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Veröffentlicht am 26.04.2026

Brüder - oder nicht?

Der Junge aus dem Meer
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Eines Tages taucht am Strand ein Findelkind auf. Das ganze irische Fischerdorf kümmert sich abwechselnd darum, bis der Fischer Ambrose sich entschließt, es in seiner Familie aufzunehmen. Sein eigener Sohn ...

Eines Tages taucht am Strand ein Findelkind auf. Das ganze irische Fischerdorf kümmert sich abwechselnd darum, bis der Fischer Ambrose sich entschließt, es in seiner Familie aufzunehmen. Sein eigener Sohn ist etwa zwei Jahre alt und von Anfang an dem Eindringling skeptisch. Während sein Vater überzeugt ist, eine gute Tat vollbracht zu haben, schaukelt sich die Eifersucht auf. Nachdem Ambrose eine Zeitlang finanziell ganz gut dastand, verdient er nun nicht mehr genug für die Familie und Schulden häufen sich auf. Gleichzeitig macht Phyl ihrer Schwester Christine, Ambroses Frau, die Hölle heiß. Sie möchte, dass sie sich mehr um den alt gewordenen Vater kümmert und da das wegen der eigenen Familie mit zwei Kindern nicht möglich ist, fordert Phyl häufig Geld von ihr.

Die beiden „Brüder“ sind nicht nur vom äußeren her sehr unterschiedlich, auch ihre Charaktere sind konträr. Brendon, der schmächtige, adoptierte Sohn ist von der ganzen Dorfgemeinschaft gern gesehen, weil er auf die Menschen zugeht. Er redet zwar wenig, aber hört gerne zu, was alle sehr schätzen. Bei ihm können sie ihre Sorgen und Nöte abladen. Der robuste Declan dagegen ist unbeholfen und störrisch und kommt ganz nach dem Vater. Er versucht ständig, bei seinem Vater die erste Geige zu spielen, was ihm aber nicht so recht gelingen will. So entstehen natürlich viele Spannungen, der der Autor auszubauen weiß.

Das Leben im Dorf, wo jeder jeden kennt, verläuft ruhig und plätschert zwischendurch vor sich hin. Doch gibt es auch durchaus spannende Episoden, die ich sehr gern gelesen habe. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches sieht es so, als würden sich die Brüder nach dem Tod des Vaters endgültig entzweien. Oder vielleicht doch nicht?

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Berlin 1964

Die Berlinreise
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Hanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben ...

Hanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben lassen. Hanns-Josef konnte sehr gut beobachten und hatte während dieser Reise viele Aufzeichnungen gemacht, die er zu einem kleinen Reiseroman ausarbeitete und seinem Vater zu Weihnachten schenkte. Der las es wohl unzählige Male, und nahm dann und wann einige kleinere orthographische und stilistische Korrekturen am Text vor. Ansonsten, so erzählt der Autor in den Vorbemerkungen, sei die vorliegende Fassung unverändert und wurde im Nachhinein nicht weiter korrigiert.

Sehr erheitert hat mich der Vergleich von „Liebesgrüße aus Moskau“ mit „Winnetou I“. Emotional aufgeladen ist der Übertritt von West- nach Ostberlin über den Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße geschildert, in dem auch der Pflichtumtausch von 5 Mark West in Fünf Mark Ost erwähnt wird. Der Junge erzählt naiv und gleichzeitig altklug von all seinen Erlebnissen.

Ich habe dieses Buch, dem man sprachlich den jungen Autor anmerkt, mit viel Freude gelesen. War ich doch selbst ab dem Sommer 1966 häufig in der Geburtsstadt meiner Mutter. Von 1973 bis 1975 durfte ich dort sogar studieren und habe viele der in dem Buch beschriebenen Orte selbst erforscht. So hat mir das Buch nicht nur das Reiseerlebnis des Jungen nahegebracht, sondern auch viele eigene Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen.

