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Veröffentlicht am 15.01.2026

Dieser ganze Familienkram

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich ...

Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ haben mich begeistert. Die Autorin ist unheimlich nah und emotional an ihren Figuren, sie fesselt den Leser, ohne auf verrückte Pointen setzen zu müssen. Es geht eher still zu in ihren Büchern, so auch in diesem mit dem etwas umständlichen Titel „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“, aber es geht unter die Haut, es berührt das Herz, wie sie ihre Geschichte entwickelt. Es scheint fast, als würde sich die Geschichte ohne äußeres Zutun ganz von allein entfalten und von einem kleinen bunten Stück Leinwand zu einem großen Lebensbild werden.
Worum geht es in diesem Buch? Zuerst lernt man das Mädchen Marlen kennen, die dem Todesstrudel von Demmin entkommen ist, nun aber nur noch an eine ertrunkene Mutter und einen mit ihr in die Tiefe gezogenen kleinen Bruder denken kann. Marlen ist Waise und sie ist klein, fast durchsichtig, aber unheimlich stark. Diese innere Stärke wird sie von den ersten Seiten des Buches bis zu seinem Ende tragen. Ich liebe diese Figur, sie hat sich mir tief eingeprägt.
Aber Marlen ist nur eine von vielen Protagonisten, die uns Alena Schröder präsentiert. Marlen lernt 1945 in einem alten Forsthaus bei Güstrow die „Krähenfrau“ Wilma kennen, die sie vor den Russen rettet. Wilma ist die Ehefrau von Jon Engels, DEM Jon Engels, wie es in Güstrow hieß, er war ein bekannter Maler, aber er landete wie viele andere im Krieg und im Kriegsgefangenenlager in der SU. Das stellt sich aber erst später heraus. Wilma ist also allein, hat aber Brurgel, die alte Haushälterin, die schon Jon die Windeln wechselte. Wilma nimmt Marlen mit in ihr Haus, gibt ihr eine Unterkunft und wird sie später adoptieren. Es entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft, wie sie so wohl noch nicht in einem Roman beschrieben wurde. Mir ist jedenfalls keiner bekannt.
Die Zeiten wechseln im Buch, einerseits wird die Entwicklung von Marlen über viele Jahre bis 1961 geschildert, andererseits springt die Handlung zwischen 1989 (im Prolog), Marlens Güstrow und 2023 hin und her. 1989 lernt Marlen im Aufnahmelage Marienfelde die Ärztin Dr. Evelyn Borowski kennen, sie hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren. Zufällig stellen die beiden Frau eine Gemeinsamkeit fest, beide lebten in Güstrow. Das Kennenlernen endet abrupt, aber im Kopf von Evelyn Borowski gehen die Gedanken hin und her. Es ist Weihnachten, ihre Tochter Silvia wird sie mit Enkelin Hannah besuchen. Und damit beginnt Hannahs Part in diesem Roman. Hannahs Familien- und Lebensgeschichte werden aus der Sicht des Jahres 2023 betrachtet und was Hannah erinnert und denkt, setzt ein Wechselspiel der Gefühle in Gang. Hannah ist mit 35 Jahre die Einzige, die übriggeblieben ist in ihrer kleinen Familie, die Großmutter und die Mutter sind beide verstorben, der Vater nicht existent. Bis zu dem Moment, in dem er sich in Erinnerung bringt, mit einem riesigen Blumenstrauß und einem mystischen Gruß von Martin Klammer auf Papa Klammer zu.
Damit ist der Beginn der Familiengeschichte weit genug beschrieben, ich kann jedem, der solche gern liest, dieses Buch wärmstens empfehlen. Sehr oft warte ich sehnsüchtig darauf, dass Romane irgendwann zum Ende und auf den Punkt kommen. Bei Alena Schröder habe ich gänzlich gegensätzliche Empfindungen. Ich bin tatsächlich traurig, dass dieses Buch schon zu Ende ist. Es enthält so viel Lebensweisheit und -freude, so viele Szenen, bei denen man sich direkt zugehörig fühlt, sich hingezogen fühlt zu den Protagonisten, sei es zu Marlen, sei es zu Hannah, ich kann davon gar nicht genug bekommen.
Alena Schröder beschreibt aber nicht nur die Hauptfiguren mir viel Einfühlungsvermögen, es sind auch die Nebenfiguren, die sich zu interessanten Charakteren entwickeln. Um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, bleibe ich hier im Vagen.
Marlen ist es auch, die ich zu meiner Lieblingsfigur in diesem Roman erkoren habe, ihre Liebe und Achtung zu Wilma, auch zu Brurgel, ihr Verantwortungsgefühl für die beiden, die stärker sind als alles andere, ich habe sie tatsächlich dafür bewundert. Sie ist die wahre „Drachenreiterin“ in diesem Buch.
Fazit: Die schöne, schnörkellose Sprache der Autorin ließ mich mit großem Vergnügen diesen Roman erleben. Wenn Lesen zum Erlebnis wird, hat das Buch auf jeden Fall sein Ziel erreicht.

