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Veröffentlicht am 12.08.2025

Märchenhafte Geschichte

Das Geschenk des Meeres
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Während einer stürmischen Nacht rettet ein Fischer ein Kind aus den tosenden Fluten. Es sieht aus wie Moses, ein vor Jahren im Meer ertrunkener Junge. „Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ...

Während einer stürmischen Nacht rettet ein Fischer ein Kind aus den tosenden Fluten. Es sieht aus wie Moses, ein vor Jahren im Meer ertrunkener Junge. „Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ist.


Die Schriftstellerin Julia R. Kelly ist Englischleherin und Mutter von fünf Kindern. Ihr Debütroman stand auf der Longlist diverser Preise und wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Sie nimmt uns darin mit nach Schottland um das Jahr 1900. Wir landen mitten in einem kleinen Fischerdorf, in dem man Fremden gegenüber skeptisch ist. Misstrauen und Mythen begleiten das karge Leben. Dorothee, die neue, aus Edinburgh zugezogene Lehrerin, bleibt Außenseiterin. Einzig Fischer Joseph hält zu ihr.


Dieses Hörbuch hat mir wundervolle Stunden bereitet. Begeistert lauschte ich der Stimme von Astrid Kohrs, die das geschriebenen Wort lebendig werden ließ. Wie eine Märchenerzählerin transportierte sie Gefühle und weckte Träume. Dank ihr landete ich vorübergehend in einer anderen Welt, die mir wie ein Märchen vorkam. Nicht, weil alles glatt verlief, sondern weil jedem Tiefschlag auch wieder ein Höhepunkt folgte.


Fazit: Wer Märchen mag, ist hier gut aufgehoben. Aber auch allen anderen empfehle ich dieses märchenhafte Werk.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Im Zwiespalt

Im Leben nebenan 
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Was dieses Buch mit mir macht? Ich bin hin und her gerissen. Es gibt Szenen, in die ich mich hineinfallen lassen kann, und Szenen, mit denen ich so gar nichts anfangen kann. Es geht mir mit der Einschätzung ...

Was dieses Buch mit mir macht? Ich bin hin und her gerissen. Es gibt Szenen, in die ich mich hineinfallen lassen kann, und Szenen, mit denen ich so gar nichts anfangen kann. Es geht mir mit der Einschätzung ähnlich wie der Protagonistin, die nicht weiß, was sie will. Ein Kind oder kein Kind?

Voller Mitleid verfolge ich Tonis Leben, die erfolglos und verzweifelt versucht, mit ihrem Freund Jakob ein Kind zu bekommen und schon im nächsten Kapitel befinde ich mich bei Antonia und Adam. Da ist sie gerade Mutter geworden und kann es nicht glauben. Sie fällt in eine Wochenbettdepression und träumt davon, nur noch wegzulaufen.

Diese Perspektivwechsel irritieren mich ebenso wie die Protagonistin. Mal bin ich abgestoßen, mal fühle ich mich zu ihr hingezogen. Ich freue mich mit ihr über die Freundinnen Senta und Thea, die sie an ihrem eigenen Leben teilhaben lassen und ihr damit helfen, mit ihrer jeweiligen Situation klar zu kommen.

Das Experiment, das die Autorin Anne Sauer hier praktiziert, indem sie zwei verschiedene Leben einer einzigen Frau erlebbar macht, ist außergewöhnlich. Es regt zum Nachdenken an, auch wenn – oder gerade weil ? – manche Szenen kaum nachvollziehbar erscheinen. Wer träumt sich nie fort in ein anderes Leben? Aber: wäre das tatsächlich besser?

Eine sehr gute Wahl zu diesem Debüt ist das Cover. Denn welche Frau kennt das Gefühl nicht, im nächsten Moment zu ertrinken? In den eigenen Gefühlen, in der Arbeit, in der Zerrissenheit.

Chantal Busse liest die das Hörbuch gute sechs Stunden lang sehr einfühlsam vor. Zwar brauchte ich ein wenig, mit der Story an sich warm zu werden, genoss sie dann aber über einen langen Zeitraum ohne Unterbrechung und ohne irgendeine Ablenkung.

