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Veröffentlicht am 24.09.2025

Erinnerungskartons

Kairos
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Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht ...

Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht gerade einfache Zeit noch einmal zum Leben erweckt.

Sie war 19, als sie sich in einen Mittfünfziger verliebte. Er war verheiratet und sie nicht seine erste Nebenbei-Gespielin. Es entwickelte sich eine sehr intensive Beziehung, deren Aufs und Abs in diesem Buch sehr ausführlich erzählt werden.

„Wie soll man es aushalten, dass die Gegenwart Moment für Moment hinabrauscht und Vergangenheit wird?"

Hier wird eine Liebe beschrieben, die eigentlich von Anfang zum Sterben verurteilt war. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Generationen: während er als Kind noch Vertreibung miterlebte, fehlte ihr jegliche Lebenserfahrung. Nur spielten die Hormone so verrückt, dass sie beide sich das niemals eingestanden.

Die Geschichte spielt kurz vor dem Mauerfall in Ostberlin. Der im Klappentext erwähnte Satz „Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR“ hat mich dazu bewogen, das Buch zur Hand zu nehmen. Denn auch dreißig Jahre danach ist die Zeit für mich immer noch sehr spannend. Leider wurde die Zeitgeschichte im ersten Teil des Buches weitgehend ausgespart, dafür bekam ich als Leserin die Gefühle der Protagonisten sehr detailliert geschildert. So konnte ich erleben, wie sich die beiden in ihre Verlorenheit hineinsteigerten, sich in ihren Unsicherheiten einrichteten und sie nicht mehr aufgeben wollten.

Jenny Erpenbeck (*12. März 1967 in Ostberlin) hat zugegeben, dass sie hier eine autobiographische Erfahrung in Worte gefasst hat. Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich sicherlich oft ereignet. Dabei hat sie uns ganz tief in die Gefühle der beiden mit hinein genommen.

Bei mir blieb im Nachklang aber vor allem Mitleid mit den Protagonisten. Ich litt mit der jungen Frau, die bei ihrem Liebhaber Halt suchte, während er davon träumte, mit ihr noch einmal jung zu sein, bis ihm der Altersunterschied bewusst wurde und er sich fragte, ob er ihr überhaupt genug sein könnte.

Schade fand ich, dass der entscheidende politische Umschwung erst so spät thematisiert wurde. Allerdings war auch diese Zeit sehr intensiv beschrieben, wodurch ich den etwas undurchsichtigen und verwirrenden Schluss gerne verzeihen konnte.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Berührend

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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Dieser Familienroman lässt uns in das Leben von vier Generationen schauen. Margret ist die Älteste der Frauen. Sie hat das Zepter in der Hand und gibt es nicht her. Schon in der Kindheit, die sie zum Teil ...

Dieser Familienroman lässt uns in das Leben von vier Generationen schauen. Margret ist die Älteste der Frauen. Sie hat das Zepter in der Hand und gibt es nicht her. Schon in der Kindheit, die sie zum Teil im Heim verbringen musste, wusste sie, was sie wollte: nämlich weg von hier, weg von der Grausamkeit. Doch das vermeintliche Glück zu einer Tante zu kommen, erwies sich als Trugschluss.
In diesem Hörbuch begleiten wir sie durch ihr Leben, in dem Verluste eine große Rolle spielten. Ihre frühe Prägung durch den Onkel erschwerten ihr Leben bis zum bitteren Ende. Das mussten auch die Tochter Irene, die Enkelin Julia und die Urenkelin Emily aushalten. Unter den Gegebenheiten ist erstaunlich, was sie alles auf die Beine gestellt hat, bevor sie den Boden unter den Füßen verlor!


Wenn auch nicht jede Lebensgeschichte der Menschen, die vor oder während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, mit so vielen schwierigen Erfahrungen verbunden ist, haben doch einige etwas gemeinsam. Auch meine Eltern, die zu dieser Generation gehörten, haben ihre Geheimnisse bewahrt. Es gab Dinge, über die nie gesprochen wurde, Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens aus Büchern erfuhr und im Kontext zu meinen Eltern erst spät einzuordnen in der Lage war.