Gleichzeitig habe ich wieder einmal zusätzliche Informationen von dem Autor erhalten, von dem ich vor allem die Bücher über selbst Erlebtes schätze. Denn er hatte als nachgeborener Sohn keine einfache Kindheit. Seine vier älteren Brüder verstarben alle viel zu früh und machten die Mutter sprachlos, so dass auch er lange Zeit stumm vor sich hin lebte, ehe ihn sein Vater zum Schulbeginn endlich in die gesprochene Sprache einweihte.


Fazit: Hier liegt uns ein gelungenes Zeitdokument aus dem Berlin von 1964 vor – ein Jahr nach dem Mauerbau.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Wenig Bezug zu den Vorgängern

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Dieses Buch ist das Dritte in der Reihe einer Familiengeschichte. Die ersten beiden haben mir gut gefallen, beim Dritten benötigte ich viel Zeit um in der Geschichte anzukommen. Vielleicht lag es daran, ...

Dieses Buch ist das Dritte in der Reihe einer Familiengeschichte. Die ersten beiden haben mir gut gefallen, beim Dritten benötigte ich viel Zeit um in der Geschichte anzukommen. Vielleicht lag es daran, dass es ein Hörbuch war und ich die beiden anderen gelesen habe. Dabei ist es durchaus angenehm, Julia Nachtmanns Intonation zuzuhören. Es lag wohl eher an mir, die mit den beiden Zeitebenen (1945, am Ende des Krieges und 2023) nicht zurecht kam. Auch war mir lange Zeit nicht bewusst, dass ich Hannah Berowski bereits aus den Vorgängerbänden (mit einem ähnlichen Cover) kannte. Mir waren Marlen und Wilma suspekt und fremd. Aber ich hatte in Erinnerung an die beiden Vorgänger positive Gefühle, weshalb ich das Buch auch auswählte. Erst als ich mir etwa zur Hälfte klar wurde, wer Hannah ist, fand ich echtes Interesse am Geschehen. Vielleicht würde ich das Buch besser bewerten, wenn ich es unter anderen Vorzeichen ausgesucht hätte. So aber kam mir alles so abstrakt vor, wie Marlens Bild, an dem sie 15 Jahre lang gemalt hatte.

Das Buch kann übrigens gut ohne die Vorkenntnisse von Hannahs Familiengeschichte gelesen werden, da die beiden Zeitebenen lange Zeit völlig unabhängig nebeneinander stehen. Ich dagegen suchte verzweifelt nach Zusammenhängen, die ich viel zu lange nicht fand. Zum Glück rundete das Ende die Zusammenhänge gut ab.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Vom Moderator zum Menschen

Ich denk nicht dran
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Jo Failer war einst als Sportmoderator viel unterwegs. Doch seit er die Diagnose Frühdemenz vom Alzheimer Typ erhalten hat, ist sein Leben grundlegend anders geworden. Hier legt er einen sehr berührenden ...

Jo Failer war einst als Sportmoderator viel unterwegs. Doch seit er die Diagnose Frühdemenz vom Alzheimer Typ erhalten hat, ist sein Leben grundlegend anders geworden. Hier legt er einen sehr berührenden Bericht vor, von der Suche nach der Diagnose (er hat schon lange gespürt, dass sich etwas in seinem Kopf verändert) über die Beschreibung seiner Ausfälle bis zum heutigen Leben und seinen Zukunftsaussichten. Zu Letzeren gehört dieses Buch, mit dem er seinen Kindern etwas Bleibendes hinterlassen will, bevor er sie nicht mehr erkennt.

Da ich selbst schon zweimal als pflegende Angehörige in die Krankheit involviert war, hat mich sein Buch nicht nur sehr interessiert, sondern auch erstaunt. Konnte ich mir doch nicht vorstellen, wie er zu so einer detaillierten Beschreibung seines Zustandes in der Lage war. Da er aber schon jahrelang gewohnt war, seine Erlebnisse schriftlich festzuhalten, hat er nach eigener Angabe im Aufschreiben seines Lebens einen Halt für sich gefunden. Dazu kommt, dass er seine Diagnose schon sehr früh, nämlich mit 51 Jahren, erhalten hat. Im Nachwort erklärt er auch, dass er sehr lange an diesem Buch gearbeitet hat und es Tage gab, an denen er nicht mehr wusste, was er am Vortag geschafft hat.

