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Veröffentlicht am 25.03.2026

Martha ist bewundernswert oder jeder Mensch ist anders komisch

Stunden wie Tage
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Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans ...

Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans und ich wurde nicht enttäuscht. Shelly Kupferberg schreibt so poetisch, lebendig und mit so viel Empathie für ihre Protagonisten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Ich las die Lebensgeschichte der Frau Martha immer mit Tränen in den Augen, weil ich mit ihr fühlen konnte, als wäre sie meine Verwandte. Meine Oma war auch eine Schneidertochter, machte den Haushalt und kümmerte sich um die Buchführung. Martha erinnert mich ein wenig an sie, besonders mit ihrem stolzen Spruch, mit dem sie sich bei den Brüdern Berkowitz um eine Stelle als Hausbesorgerin bewirbt »Ich bin das einzige Kind sehr gewissenhafter, frommer Menschen. Bescheidenheit, Verantwortung und Sparsamkeit wurden mir in die Wiege gelegt. Ich habe schon früh gelernt zu haushalten.« Wie schwer es ihr mit den Jahren fallen wird, allen Anforderungen gerecht zu werden, das weiß sie da noch nicht. Auch die persönlichen Verflechtungen mit der Familie Berkowitz stehen noch in den Sternen. Denn zuerst lernt Martha – die tatsächlich die begehrte Stelle erhalten hat, inklusive einer Wohnung in dem Schöneberger Mietshaus – ihren Willy kennen. Der ist Briefträger und wird nach längerem Werben dann auch ihr Ehemann. So ganz einfach hat der Willy es auch nicht mit seiner Martha, denn die pflegt die oben beschriebenen Eigenschaften nicht nur für ihr Dienstverhältnis, sie ist auch im Privatleben sehr, sehr sparsam und gewissenhaft. Aber Willy nimmt das gelassen und so verläuft die Ehe wie viele, nur leider ohne Kinder, denn nach dem ersten, verlorenen darf Martha nie wieder schwanger werden.
Kinder sind es aber, die ihren Blick oft anziehen, als ihr Dienstherr Henry Berkowitz sein Töchterchen Liane bekommt, stellt sich ein ganz besonderes Verhältnis ein. Henrys Ehefrau, russische Emigrantin und Sängerin, ist nicht die ideale Mutter; Martha ersetzt Liane zwar die Mutter nicht, aber sicher eine liebevolle Tante. Diese innige Beziehung besteht von der Geburt der kleinen Liane bis an ihr bitteres Ende.
Shelly Kupferberg beschreibt also nicht nur den Lebensweg der Martha, sondern die tragische Lebens- und Familiengeschichten der Berkowitz‘, auch der mit Berkowitz befreundeten Familie Samulewitsch, aber auch der Mitbewohner, Nachbarn und Bekannten. Mich hat dieses Buch sehr berührt, die schwersten Prüfungen, die alle, auch Martha und Willy bestehen müssen, die überleben wollen und es doch nicht immer können, das las sich trotz des angenehmen, leichten Schreibstils der Autorin überhaupt nicht leicht. Es machte mir das Herz schwer, welchen Qualen die Menschen ausgesetzt waren im Nationalsozialismus. Es sind nicht nur die Folterqualen, es ist der psychische Druck, der die Menschen nachhaltig beschädigt hat. Nicht jeder war und ist in der Lage, diese Traumata zu überstehen.
Ein Schlüsselmoment im Roman war für mich die Beschreibung des Badevergnügens von Liane und Remus im Sommer 1940, er erinnerte mich schlagartig an den Film „Hilde“, der die Geschichte von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“ erzählt. Ich hatte nicht, was ich sonst leider viel zu oft tue, das Nachwort zuerst gelesen. Hier wird Shelly Kupferberg die gut recherchierten Details zu diesem Roman erklären. Für mich wurden die Zusammenhänge noch während des Lesens klar, ich verrate hier keine Geheimnisse, das Schicksal von Liane Berkowitz ist öffentlich nachzulesen u. a. bei Wikipedia. Ich erinnerte mich direkt an ihren Namen beim Lesen, sie ist eine der Frauen aus dem Biografienband „Frauen gegen Hitler - Weiblicher Widerstand im ‚Dritten Reich‘“ von Christiane Kruse, erschienen 2024 beim BeBra Verlag. Und sie war eine von 50 Porträtierten, die mir so stark im Gedächtnis geblieben sind.
Zufällig ist auch in meiner weitverzweigten jüdischen Familienhälfte ein Alex Zadik Berkowitz, er hat sich diesen Namen selbst erwählt, wie einen Künstlernamen, und er starb im KZ Buchenwald. Ich habe mich lange und intensiv mit Recherchen zu Holocaustopfern und überlebenden Familienangehörigen beschäftigt, es ist sehr mühsam und aufwendig, bis so ein Buch entstehen kann. Die Hilfe von dem im „Dank“ erwähnten Johannes Tuchel und seinen Mitarbeitern kam auch meiner Arbeit zugute. Mein Vater wurde im Alter von 24 Jahren 1935 wegen Hochverrats zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt, die nach zehn Jahren endete, weil er von der Roten Armee befreit wurde. Wäre er den Nazihäschern Anfang der 1940er Jahre in die Hände gefallen, hätte auch er ein Todesurteil erhalten. Ich hatte das während des Lesens immer im Hinterkopf, wie unsagbar tapfer Liane Berkowitz und all die anderen Widerstandskämpfer waren. Sie wussten, dass ihnen der Tod drohte. Und haben trotzdem mit ihren Aktionen nicht aufgehört.
Fazit: Shelly Kupferberg gelingt es, Menschen, die schon lange tot sind, in das Gedächtnis zurückzuholen, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, der einfachen Frau Martha ebenso, wie der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, wie den Bewohnern dieses Schöneberger Mietshauses oder den Samulewitschs. Und es spielt keine Rolle, ob die Romanfiguren fiktiv oder real sind, ich sehe sie alle symbolisch für die Opfer des Nationalsozialismus. Der wunderbare Schreibstil lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es fesselt bis zum Schluss. Absolute Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Der zerstörte Glaube an Gerechtigkeit

