Profilbild von Jumari

Jumari

Lesejury Star
offline

Jumari ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jumari über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.05.2025

Perfekt inszeniertes Familiendrama

Die unsichtbare Hand
0

Die Leseprobe des neuen Thrillers von Julie Clark gefiel mir bereits so gut, dass ich auch das restliche Buch unbedingt lesen wollte. Ich habe es nicht bereut, von der ersten bis zur letzten Seite nicht ...

Die Leseprobe des neuen Thrillers von Julie Clark gefiel mir bereits so gut, dass ich auch das restliche Buch unbedingt lesen wollte. Ich habe es nicht bereut, von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur ein gewöhnlicher Thriller, sondern ein genial konstruierter Roman, der mich tatsächlich gefesselt hat.
Clark arbeitet mit unterschiedlichen Mitteln und Ebenen, Zeitebenen und verschiedenen Details, die im Laufe der Zeit ans Licht kommen.
Olivia Dumont ist eine anerkannte Ghostwriterin, die sich in ziemliche finanzielle und berufliche Schwierigkeiten gebracht hat und nun mit einem Blockbuster der speziellen Art hofft, all ihre Probleme zu lösen. Sie ist seit ihrem fünften Lebensjahr beim Vater Vincent Taylor aufgewachsen, die Mutter entfloh der Familie bzw. Familientragödie und ließ beide allein. Der überforderte Vater, dem der Makel des ungeklärten Geschwistermordes anhängt, gibt Olivia später ins Internat und sie findet nicht wieder zu ihm zurück. Es scheint eine Trennung auf Lebenszeit zu werden. Ihrem Lebenspartner Tom erzählt sie nichts davon, er glaubt, ihre Eltern seien tot.
Als Olivia den Auftrag für ein neues Buch erhält, hofft sie, ihre Finanzen sanieren zu können. Aber der Auftrag ist heikel, sie soll die Memoiren ihres Vaters schreiben, der auf Grund einer alzheimerähnlichen Erkrankung dazu nicht mehr in der Lage ist. Sehr schnell stellt sich heraus, dass ihr vertragliches Schweigegelübde ebenso hinderlich ist wie der unaufgeklärte Mord an Poppy, der Schwester, und Danny, dem Bruder ihres Vaters. Zwischenzeitlich rastet ihr Vater bei der Zusammenarbeit total aus, verwechselt sie mit ihrer Mutter oder lügt, dass sich die Balken biegen.
Aus der heutigen Zeit wechseln die Kapitel ins Jahr 1975 und man sieht die Vorgänge aus der Sicht der drei Geschwister, aus Tagebüchern, Filmen, Manuskripten und kurzen Interviews mit Zeitzeugen. Der Leser rätselt von Beginn an mit, was der Anlass war und wie der Mord geschah! Und er rätselt bis zum Schluss. Langsam dringt Olivia in die tiefsten Abgründe vor. Gut so, Spannung pur.
Mir haben die Protagonisten gefallen, kein Einziger hatte sofort meine volle Sympathie, jeder hat Ecken und Kanten und doch fieberte ich mit. Der Schreibstil ist gut und flüssig, kein verkopfter Satz stört den Ablauf der Geschichte. Also auch eine gute Übersetzung, ich sah mich nicht genötigt, mir den englischen Originaltext anzuschauen, mir hat es einfach so gefallen, wie es geschrieben ist.
Das Cover basiert auf einem alten Filmausschnitt und gibt die Atmosphäre, in der das Verbrechen geschah, gut wieder. Was mir nicht gefällt ist das zusätzlich aufgedruckte Cover des letzten Buchs von Clarke, es lenkt ab und passt nicht zur Gesamtgestaltung. Das gleiche Stilmittel wurde bei ihrem Roman „Der Plan“ verwendet, auch dort wirkt die schöne Gestaltung mit der großen Welle etwas zerrissen.
Von mir die vollen 5 Sterne, auch dafür, dass Olivias fragile Beziehung zu Tom nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt wurde. Der Titel „Die unsichtbare Hand“ hätte auch „Dunkle Stunden“ oder „Verborgene Wahrheiten“ heißen können. Der Originaltitel „The Ghostwriter“ trifft es aus meiner Sicht gar nicht so gut, ich sehe eher die unausgesprochenen Familiengeheimnisse im Fokus. Von mir eine Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2025

Die Züge sind das Ziel, nicht die Bahnhöfe

Bummelzug nach Istanbul
0

Für die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz ...

Für die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz jung sind – auf die Reise zu gehen. Passend zum günstigen Interrail-Pass sollte bitteschön auch alles andere auf dem Weg möglichst günstig sein und das Gepäck möglichst tragbar. So gehen die beiden, Tom und Danny, auf den Spuren des berühmten Orientexpresses auf eine gut vierwöchige Reise. Danny wird Tom nur auf der Hälfte der Fahrt begleiten, dann muss er seiner Frau wieder bei der Erziehung dreier Kinder unter die Arme greifen. Tom hat diese Sorgen nicht und gibt sich ganz der Bahnfahrerei hin.
Tom Chesshyre beschreibt die Etappen und die Leute, die sie kennenlernen, er schaut aus dem Fenster und begibt sich nicht nur gedanklich vom Spätwinter in den Frühling. Streiks und andere Unannehmlichkeiten sind inklusive. Von Zeit zu Zeit werden Kirchen oder Sehenswürdigkeiten besichtigt, einen völlig ungeplanten, wunderbaren Ausflug nach Pompeij zum Beispiel hat Tom in Italien gemacht, als er schon allein reist.
Für mich waren insbesondere die Beschreibungen der Länder, ihrer Bewohner und Sitten interessant, die ich selbst entweder noch nie oder nur kurz oder vor langer Zeit einmal gesehen habe. In Ungarn, Rumänien und Bulgarien war ich noch nie, das war ein echtes (Lese)-Erlebnis.
Manchmal tat es mir leid, dass Tom so schnell die Züge wechselte und nicht für ein paar Stunden vor Ort blieb. Wie kann man bloß in Caserta umsteigen, ohne sich den größten Königspalast der Welt anzusehen? Wie kann man in Antwerpen anhalten, ohne den (meiner Meinung nach) schönsten Bahnhof der Welt zu bewundern? Nun, Tom erklärt es das eine oder andere Mal, er ist nicht auf Sightseeingtour, er ist auf einer Bahnreise mit Ziel Istanbul. Alles andere am Rande der Schienen nimmt er nur wahr, wenn es in den Fahrplan passt. In Istanbul hat er aber jedenfalls genug Zeit für Sightseeing eingeplant und hat mir ordentlich den Mund wässrig gemacht, dort war ich nämlich auch noch nicht.
Man erfährt im Laufe des Reisens eine Menge über die Geschichte, nicht nur der Eisenbahn, auch der Länder und Städte. Man erfährt viel über Pünktlichkeit, Sauberkeit und einige Merkwürdigkeiten in den Zügen, auf den Bahnhöfen, in den Orten, speziell in Bahnhofsvierteln. Die bieten sich für eine schnelle Übernachtung nicht weit vom Bahnhof natürlich an, besonders, wenn man immer seinen Rucksack dabeihaben muss. Und er lernt jede Menge bahnverrückte Leute kennen, mit denen sich Tom gern unterhält. Manchmal hätten die Erzählungen darüber etwas kürzer sein können, aber sie waren immer interessant und unterhaltsam.
Schade fand ich es, dass nur auf der Umschlaginnenseite ein paar Fotos abgedruckt wurden. Mir haben passend zum Text eingestreute Fotos etwas gefehlt, selbst Schwarz-Weiß-Fotos hätten mir sicher gefallen. Nur als Beispiele: die Brücke in Bratislava ist so ungewöhnlich, aber ob sie jeder Leser kennt? Und wer war schon mal in Waterloo im Musée Wellington?
Die jedem Kapitel vorangestellten Karten erleichtern die Orientierung, wenn man sich am Ende die Übersichtskarte auf dem inneren Cover hinten anschaut, dann staunt man wirklich ob der Geduld, die der Autor aufgebracht hat, für den langen Weg wie auch für das ausführliche Reise(tage)buch.
Einige Äußerungen fühlten sich für mich etwas belehrend an: Warum sollte der Regierungssitz in Budapest nicht gut bewacht werden in heutigen Zeiten? Warum der Hinweis auf die „postfaschistische“ italienische Ministerpräsidentin? Warum so explizit erwähnen, dass man gut daran tut, wie Greta aus Schweden per Bahn zu reisen?
Nicht alle Strecken ließen sich per Bahn bewältigen, so ging es per Bus, als Tramp und auf der Fähre trotzdem immer weiter und das brachte auch noch etwas Abwechslung in das Geratter der Schienen.
Ganz am Rande gibt Tom auch einige Lesetipps, einen aber werde ich ganz sicher nicht befolgen: Satres „Der Ekel“ hat mir hinlänglich in Toms Beschreibungen gereicht.
Tom Chesshyre hat vor einigen Jahren schon einmal mit einem „Slow Train“ eine Reise auf Schienen durch einen großen Teil Europas unternommen und ein Buch darüber geschrieben. Nach der Lektüre von „Bummelzug nach Istanbul“ werde ich auch dieses erste Buch noch lesen, besonders, weil er darin auch über Polen und die Ukraine – Jahre vor dem Ukrainekrieg –schreibt.
Fazit: Ein abwechslungsreiches Buch, eine Reise im Kopf von London nach Istanbul und zurück. Dass zum Ende hin das Interesses des Autors wie des Lesers vielleicht etwas nachlässt, ist verständlich. Nach Tausenden Kilometern auf Schienen darf man sich wirklich nach Hause sehnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.05.2025

Enttäuschung

Was am Ufer lauert
0

Als langjähriger treuer Grauner-Krimi-Leser bin ich mit Gianna Pitti, der Polizeireporterin vom Gardasee, nicht richtig warm geworden. „Was der See birgt“ war der erste Krimi der Reihe, jetzt also der ...

Als langjähriger treuer Grauner-Krimi-Leser bin ich mit Gianna Pitti, der Polizeireporterin vom Gardasee, nicht richtig warm geworden. „Was der See birgt“ war der erste Krimi der Reihe, jetzt also der zweite. Ich hoffte, dass es diesmal spannender und flotter voran gehen würde. Aber leider ist das nicht so. Ich brach aber das Lesen nicht ab, weil mir die Geschichte etwas breit ausgewalzt vorkam, sondern weil mich die permanent eingesetzte sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“, das fortwährende Erwähnen von z. B. Kolleginnen und Kollegen massiv im Lese- wie auch im Gedankenfluss störte. Ich bin der Meinung, dass es schon schlimm genug ist, wenn diese Unart im täglichen Umgang mit Medien aller Art toleriert werden muss. In einer Literatur, die diese Bezeichnung verdienen will, hat es nichts zu suchen. Das generische Maskulinum ist ja bereits hinlänglich diskutiert und entweder gelobt oder vernichtet worden, mir ist es ein Bedürfnis, in der von mir gelernten deutschen Sprache auch Krimis zu lesen. Sätze, wie dieser „Es gehört zum Dilemma von Journalistinnenkarrieren, dass gute Schnüffler und gute Schreiber irgendwann zu Ressortleiterinnen und zu Chefredakteurinnen aufstiegen, …“ sind kein literarischer Schreibstil, sie sind einfach furchtbar. Hätte ich Böses im Sinn, würde ich vermuten, dass alle Journalistinnen vormals männlich waren und sich für ihre Karriere zu Frauen umwandeln ließen.

Zusätzlich zum Aufkleber „Spiegel Bestseller-Autor“ wäre eine Triggerwarnung angebracht: „Dieses Buch wurde in geschlechtergerechter Sprache verfasst“. Wer das nicht lesen möchte, weiß dann Bescheid und wird nicht enttäuscht.

Meine 2 Sterne vergebe ich an das Cover und die Figur des Marchese, den ich echt witzig finde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2025

Lügen tragen freche Flipflops

Horror-Date
0

Sebastian Fitzek hat es wieder einmal geschafft und mich – auch dank Simon Jägers herrlicher Lesung – zu amüsieren, zu unterhalten, mich zum Lachen zu bringen. Und im Hintergrund lässt er doch auch immer ...

Sebastian Fitzek hat es wieder einmal geschafft und mich – auch dank Simon Jägers herrlicher Lesung – zu amüsieren, zu unterhalten, mich zum Lachen zu bringen. Und im Hintergrund lässt er doch auch immer ein wenig Psychologie und Menschenkenntnis durchblitzen.
Worum es in der Geschichte geht, steht auf dem Cover. Dass es ein Hörbuch ist, dass man auf keinen Fall verpassen sollte, schreibe ich hier.
Wortwitz und Situationskomik gepaart mit leiser Ironie und lauter Boshaftigkeiten der Protagonisten machen aus den sechseinhalb Stunden ein äußerst kurzweiliges Vergnügen. Wer Elternabend gehört hat, wird schon vorher wissen, was ich meine.

Fazit: Viel Spaß!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.04.2025

Verlorene Liebesmüh'

Verlorene Provence
0

Internationaler Filmdreh in der Provence! Das lässt nicht nur den Ex-Commissaire Albin Leclerc aufhorchen. Auch sein Hündchen Mike Tyson, kurz nur Tyson genannt, wedelt schon ganz aufgeregt mit dem Schwänzchen. ...

Internationaler Filmdreh in der Provence! Das lässt nicht nur den Ex-Commissaire Albin Leclerc aufhorchen. Auch sein Hündchen Mike Tyson, kurz nur Tyson genannt, wedelt schon ganz aufgeregt mit dem Schwänzchen. Erschossen wird mit einem Gewehr aus der Requisite der berühmteste der Darsteller des neuen Remakes ... von einer hilfsweise beauftragten Nebendarstellerin, der es auch gleich noch fast das Herz bricht. Der schöne Darsteller mit dem Namen Brad Stone, der wohl ein Wiedergänger von Brad Pitt sein soll, hatte noch erfreut nach dem Schuss gerufen, schon lag er tot auf der Matte. Dass durch diesen Unfall die Region völlig aus dem Häuschen gerät, einschließlich der prekären Verkehrslage, kann man sich vorstellen. Leclerc wird als Hilfsermittler und Berater engagiert, was ihr natürlich riesig freut. Mir war das Ganze etwas langatmig beschrieben und die Umstände wurden zu Beginn so oft wiederholt, dass ich schon vermutet habe, ich hätte versehentlich die Seiten zweimal gelesen. Wie Leclerc und Tyson behilflich sein werden, um herauszufinden, ob Absicht oder Fahrlässigkeit den Todesfall verursacht haben, ist dann eine längere Geschichte.
Fazit: Der Leser wird nett unterhalten von Leclerc und Tyson, aber ein totales Highlight war der Krimi für mich nicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere