Profilbild von Jumari

Jumari

Lesejury Star
offline

Jumari ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jumari über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2025

Selbstgemachte und andere Kalamitäten

Die geheime Sehnsucht der Bücher
0

„Das Lavendelzimmer“ und „Das Bücherschiff des Monsieur Perdu“ bilden die Grundlage für den neuen Roman von Nina George. Ich habe leider erst mit dem dritten Buch angefangen, Monsieur Perdu kennenzulernen. ...

„Das Lavendelzimmer“ und „Das Bücherschiff des Monsieur Perdu“ bilden die Grundlage für den neuen Roman von Nina George. Ich habe leider erst mit dem dritten Buch angefangen, Monsieur Perdu kennenzulernen. Vielleicht wäre es doch hilfreich, zu wissen, was einen erwartet.

Die Idee der Literarischen Apotheke in der Ankündigung des Buches fand ich so berückend, dass ich unbedingt lesen wollte, was da auf dem Bücherschiff geschieht. Außerdem hat mir das Cover so gut gefallen, das müsste doch eigentlich ein tolles Buch sein. Hoffte ich. Nach mehr als der Hälfte des Romans dachte ich aber tatsächlich ans Aufgeben. Der Wortspiele – die zu Beginn recht witzig und einfallsreich waren – war ich langsam überdrüssig und die Handlung mäanderte hin und her. Anstatt eines Roten Fadens hatte ich wohl zu viele vor Augen. Aber wie das so ist mit dem Lesen, der Mensch ist eben auch neugierig. Wie würde das ausgehen, was hält die Autorin noch in der Hinterhand? Bücher konnten es kaum sein, derer gab es schon reichlich.

Und dann begann das Buch mich tatsächlich zu fesseln, das Rätsel um die junge Françoise und ihre Mutter wurde aufgelöst, Pauline würde vielleicht doch glücklich werden, Perdu ist und bleibt der Mann fürs „Psychologische“… Ich will nichts verraten, nur so viel, dass es mir am Ende doch Freude gemacht hat, dieses Buch.

Lässt Nina George auf Seite 303 so etwas Selbstkritik durchscheinen? Zitat: „Na ja, sie musste halt dreihundert Seiten vollkriegen, der Druck ist sonst im Verhältnis so teuer.“ Aber man kann es bekanntlich nicht jedem recht machen, so sind es halt über 330 Seiten geworden. Mir hätten vielleicht 250 gereicht.

Einige Details haben mich sehr beschäftigt, z. B. die Sorge der zwölfjährigen Françoise um ihre Mutter. Das Geschilderte ist kein Hirngespinst, ich habe während meiner Berufstätigkeit den Verein Young Carers kennen gelernt, der sich explizit um pflegende Kinder kümmerte, ihnen Beistand und Hilfe gab, Freizeiten und Ferienlager organisierte. Das funktioniert aber nur, wenn die Umgebung überhaupt etwas mitbekommt von der familiären Katastrophe. Diesen Teil des Romans empfand ich als sehr gelungen, den Zwiespalt, die Angst, die Scham des Kindes zum Thema zu machen. Die Literarische Apotheke von Perdu passt jedenfalls hervorragend dazu.

Auch Pauline ist als „Azubine“ von Perdu mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Insbesondere ihr Äußeres macht ihr zu schaffen, denn jeder, der sie ansieht, sieht ihre arabischen Wurzeln. In Frankreich sind Vorurteile gegen die Eingewanderten offensichtlich nicht selten, was vielleicht auch aus der relativ hohen Prozentzahl der dort lebenden Einwohner mit Migrationshintergrund und der französischen Geschichte resultiert. Dass und wie sich das nicht nur im Alltag, sondern auch in der Liebe widerspiegelt, kann man bei Paulines Geschichte gut nachvollziehen.

Dieses Zitat von S. 320 muss ich noch hinzufügen: „Wie konnte das denn sein, dachte Françoise, so lange nicht miteinander zu reden. In Geschichten war das so, aber auch im Leben?“ — Und ich beantworte die Frage gleich selbst: ja, das Leben schreibt noch viel schrägere Romane. 46 Jahre Schweigen waren bei mir echt, ich kenne keinen Roman, der das übertroffen hat. Deshalb finde ich dieses Buch mit seinen vielen ausgedachten Unwahrscheinlichkeiten auch gar nicht so besonders unwahrscheinlich.

Alle Protagonisten waren recht intensiv, einfach starke Charaktere, haben sich aber aus meiner Sicht gegenseitig ein bisschen ausgebootet. Perdu ist für mich der mit den tollsten Ideen, aber sein leises Charisma reicht nicht für meine Nummer Eins. Zuerst war es Françoise, die ich am meisten liebte, nun, zum Schluss ist es eher Pauline.