Entscheidung in Spanien
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Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung ...

Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung in Spanien“ war es nicht, erst beim Untertitel bin ich stehengeblieben. Es kamen mir gleich mehrere Bücher, die ich vor Kurzem über Literatur vor und im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, in den Sinn: Uwe Wittstock mit „Februar 33“ und „Marseille 1940“, Uwe Neumahrs „Die Buchhandlung der Exilanten“, das große Nachschlagewerk von Helmut Kiesel „Schreiben in finsteren Zeiten“ und auch Florian Illies‘ „Wenn die Sonne untergeht“. Immer sind es solche Sachbücher, die die Verknüpfung von Geschichte und Literatur/Literaten bezeugen, die mich besonders interessieren. Nun also der Spanische Bürgerkrieg. „Der große Kampf der Literatur 1936-1939“. Ich war gespannt.
Paul Ingendaay ist ein absoluter Kenner Spaniens, seiner Geschichte und seiner Literatur, das bezeugen auch unzählige Artikel zu Schriftstellern, Büchern oder Ereignissen, die er kommentiert hat. Ein Beitrag brachte mich zum Schmunzeln, er erwähnte im Zusammenhang mit Francos 50. Todestag auch einige wichtige Biografien, insbesondere die „monumentale“ von Paul Preston, der er bescheinigte, dass sie „wohl nur Spezialisten von vorn bis hinten durchlesen.“ (FAZ, 18.11.25) Nach der Lektüre von „Entscheidung in Spanien“ bin ich davon überzeugt, dass Ingendaay wohl einer dieser Spezialisten ist. Sein durch Quellen aus Dokumenten und Büchern belegtes Wissen, an dem er mich als Leser teilhaben ließ, hat mich geradezu überwältigt. Aber nicht erschlagen! Das möchte ich betonen, denn Ingendaay ist es gelungen, eine „Erzählung“ (siehe FAZ.net-Podcast „Jakobsweg und Bürgerkrieg“ vom Dez. 2025) zu gestalten, die trotz der vielen Details gut lesbar und verständlich bleibt. Dass er als berufstätiger Autor dieses Werkes auch wirkliches Durchhaltevermögen bewiesen hat, wird einem als Leser spätestens dann klar, wenn man Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister studiert hat. Aber wer den Jakobsweg schafft, schafft auch dies. Meine Hochachtung vor beidem!
Zum Inhalt: Der Spanische Bürgerkrieg wurde mir in der Schule als ein Kampf der Kommunisten für ein freies Spanien erklärt, wir lernten das Lied „Spaniens Himmel…“ und wir schauten den Film „Hans Beimler – Kamerad“, da war ich gerade 15 Jahre alt und sehr beeindruckt. Dass dieser Krieg ein guter Übungsschauplatz für Hitlers und Mussolinis Soldaten, besonders die Flieger, und für die Technik war, wird allgemein als Wissen vorausgesetzt. Jetzt, 2026, jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum 90. Mal, ich empfinde es als guten Anlass, dieses Buch sehr gründlich zu lesen. Denn es enthält sehr viel mehr als mein damaliges Schulwissen und die bruchstückweise Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Jahren (z. B. der Gerda-Taro-Roman „Der Blick einer Frau“, der Film „Liebe am Werk – Gerda Taro & Robert Capa“ oder die Arte-Doku „Der Spanische Bürgerkrieg - Ein langer Weg zur Versöhnung“). Dass es auf Seiten der Republikaner nicht nur Kommunisten waren, die für die Republik kämpften, das wird in diesem Buch überdeutlich, die Rolle der Anarchisten wird herausgehoben, aber auch der Einfluss Moskaus auf die Kriegführung, die die Strategie und Taktik dieses Krieges massiv beeinflusste. Dass es am Ende auch die Übermacht deutscher und italienischer Kampfverbände, insbesondere der deutschen Luftwaffe, war, die den Ausgang des Krieges herbeiführten, wird überdeutlich. Aber dass dieser Krieg dermaßen brutal und blutig auf beiden Seiten geführt wurde, ohne Pardon, das musste ich erst einmal verarbeiten.
