemüht das Mittel der unzuverlässigen Erzählerin, was einfach aus Erinnerungsverzerrungen natürlich entstehen kann. Sie erwähnt die Möglichkeit der verfälschten Erinnerung allerdings ein wenig zu häufig ganz offen im Text. Hier hätte mehr Spannung dadurch aufgebaut werden können, dass es auch für die Lesenden lange offen bleibt, was tatsächlich passiert ist. Mit der Mutter. Mit Marianne. Mit dem Vater. Mit der Familie allgemein. Die Ausführungen zu Mariannes Jugend erscheinen mir hier ein wenig zu abschweifend. Letztlich bleiben die tatsächlichen Geschehnisse um das Verschwinden der Mutter genauso offen, wie auch Mariannes Geisteszustand zum Ende des Romans hin. Das ist gut gemacht, wenn es denn so auch intendiert war von der Autorin. Es wirkt alles ein bisschen zu gewollt nebulös gehalten. Wodurch auch eine Verbindung zu den Hauptfiguren nur schwer zustande kommt.

Für mich gab es keine einprägsamen Sätze und Passagen im Roman. Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen, es wird wohl nur leider nicht so viel davon nachhallen.

3/5 Sterne

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