Das zukunftsfrohe Ende und „Die Wälder der Zeit“ sind emotionale Höhepunkte dieses Romans. Schön!

Fazit: Ehrliche Leseempfehlung, ein bisschen Geduld und viel Freude an sprachlicher Akrobatik und „Metapherstreubomben“ setze ich voraus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.05.2025

Nicht nur 80 Jahre zurück

Wir Ostpreußen
0

Jochen Buchsteiner, mir bekannt als Journalist, der viele interessante Themen bei der FAZ aufgreift, ist zurück in die Vergangenheit gereist mit seinen Gedanken. Die Aufzeichnungen seiner Großmutter bilden ...

Jochen Buchsteiner, mir bekannt als Journalist, der viele interessante Themen bei der FAZ aufgreift, ist zurück in die Vergangenheit gereist mit seinen Gedanken. Die Aufzeichnungen seiner Großmutter bilden den privaten Rahmen für ein Buch, das weitaus umfangreicher über Ostpreußen berichtet als über die Familiengeschichte.
So erfährt der Leser vieles über Ostpreußens Geschichte, Land und Leute, Dichter und Denker. Wer das Glück hat, überhaupt keine Vorfahren, die aus ihrer Heimat flüchten mussten oder vertrieben wurden, zu haben, der kann sich wohl glücklich schätzen. Denn die Traumata von Flucht, Vertreibung und Neuanfang belasten nicht nur diejenigen, die es direkt erlebt haben, die Traumata sind in den nachkommenden Generationen immer noch tief verwurzelt. Meine Vorfahren mussten Meseritz, das jetzt in Polen liegt verlassen, ich weiß, wovon Buchsteiner schreibt. In der DDR durften sie nur als Umsiedler bezeichnet werden. Eine sehr prosaische Umschreibung der Tatsachen. Dass Buchsteiners Großmutter Else eine so pragmatische und tapfere Frau war, hat nicht nur ihr und ihren Kindern, sondern auch vielen anderen das Leben gerettet. Wie schwer später der Neuanfang auch fiel, sie hatte überlebt und konnte noch im hohen Alter ihre Erinnerungen genau wiedergeben. Ein Glücksfall, nicht nur für den Autor, auch für die Leser dieses Buches.
Buchsteiner hat sich mit der Materie sehr intensiv auseinandergesetzt, das merkt man mit jedem Kapitel mehr. Seine negativen Eindrücke vom „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kann ich nur bestätigen, ich empfand die Ausstellung als beschämend – gefördert von der Bundesregierung! –, beschämend ist vor allem die vorherrschende Distanz und Emotionslosigkeit im Bezug auf die Verluste und Opfer der deutschen Zivilbevölkerung.
Sehr interessant sind die Erlebnisse des Autors in Polen, es ist vor Ort dann doch anders, als man es aus Büchern liest. Und die Kontakte zu jungen Polen, die zeitweise auch zu Missverständnissen führen und viele Vorbehalte zeigen sind etwas , dass ich aus der Familienforschung meines Mannes im Heimatkreis Schlochau kenne: Die Vorbehalte gegen Deutsche sind weitergegeben und „vererbt“, es geht schnell, dass die polnische Seite sich zurückzieht und sehr reserviert ist gegenüber den neugierigen Deutschen. Offenbar ist da auch immer noch die Angst, man könnte ihnen Vorhaltungen machen, weil sie jetzt im ehemaligen deutschen Gebiet leben. Sehr dünnes Eis, das merkte auch der Autor.
Ganz am Ende in der Danksagung schreibt Buchsteiner, dass er bereits seit 1999 die Gedanken über dieses Buch mit sich trägt. Mich wundert das nicht, über die eigene Familie zu schreiben, bedeutet auch immer die Gefahr, sehr private Empfindungen, auch die eigenen, zu verletzen. Auch das kenne ich aus eigener Erfahrung. Das breite Repertoire an Quellen musste vom Autor für seine historischen Texte auch erst einmal studiert werden, Recherchen ziehen Recherchen nach sich, da dauert die Fertigstellung eines druckreifen Manuskriptes eben Jahre. Ich kann zum Ergebnis nur gratulieren. Dass mir trotz allen Lobs der Schreibstil nicht immer gut gefallen hat, ist eher subjektiv.
Obwohl ich keine Vorfahren in Ostpreußen hatte, hat mich dieses Buch doch sehr gefesselt. Und ich habe meine Geschichtskenntnisse gut aufgefrischt. Insbesondere die Entwicklung der Stadt Königsberg, heute russisch Kaliningrad, der der totale Garaus gemacht wurde, wird umfassend betrachtet. Die Bezüge zur aktuellen Situation beiderseits der Grenze lassen nichts Gutes ahnen, man kann nur hoffen, dass die Nato russischen Attacken gewachsen ist.
Insgesamt sage ich als Fazit: Leseempfehlung! Das Thema passt zum Tag der Befreiung, den wir gerade zum 80. Mal begangen haben. Ich freue mich, dass auch heute noch darüber so beherzt geschrieben wird und wünsche dem Buch viele Leser. Fünf von fünf Sternen sind ehrlich verdient.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.05.2025

I’m giving it all oder wie man Krieger wird

Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt null Prozent
0

Die Geschichte des Hannes Hennes ist ungewöhnlich, nicht frei von Komik und Tragik, und wird ganz wunderbar erzählt von der perfekten Sprecherin Irina Scholz (mir z. B. bekannt durch „Café Engel“ oder ...

Die Geschichte des Hannes Hennes ist ungewöhnlich, nicht frei von Komik und Tragik, und wird ganz wunderbar erzählt von der perfekten Sprecherin Irina Scholz (mir z. B. bekannt durch „Café Engel“ oder die Müttertrilogie).
Wie es kommt, dass dieser eher durchschnittliche Mathelehrer Hannes bei einem Männerseminar „Mannsein und Krieger werden“ landet, der tatsächlich einen Bruder hat, welcher einen Nobelpreis errang, der auf dessen Nobelpreisfeier sein darf, der sich immer noch über seinen Vater ärgert, der mit ihm nicht so viel Geduld hatte, dass er vielleicht auch einen Preis hätte erringen können. So viele Konjunktive, so viele verpasste Möglichkeiten. Aber genauso viele Dramen, die der eigentlich furchtbar schüchterne Hannes erlebt, der die Schuld am Tod eines Gymnasiasten nicht verkraftet, der die Beinaheschuld am nicht eingetretenen Tod seiner Ehefrau nicht wagt zu erklären. Doch er wird auch eine unwahrscheinliche Rettungsaktion durchführen. Und er weiß erstaunlich viel über Neutrinos.
„Große Zahlen bringen mich dazu, mich weniger wichtig zu nehmen.“, das erfährt Hannes by the way, nachdem er auf etwas gewaltsame Weise sein Seminar beendet hatte. Er findet einen neuen Freund und alles sollte nun doch noch gut werden.
Es ist ein Roman, der nur auf den ersten Blick eine Satire ist, der Käufer, Hörer bzw. Leser, hat aus meiner Sicht eine psychologisch tief gehende und philosophische Erzählung erworben. Was ist normal? Wer ist normal? Diese Fragen wird sich am Schluss jeder Rezipient selbst beantworten müssen. Der Autor Michael Ebert bleibt im vagen, dass er seinen Antihelden sehr mag, merkt man aber auf jeder Seite. Auch wenn Hannes Mathematiker ist, muss man Mathematik nicht lieben oder verstehen, dieser verrückte Hannes wächst einem trotzdem sehr ans Herz. Mir jedenfalls.
Michael Ebert benutzt eine angenehm eindringliche Sprache, Wortwahl, Stil und Rhythmus der Sätze sind authentisch und selbst beim Stammeln noch verständlich. Irina Scholz hat sich mit Eberts Sprache symbiotisch vereinigt, auch wenn von Zeit zu Zeit ihre Betonung nicht ganz den richtigen Ton trifft.
Fazit: Auf dem Buchcover findet sich ein Satz von Juli Zeh: »Ein mitreißendes Buch! Michael Ebert erzählt mit großer erzählerischer Kraft, der man sich gern überlässt.« Besser kann ich das auch nicht schreiben. Beim Hörbuch muss ich dann nur noch hinzufügen, dass es mitreißend gelesen wird von Irina Scholz.
Tatsächlich fünf Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.05.2025

Perfekt inszeniertes Familiendrama

Die unsichtbare Hand
0

Die Leseprobe des neuen Thrillers von Julie Clark gefiel mir bereits so gut, dass ich auch das restliche Buch unbedingt lesen wollte. Ich habe es nicht bereut, von der ersten bis zur letzten Seite nicht ...