In dieser Hinsicht ist Susanne Abel ein besonderes Buch gelungen. Es hat mich tief bewegt, teilweise zu Tränen gerührt und mir wieder einmal klar gemacht, wie sich so manche Erfahrungen unserer Vorfahren bis in unsere Gegenwart hinein auswirken.
Vera Teltz hat das fünfzehn Stunden dauernde Hörbuch mit ihrer sympathischen Stimme zu einem wahren Hörgenuss gemacht.
Ich empfehle dieses Werk jedem, der sich mit unverständlichen Eigenheiten der Vorfahren auseinandersetzen muss. Vielleicht geht es ihm ja wie mir: Ich werde bei solche Lektüre in meiner Einschätzung von ungeliebten menschlichen Eigenschaften milder.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Pubertät

Himmel ohne Ende
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Charlie ist fünfzehn und steckt mitten in der Pubertät. Sie fühlt sich von allen verlassen. Der Vater ist gegangen, als sie sieben war und ihre beste Freundin wurde auch untreu. Sie hat nun niemanden zum ...

Charlie ist fünfzehn und steckt mitten in der Pubertät. Sie fühlt sich von allen verlassen. Der Vater ist gegangen, als sie sieben war und ihre beste Freundin wurde auch untreu. Sie hat nun niemanden zum Reden, da die Mutter viel arbeitet. Nur ihrem Meerschweinchen, das wie sie ein Einzelgänger ist, kann sie ihr Leid klagen.

„Ich frage mich manchmal, wer ich bin und das alles. Ich hasse dich und ich hasse mich und ich hasse alles und ich wünschte, ich wäre tot.“

Erst einem neuem neuen Klassenkamerad, der ein eigenes Gefühlspaket zu tragen hat, gelingt es, sie aus ihrem Schneckenhaus zu holen.


Dies ist ein Buch, das Gefühle anspricht. Der Autorin gelang es, mich in den Gefühlsstrudel hineinzuziehen. Teilweise konnte ich mich an meine eigene, lang zurückliegende Pubertät erinnern, in der ich den Satz „Man kann ans Ende der Welt reisen und nimmt sich immer selbst mit“ noch nicht verstand. Schön war es, als die Jugendlichen entdeckten, dass sie auch mit Trauer im Herzen glücklich sein können.


Julia Engelmann (*13.Mai 1992 in Elmshorn) ist eine deutsche Schauspielerin, Poetry-Slammerin, Dichterin und Sängerin. Bekannt wurde sie durch ihren Poetry-Slam-Text ›Eines Tages, Baby‹, der 2014 viral ging und bisher 14 Millionen Views hat.


Fazit: Ein Buch, das mich mit seiner Intensität überzeugt hat. Es könnte vor allem Jugendlichen ein Wegweiser sein. Ich empfehle es aber auch Eltern und Großeltern, um tiefer in die Gefühlslage des Nachwuchses einzutauchen.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Veränderungen

Das glückliche Leben
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Seit ich „Charlotte“ von David Foenkinos zu meinen Lieblingsbüchern zähle, ist mir der Name des Autors ein Begriff. Kein Wunder also, dass ich dieses neu erschienene Buch von ihm unbedingt lesen wollte. ...

Seit ich „Charlotte“ von David Foenkinos zu meinen Lieblingsbüchern zähle, ist mir der Name des Autors ein Begriff. Kein Wunder also, dass ich dieses neu erschienene Buch von ihm unbedingt lesen wollte. Die Inhaltsangabe machte mich zudem neugierig. Denn was hat das Erleben der eigenen Beerdigung mit einem glücklichen Leben zu tun?

