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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.05.2019

Panoptikum einer Kleinstadt mit Krimi-Touch

Das Verschwinden der Stephanie Mailer
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Ich weiß nicht so recht, was ich mit diesem Buch anfangen soll. War das jetzt ein Krimi? Dann war es mir zu wenig wirklich spannend, obwohl sich ja doch ein sehr beträchtlicher Teil um die Aufklärung der ...

Ich weiß nicht so recht, was ich mit diesem Buch anfangen soll. War das jetzt ein Krimi? Dann war es mir zu wenig wirklich spannend, obwohl sich ja doch ein sehr beträchtlicher Teil um die Aufklärung der Vierfachmorde von 1994 und diverser anderer Taten drehte, und wir Leser genauso wenig wussten wie die drei Polizeibeamten und wir alle jedem Hinweis nachjagten. Vor allem hatte ich aber aufgrund des 'Tons' des Buches, der vielen nebensächlichen Dinge und auch teilweise wegen dem Verhalten der Polizisten nie das Gefühl, einen echten Krimi zu lesen.

Dann war es also vielmehr eine recht akribische Beschreibung der Gesellschaft in einer Kleinstadt in den Hamptons? Das wäre ein valides Genre, doch in dem Fall muss ich sagen, dass ich so etwas von Richard Russo schon deutlich besser gelesen habe (in Empire Falls, aber auch in Nobody's Fool zum Beispiel). Auch Joanne K. Rowling hat das in A casual vacancy hervorragend hinbekommen. Und Tom Wolfe hat in seinem Fegefeuer der Eitelkeiten ganz hervorragend einen Kriminalfall mit einer Gesellschaftssatire verbunden.

Bei Joel Dicker hingegen begegneten mir zu viele Kleinigkeiten, die mich abschweifen ließen, mich oft auch nur marginal interessierten (da mir die Charaktere dazu teilweise völlig egal waren - ich kann nicht für 30 Figuren gleichzeitig Interesse oder gar Sympathien haben) und von denen ich hoffte, dass sie am Ende wenigstens etwas mit dem großen Ganzen zu tun haben. Ob dem so war, möchte ich hier aus Spannungsgründen lieber nicht verraten. In der Kurzbeschreibung steht, dass Dicker ein "richtiges Gespür für Tempo" hat, doch genau das hat er für mein Leseempfinden eben nicht gehabt mit den vielen eingestreuten Nebenhandlungen, und hinzu dem ständigen hin und her sowohl in den Zeiten (1994 und 2014, teilweise auch 2013 oder früher) als auch Erzählperspektiven. Manchmal haben wir einen auktorialen Erzähler, der einen bestimmten begleitet, und das nächste Kapitel ist dann aus der Ich-Perspektive von genau diesem Charakter erzählt. Dann erzählt ein anderer Charakter wieder etwas ganz anderes... Man wird also ständig aus einer Geschichte gerissen und in die nächste hineingeworfen. Ich kam zwar durchaus noch mit beim 'wer mit wem', aber die Spannung auf den wirklichen Kriminalfall ging bei mir dadurch definitiv flöten.

Auch der Buchtitel ist etwas irreführend, denn um das Verschwinden der Stephanie Mailer geht es wirklich nur kurzzeitig auf den über 650 Seiten. Dabei heißt es sogar im Original so und ist nicht nur eine unglückliche Wahl des dt. Verlags.

Vielleicht waren meine Erwartungen nach der vielen Aufmerksamkeit, die dieses Buch bekommen hat und den Aussagen über die Großartigkeit des Autors, auch etwas zu hoch und ich hatte ein Wunderwerk erwartet. Dahingehend war ich jedenfalls ein bisschen enttäuscht, als ich die Buchdeckel zugeklappt habe, obwohl der Fall durchaus mit einer Überraschung zu Ende gebracht wurde. Doch vollends überzeugt hat mich das ganze nicht.

Veröffentlicht am 03.05.2019

Ganz tolle Krimi-Entdeckung für mich!

Mitternachtsmädchen (Ein Nathalie-Svensson-Krimi 3)
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Der deutsche Titel klingt zugegebenermaßen etwas sperrig. Zum Glück überträgt sich das in keinster Weise auf die Übersetzung dieses tollen schwedischen Krimis.

Ich war von Anfang an gefangen in der Welt ...

Der deutsche Titel klingt zugegebenermaßen etwas sperrig. Zum Glück überträgt sich das in keinster Weise auf die Übersetzung dieses tollen schwedischen Krimis.

