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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.03.2026

Holpriger Start, lohnenswerte Themen

Open Hearts
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In Open Hearts geht es um Misty, die nach dem Ende ihrer achtjährigen Beziehung plötzlich vor einem kompletten Neuanfang steht. Zwischen Rückzug ins familiäre Umfeld, Selbstzweifeln und neuen Dates versucht ...

In Open Hearts geht es um Misty, die nach dem Ende ihrer achtjährigen Beziehung plötzlich vor einem kompletten Neuanfang steht. Zwischen Rückzug ins familiäre Umfeld, Selbstzweifeln und neuen Dates versucht sie herauszufinden, wer sie ohne Partner an ihrer Seite eigentlich ist. Als sie sich auf einen Mann einlässt, der in einer offenen Beziehung lebt, wird sie mit der Frage konfrontiert, wie Liebe für sie künftig aussehen kann – und wie viel sie bereit ist, dafür von sich selbst infrage zu stellen.
Den Schreibstil fand ich zu Beginn ehrlich gesagt ziemlich anstrengend. Vieles wirkte sprunghaft und detailverliebt, vor allem bei Nebenfiguren, die für mich kaum relevant waren. Ich hatte oft das Gefühl, die Handlung tritt auf der Stelle und verliert sich in Alltagsbeobachtungen, ohne wirklich voranzukommen. Dadurch fehlte mir gerade im ersten Teil die emotionale Tiefe – besonders die Trennung, die eigentlich ein einschneidendes Erlebnis sein müsste, wurde sehr nüchtern erzählt.
Mit der Zeit wurde der Stil jedoch strukturierter und fokussierter. Die Geschichte bekam mehr Richtung, und die zentralen Themen – Selbstfindung, Beziehungsmodelle und familiäre Prägungen – traten klarer hervor.
Mit Misty bin ich trotzdem nicht ganz warm geworden. Ihre sehr direkte, teilweise etwas plumpe Art hat es mir schwer gemacht, eine enge Verbindung aufzubauen. Ich konnte ihre Unsicherheiten zwar nachvollziehen, aber emotional hat sie mich selten wirklich berührt. Auch einige Entwicklungen wirkten für mich vorhersehbar.
Gegen Ende nähert sich der Roman dann stärker dem, was ich mir erhofft hatte: eine ernsthafte Auseinandersetzung mit offenen Beziehungen und persönlichem Wachstum. Besonders die Einblicke in ihre Familiengeschichte fand ich gelungen. Trotzdem konnte mich das Buch insgesamt nicht ganz überzeugen, weil der holprige Start den Leseeindruck stark geprägt hat. Zu Beginn verliert sich die Geschichte in ausführlichen Beschreibungen von Nebencharakteren, deren Namen man sich kaum merken kann, und in Details, die wenig zur Handlung beitragen. Zwar bekommen einige dieser Figuren später tatsächlich eine Rolle, und auch der Schreibstil pendelt sich ein, doch es dauert einfach zu lange, bis die Geschichte an Fahrt gewinnt. Manche Szenen oder Entscheidungen wirken zudem weiterhin seltsam oder unnötig konstruiert, sodass der Lesefluss immer wieder gebremst wird. Für mich bleibt daher der Eindruck, dass Open Hearts viel Potenzial hat, dieses aber durch den unruhigen Anfang und die zahlreichen ausschweifenden Details nur teilweise ausschöpft.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Schmerzlich, authentisch und berührend

Crushing
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Ich muss sagen, dass mir der Einstieg in dieses Buch schwergefallen ist. Die Handlung kam mir irgendwie schleppend und die Charaktere etwas nervig vor (interessanterweise ähnlich wie in dem ersten Buch ...

Ich muss sagen, dass mir der Einstieg in dieses Buch schwergefallen ist. Die Handlung kam mir irgendwie schleppend und die Charaktere etwas nervig vor (interessanterweise ähnlich wie in dem ersten Buch der Autorin). Die Zweifel und Ängste, die Gedanken und Handlungen der Protagonistin sind schmerzhaft, weil ich vieles davon selber kenne und es zudem wehtut ihr bei "falschen Entscheidungen" zuzusehen. Mit den ersten 150 Seiten war ich immer mehr in dieser, teilweise ja doch sehr traurigen, Gedankenwelt der Protagonistin drin und wollte wissen wie es weitergeht. Der Schreibstil war sehr flüssig, leicht und gut zu lesen. Und ab der Hälfte des Buches hat auch die Handlung mehr Fahrt aufgenommen, bis zum Ende hin die Protagonistin und einige andere Charaktere eine Entwicklung durchgemacht haben.
Insgesamt war es für mich ein Buch, was die Gefühlswelt von emotionaler Abhängigkeit und Einsamkeit schmerzlich authentisch dargestellt hat - und ein versöhnliches, hoffnungsvolles Ende bietet.

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Veröffentlicht am 08.10.2025

Humorvolle und leichte Gesellschaftskritik

Hustle
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Herrlich leicht und mit viel Humor schreibt Julia Bähr über Leonie, die es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Auch kleine Racheaktionen führt sie gerne durch, jedoch beides nur wenn es einen ...

Herrlich leicht und mit viel Humor schreibt Julia Bähr über Leonie, die es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Auch kleine Racheaktionen führt sie gerne durch, jedoch beides nur wenn es einen guten Grund dazu gibt. Als Leonie nach München zieht und merkt, wie absurd teuer dort alles ist, baut sie sich einen lukrativen Nebenverdienst auf - die Moral ist dabei etwas flexibler zu sehen.
Ich habe dieses Buch mit viel Freude gelesen. Die Figuren waren mir sympathisch und greifbar - auch wenn ihre Tätigkeiten das nicht immer waren. Ich mochte den Schreibstil und die subtile Gesellschaftskritik, denn letztendlich könnte man Leonies Nebenjob als eine kleine Rebellion gegen den Kapitalismus und ein Engagement für Gerechtigkeit sehen. Lediglich zum Ende hin hätte mir noch irgendwas gefehlt, eine Wendung oder ein Höhepunkt. Alles in allem war es für mich aber ein sehr rundes, humorvolles und empfehlenswertes Buch!

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Intensiv, grausam und raffiniert

Madwoman
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In dem Roman "Mad Woman" von Chelsea Bieker geht es um Clove. Nach außen hin führt sie ein tolles Familienleben, hat viel Zeit für ihre Kinder, ernährt sich gesund und hat einen liebevollen Ehemann. Doch ...

In dem Roman "Mad Woman" von Chelsea Bieker geht es um Clove. Nach außen hin führt sie ein tolles Familienleben, hat viel Zeit für ihre Kinder, ernährt sich gesund und hat einen liebevollen Ehemann. Doch als sie Post von ihrer Mutter aus dem Frauengefängnis bekommt holt ihre Vergangenheit sie immer mehr ein.

Das Buch war für mich von Anfang an sehr spannend. Die Erzählung in der Du-Form ist ungewöhnlich, aber passt sehr gut zum Buch – sie richtet sich an die Mutter und macht die ganze Verstrickung zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlich.
Clove beschreibt ihre schreckliche Kindheit, was oft schwer auszuhalten ist. Spannend fand ich zudem, wie sie sich eine neue Identität aufbaut und ihr ganzes Leben um diese neue Rolle konstruiert – absurd und nachvollziehbar zugleich. Als Jane, eine vorher unbekannte Frau, in ihr Leben tritt entwickeln die beiden eine Beziehung zwischen Abhängigkeit und tiefer Freundschaft. Bis zum Schluss habe ich gerätselt wohin diese Beziehungen führt.
Der Schreibstil ist sehr flüssig und leicht lesbar, auch wenn die Themen schwer und grausam sind. Ich konnte die Wut und die Qualen, das Gefängnis in dem sich Clove in ihrer Kindheit befand, hautnah nachempfinden. Einige Dinge habe ich zwar geahnt, aber der finale Plottwist hat mich komplett überrascht und die Geschichte für mich abgerundet.
Für mich war es ein sehr intensives, toll geschriebenes Buch!

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Veröffentlicht am 09.08.2025

Zwischen Zugehörigkeit, Machtstrukturen, Freundschaften und Selbstverlust

Bestie
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In „Bestie“ von Joana June geht es um Lilly, die in eine neue Stadt zieht und einen Neustart wagen möchte, und Anouk, eine erfolgreiche Influencerin, die umgeben ist von Menschen, die alles tun um nicht ...

In „Bestie“ von Joana June geht es um Lilly, die in eine neue Stadt zieht und einen Neustart wagen möchte, und Anouk, eine erfolgreiche Influencerin, die umgeben ist von Menschen, die alles tun um nicht ihre wahren Gefühle zeigen zu müssen, sei es in ihrer Freundesgruppe oder ihrer Familie. Während Anouk berechnend, kontrolliert, kühl erscheint versucht sich Lilly zu Beginn der Geschichte beinahe krankhaft eine neue Identität aufzubauen. Lilly zieht in ein Zimmer in Anouks Wohnung und es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden, die infrage stellt, wieviel man von sich preisgeben muss, um wahre Nähe zu erschaffen und inwieweit man sich selbst verändern kann um dazuzugehören ohne sich zu verlieren.
Bestie ist für mich ein tiefgründiger Roman über Freundschaft, Macht, Identität und die oft unsichtbaren, aber tiefgreifenden Dynamiken zwischen Frauen. Von Beginn an hat mich die Geschichte mit ihren widersprüchlichen, komplexen Figuren in den Bann gezogen. Sowohl Lilly als auch Anouk wirken gleichzeitig nahbar und doch unnahbar. Ihre Art miteinander umzugehen hat schmerzlich aufgezeigt, was ich teilweise selber aus Freundschaften kenne, was die Sehnsucht nach emotionalen Bindungen mit einer Person machen kann und wie sehr wir geprägt sind von den Erfahrungen, die wir selbst in Familie und Freundschaften gemacht haben.
Mit viel Feingefühl hat Joana hier gesellschaftlich relevante Themen eingearbeitet. Detailliert werden Emotionen, Machtverhältnisse und subtile Manipulation in Worte gefasst. Der Schreibstil ist sehr fließend, manchmal war er jedoch für mich etwas verwirrend durch die „theatralische“ Erzählweise und die vielen Symbol-Elemente, die dem Text eine fast traumartige Ebene geben.
Insgesamt hatte ich sehr viel Freude daran, dieses Buch zu lesen. Zwischen der Suche nach Zugehörigkeit und Authentizität, der Suche nach männlicher Bestätigung und Selbstbestimmung, zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Machtstrukturen, zwischen Manipulation und wahren Verbindungen, zwischen Bewunderung und Obsession hat Joana hier einen ganz tollen, künstlerischen Roman geschrieben.

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