Der erste Teil des Romans hat meine Frage nicht beantwortet. Da lernte ich einen ausgepowerten Vierzigjährigen kennen, der so gut wie nicht lebte, sondern nur funktionierte. Ebenso wie seine ehemalige Klassenkameradin, die ihn für einen Job angeheuert hat, der ihm eine Reise nach Seoul beschert. Seine Chefin hat große Ansprüche an ihn, die er bisher immer zu erfüllen bereit war. Doch auf einem Spaziergang in Seoul erlebt er mit dem Ritual seiner eigenen Beerdigung Unvorstellbares und wird aus seinem Leben katapultiert.
Der geschiedene Vater eines Sohnes, immer etwas träge und unschlüssig, gibt seinen Job auf und beginnt etwas ganz Neues. Plötzlich empfand ich das Buch spannend. Die totale Veränderung zu einem tatkräftigen Mann und liebevollen Vater habe ich mit Interesse verfolgt. Èric beginnt, sein Seouler Erlebnis in seiner Heimat zu etablieren und erhält viel Lob und Anerkennung dafür.

Der dritte Teil zeigt dann, wie er mit seiner Geschäftsidee auch seiner ehemaligen Chefin ermöglicht, ihr festgefahrenes Leben zu ändern.


Das Buch, das in der Zeit zwischen 2017 und 2024 angesiedelt ist, erinnert unter anderem an die Coronakrise und wie sie das Leben beeinflusst (durcheinandergebracht) hat. Da waren diejenigen, die wie Èric ein finanzielles Polster angesammelt hatten, eindeutig im Vorteil.

Ich muss gestehen, dass ich mit dem ersten Teil des Buches am wenigsten anfangen konnte. Mir kamen die Figuren langweilig und nichtssagend vor – während sie sich selbst als wichtig sahen. Doch als zur Hälfte des Buches der Bruch stattfand, konnte ich es nicht mehr zur Seite legen.
Insgesamt zeigt der 1974 geborene französische Schriftsteller in seiner lakonischen Schreibweise, die mir des öfteren ein wissendes Lächeln entlockte, wie Zufälle das Leben beeinflussen. Wenn man die zu nutzen weiß, kann man es weit bringen.


Fazit: Gute Unterhaltung mit einigen Episoden über die es sich lohnt, nachzudenken. Die Weisheiten sind meines Erachtens vor allem für Menschen in der Lebensmitte geeignet.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Wo die Liebe hinfällt

Zeit ihres Lebens
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Georg Neumann, Vertreter für medizinische Geräte reist viel herum. Auch in die Stadt, in der Frieda Brummer als Lehrerin arbeitet. An einem regnerischen Tag, der für beide nicht so so beginnt, wie sie ...

Georg Neumann, Vertreter für medizinische Geräte reist viel herum. Auch in die Stadt, in der Frieda Brummer als Lehrerin arbeitet. An einem regnerischen Tag, der für beide nicht so so beginnt, wie sie es gewohnt sind, begegnen sie sich an der Straßenbahnhaltestelle und finden Gefallen aneinander. Ganz vorsichtig nähern sich die alleinstehende Frau und der verheiratete Familienvater an. Es entsteht eine Beziehung voller Sehnsucht nacheinander, die Dirk Gieselmann sehr liebevoll festgehalten hat.

Es gelingt ihm nachvollziehbar die Einsamkeit beider Alltage darzustellen. Sie gehen in den kurzen Zeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, sehr vorsichtig miteinander um, wodurch eine ganz besondere Intensität der Beziehung entsteht. Mir hat die Geschichte über weite Teile ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, lag der Beginn doch zu Zeiten, als es noch Telefonzellen gab und Briefe per Hand geschrieben wurden. Ohne zu viel zu beschreiben lässt uns der Autor in die Gefühlswelt seiner Figuren eintauchen. Er zeigt uns deren Alltag ebenso wie die Besonderheit ihrer Treffen – bis ans Ende nach ca. vierzig Jahren.

Thomas Arnold liest das knappe sechs Stunden dauernde Hörbuch mit einem Augenzwinkern, wodurch es bei mir leicht und gut verdaulich angekommen ist. Ich habe ihm sehr gerne zugehört und zwischendurch auch im Buch nachgelesen.

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