Die in diesem Buch – nachdem die Ausgangslage kurz und anschaulich geschildert wurde – nach und nach auftauchenden Schriftsteller, die teilweise auch auf Seiten der Internationalen Brigaden kämpften, aber teilweise auch „nur schauen“ wollten, was in Spanien passiert, haben große Namen: Ernest Hemingway, Orson Wells, Erika und Klaus Mann, ich will sie hier nicht weiter aufzählen, hinzu kamen Fotografen und andere. Dass diese Intellektuellen schreiben, fotografieren und natürlich auch Geld verdienen wollten, liegt in der Natur der Sache. Interessant fand ich die eingestreuten Gedanken und Gefühle von Thomas Mann, der zwar aus der Ferne, aber mit sehr wachem Geist den Ereignissen, soweit er sie verfolgen konnte, seine Aufmerksamkeit widmete. Dass er nicht immer ein empathischer Zuhörer war, selbst wenn der Gast Artur Koestler hieß, verwundert nicht, wenn man seine „Marotten“ kennt. Koestler jedenfalls hat seine klinische Angstneurose das Leben gerettet. Man sollte also auch den Faktor Angst in einem Krieg nicht unterschätzen. An den „Mann“ konnte er diese Erkenntnis nicht so recht bringen.
Den Internationalen Brigaden widmet Ingendaay breiten Raum, aber er betrachtet sie auch mit kritischem Blick. Zitat: „Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: Die Kulturwelt – Literaten, Künstler, Musiker, Intellektuelle – ist mehrheitlich auf ihrer Seite. Die kommunistischen Parteien Europas rufen zur Unterstützung der Republik auf, schreiben flammende Artikel und sammeln Geld.“ Sie war aber nicht in der Lage, diesen Vorteil tatsächlich auszunutzen. Dass es maßgeblich an den Kommunisten lag, dass die Spanische Republik nach drei Jahren verlosch und sich der Hass und die grausame Abrechnung der Francisten Bahn brechen konnten, sollte niemand vergessen. Ich denke an die Leichtigkeit, mit der heute nicht genehme politische Gegner von den Linken zu „Faschisten“ degradiert werden. Und dann denke ich daran, wohin dieser ungezügelte Hass führen kann.
Mit dem Kapitel VIER, 1939, endet ein blutiger Krieg, die Opfer sind bis heute nicht alle gefunden, die Narben bis heute nicht alle verheilt. Nach dem Lesen dieses Buches sehe ich Spanien vor mir als eine zerrissene Landkarte, der nördliche Teil geht in blutroten Flammen auf, der südliche erstickt in Blutlachen, der Riss quer durchs Land ist gefüllt mit Toten, verbrannten Büchern, zerstörten Kirchen, zerbombten Städten, hungernden Kindern und trauernden Hinterbliebenen. Vielleicht hätte mich dieses grausame Bild auf dem Buchumschlag eher angezogen als die heile Stadtlandschaft es getan hat.
Fazit: Dieses Geschichtssachbuch liest sich flüssig wie ein Roman, spannend wie ein Krimi und birgt so viele interessante Details, dass ich es gleich noch einmal lesen möchte. Der Spanische Bürgerkrieg ist mir erstmals wirklich nahe gekommen mit all seiner Tragik und mit der (wiederholten) Erkenntnis, dass Kriege immer nur Verlierer hervorbringen, auch wenn sie meinen gewonnen zu haben. Unbedingte Leseempfehlung. Fünf Sterne sind eigentlich nicht ausreichend für die Bewertung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