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Veröffentlicht am 13.01.2026

Und Evi war ein Wunschkind

Die glücklichste Familie der Welt
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Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. ...

Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. Und dass ich es vor dem Rezensieren beinahe vollständig noch einmal gelesen habe. Ambivalenter geht es nicht. Und so ist das ganze Buch, anziehend und gleichzeitig abstoßend, liebevoll und voller Wut. Die schwedische Autorin Anna Brynhildsen (Jahrgang 1992) schreibt aus eigener Erfahrung, die Protagonistin Irma ist ihrer Oma nachempfunden, ob sie sich selbst als Sara sieht, das weiß ich nicht, vielleicht, vielleicht ist der Roman autofiktional. Interessant auf jeden Fall.
Wer aber ist Evi? Sie lebt in Schweden, in Malmö, sie hat jüdische Vorfahren. Evis Uroma Irma wurde als Kind nach Schweden mit einem Kindertransport geschickt, ihre Schwester Nina war dabei, ihre Eltern nicht, sie hat sie nie wieder gesehen. Aber sie hat eine Familie gegründet, der jüngere Sohn Mats, der eigentlich Max heißen sollte, ist Evis Vater. Mats Bruder hat auch eine Tochter, Sara, doppelt so alt wie Evi, völlig auf Evi fixiert, mit fundamentalen Ängsten. Da ist Sara nicht allein, auch Evi hatte Ängste, hat versucht Selbstmord zu begehen, hat sich geritzt, und wurde immer mehr zu Außenseiterin. Als jüdisches Mädchen im protestantischen Schweden, in Malmö, von wo oft über Rechtsradikalismus berichtet wird, ist es sicher nicht einfach. Wenn das Mädchen dann noch das Gefühl hat, auch in der eigenen Familie eher die Außenseiterin zu sein, wird es problematisch. Sara versucht, Evi aufzufangen, aber eigentlich braucht sie selbst mehr als ein Netz und doppelten Boden. Denn sie ist schwanger und glaubt, sie wäre als Mutter ungeeignet. Also macht sie einen Termin für eine Abtreibung, aber bitte erst nächste Woche.
Denn für diese Woche ist Berlin geplant. Mats, Evi und Sara wollen im Jüdischen Museum neun Briefe übergeben, die aus dem Nachlass der kürzlich verstorbenen Oma Irma stammen. Letzte Zeugnisse des Holocaust. Initiator der Schenkung ist Mats, Evi und Sara würden die Briefe lieber behalten. Wobei das tatsächliche Interesse am Inhalt eher oberflächlich ist. Mats hat natürlich auch noch ein schwieriges Problem, er will sich von Anna, seiner Frau scheiden lassen, Sara weiß davon, Evi ist ahnungslos.
Mats und Sara treffen sich seit Jahren einmal im Monat in einer Kneipe, besprechen all das Unaussprechliche und sprechen sich immer wieder gegenseitig Mut zu. Und so beginnt nach den ersten umfassenden Familieninformationen, in einem eher holprigen Stil, mit Ortsbeschreibungen, die im „abgespacten“ Wohnviertel gipfeln, und Berichten über Saras Berliner Bekanntschaft Johannes das Kapitel „Freitag“. Ich war von den Tiraden dermaßen genervt, dass ich das Buch abbrechen wollte, aber plötzlich kam im Kapitel „Freitag“ ein Extrakapitel „Wie wir hier gelandet sind“. Ich las von der Familie Wolff aus Pyritz, von den Großeltern und Eltern von Irma und Nina, und es hat mich gepackt. Plötzlich wurde mir das Buch vertraut, plötzlich spürte ich Mitgefühl. Der Stil der Erzählung las sich, als hätte ein neuer Schriftsteller begonnen, das Buch weiterzuschreiben. Irmas Eltern lernten sich in Berlin kennen, das Terrain ist mir vertraut.
Der Leser erfährt die gesamte Familiengeschichte der Wolffs in Häppchen, eingestreut in die Tage von Mats, Sara und Evi in Berlin. Die Berlinbesichtigungen, der „Schoah-Trip“ sind nicht gerade nach Evis Geschmack, der einsame Stolperstein und der mickrige Grabstein von Max Wolff, der Besuch des Jüdischen Museums, nichts reißt sie so richtig mit. Sara gerät auf Abwege, Evi auch, aber keine geht verloren. Entweder hatte ich mich im Laufe der Geschichte an den Schreibstil gewöhnt oder er wurde tatsächlich angenehmer zu lesen. Ich las jedenfalls das Buch bis zum Ende. Und dann gleich noch einmal die wichtigsten Stellen, um die Erinnerung an die Gespräche und Geschehnisse wiederzubeleben, die durch mein frustriertes Lesen gleich wieder in Vergessenheit geraten waren.
Die Holocaust-Thematik mit all ihren tragischen Momenten ist mir sehr vertraut, auch die Problematik der Kindertransporte – die schweren psychischen Belastungen von Kindern wie Eltern inbegriffen. Zur Frage der Traumabewältigung, der Traumavererbung habe ich unzählige Beiträge gelesen. (Ich empfehle hier besonders das Buch „Der blinde Fleck“ von Stephan Lebert und Louis Lewitan.) Und ich kenne das auch aus der eigenen Familie, wer nahe Verwandte durch den Holocaust verloren hat, weiß, wovon ich schreibe. Trotzdem bin ich der Meinung, dass nicht jede psychische Erkrankung von Nachkommen, gleich welcher Generation, aus diesen Traumata entspringt.
Evi ist ein Kind, das in einer Familie großgeworden ist, die mit Irma eine Überlebende in ihrer Mitte hatten, aber jüdisch sein ist nicht nur in Malmö ein Problem, Oma Irma war zum Glück ziemlich pragmatisch. „Sie hatte nie richtig an Gott geglaubt, und jetzt noch weniger. Im Laufe der Jahre hatte man sie so vieles genannt, in Schweden wie in Deutschland: Verräterin, Abtrünnige, unrein.“ Dass auch Juden untereinander ziemlich hässlich zueinander sein können, das hatte Irma noch in Deutschland in der Schule erlebt.
Es ist gleichgültig, wo man lebt, wenn es nicht gerade Israel ist, jüdisch ist immer anders. Als Mats Ehefrau Anne einmal den verbalen Versuch macht, und von der Aliya (Auswanderung nach Israel) als Möglichkeit spricht, stößt sie auf totale Ablehnung. Wir sind Schweden, wir bleiben hier! sagt die Familie. Evi wird sich mit diesem Leben in Schweden, so wie es im Buch durchscheint, auch arrangieren. Bezeichnend dafür sind ihre Wünsche, die sie beim Museumsbesuch auf ein Wünscheblatt schreibt. Ich bin zuversichtlich: Evi wird es schaffen, von jeglichem Trauma Abstand zu finden und zu halten. Sie lebt, hier und jetzt. Aber zu viel Spoilern soll dann doch nicht sein, jeder muss selbst lesen, was Evi gern möchte.
Fazit: Diese Reise nach Berlin ist eine Reise in die Vergangenheit der Zukunft. Keine leichte Lektüre, aber sehr intensiv miterlebbar. Ein eher trauriges Zitat zum Abschluss: „Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter.“ Ich würde darauf antworten, dass man es nur selbst besser machen kann. Wenn man Glück hat. Nach reiflicher Überlegung gebe ich dann doch eine Leseempfehlung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Hoffnungsschimmer trotz Mord und Hungerwinter

Die weiße Nacht
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Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin ...

Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin noch kein Buch gelesen, obwohl sie bereits mehrere Romanreihen verfasst hat. Aber ich kenne und liebe ein Hörbuch von ihr, „Meine Freundin Lotte“, die Geschichte der Malerin Lotte Laserstein.
Anne Stern ist selbstbewusst und ergreift mit ihrem neuen Kriminalroman erneut die Chance, sich einzureihen in die Kriegs- und Nachkriegsromane z. B. von aktuellen Schriftstellern wie Volker Kutscher, Cay Rademacher, Carmen Korn oder Mechthild Bormann. Ich sehe aber auch eine Verwandtschaft zu der frühen Nachkriegs- oder Trümmerliteratur, die teilweise schon kurz nach Kriegsende die Thematik der Überlebenden, der Opfer, der Täter aufgriff, von Schuld und Sühne, von Verbrechen und Rache erzählte, als Beispiel nenne ich Heinrich Böll oder Siegfried Lenz. Diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bewegt sicher nicht nur mich, ich habe viel darüber gelesen und auch selbst recherchiert, es finden sich immer wieder neue Aspekte, die betrachtet werden. Mein Vater kam im Mai 1945 nach zehnjähriger Zuchthaushaft aus Görden nach Berlin, mein Onkel nach der Kriegsgefangenschaft aus Italien. Mich erinnern die Erlebnisse in Die weiße Nacht deshalb auch sehr an die Recherchen, die ich zu diesem Zeitabschnitt durchführte. Ich bin selbst auch in Berlin nach dem Krieg geboren, so dass ich viele der genannten Orte gut kenne. Einschließlich der Heilanstalt Wittenau, in der meine jüdische Großtante einige Monate in den 1930er Jahren verbrachte. Der T4-Aktion entging sie noch, dem Holocaust nicht. Diese persönliche Nähe zu den Orten und Ereignissen fesselt mich bei der Rezeption solcher Bücher, ich kann mitdenken und mitfühlen, entwickle auch eine Vertrautheit zu den Protagonisten.
Anne Stern hat ihren Roman aufgebaut auf Morden, die zuerst nur dem äußeren Anschein nach zusammenhängen. Die Todesart und die ähnlich inszenierten Auffindeorte sagen aber noch nichts aus über Hintergründe, Motive und schlussendlich den Täter.
Die zwei wichtigsten Protagonisten – aus dem Titel als Lou und König zu erkennen, geraten in einen Strudel von Ereignissen, die nicht vorhersehbar sind. Lou, das ist die Fotografin Lou (eigentlich Marielouise Faber), und König, das ist Alfred König, Kriminalkommissar der Berliner Polizei, lernen sich unvermittelt kennen, weil Lou in den Trümmern der Großstadt eine Frauenleiche findet. Dass ihre Fotos am Ende die einzigen vom Tatort sind, weil die Ausrüstung der Polizei eher dürftig ist, bringt die Story weiter voran. Spät, fast zu spät findet sie ein Detail, das zur Aufklärung des Falles führt. Darüber schreibe ich nichts mehr, der Kriminalfall sollte für alle, die lesen oder hören, auf jeden Fall so spannend sein wie für mich.
Anne Stern ist in der Lage, ihre Protagonisten zu lebendigen Personen zu machen, in die man sich hineinversetzen und mit denen man mitfiebern und mitleiden kann. Was mich jedoch etwas irritierte, ich gehe davon aus, dass das die Absicht der Autorin ist, das ist die Figur des deutschen Wehrmachtsoldaten Gregor, der in einem russischen Kriegsgefangenenlager versucht, seine Flucht vorzubereiten. Wer ist dieser Gregor? Das weiß man als Leser/Hörer auch am Ende noch nicht, so ungewisse, zusammenhanglose Details in einem Roman gefallen mir persönlich nicht besonders. Gregor ist aber nicht die einzige offene Stelle im Buch, auch das Schicksal von Justus, einem noch sehr jungen, aber gewitzten Berliner Schwarzhändler, bleibt offen, wie auch das Schicksal von Lous Ehemann. Auch um Lou wabern die Geheimnisse ihrer Herkunft und Lebensgeschichte. Da das alles trotz (wegen?) der Aufklärung des Falles nur angerissen wird, muss ich mich wohl gedulden, bis der nächste Teil der Reihe „Lou und König“ erscheint.
Anne Stern schreibt in einem gut lesbaren/hörbaren Stil, manchmal ist er mir aber doch etwas zu pathetisch. Was mir aber gefällt, sie beschreibt Situationen authentisch und miterlebbar, wir leben heute zumeist in so wohlig warmen behüteten Verhältnissen, dass uns dieser Hungerwinter 1946/1947 wie ein lange zurückliegendes böses Märchen erscheint. Schauen wir nur ein paar Tausend Kilometer nach Osten, ist es in der Ukraine heute bittere Realität, die Menschen dort müssen russischen Bombenangriffen und Kälte trotzen, aber auch dort gibt es etwas, was man den Menschen nicht nehmen kann: Hoffnung. Ohne diese hätten auch unsere Vorfahren die bitteren Jahre kaum überstanden. Das ist etwas, was ich mitnehme aus diesem Roman, denn er gibt auch mir Hoffnung.
Das Cover von Buch und Hörbuch passt perfekt! Der Blick durch die Kameralinse auf das zerstörte Berliner Stadtschloss, davor „fliegende“ Kinder auf einem Kettenkarussell. Hier beginnt der Blick von Lou in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das weiß man zwar vorher noch nicht, aber für mich schließt sich hier der Kreis. Gut gelungen!
Das bezieht sich nur aufs Hörbuch! Julia Nachtmann liest den Roman in gewohnt empathischer Art, dass sie manchmal Silben verschluckt, sei ihr bei 12 langen Lesestunden verziehen.
Fazit: Diese 12 Stunden wurden eine sehr spannende Reise in die Vergangenheit. Gern mehr davon.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Gennat beschwört noch einmal die guten alten Ermittlermethoden

Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku’damm
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Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow ...

Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow liebevoll recherchierte Biografie kenne und besitze ich. Nun kommt dieser Krimi hinzu und ich liebäugele schon mit anderen Büchern der Autorin. Sie hat sich wohl mit Leib und Seele den alten Berliner Kriminalfällen verschrieben, so dass ich voll auf meine Kosten komme. Denn sie verbindet „True Crime“ und Fiktionales auf ganz wunderbare Weise. Ein bisschen Berliner Schnauze und viel Lokalkolorit sind auch dabei, für mich als gebürtige Berlinerin eine Freude.
Der Fall des Raubmords am Ku’damm könnte jederzeit und überall so passiert sein, Kriminelle finden immer Mittel und Wege, seien sie noch so verschlungen, um an Geld zu kommen. Diesmal hat es den Boten eines Reisebüros erwischt, der mit der gut gefüllten Geldbombe nach Feierabend zur Bank gehen wollte. Zwei finstere Gestalten bringen ihn zu Fall, entreißen ihm die Tasche mit dem Geld und schießen auf ihn. Der Bote namens Schröter verstirbt und es ist ein Fall für die Mordermittler unter Regierungsrat Ernst Gennat. Eine breitgefächerte Suche nach den Tätern beginnt.
In den Kriminalfall eingewoben hat die Autorin eine fiktionale Erzählung rund um Lissy und Max Kaminski, ein jüdisches Berliner Ehepaar, das in der schlimmsten Krise seiner Ehe steht, die Entscheidung „gehen oder bleiben“ im Berlin des Jahres 1936. Zwar hat das Hitlerregime für die Zeit der Olympischen Spiele, winters wie sommers, die öffentlich sichtbaren Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung zurückgefahren, aber der Druck bleibt bestehen. Die Kaminskis – befreundet mit Ernst Gennat und auch mit dem Wiener Journalisten Hawliczek, der gerade in Berlin weilt – , und deren erwachsene Kinder bereits in Paris leben, müssen sich entscheiden. Lissy will lieber sofort emigrieren, Max eher gar nicht. Und Hawliczek ist der Meinung, dass „soetwas“ wie in Deutschland in Österreich nie passieren würde. Aus heutiger Sicht ein fataler Trugschluss. Aber ungeachtet dessen ist Lissy bereit, Gennat bei seinen Ermittlungen tatkräftig zu unterstützen.
Bei den Ermittlungen wird ein ganzes Kaleidoskop an Berliner Alltagsszenen eröffnet, die Autorin lässt den Leser hinter die Kulissen schauen, bei den Armen wie bei den besser Betuchten, sie zeichnet herrlich schnoddrige Berliner Originale, sie lässt Gennat genüsslich Kuchen essen und seine Sekretärin umgarnen, lässt beide Kaffee schlürfen und laut denken. Es macht einfach Spaß, zu lesen, wie sich die Schlinge um die Ku’damm-Mörder langsam zuzieht, auch wenn hin und wieder etwas auf Abwege gerät.
Ernst Gennat ist vielen sicher ein Begriff, seine Mordauto-Erfindung ist legendär, seine Leibesfülle ebenso. Gennat wird schon 1939 mit nur 60 Jahren sterben, aber hier im Buch löst er auf jeden Fall den Fall. Regina Stürickow liefert, man könnte sagen, man bekommt, was man bestellt hat, einen tollen Kriminalroman.
Zur Buchgestaltung: Das Cover würde mich im Buchladen sofort zum Zugreifen animieren! Der nostalgische Blick zur Gedächtniskirche wird zurückgeworfen vom ein wenig grimmig schauenden Buddha. Die Umschlagklappen sind etwas breit geraten, sie haben mich beim Lesen eher gestört. Aber eigentlich verschenkter Platz: Hier hätte eine Berlinkarte mit markierten Schauplätzen in der vorderen Innenseite des Covers für Nichtberliner hilfreich sein können. Nicht jeder Thüringer kennt den Leopoldplatz, nicht jeder Bayer die Charité.
Die Typografie (des gedruckten Buches) ist einerseits sehr großzügig angelegt, sehr breite Stege, die sind ungewohnt, kein Goldener Schnitt. Wenn man vom Platz auf der Seite ausgeht, hätten Grundschrift und insbesondere der Durchschuss gern einen Punkt größer sein können. Das ist aber absolut subjektiv und fließt nicht in meine Bewertung ein, denn Käufer eines eBooks können die Typografie ja selbst verändern.
Fazit: Ein historischer Berlin-Krimi, der nicht nur den beschriebenen Mordfall löst, sondern auch die Geschichte der 1930er Jahre in Berlin einbezieht. Von mir eine Leseempfehlung und fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 06.01.2026

Unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten

Down Cemetery Road
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Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple ...

Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple tv+ zu sehen ist, scheint der Grund zu sein. Emma Thompson hat mit ihrem empathischen Vorwort zu dieser Neuausgabe und mit ihrer Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm sicherlich stark dazu beigetragen.
Ich habe zwei der "Slow Horses"-Krimis (Dead Lions, Real Tigers) von Herron gelesen und bin nun doch etwas ratlos und enttäuscht. Das Gespann Sarah Tucker und Zoë Boehm konnte mich bis zum Finale nicht richtig fesseln. Vielleicht liegt es an den hochgesetzten Erwartungen, die nicht nur durch die Verfilmung sondern auch durch Rezensionstexte, wie den auf dem Cover von Val McDermid, verursacht wurden. Ich muss leider sagen, eine Lesesucht nach Zoë Boehm empfinde ich nicht.
Die Story birgt zu viele Unwahrscheinlichkeiten, als dass ich sie wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem werde ich mir die Serie ansehen, vielleicht inspirieren mich die Filme mehr als das Buch.

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