Beinahe zwei Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von „Wir hätten uns alles gesagt“ fiel mir dieses Buch auf, ich nahm es und verschlag es in kaum drei Tagen. Es ist nicht dick, aber es ist inhaltsschwerer ...
Beinahe zwei Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von „Wir hätten uns alles gesagt“ fiel mir dieses Buch auf, ich nahm es und verschlag es in kaum drei Tagen. Es ist nicht dick, aber es ist inhaltsschwerer als mancher 1000-Seiten-Roman. Von Beginn an fesselten mich einige Details, Übereinstimmungen, Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend: Die Autorin und ich tragen den gleichen Vornamen, sie wuchs wie ich in Berlin auf – sie im Westen, ich im Osten – mit ihrer Oma im Haushalt, auch bei ihr gab es Pellkartoffeln, Quark und Leinöl, es nannte sich nur anders. Auch später gab es etwas, das mich nicht losließ, ihr Kind. Ihr Kind ist ein Junge, aber sie spricht von ihm immer, egal wie alt, von ihrem Kind. Mein erstes Kind war ein Mädchen, ich habe nie von ihr als Tochter gesprochen, immer war sie mein Kind. Mein Kind mochte das nicht, sie fand es anonym und befremdlich, für mich war „mein Kind“ schon da, als es noch nicht geboren war, und es blieb dabei, verbunden, als wäre die Nabelschnur noch dran. Wie das Kind von Judith Hermann diese Bezeichnung findet, das weiß ich nicht, es kommt nie zur Sprache.
Zur Sprache kommen die Eltern, die besondere Problematik des Vaters, der für Jahre in einer psychiatrischen Klinik lebt, die Problematik der Mutter, die immer alles aushält, am Ende werden beide trotzdem füreinander da sein. Das ist tröstlich. Zur Sprache kommt die Freundin Ada, die sich in den Gedanken und Gefühlen der Autorin einnistet wie ein Kuckuckskind. Die immer da ist, auch wenn jahrelange Funkstille herrscht, die Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlt, erdet. Und dann ist da Jon, der erst im dritten Teil auftaucht, aber als Partner zu sehen ist, der sich schwertut mit den Gedanken, Geheimnissen und den Worten, die an beiden haarscharf vorbeigehen, ohne beim anderen Gehör zu finden. Hier findet sich auch der Titel des Buches, aber da weiß man schon, dass man sich niemals alles sagen kann und will. Weder im Buch noch im echten Leben.
Daran sind auch die Träume schuld, sie verweben mit den Tatsachen, die Geschichten werden Träume, die Träume werden Wahrheit oder Lüge. Nichts ist wie es scheint. Und trotzdem wird die Autorin von einem Abend erzählen mit ihrem Vater, sie gehen ins Theater und danach suchen sie im Überangebot ein passendes Restaurant. Der so oft fremd und entrückt wirkende Vater wird ihr unvergesslich um Mitternacht zum Geburtstag gratulieren. Das ist etwas, was ich mit der Autorin nicht gemein habe, mein Vater schickte im besten Fall seinen Fahrer mit einem Geschenk, und das meist am falschen Tag. Bei mir hat die Geburtstagsszenerie ein ganzes Kinderleben an Erinnerungen heraufbeschworen.
Wir machen auf und wir machen zu, unser Leben passiert genau dazwischen. Hermann schreibt „Altwerden ist was für Helden. … Es ist eine absolute und bodenlose Zumutung.“ Ja, stimmt, nur bin ich 15 Jahre älter als sie und kann ihr nur raten, sich diesen Satz noch etwas aufzuheben. Ja, es gibt „immer mehrere Wahrheiten“, das Leben, die Träume, die Gedanken.
Selbst die Pandemie wurde mit dem Schreiben, Lesen, Denken und Erinnern einfacher, endlicher, löste sich auf in verpassten Gelegenheiten und angenehmer Einsamkeit. Rückblickend eine Farce, wenn auch tödlich, so doch nur sanfter Erinnerung wert.
Gerne hätte ich die Poetikvorlesungen von Judith Hermann gehört, um noch länger und intensiver in ihrer Gedankenwelt zu schweben. Obwohl das Buch nicht wenige traurige, ja tragische Momente hat, bringt es mich immer wieder auf neue Ebenen, die angenehm, ruhig, vollkommen sind. Man vertreibt den inneren Dibbuk und beginnt einfach wieder von vorn.
Fazit: Judith Hermanns Buch, ihre Bücher, zu lesen, das heißt, sich darauf einzulassen. Ich habe es getan und mich in ihrer Gegenwart sehr gut gefühlt.
Dieser unterhaltsame Ausflug in die Geschichte (der Redewendungen und der Menschheit) sei sehr empfohlen. Ich hatte viele Jahre Auszubildende, die mit vielen, unbedacht benutzten Redewendungen überhaupt ...
Dieser unterhaltsame Ausflug in die Geschichte (der Redewendungen und der Menschheit) sei sehr empfohlen. Ich hatte viele Jahre Auszubildende, die mit vielen, unbedacht benutzten Redewendungen überhaupt nichts anfangen konnte. Die Herkunft der Redewendungen zu wissen, das war ihnen auch nicht wichtig. In meinem Alter (ü70) ist das noch etwas anders, wir hatten Großeltern, Lehrer und andere ältere Bezugspersonen, die die Herkunft gleich mitlieferten, wenn man etwas nicht verstand. Das hat sich bei mir so sehr eingeprägt, dass ich nur wenig Neues und Überraschendes in diesem Büchlein fand. Aber eine gute Auffrischung war die Lektüre allemal. Der Beitrag z. B. zu den Rabeneltern geht weit über den bekannten Begriff hinaus, ich fand diesen und einige andere (Leseratte, Unter aller Kanone) wirklich amüsant und gleichzeitig lehrreich. Einzig „08/15“ hat mir in der Aufzählung tatsächlich gefehlt.
Der Autor benutzt eine fröhlich-ironische Umgangssprache und nimmt so dem Leser das Gefühl, er habe keine Ahnung.
Für den Autor habe ich noch eine Idee für die Nachauflage: „Bademantel“ sollte als umgangssprachliche Warnung vor der Polizei aufgeführt werden. Für Erklärungen dazu wenden Sie sich doch bitte an Don Alphonso von der WELT.
Mir hat das Buch Freude gemacht, ich kann es sehr empfehlen.
Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er ...
Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er und alle anderen ertragen müssen, ist schwer zu durchdringen. Kapitelmans Schreibstil ließ mich nicht eins werden mit diesem Roman, der ja auch ein Zeitzeugnis ist und sein will. Ich kenne das Leipzig von Anfang der 1970er Jahre, da lebten dort noch viele russische Soldaten in Kasernen, es gab das магазин, wir nannten es Russenladen. Ich ging dort nur wegen der schönen Bonbons hin, mehr konnte ich mir als Lehrling auch nicht leisten. So ähnlich wird es im Kapitelmanschen Spezialitätenladen auch sein.
Das tägliche Thema Ukrainekrieg macht es einem schwer, darüber mit Lächeln und Ironie zu reden bzw. zu lesen, schlimmer noch, russische und ukrainische Propaganda ertragen zu müssen, wenn man tausendsechshundert Kilometer entfernt ist von Bomben, Drohnen, Panzern und Mordmaschinerie. Für mich ist dieses Buch leider das falsche Buch zur falschen Zeit.
Vor nicht ganz drei Jahren lernte ich „Die Fliegerinnen“ von Jeanette Limbeck kennen, ein Roman, der mich sehr bewegt hat, über sowjetische Kampffliegerinnen im Zweiten Weltkrieg. Dieses wunderbare Buch ...
Vor nicht ganz drei Jahren lernte ich „Die Fliegerinnen“ von Jeanette Limbeck kennen, ein Roman, der mich sehr bewegt hat, über sowjetische Kampffliegerinnen im Zweiten Weltkrieg. Dieses wunderbare Buch stand bei seiner Veröffentlichung im März 2022, entstanden in der fürchterlichen Pandemie, unter einem riesigen Druck, weil gerade der russische Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Zu meiner Freude war es trotzdem erschienen.
Schon damals erfuhr ich, was das nächste Romanthema sein würde, die Französische Revolution, die Malerin Duplay und der umstrittene Revolutionär Robespierre. Für mich eine große Überraschung, denn diese Thematik hätte ich nicht erwartet, und sie entspricht so gar nicht meinem „Beuteschema“ bei der Literaturauswahl. Für mich sind seit Jahren das 20. Jahrhundert, die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, der Holocaust und die Nachkriegszeit meine bevorzugten Themen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verfolgte ich über lange Zeit die Entstehung des neuen Romans, immer noch unsicher, ob ich bereit wäre, rund 500 Seiten über die Französische Revolution zu lesen, von der ich bewusst wohl nur im Geschichtsunterricht Kenntnis genommen hatte, der nun schon über 50 Jahre zurückliegt.
Seit der Roman Anfang Februar erschienen ist, habe ich deshalb erst einmal interessiert die ersten Rezensionen verfolgt und eine Leseprobe gelesen, beides hat mich noch neugieriger gemacht. Also bestellte ich das Buch und stellte schon nach kurzer Zeit fest, dass meine Bildungslücke dringend der Verbesserung bedurfte. Deshalb habe ich mich nach dem ersten Kapitel „Paris, 2017“ doch zuerst im Internet informiert, Zeittafeln, Kurzbiografien von Robespierre und Duplay und allgemeine Artikel über die Revolutionszeit gelesen. Vom Reclamverlag fand ich „Die Französiche Revolution“ von Axel Kuhn, das Buch war mir auch nach der Romanlektüre noch hilfreich. Wieder etwas aufgefrischt, habe ich mich regelrecht festgelesen im Roman und konnte ihn kaum mehr weglegen. Der literarische Schreibstil, der mir von den Fliegerinnen so gut im Gedächtnis geblieben war, findet sich auch in diesem Roman wieder. Die Autorin versteht es, eine fremde, weit zurückliegende Zeit, die Menschen, ihre Gedanken und Gefühle so in eine heutige Sichtweise zu übertragen, dass ich mich gut in die Protagonisten und ihr Leben einfühlen konnte. Es gibt keine steifen Dialoge, die Wortwahl ist modern und der Roman folgt konsequent einer Zeitschiene von 1791 bis 1795.
Das Buch macht den Leser mit Éléonore Duplay bekannt, einer jungen Frau, die im Schreinerhaushalt ihrer Eltern lebt und die ihr zeichnerisches Talent, ihre Fantasie und ihre Gefühle im Malen ausdrücken möchte. Ein schwieriger Weg liegt vor ihr im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Revolution von 1789 hat bei weitem noch nicht alle Wege für die Gleichberechtigung der Frauen geebnet, die alten Meinungen, Sitten und Gebräuche sind tief verwurzelt. Zu ihrem Glück findet sich eine Malklasse für Frauen im Louvre, der Vater übernimmt die Studienkosten für seine Tochter. Beides keine Selbstverständlichkeit.
Selbst als Léo, wie sie kurz genannt wird, den Revolutionär Maximilien Robespierre kennenlernt, wird sie erkennen, dass auch er nicht immer ihrer Meinung ist. Als er in das Haus der Duplays zieht und Léos Malzimmer zu seinem wird, empfindet sie das als herbe Ungerechtigkeit. Trotzdem verspüren beide eine große Zuneigung zueinander, die aber durch die traditionellen Einflüsse in ihrem Erblühen sehr beschränkt wird. Léos Enttäuschung über den Verlauf der Beziehung ist immer spürbar. Da helfen auch kleine Malerfolge nicht, denn wirklich anerkannt fühlt sie sich weder daheim noch bei ihren Mallehrern.
Die unsicheren Zeiten, in denen diese Liebe nicht ausgelebt werden kann, werden von der Autorin sehr lebendig und nachvollziehbar in die privaten Beziehungen eingebunden. Léo beginnt selbst, politisch tätig zu werden, Robespierre versucht sie zu schützen, denn er ahnt, dass sein Leben in Gefahr ist und damit auch das ihre.
Da die Hauptperson des Romans eine Frau ist, werden auch die feministischen Aspekte sehr ausführlich dargestellt. Me Too und lesbische Beziehungen, der Wunsch nach Anerkennung abseits von Küche und Kindern, die schwierige Teilnahme am politischen Leben werden thematisiert. Das nicht einmal von den fortschrittlichsten Revolutionären geforderte Wahlrecht für Frauen wird in Frankreich erst 1949 eingeführt. Andererseits musste ich doch etwas lachen, wenn Éléonore Duplay allgemein von den Leuten als Madame Robespierre und viel später dann als Witwe Robespierre bezeichnet wird. Ohne jeglichen Trauschein.
Was mir besonders aufgefallen ist, sind die Parallelen, die man zu heutigen politischen Ereignissen und Entwicklungen immer wieder findet, z. B. die Szene zwischen Robespierre und Léo, in der er ihr versucht klarzumachen, dass andere Nationen nicht darauf warten, dass ihnen die Revolution und ihre Errungenschaften als Geschenk präsentiert werden. Robespierre belehrt Léo eines Besseren, als er sagt „Woher weißt du, was irgendwelche Deutschen, Italiener oder Holländer erwarten?“ Und gleich noch eins draufsetzt mit „Bevor wir andere belehren, müssen wir erst einmal Einigkeit im Inneren erreichen.“
Aber auch Parallelen zu späteren Revolutionen und Umbrüchen in anderen Ländern sind zu spüren. Nicht nur einmal ging mir der Satz „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ durch den Kopf. Immer wieder in der Geschichte entstehen aus revolutionären und fortschrittlichen Ideen Diktaturen und Terrorapparate. Beispiele par excellence sind für mich Lenin und Stalin, die vielleicht ihre Vorbilder für den großen Terror in Frankreich ausgemacht haben. Für mich ist das erschütternd, manchmal habe ich das Gefühl, die Menschheit lernt nichts, und seien die Fehler noch so groß.
Dass die herzzerreißende Liebesgeschichte von Éléonore Duplay und Maximilien Robespierre ein tragisches Ende nimmt, das weiß man seit der ersten Seite, trotzdem habe ich es am Ende als sehr traurig empfunden.
Ganz ohne die Hilfe meiner Zeittafel wäre ich nicht ausgekommen, ich habe doch ab und zu noch einmal nach den Ereignissen geschaut. Und ich habe festgestellt, dass eingefahrene Gleise auch einmal verlassen werden können, um Neues und Unbekanntes zu erfahren. Dafür danke ich der Autorin sehr! Ich hoffe, dass viele Leser diese Erfahrung machen werden. Und ich möchte unbedingt hinzufügen, dass ich große Achtung vor ihrer Arbeit an diesem Buch habe, nicht nur der jahrelange Durchhaltewille (neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit), sondern vor allem das Recherchieren und die Schreibarbeit an sich bewundere ich sehr. Schön, wenn ein Gehirn wegen alltäglicher Unterforderung zu solchen Ergebnissen kommt!
Noch eine Bemerkung zum Anhang: Die Danksagung bringt zum Ausdruck, welche Kraftanstrengung dieser Roman erfordert hat, der eine „Evolution“ erlebte. Die toten Revolutionäre werden das Leben der Autorin und ihrer Familie ordentlich durchgeschüttelt haben. Das Glossar ist auch im Nachhinein hilfreich, Tüpfelchen auf dem i wäre, wenn die Zeitungsnamen bzw. Eigennamen z. B. der Sociétés ins Deutsche übersetzt wären. Nicht jeder hatte Französisch in der Schule. Zusätzlich zu den am Anfang genannten wichtigsten Personen des Romans werden dann noch einmal alle Personen in der Reihenfolge ihres Auftritts aufgeführt. Hier hätte ich eine alphabetische Folge für günstiger gehalten, gerade wenn man zu jemanden etwas nachlesen möchte. Wenn bekannt, wäre dann auch das Todesdatum noch interessant. Auf die Genauigkeit der historischen Ereignisse und ihre Wiedergabe im Buch zu verweisen, ist sicher für Historiker von Belang, ich als Leser gehe an Romane eher unbefangen heran. Wer nur an historischer Genauigkeit interessiert ist, wäre mit einem Sachbuch besser beraten. Ich empfinde die schriftstellerische Freiheit und Auslegung der Tatsachen als sehr bereichernd in diesem Roman. Insbesondere, wenn er so schön geschrieben ist wie dieser!
Ich habe das gedruckte Buch nicht gesehen, aber auch die Gestaltung des E-Books hat mir gut gefallen. Die Umsetzung in der Kindle-App ist leider nicht optimal. Das Cover wirkt am Bildschirm sehr ansprechend, wenn ich demnächst in einer Buchhandlung bin, werde ich danach Ausschau halten.
Die Überschrift meiner Rezension ist ein Zitat, Worte die Éléonore zu einer Vertrauten sagt. Sie spiegeln ihren politischen und weltlichen Anspruch im ganzen Roman wider. Aber den Wunsch nach einer Regierung der Tugend, den konnte ihr auch der geliebte Robespierre nicht erfüllen.
Fazit: Ein historischer (Liebes)-Roman vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, der die Leser auf neue und ungewohnte Spuren führt. Ich empfehle das Buch von ganzem Herzen. Uneingeschränkte 5 Sterne!
Zufällig habe ich in den letzten Wochen zwei Hörbücher von Susann Pásztor gehört, die mir sehr gefielen, es waren „Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts“ und „Und dann steht einer auf und öffnet ...
Zufällig habe ich in den letzten Wochen zwei Hörbücher von Susann Pásztor gehört, die mir sehr gefielen, es waren „Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts“ und „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“, dagegen ist der Titel des neuen Buchs ja schon fast minimalistisch zu nennen. Ganz im Gegensatz zum Inhalt, der sich mit den Grundfesten des Lebens beschäftigt. Susann Pásztor schreibt „Von hier aus weiter“ in der Ich-Form, sie ist Marlene, Ende 60, die Frau von Rolf, der sich mit einem Suizid aus ihrem dreißigjährigen Eheleben entfernt hat, bevor ein Hirntumor das tun konnte. Diese tragische Grundkonstellation ist der Ausgangspunkt für Marlenes neues Leben. Alle sind ihr zumindest äußerlich gewogen, sie aber springt mit ihren Gedanken zwischen Leben und Tod hin und her, die absurde Trauerfeier übersteht sie mit Hängen und Würgen. Ich war sehr gespannt, ob und wie sie sich von Trauer, Verlustangst und Valium befreit in diesem Buch.
Gänzlich unerwartet begegnet sie Jack, einem ehemaligen Schüler, und ehe sie sich‘s versieht, wohnt er vorübergehend bei ihr und bekocht sie und auch ihre Gäste auf wunderbare Weise. Hinter ihr Geheimnis kommt er aber nicht so schnell. Marlene erzählt ihm viel, aber niemals alles, so bleibt ihre Beziehung im Wagen. Als er von ihr wegen eines kleinen Notfalls zu Ida, ihrer befreundeten Ärztin und Nachfolgerin in der Praxis ihres Mannes, gebracht wird, verlieben sich die beiden vollkommen unterschiedlichen Menschen ineinander. Marlene beobachtet es staunend. Als dann ihre Freundin Wally aus Wien vermeldet, dass sie für Marlene einen Brief von Rolf hat und ihn nur persönlich übergeben darf, beginnt ein modernes Roadmovie seinen Lauf zu nehmen.
Der Schreibstil ist ganz wunderbar und wenn man selbst in dem Alter der Protagonistin ist, wird es noch interessanter. Susann Pásztor hat ein großes Talent, ihre Protagonisten auch noch die schwierigsten Themen auf leichte, liebevolle Art bewältigen zu lassen. Das Buch ist nicht besonders umfangreich, aber es lohnt sich jede Minute des Lesens. Ironie, eine Portion Spaß und psychologischer Tiefgang werden aufs Feinste gemischt. Gute Unterhaltung!
Fazit: Manchmal ist das Ende ein neuer Anfang. Sehr feinfühlig erzählt. Meine Lese- und später Hörempfehlung fürs Frühjahr 2025. Volle 5 Sterne.