… einmal ausgeflogen, fängst du das Wort nicht mehr ein.

Babas Vermächtnis
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Es gibt tatsächlich Leute, der „Volksmund“ genannt, die meinen, Geld verderbe den Charakter. Dabei ist es nur schlecht verborgener Neid, der hochkocht, wenn eine wie Swetlana auftaucht und die Umwelt locker ...

Es gibt tatsächlich Leute, der „Volksmund“ genannt, die meinen, Geld verderbe den Charakter. Dabei ist es nur schlecht verborgener Neid, der hochkocht, wenn eine wie Swetlana auftaucht und die Umwelt locker in die Tasche steckt.
Wer also ist Swetlana? Eine junge, bildschöne und blitzgescheite (wenn man von Mathematik absieht) Exilrussin, die mit ihrem Vater, der der Bruder des russischen Staatspräsidenten zu sein scheint, und mit ihrer Mutter, die von besseren Tagen am Theater träumt, in einer Villa in Hamburg lebt und sogar – man höre und staune – aufs Gymnasium geht. Dass ihr vor lauter Nachdenken übers richtige Outfit in der Schule schon mal etwas danebengeht, ist nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar war mir jedoch die ständige Wiederholung der teuren Accessoires. Der Autor trägt gern dick auf in dieser Geschichte, aber mir war es etwas zu heftig, auch was die Sprache und die Beschreibung einiger Szenen angeht. Die Namenswahl für seine Protagonisten hätte jedoch nicht besser ausfallen können. Besonders der kleine und der große Rasputin haben es mir angetan, aber auch der Spitzname Hering für einen Lehrer namens von Bismarck lässt nichts zu wünschen übrig.
Swetlana hat die Herzens- und die Geistesbildung nicht von ihren Eltern geerbt, sondern von ihrer Baba, der russischen Oma, die nun leider tot ist. Deren Vermächtnis aber bleibt der klugen Swetlana im Gedächtnis. Was sie daraus macht, das liest jeder am besten selbst. Bis zur Mitte des Buches passiert noch nicht so viel, wenn man von den merkwürdigen Lebensumständen und der Art der Tagesbeschäftigung absieht, mit der sich die Eltern am Leben erhalten oder von den Schulstunden und überkandidelten oder unterbelichteten Mitschülerinnen. Es gibt dann noch als Sahnehäubchen einen neuen Mitschüler, der vom Nerdy zum Melvy mutiert, und der zwar nur Englischstunden besucht, aber definitiv auch in Deutsch dringend Nachhilfe benötigt, ebenso wie in Körperpflege und beim sonstigen Umgang mit anderen Menschen. Da sieht sich Swetlana tatsächlich gefordert und begibt sich in den Kampf um das Äußere und Innere des kulleräugigen Nerds.
Was diese beiden zusammenhält und bis nach St. Petersburg bringt, das ist wirklich ein Spaß, besonders, wenn kleinere und größere Geheimnisse gelüftet werden. Trotzdem habe ich beim Lesen immer wieder über einen Punkt nachgedacht. Welches Genre ist das nun? Roman, Schelmengeschichte, Krimi, Märchen für Erwachsene? Bis ans Ende hat mich das verfolgt. Eines ist aber gewiss, der Autor Michael Hetzner liebt das Russische, das Gelehrte, das Weiche, das Tragische, das Melancholische, das Lyrische, die verschlungenen Wege der Gedanken und die Bonmots. Auch kennt er sich aus in den russischen Gepflogenheiten, den kleinen Witzen unter „Freunden“, spitze Bemerkungen sind in diesem Buch keine Mangelware. Und wenn er Gedichte einstreut, egal ob von der Achmatowa, von Rilke und anderen Geistesgrößen, sie sind perfekt gewählt und platziert.
Fazit: Ich habe mich entschieden, dieses Buch im Genre Unterhaltungsroman anzusiedeln. Wer etwas Ausgefallenes sucht und bereit ist, sich über „russische Bären“ zu amüsieren, für den ist das Buch richtig. Für mich war es nicht ganz die richtige Wahl, aber die Gedichte und die Rasputins haben mir trotzdem ein paar kurzweilige Stunden beschert.
3 Sterne
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Veröffentlicht am 07.03.2026

„Denn jetzt sind sie alle wieder menschlich.“

Nelka
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Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter ...

Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern hätte Deutschland den Krieg niemals so lange und hartnäckig führen können.
Bei „Nelka“ geht es in der Hauptsache um junge Frauen, die von der Straße weg nach Deutschland verfrachtet wurden wie Vieh und die in Deutschland oftmals noch schlechter als Vieh behandelt wurden. Und trotzdem haben viele durchgehalten, sich mit dem Wenigen am Leben gehalten, was die Herrenmenschen ihnen überließen. Manchmal war es Essen, manchmal ein Lächeln oder ein heimliches Bad im Teich. Nelka, die Hauptperson in diesem Roman, hatte es von Lemberg/Lwiw/Lwow nach Norddeutschland verschlagen, ihre Kenntnisse vom Apfelanbau, die sie vom Vater erfuhr, sind ihr Überlebensmittel, ebenso wie ihre deutschen Sprachkenntnisse. Marten, der Verwalter des Gutes, auf dem sie schuften muss, erkennt ihre Gabe und nutzt sie aus.
Zwischen beiden entwickelt sich eine sanfte Bindung, aber als der Krieg zu Ende ist, kennen beide nur eins: weg vom Gut. Marten aus Angst vor Vergeltung durch die Zwangsarbeiter, Nelka mit dem Ziel, wieder nach Hause zu kommen.
50 Jahre später wird Nelka nach Deutschland reisen, um Marten, den Hof und Gonda, die Tochter ihre Freundin, zu besuchen. Welchen Grund aber diese Reise hat, das erfährt der Leser erst zum Schluss. Da werde ich auch nicht vorgreifen.
Svenja Leiber hat trotz des unmenschlichen Themas eine sehr poetische Sprache für alle Geschehnisse gefunden. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, auch wenn es mich mitunter hat traurig werden lassen. Einiges hat mich sehr an die Erzählungen meiner Mutter erinnert, die mit 14 Jahren auf einem Bauernhof Arbeitsdienst leisten musste, als Deutsche sicher noch privilegiert, als Halbjüdin aber missachtet. Ihre heimliche Freundschaft zu französischen Zwangsarbeitern durfte niemals ans Licht kommen.
Hier ein Zitat, das mir sehr gefallen hat: »Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur«, sagt Nelka, »spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutet, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.«
Mich hat der Roman an „Irina“ von Sasha Colby erinnert, die darin die Geschichte ihrer Großmutter erzählt, und an Natasha Wodins „Sie kam aus Mariupol“ erinnert. Svenja Leibers Buch passt gut dazu, auch wenn es fiktional ist, wirkt es sehr wirklichkeitsnah. Das trifft auch auf die nach dem Krieg weitererzählten Leben von Nelka und Marten zu. Die Herrenmenschen schütteln sich wie Hunde nach dem Bad, darauf bezieht sich auch die Überschrift meiner Rezension, die gleichfalls ein Zitat ist. Die Zwangsarbeiter aber leiden ihr Leben lang.
Am Ende des Buches gibt es ein Nachwort, dass die Entstehung dieses Romans erläutert, das Interesse der Autorin erklärt. Schade, dass dieser in so wohlklingenden Sätzen verfasste Roman im Nachwort Gendersternchen und betont geschlechtergerechte Sprache verwendet. Das hat mich sehr verwundert. Da mir aber der Roman gut gefallen hat, lasse ich dies nicht in meine Bewertung einfließen.
Fazit: Ich gebe eine Leseempfehlung. Für alle, die sich häufig mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, ist die Lektüre eigentlich ein Muss. Die Welt der Zwangsarbeiter wird nicht sehr oft so anschaulich und emotional beschrieben.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein familiärer Kreis, Kosmos, Universum, und ein Labyrinth

Mischka
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Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten ...

Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten Generation angehört, wie ich in Ostberlin aufwuchs, das verbindet mich auch gedanklich mit ihr. Nun wieder etwas Neues von Barbara Honigmannzu lesen, darauf freute ich mich. Drei Porträts sind angekündigt im Untertitel und auf dem Umschlag gibt es schon Vorschusslorbeeren von der FAZ. Jetzt ist es Anfang März 2026, es wurden seit Erscheinen im Januar bereits unzählige Rezensionen veröffentlicht. Ich habe sie nicht gelesen, werde das erst tun, wenn meine eigene Rezension beendet ist.
Die Genrebezeichnung Porträt hat bei mir jedenfalls andere Erwartungen aufkommen lassen. Auch das noch ein zweites Mal gelesene Porträt der „Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja [so] hieß sie [Mischka] nämlich in aller Länge, geborene Magidson“ hat meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Die Autorin erinnert sich an Mischka, verwebt eigene Eindrücke, Erinnerungen und Erlebnisse mit den Kenntnissen von Mischka und verliert sich im Labyrinth der sowjetischen Dissidenten und der Intelligenzia. Man braucht eine gehörige Portion Geschichtswissen und Geduld, um das Porträt der Mischka daraus hervortreten zu lassen. Personen, Namen, Gedanken und Ereignisse umgeben die Porträtierte wie ein flirrendes Licht. Ich habe mich selbst jahrelang bei Recherchen zur Biografie meines Vaters mit den 1950er bis 1970er Jahren beschäftigt; DDR, Staatssicherheit, KGB, Gulag, Tauwetter, Westemigranten, DPs, Abschottung, Kalter Krieg, Noel Field, Achmatowa usw. tauchen auch in Mischkas Porträt auf, hinzu kommen unzählige Namen wie Sacharow, Solschenizyn, Kopelew, Meyerhold, andere aus der Theater-, viele auch aus der Kunst- und Kulturszene der damaligen Sowjetunion.
Es gibt Insiderwitze und Insiderwissen, hier habe ich es mit einem Insiderbuch zu tun. „Drei Porträts“. Ein Roman ist es leider nicht geworden, ein Essay würde ich es auch nicht nennen. Was dann? Für wen? Wen interessieren all die Namen und Gegebenheiten, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, ihren Ursprung vor weit über 100 Jahren haben. Mich lässt das beinahe ratlos zurück, all die Namen verhallen noch beim Lesen. Bis ich auf einen Bekannten treffe, Richard Pietraß, mit dem ich Mitte der 1970er Jahre im Verlag Neues Leben zusammenarbeitete. Er wurde gegangen, ich ging freiwillig.
Erst beim zweiten Lesen über Mischka, ich habe dabei bewusst nur noch das sie Betreffende für mein Gehirn herausgefiltert, finde ich die Frau, die über hundert Jahre alt wurde und ein wahnsinnig interessantes, aber auch entbehrungsreiches Leben lebte. Sie wurde in Riga geboren, war in großbürgerlichen Verhältnissen zu Hause und wendete sich in sehr jungen Jahren dem Kommunismus zu. „Mischka war aus Moskau von der Partei nach Berlin delegiert worden.“ Dort wurde Inprekorr, die Zeitschrift der Komintern, herausgegeben, und das ganz im Sinne der sowjetischen Ideologie und Führung aus Moskau. Mischka wird später wieder nach Moskau zurückbeordert und gerät in das Getriebe aus Verrat und Denunziation, wird noch vor der „Großen Säuberung“ verhaftet und nach dem Schreckensparagraphen 58, in dem alles steckt, was ein Richter benötigt, zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Aber sie wird nicht entlassen im Jahr 1944, als feindliche Ausländerin bleibt sie bis 1946 in Gefangenschaft, es folgen unmenschliche zehn Jahre Verbannung. Ihren ersten Mann, den deutschen Kommunisten Kutschi (Kurt Müller) wähnt sie schon lange tot, sie heiratet Naum, einen Mithäftling, und beide überstehen die eisigen Jahre der Verbannung. Ich kann es mir auch bei wiederholtem Lesen einfach nicht vorstellen, was diese tapfere Frau, was Millionen anderer Menschen im Namen des Kommunismus und Stalinismus geschah. Es ist die Hölle auf Erden. Honigmann, die all das in der kleinen Küche von Mischka in Moskau erfährt, schreibt „All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?“ Es steht mir so wenig wie anderen zu, diese Grauen miteinander zu vergleichen, mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, mein Vater war jahrelang im Zuchthaus Brandenburg, dass es Orte von menschengemachtem Unrecht, von Mord und Knechtschaft waren, ist aber Tatsache. Wichtig ist, dass es nie vergessen wird, dazu trägt auch dieses Buch bei.
