Die Macht der Feder
TINTE und SCHWERT, SondereditionWir schreiben das Jahr 1618. Der Prager Fenstersturz ist noch in aller Munde, der Beginn des 30jährigen Krieges. Jacob wächst als Leibeigener auf dem Hof seines ebenso leibeigenen Vaters auf. Doch Jacob ...
Wir schreiben das Jahr 1618. Der Prager Fenstersturz ist noch in aller Munde, der Beginn des 30jährigen Krieges. Jacob wächst als Leibeigener auf dem Hof seines ebenso leibeigenen Vaters auf. Doch Jacob ist anders als seine älteren Brüder, die vor nicht allzu langer Zeit bei einer Epidemie gestorben sind. Jacob ist gebildet und hat den Wunsch, Dorfpfarrer zu werden. Der hiesige Priester unterstützt ihn in diesem Wunsch, arrangiert sogar, dass Jacob geprüft wird. Und er besteht und freut sich bereits auf die Ausbildung - so sein Vater endlich zustimmt.
Und dann wird die Familie auf dem Weg, Waren an eines der nahegelegenen Klöster zu liefern, überfallen und Jacob gefangen genommen und gezwungen, Schanzendienst im weit entfernten Böhmen zu leisten. Den Tod seiner Familie vor Augen schwört der Priesteranwärter Rache und liest Zeichen, die seinen Rachedurst zu unterstützen scheinen.
Dies ist der Beginn einer Trilogie, die während der Zeit des 30jährigen Krieges spielt. Da die Handlung am Ende nicht abgeschlossen ist, würde ich davon ausgehen, dass die gleichen Protagonisten auch in den restlichen beiden Bänden die sind, die die Handlung vorantreiben.
Soeder weiß, wie er diese Welt der frühen Neuzeit zum Leben erwecken kann. Als Leser fühlte man sich wie in einem Sog, der eine Zeitreise ermöglicht. Und er bringt mehr als nur den Krieg in seinen Roman ein. Es geht ebenso um die Hexenverfolgung (dazu an späterer Stelle mehr), um Strategien und auch um währe Figuren, die an der Seite der Protagonstien auftreten.
Seht gut geschildert fand ich die Art, wie zu dieser Zeit mit Schusswaffen umgegangen wurde, sowohl Handfeuerwaffen wie auch die großen Kanonen. Es ist kein einfaches: Bumm, du bist tot!, sondern es braucht Präzession und Geschick, und sehr viel Zeit, denn diese Waffen hatten im Übermaß nur einen Schuss und mussten dann nachgeladen werden.
Überhaupt sind Soeders Darstellungen von Schlachten und Kriegen sehr dicht und beinahe klaustrophobisch zu nennen. Man liest nicht nur, man ist mit dabei und riecht das Schwarzpulver und das Blut, spürt das Adrenalin, aber auch die Angst, die Unsicherheit. Man hört den Lärm, wenn eine der großen Kanonen losgehen, und sieht dabei zu, wenn diese gekühlt werden, ehe man den nächsten Schuss anbringen kann. Männer und Pferde schreien und sterben, den Schmerz der eigenen Wunden. Wirklich sehr überzeugend und nahe an der damaligen Realität geschildert!
Die Protagonisten starten als komplexe Charaktere. Jacob, ein wenig naiv und weltfremd, doch sich so sehr bemühend und doch wissend, dass er auf dem Hof doch nur wieder scheitern wird. Anna, die ihrer Mutter über die Schulter sieht und lernt, und doch schon selbst Salben und Tinkturen anfertigen kann und die meisten Heilkräuter selbst im Schlaf hinunterbeten könnte. Ernst, der sich noch immer in seiner ersten Schlacht sieht und doch mittlerweile weiser und älter ist und stolz darauf, was er in all den Jahren geleistet hat.
Und dann ist da noch Heinrich. Von Anfang an sticht er hervor aus den Figuren. Warum? Nun, würde man Heinrich in die heutige Zeit versetzen, er wäre vermutlich bald so bekannt wie Gacy, The Son of Sam oder ähnliche Serienkiller. Heinrich ist ein Psychopath wie er im Buche steht und der einzige Charakter im Buch, der nicht wirklich wachsen will. Während die anderen sich verändern durch Schicksalsschläge und ihren eigenen Entscheidungen, aber auch durch die Umwelt, bleibt er stagnant auf seiner Stufe stehen. Umgeben von seinen eigenen Leuten, die sein Vater ihm aus der heimischen Grafschaft mitgegeben hat, hat Heinrich auch nicht wirklich Grund zu wachsen oder sich zu verändern. Er spielt die Menschen um sich, versucht ständig seinen Vorteil zu erringen. Als Leser ist man zugleich angewidert und fasziniert von diesem Mann.
Der 30jährige Krieg war eigentlich nicht ein Krieg, sondern viele kleinere Kriege, die gerade den deutschsprachigen Raum Europas so sehr verwüsteten, dass große Teile des heutigen Deutschlands an dessen Ende schlicht leer waren. Es war eine unruhige Zeit, und eine gefährliche Zeit gerade für Bauern und Bürger - vor allem für Frauen, die nicht nur mit Maßenvergewaltigungen, sondern auch mit der Anklage der Hexerei zu rechnen hatten. Dies macht Soeder immer wieder deutlich im Verlauf des Romans, und als Leser ist man schockiert, wenn Anna davon berichtet, warum ihr winziges Haus nicht überfüllt ist mit Soldaten. Man kann auch ihren Hass auf den Pfarrer mehr als nur verstehen. Und der, nun, ich denke, er hat den Hexenhammer einmal zuviel gelesen. Heute ist klar, dass dessen Autor, Heinrich Kramer, höchstwahrscheinlich geistesgestört war und schlicht Angst vor Frauen hatte. Damals aber wurde dessen Wort für wahre Münze genommen. Und das kostete vielen tausend, vor allem Frauen, aber auch Männern, das Leben. Was mich während des Lesens etwas verwirrte war allerdings die Tatsache, dass die Protestanten NICHT auf den Hexenwahn aufspringen, meines Wissens war das in der Realität genau anders herum und es waren die Katholiken, die sich immer weiter distanzierten, während die Protestanten gegen sogenannte Hexen wüteten. Aber das mag sich im Verlauf der Bände noch ändern. Wir werden sehen.
Ein Wort noch über die Fechtkunst, die im Roman erwähnt ist und die Jacob von einem Meister beigebracht wird. Wie ich bereits erwähnte in einer früheren Rezension war ich früher einmal Mitglied in einem Fechtverein und kenne mich dementsprechend in der Materie aus: Die, leider sehr wenigen, Lektionen, die Jacob hier erhält, sind sehr gut geschildert und geben das Fechten tatsächlich wieder. In der Danksagung wird erwähnt, dass tatsächlich ein Fechter über die entsprechenden Stellen gesehen hat und ich muss Soeder dafür wirklich loben. Bisher hatte ich noch nie den Fall, dass ein Autor sich tatsächlich die Mühe machte, solche "Kleinigkeiten" spezifisch zu recherchieren, bzw. einen Kenner der Materie darüber sehen zu lassen. Wirklich ein großes Lob, und diese schlichte kleine Tatsache macht den Roman um so viel glaubhafter.
Alles in allem kann ich sagen, dass ich dem Erscheinen des zweiten Bandes entgegenfiebere. Der Roman ist sehr gut und verdient an anderer Stelle von mir fünf Sterne, und ich gebe diese nicht sehr oft. Wer sich für diese Zeit interessiert oder einfach nur einen guten historischen Roman lesen möchte, der wird hier sehr gut bedient.