Fazit: Für mich war das konzentrierte Zuhören etwas ganz besonderes. Nach langem Ringen mit mir gebe ich diesem Hörbuch vier Sterne und empfehle es gerne Frauen mit Kinderwunsch und denen, die sich nochmal daran erinnern wollen.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Verbotene Liebe

Wohin du auch gehst
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In diesem Buch reisen wir durch zwei Kontinente in zwei Jahrhunderten. Es liegen nur gut 30 Jahre, ein Bürgerkrieg und Aufstände, sowie viele seelische Verletzungen zwischen dem Beginn 1974 im Kongo und ...


In diesem Buch reisen wir durch zwei Kontinente in zwei Jahrhunderten. Es liegen nur gut 30 Jahre, ein Bürgerkrieg und Aufstände, sowie viele seelische Verletzungen zwischen dem Beginn 1974 im Kongo und dem Ende 2006 in London. Frei gewählte Liebe hat da keine Chance. Weder bei Mira aus der gut gestellten Familie, die sich in einen mittellosen Musiker verliebt, noch bei Bijoux, die Frauen zugeneigt ist. Bei der einen ist es die Familie, die ihr das Leben erschwert, bei der anderen die der Kirche angehörige Tante, die alles daran setzt, dass sie einen ungeliebten Mann heiratet. Glücklich sind sie beide nicht – oder wenn, dann nur für kurze, heimliche Augenblicke. Beide Frauen müssen ein Leben leben, das sich nicht wie ihr eigenes anfühlt.


Es dauerte einige Seiten, bis ich mit den Sprüngen zwischen den Zeiten und Ländern zurecht kam. Doch dann empfand ich das Buch über weite Strecken als richtig spannend. Die Seiten flogen nur so dahin. In jedem Kapitel wartete eine neue Überraschung. So klärten sich nach und nach die Zusammenhänge.

Der Erzählstil ändert sich, je nachdem um welche der beiden Frauen es gerade geht. Mira wird von außen betrachtet, Bijoux meldet sich selbst zu Wort. Wie nah sie sich stehen, merken sie erst zum Schluss, wenn die ganze Wahrheit ans Licht kommt.


Die 1987 in Kigshasa geborene Christina Fonthes werde ich mir merken. Die Autorin lebt in London und ist Gründerin einer Schreibakademie für PoC-Autorinnen. Dies ist ihr erster Roman.


Fazit: Das Buch hat mich überrascht und zum Nachdenken animiert. Ich hatte es zur Hand genommen, weil mich Bücher aus dem Diogenes Verlag noch nie enttäuscht haben; doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich dieses Exemplar als wahre Perle entpuppt. Dicke Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Liebevolle Erinnerungen an die Mutter

Onigiri
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Hier erzählt Aki, die Tochter einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater, sehr liebevoll von ihrer Kindheit und dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Auch deren spannende Vergangenheit wird beleuchtet ...

Hier erzählt Aki, die Tochter einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater, sehr liebevoll von ihrer Kindheit und dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Auch deren spannende Vergangenheit wird beleuchtet und schärft den Blick auf die Schwierigkeiten, die Keiko in ihrem Leben souverän meisterte. Natürlich kommen auch die anderen Familienangehörigen nicht zu kurz.

Keiko, inzwischen dement geworden, fordert Aki ungewollt sehr heraus. Doch die hat gelernt, ebenso wie ihr Bruder, ihre Mutter mit all den Schwierigkeiten in Liebe anzunehmen. Mutig begibt sie sich mit ihr noch einmal auf die Reise nach Japan.

So konnte ich viel über das Leben in Japan erfahren. Nicht nur das Essen (Onigiri sind laut Wikipedia gefüllte Reisbällchen), sondern auch die dortigen Bräuche unterscheiden sich doch sehr von denen bei uns. Umso mehr bewunderte ich Keiko, die als junge Frau allein versuchte, in Deutschland heimisch zu werden. Dank ihrer schönen Singstimme landete sie in einem Chor, fand dort Freunde und den Vater ihrer Kinder. Als die Ehe mit dem depressiven Mann nicht hielt, zog sie die Kinder allein groß, blieb aber in der neuen Heimat.

Die sympathische Stimme von Inka Löwendorf hat mich über sechs kurzweilige Stunden durch die Welt getragen. Trotz der vielen, manchmal schwer einzuordnenden Zeitsprünge, kamen mir mit dieser ansprechenden Geschichte meine Nordic-Walking-Runden viel kürzer vor.
Ich kann dieses Hörbuch jedem empfehlen, der mehr über fremde Länder, ihre Sitten und Gebräuche oder über den Umgang mit Demenzkranken wissen möchte. Nichts ist belehrend, aber einiges sehr lehrreich!

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Veröffentlicht am 26.10.2024

Blick ins ländliche Kärnten

Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht
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Mit diesem ungewöhnlich langen Titel ist Julia Josts (*1982) Debütroman auf der Shortlist des österreichischen Buchpreiseses 2024 gelandet. In wenigen Wochen wird sich herausstellen, ob es zum Debütpreis ...

Mit diesem ungewöhnlich langen Titel ist Julia Josts (*1982) Debütroman auf der Shortlist des österreichischen Buchpreiseses 2024 gelandet. In wenigen Wochen wird sich herausstellen, ob es zum Debütpreis 2024 reichen wird. Als Vielleserin interessierte mich natürlich, wovon dieses Buch handelt.

Zuerst habe ich mich allerdings gefragt, wo eigentlich die in diesem ewig langen Titel erwähnten Karawanken liegen. Das Internet präsentierte mir beeindruckende Bilder von dem Gebirgszug an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien. Beim Lesen kam später klar heraus, dass die Geschichte in Kärnten spielt.

Die ersten Seiten begeisterten mich ob der bildhaften Sprache: „Man sieht Jagdhunde im Dreisprung über den frisch gepflügten Acker einem Fasan nachsabbern“ oder „du vernimmst das heilige Trommeln eines Spechts und siehst ein Rehkitz auf seinen Stelzenbeinen hechten“ sowie „Bienen mäandern unter dem Gewicht der Blütenstaublast über die Felder wie Betrunkene“. Doch die Begeisterung ließ bald nach: Der Roman besteht aus vielen verschiedenen Geschichtchen, die einem Mädchen durch den Kopf gehen, das unter einem Lastwagen heraus dem Umzug seiner Familie zuschaut.

Diese Erinnerungen sind wie die Bergsilhouette: Mal in leuchtendem Licht, mal im dunklen Tal. Durch die beliebig angeordneten Episoden ergeben sie keinen Roman, in den man sich fallen lassen könnte. Die Autorin erzählt in dieser Welt zwischen Beichtstuhl und Stammtisch von menschlichen Abgründen und von einem Mädchen, das viel lieber ein Junge wäre. Seine Mutter strebt nach mehr, nicht erst, seit der Vater durch einen unerwarteten Deal zu viel Geld gekommen ist. Sie kauft alles ein, was ihr gefällt, so dass der Platz im ererbten Hof nicht mehr ausreicht und dieser Umzug nötig geworden ist.

Das Buch zu lesen war für mich harte Arbeit. Nicht nur, weil die Sprache oft nicht zu der Elfjährigen passt, die als Erzählerin fungiert. Sondern auch, weil unter anderem bis zum Umfallen gesoffen wird, um Widrigkeiten zu vergessen. Zum Glück lockern Seiten, die einen zum Schmunzeln bringen, die Schwere auch mal auf.

Die Personenbeschreibungen sind gelungen und ein Unfall, bei dem ein Kind ums Leben kam, bleibt im Gedächtnis. Doch vieles andere verschwindet in den Tiefen des Vergessens, trotz des lebendig erzählten Dorflebens.

Im Nachhinein kann ich für mich sagen, dass mir stringent erzählte Romane, ohne so viele Umwege und Nebengassen, besser gefallen. Aber vielleicht soll das zeigen, dass sich Literatur weiterentwickelt – ohne Rücksicht auf die Leser.


Fazit: Das Buch zu lesen hat mir wenig Freude geschenkt.

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