Mischka wird die Moskauer Mama für Barbara Honigmann und diese herzliche, zutiefst menschliche und intellektuelle Verbindung gibt beiden einen großen Halt. Bis zu Mischkas Tod werden sie eng befreundet und verbunden bleiben. Das Ziehkind setzt der Mama ein ehrwürdiges Denkmal.
Das zweite Porträt widmen sich dem Ehepaar Max und Yvette, die die Autorin erst in Straßburg, ihrer Wahlheimat, kennenlernt. Hier wird vor allem vom Überlebenskampf während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg berichtet, von all denen, die lang erwartet nie mehr aus dem Osten zurückkamen und von denen, die nach dem Krieg in Straßburg ein neues jüdisches Leben aufbauten, das bis heute fortbesteht. Auch hier sind es die Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin, die den Text zusammenhalten, das jüdische Leben beschreiben, Gemeinsamkeiten und Trennendes in der zusammengewürfelten Gemeinde kurz und klar benennen. Außenstehende befassen sich eher selten mit den Unterschieden zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, so ist das auch ein sehr lehrreiches Porträt geworden.
Dann folgt das Kapitel „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, kein Porträt einer einzelnen Person, sondern einer Gruppe, der Gruppe der zweiten Generation, ihrer Schicksalsgemeinschaft, die bis heute nicht aufgelöst ist und sich teilweise in der dritten Generation (Enkelgeneration) wiederfindet. „…das Gemeinsame ist nur unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne Religion sowieso…“ Die Elterngeneration bemüht sich um Assimilation, die Namen der Kinder sind nicht auffällig, wie man in der Kapitelüberschrift sieht. Ich war wohl mit dem Vornamen Judith eher eine Ausnahme von dieser Regel. Th. hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, sah im Suizid den Ausweg. Barbara Honigmann schreibt über ihn und die anderen mit Wehmut, keines der Nachkommen kann die Zeit zurückdrehen, die Eltern bleiben schicksalbeladen, manche haben sich vom Stalinismus verabschiedet, manche haben ihn fürs Leben verinnerlicht. In diesem Konglomerat aus Erfahrung und Bürde seinen Weg zu finden, ist zumindest Barbara Honigmann mit ihren Büchern gelungen.
Kritisch anmerken will ich, dass ich ein Personenverzeichnis – insbesondere für Mischkas Porträt – als hilfreich angesehen hätte. Einen Anhang über diese Personen, der einige biografische Details aus dem Inhalt wiederholt und Zusätzliches genannt hätte, würde aus dem kleinen Buch der drei Porträts ein zeit- und kulturhistorisches Nachschlagewerk machen. Vielleicht war das nicht der Ansatz, den die Autorin verfolgt hat, aber mir hätte es gut gefallen.
Wenn man, wie ich, etwas mehr wissen will über einzelne Personen, ist das Internet dann die erste Wahl, interessant die Seite www.gulag.memorial.de, auf der man Kurzbiografien z. B. von Mischka und ihrem ersten Ehemann Kurt Müller findet, aber auch von Naum Slavutzki, Jewgenija Ginsburg oder Alexander Solschenizyn.

Fazit: Interessante Menschen hat Barbara Honigmann für ihr Buch ausgewählt, die Fülle an Namen und Informationen im Porträt „Mischka“ hat mir die Annäherung an die Porträtierte etwas erschwert. Das Porträt „Max und Yvette“ hat mir einen neuen Blick auf die jüdische Gemeinschaft nicht nur in Straßburg gewährt, das Porträt der sog. „Zweiten Generation“ wäre aber intensiver ausgefallen, wenn der Fokus nur auf eine Person aus diesem Kreis gerichtet worden wäre. So verschwindet am Ende diese Gruppe aus meinem Gedächtnis wieder, ohne einen tiefen Eindruck zu hinterlassen.

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