Getroffen haben mich seine Worte über die Einsamkeit, den Verlust von Freunden (und seiner Ehefrau). Einzig seine Zwillingsschwester war seit Beginn an seiner Seite, kannte sie die Krankheit doch schon von der Mutter. Auch deren Zustand, den er früher nicht verstand, kommt zur Sprache.

Während er in seinem früheren Leben große Angst vor Fehlern hatte, findet er sich heute gezwungener Maßen mit seinen (mit gesunden Augen gesehenen) „Unzulänglichkeiten“ ab.

Diesem Autor kann man große Hochachtung zollen. Ich jedenfalls staune über seinen Umgang mit der Krankheit, vor der sich so viele Menschen fürchten. Um Alzheimer mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, möchte ich das Buch jedem empfehlen. Jo Failers Mut und seine Sicht auf sein Leben sind bewundernswert!

Der Schauspieler Herbert Schäfer bringt die Worte hervorragend zur Geltung. Knapp sechseinhalb Stunden lässt er die Zuhörer eintauchen in ein Leben, das sich niemand für sich selbst wünscht.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Sehen und gesehen werden

Mit anderen Augen
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„Nichts wird sich jemals ändern, wenn man sich nicht selbst ändert“

Obiges Zitat kann man auch als Quintessenz des Buches sehen. Denn welche Frau fühlt sich nicht manchmal übersehen, unsichtbar? ...

„Nichts wird sich jemals ändern, wenn man sich nicht selbst ändert“

Obiges Zitat kann man auch als Quintessenz des Buches sehen. Denn welche Frau fühlt sich nicht manchmal übersehen, unsichtbar? Die australische Autorin Jane Tara lässt ihre Protagonistin Tilda, die Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern und von ihrem Mann verlassen ist, an Unsichtbarkeit erkranken. Es beginnt mit einem fehlenden Finger, geht weiter mit einem Ohr und dem Hals … Ihre Ärztin bezeichnet das als unheilbare Krankheit und empfiehlt ihr eine Selbsthilfegruppe. Dort trifft die Fotografin auf Frauen, bei denen eine gar nicht mehr zu sehen ist. In der Gruppe wird gejammert und geklagt. Doch Tilda findet eine Therapeutin, die sie überzeugt, dass es Heilung gibt – die dann tatsächlich eintritt. Während die Leiterin der Selbsthilfegruppe plötzlich völlig von der Bildschirmfläche verschwindet, werden die Teilnehmerinnen der Gruppe zu Freundinnen, die gemeinsam füreinander einstehen, kämpfen und nach und nach wieder sichtbar werden.

Dieses Buch ist nicht nur ein märchenhafter Roman, sondern auch ein psychologischer Ratgeber mit bewährten Rezepten und vielen guten Ideen. Er enthält auch ein wenig Liebe, doch Selbstliebe und Freundschaft stehen eindeutig im Vordergrund.

Das erste Drittel empfand ich als spannend und nachdenklich machend – wie ein Blick in den Spiegel. Als es um Meditation ging, musste ich aussteigen, da mir diese Erfahrungen fehlen. Dass die Autorin vor allem auf deren Wirksamkeit hinweisen will, erfuhr ich erst im Nachwort. Im letzten Drittel fand ich manches übertrieben. Doch geblieben sind die positive Grundeinstellung zu sich selbst, dem Leben an sich und dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Jedes der 66 Kapitel beginnt mit einem aussagekräftigen Zitat, wie beispielsweise

„Im Grunde geht es nur um eine veränderte Sicht auf die Dinge“

Fazit: Lesenswert!

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