Die Leseprobe des neuen Thrillers von Julie Clark gefiel mir bereits so gut, dass ich auch das restliche Buch unbedingt lesen wollte. Ich habe es nicht bereut, von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur ein gewöhnlicher Thriller, sondern ein genial konstruierter Roman, der mich tatsächlich gefesselt hat.
Clark arbeitet mit unterschiedlichen Mitteln und Ebenen, Zeitebenen und verschiedenen Details, die im Laufe der Zeit ans Licht kommen.
Olivia Dumont ist eine anerkannte Ghostwriterin, die sich in ziemliche finanzielle und berufliche Schwierigkeiten gebracht hat und nun mit einem Blockbuster der speziellen Art hofft, all ihre Probleme zu lösen. Sie ist seit ihrem fünften Lebensjahr beim Vater Vincent Taylor aufgewachsen, die Mutter entfloh der Familie bzw. Familientragödie und ließ beide allein. Der überforderte Vater, dem der Makel des ungeklärten Geschwistermordes anhängt, gibt Olivia später ins Internat und sie findet nicht wieder zu ihm zurück. Es scheint eine Trennung auf Lebenszeit zu werden. Ihrem Lebenspartner Tom erzählt sie nichts davon, er glaubt, ihre Eltern seien tot.
Als Olivia den Auftrag für ein neues Buch erhält, hofft sie, ihre Finanzen sanieren zu können. Aber der Auftrag ist heikel, sie soll die Memoiren ihres Vaters schreiben, der auf Grund einer alzheimerähnlichen Erkrankung dazu nicht mehr in der Lage ist. Sehr schnell stellt sich heraus, dass ihr vertragliches Schweigegelübde ebenso hinderlich ist wie der unaufgeklärte Mord an Poppy, der Schwester, und Danny, dem Bruder ihres Vaters. Zwischenzeitlich rastet ihr Vater bei der Zusammenarbeit total aus, verwechselt sie mit ihrer Mutter oder lügt, dass sich die Balken biegen.
Aus der heutigen Zeit wechseln die Kapitel ins Jahr 1975 und man sieht die Vorgänge aus der Sicht der drei Geschwister, aus Tagebüchern, Filmen, Manuskripten und kurzen Interviews mit Zeitzeugen. Der Leser rätselt von Beginn an mit, was der Anlass war und wie der Mord geschah! Und er rätselt bis zum Schluss. Langsam dringt Olivia in die tiefsten Abgründe vor. Gut so, Spannung pur.
Mir haben die Protagonisten gefallen, kein Einziger hatte sofort meine volle Sympathie, jeder hat Ecken und Kanten und doch fieberte ich mit. Der Schreibstil ist gut und flüssig, kein verkopfter Satz stört den Ablauf der Geschichte. Also auch eine gute Übersetzung, ich sah mich nicht genötigt, mir den englischen Originaltext anzuschauen, mir hat es einfach so gefallen, wie es geschrieben ist.
Das Cover basiert auf einem alten Filmausschnitt und gibt die Atmosphäre, in der das Verbrechen geschah, gut wieder. Was mir nicht gefällt ist das zusätzlich aufgedruckte Cover des letzten Buchs von Clarke, es lenkt ab und passt nicht zur Gesamtgestaltung. Das gleiche Stilmittel wurde bei ihrem Roman „Der Plan“ verwendet, auch dort wirkt die schöne Gestaltung mit der großen Welle etwas zerrissen.
Von mir die vollen 5 Sterne, auch dafür, dass Olivias fragile Beziehung zu Tom nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt wurde. Der Titel „Die unsichtbare Hand“ hätte auch „Dunkle Stunden“ oder „Verborgene Wahrheiten“ heißen können. Der Originaltitel „The Ghostwriter“ trifft es aus meiner Sicht gar nicht so gut, ich sehe eher die unausgesprochenen Familiengeheimnisse im Fokus. Von mir eine Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2025

Die Züge sind das Ziel, nicht die Bahnhöfe

Bummelzug nach Istanbul
0

Für die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz ...

Für die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz jung sind – auf die Reise zu gehen. Passend zum günstigen Interrail-Pass sollte bitteschön auch alles andere auf dem Weg möglichst günstig sein und das Gepäck möglichst tragbar. So gehen die beiden, Tom und Danny, auf den Spuren des berühmten Orientexpresses auf eine gut vierwöchige Reise. Danny wird Tom nur auf der Hälfte der Fahrt begleiten, dann muss er seiner Frau wieder bei der Erziehung dreier Kinder unter die Arme greifen. Tom hat diese Sorgen nicht und gibt sich ganz der Bahnfahrerei hin.
Tom Chesshyre beschreibt die Etappen und die Leute, die sie kennenlernen, er schaut aus dem Fenster und begibt sich nicht nur gedanklich vom Spätwinter in den Frühling. Streiks und andere Unannehmlichkeiten sind inklusive. Von Zeit zu Zeit werden Kirchen oder Sehenswürdigkeiten besichtigt, einen völlig ungeplanten, wunderbaren Ausflug nach Pompeij zum Beispiel hat Tom in Italien gemacht, als er schon allein reist.
Für mich waren insbesondere die Beschreibungen der Länder, ihrer Bewohner und Sitten interessant, die ich selbst entweder noch nie oder nur kurz oder vor langer Zeit einmal gesehen habe. In Ungarn, Rumänien und Bulgarien war ich noch nie, das war ein echtes (Lese)-Erlebnis.
Manchmal tat es mir leid, dass Tom so schnell die Züge wechselte und nicht für ein paar Stunden vor Ort blieb. Wie kann man bloß in Caserta umsteigen, ohne sich den größten Königspalast der Welt anzusehen? Wie kann man in Antwerpen anhalten, ohne den (meiner Meinung nach) schönsten Bahnhof der Welt zu bewundern? Nun, Tom erklärt es das eine oder andere Mal, er ist nicht auf Sightseeingtour, er ist auf einer Bahnreise mit Ziel Istanbul. Alles andere am Rande der Schienen nimmt er nur wahr, wenn es in den Fahrplan passt. In Istanbul hat er aber jedenfalls genug Zeit für Sightseeing eingeplant und hat mir ordentlich den Mund wässrig gemacht, dort war ich nämlich auch noch nicht.
Man erfährt im Laufe des Reisens eine Menge über die Geschichte, nicht nur der Eisenbahn, auch der Länder und Städte. Man erfährt viel über Pünktlichkeit, Sauberkeit und einige Merkwürdigkeiten in den Zügen, auf den Bahnhöfen, in den Orten, speziell in Bahnhofsvierteln. Die bieten sich für eine schnelle Übernachtung nicht weit vom Bahnhof natürlich an, besonders, wenn man immer seinen Rucksack dabeihaben muss. Und er lernt jede Menge bahnverrückte Leute kennen, mit denen sich Tom gern unterhält. Manchmal hätten die Erzählungen darüber etwas kürzer sein können, aber sie waren immer interessant und unterhaltsam.
Schade fand ich es, dass nur auf der Umschlaginnenseite ein paar Fotos abgedruckt wurden. Mir haben passend zum Text eingestreute Fotos etwas gefehlt, selbst Schwarz-Weiß-Fotos hätten mir sicher gefallen. Nur als Beispiele: die Brücke in Bratislava ist so ungewöhnlich, aber ob sie jeder Leser kennt? Und wer war schon mal in Waterloo im Musée Wellington?
Die jedem Kapitel vorangestellten Karten erleichtern die Orientierung, wenn man sich am Ende die Übersichtskarte auf dem inneren Cover hinten anschaut, dann staunt man wirklich ob der Geduld, die der Autor aufgebracht hat, für den langen Weg wie auch für das ausführliche Reise(tage)buch.
Einige Äußerungen fühlten sich für mich etwas belehrend an: Warum sollte der Regierungssitz in Budapest nicht gut bewacht werden in heutigen Zeiten? Warum der Hinweis auf die „postfaschistische“ italienische Ministerpräsidentin? Warum so explizit erwähnen, dass man gut daran tut, wie Greta aus Schweden per Bahn zu reisen?
Nicht alle Strecken ließen sich per Bahn bewältigen, so ging es per Bus, als Tramp und auf der Fähre trotzdem immer weiter und das brachte auch noch etwas Abwechslung in das Geratter der Schienen.
Ganz am Rande gibt Tom auch einige Lesetipps, einen aber werde ich ganz sicher nicht befolgen: Satres „Der Ekel“ hat mir hinlänglich in Toms Beschreibungen gereicht.
Tom Chesshyre hat vor einigen Jahren schon einmal mit einem „Slow Train“ eine Reise auf Schienen durch einen großen Teil Europas unternommen und ein Buch darüber geschrieben. Nach der Lektüre von „Bummelzug nach Istanbul“ werde ich auch dieses erste Buch noch lesen, besonders, weil er darin auch über Polen und die Ukraine – Jahre vor dem Ukrainekrieg –schreibt.
Fazit: Ein abwechslungsreiches Buch, eine Reise im Kopf von London nach Istanbul und zurück. Dass zum Ende hin das Interesses des Autors wie des Lesers vielleicht etwas nachlässt, ist verständlich. Nach Tausenden Kilometern auf Schienen darf man sich wirklich nach Hause sehnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere