Familie kann man sich nicht aussuchen…
Geheimnisse des Nil, Band 2 - Where the Library HidesInez Olivera steht vor den Trümmern ihrer Familie: Der Vater vermisst, möglicherweise sogar tot, die Mutter eine Diebin und Verräterin auf der Flucht, die Cousine Elvira kaltblütig ermordet und ihr Onkel, ...
Inez Olivera steht vor den Trümmern ihrer Familie: Der Vater vermisst, möglicherweise sogar tot, die Mutter eine Diebin und Verräterin auf der Flucht, die Cousine Elvira kaltblütig ermordet und ihr Onkel, der Archäologe Ricardo Marqués, ein verbitterter und verletzter alter Mann, der sie zurück nach Argentinien schicken will. Doch Inez will nicht zurück in ihre Heimat. Sie möchte ihre Mutter zur Verantwortung ziehen – für den Tod an Elvira und für den Diebstahl unzähliger ägyptischer Artefakte, die sie der Altertumsverwaltung vorenthalten und meistbietend auf dem Schwarzmarkt an reiche Ausländer verkauft hat. Dieses Vorhaben gestaltet sich jedoch ohne Zugriff auf ihre finanziellen Mittel schwierig… Einen Ausweg bietet ihr Whitford Hayes, der loyale Assistent ihres Onkels, indem er Inez eine Hochzeit vorschlägt. Da ihr Herz spätestens seit dem verbotenen Kuss in Kleopatras Grabkammer sowieso schon für ihn schlägt, willigt sie in eine heimliche Vermählung ein. Doch es zeigt sich schnell, dass auch Hayes seine ganz eigenen Pläne verfolgt und dass diese sich nicht mit denen von Inez decken…
Nach dem – für mich – völlig schockierenden Cliffhanger aus dem ersten Band, habe ich die Fortsetzung herbeigesehnt! Ich muss mich als Fan von Whitford Hayes outen… Ich glaube, ich wäre ihm ähnlich schnell und intensiv verfallen, wie es Inez passiert ist. Und ich muss zugeben: Dieser zweite Band hielt noch so einige Überraschungen bereit – auch im Hinblick auf Whitford! Auch, wenn das Buch von der Gesamtstruktur her etwas anders angelegt war, als der Vorgänger: Wir sind weniger die archäologischen Abenteurer, die nach Kleopatras Grabstätte suchen, und mehr Detektive, die die Spur einer Diebin verfolgen und uns anhand von Hinweisen bis hin nach Alexandria durchhangeln. Das Familiendrama rund um Inez steht im zweiten Teil deutlich im Vordergrund, was für mich aber völlig in Ordnung war. Ich wollte ja schließlich keinen (reinen) archäologischen Roman lesen.
Mir gefiel die Figurenentwicklung in diesem Band sehr gut. Inez ist zwar weiterhin eher naiv und sehr vertrauensselig veranlagt, aber sie lernt dazu, ohne zu verhärmen oder zu verbittern. Sie wird im Gegenteil selbstsicherer. Ob dies nun unbedingt damit zusammenhängt, dass sie jetzt eine verheiratete Frau ist, sei dahingestellt. Wer einen feministischen Roman erwartet, ist hier definitiv an der falschen Stelle, das gibt die historische Gegebenheit nicht her, das sollte dem/der Leser*in bewusst sein. Aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten und charakterlichen Grundzüge gelingt es Inez doch, sich selbst zu finden und ihre Meinung zu vertreten. Ebenso gefielen mir die Perspektivwechsel zu Whitford. So gelingt ein Blick hinter die Fassade des ewig genervten Pistolenhelden, der – obwohl er seine eigenen Ziele verfolgt und dabei Prioritäten setzt, die fragwürdig erscheinen – von Grund auf loyal ist. Er erinnert mich sehr an Rick O’Connell aus „Die Mumie“: ein lebenserfahrener, starker Mann mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt, der durch die Liebe einer Frau erst seine Daseinsberechtigung erkennt. Ob Mister O’Connell wohl das Vorbild für Mister Hayes war? ;)
Es ist eine Geschichte rund um Verrat, Persönlichkeitsentwicklung, über Abenteuer, Liebe, Loyalität, über das Verzeihen und die Frage, ob Familienbande wirklich verpflichtend sind oder ob man seine Eltern auch einfach auf Grund ihrer Taten nicht mögen und zur Rechenschaft ziehen darf. Für mich war die Dilogie ein echtes Jahreshighlight und einzigartig in ihrer Umsetzung. Kein reiner Historienroman, keine klassische New Adult Geschichte, eher mit Tendenzen in Richtung Romantasy. Und auf Grund der grafischen Gestaltung auch optisch und haptisch ein echter Hingucker im Bücherregal! Rundum gelungen!