Ich war von Anfang an gefangen in der Welt von Uppsala, wo bereits 3 Verbrechen in kürzester Zeit stattgefunden haben. Die Polizei arbeitet mit einer Spezialeinheit nun unter Hochdruck daran, dass es zu keinem vierten kommen wird. Und ich meine wirklich Hochdruck (die ganzen 500+ Seiten spielen innerhalb sehr kurzer Zeit!), auch wenn es einem nicht ganz so vorkommt weil die Ermittler durchaus Zeit haben zwischendurch mal anzuhalten für ein Eis oder andere private Dinge (die sich aber im genau richtigen Rahmen bewegen was den Anteil an der gesamten Story angeht). Auch dass sie sich nach Bekanntwerden eines entscheidenen neuen Hinweises erstmal gesittet in der Dienststelle zu einer Teambesprechung einfinden mutet vielleicht komisch an. In einem US-Krimi wären die Polizisten umgehend auf eigene Faust losgerast. Doch das zeigt wahrscheinlich auch die unterschiedlichen Mentalitäten. Amerikanische Cops würden sich auch nie die nassen Schuhe ausziehen, wenn sie jemanden zu Hause befragen - die Schweden schon. Und eine letzte Sache, die mir hier wieder extrem aufgefallen ist: in schwedischen Krimis wird konsequent jede Straße und Gasse mit Namen genannt, bei der irgendjemand auch nur vorbei geht. Ist bei mir verlorene Liebesmüh, ich merke mir diese Namen nie. Aber es stört mich auch nicht, ich lese einfach drüber hinweg.

Den ganzen anderen Rest habe ich allerdings förmlich aufgesaugt und nebenbei mitermittelt, meine eigenen Schlussfolgerungen angestellt und dabei meine Meinung immer wieder ändert. Genau so wie es für mich in einem guten Krimi sein sollte.
Es ist bereits der 3. Teil einer Reihe, die ich jetzt erst entdeckt habe - und definitiv weiter verfolgen werde.

Veröffentlicht am 29.04.2019

Mir fehlte die Frische

Die Gabe der Liebe
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Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich bereits andere Teile der Blossom Street Reihe habe. Aber eigentlich hat mich auch die Kurzbeschreibung gereizt. Die liebende Ehefrau verfasst im Sterben liegend noch ...

Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich bereits andere Teile der Blossom Street Reihe habe. Aber eigentlich hat mich auch die Kurzbeschreibung gereizt. Die liebende Ehefrau verfasst im Sterben liegend noch einen letzten Brief an ihren Mann, mit der Bitte dass er wieder glücklich werden möge und liefert auch gleich drei potentielle Nachfolgerinnen. Die haben sozusagen den 'Hannah Approved' Stempel.

Die Geschichte um den Witwer Michael fand ich dann auch noch interessant. Er erzählt ein bisschen von seinem jetzigen Gefühlszustand, der sehr nachvollziehbar dargestellt war. Ebenso mochte ich die Einblicke, die wir in Macys Leben erhalten. Was aber sonst nebenbei im Leben der Damen auf der Liste abläuft hat mich weniger interessiert, diese Nebenhandlungen hielten mich eigentlich nur auf. Das Ende (Wegrennen, absoluter Kontaktabbruch wegen einer 'Lappalie', plötzliche Heiratsanträge und umgehende Babypläne) fand ich auch komisch, vielleicht passt es aber zur amerikanischen Leserschaft?

Insgesamt hapert es bei mir und meiner mangelnden Begeisterung aber wohl eher am Schreibstil, der mir das Gefühl gibt dass ich noch ca. 10-15 Jahre zu jung für diese Art von Buch bin. Momentan mag ich eher was frischeres, lebendigeres lesen.

Veröffentlicht am 28.04.2019

Was als keine Schummelei anfing...

Lila, Lila
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David will Marie imponieren, und weil sie auf Schriftsteller und Intellektuelle steht, gibt er ganz spontan einen Zufallsfund vom Flohmarkt als sein literarisches Werk aus. Blöderweise findet Marie dieses ...

David will Marie imponieren, und weil sie auf Schriftsteller und Intellektuelle steht, gibt er ganz spontan einen Zufallsfund vom Flohmarkt als sein literarisches Werk aus. Blöderweise findet Marie dieses Manuskript nicht nur gut, sondern so grandios dass sie es direkt an einen Verlag weiterschickt. So verselbständigt sich die Sache dann rasch, bis David schließlich heillos überfordert ist. Und dann wird es erst richtig spannend, als nämlich der echte Autor des Buches auftaucht.

Bis zu dieser Konfrontation vergeht allerdings einige Zeit, etwa das halbe Buch. Dass es dennoch nicht zu langweilig wird (ok, ein bißchen fad war es stellenweise schon), ist allein Suters Schreibstil geschuldet. Verständlich, aber keineswegs simpel, berichtet er hier von einem jungen Mann, der recht planlos durch sein Leben stolpert und keine anderen Ziele hat als Marie zu gefallen. Der Leser ahnt natürlich, dass die Lüge irgendwann auffliegen muss. Die Frage ist nur: wie schlimm wird es werden?

Ich für meinen Teil war natürlich immer auf Daniels Seite, konnte sein Tun auch durchaus nachvollziehen. Aber je mehr sich dann Jacky in sein Leben drängte, desto mehr war ich auch genervt davon, wie untätig Daniel seinem Leben zuschaute, dass ohne jegliche Kontrolle seinerseits neben ihm her raste. Das lässt Martin Suter auch Marie sehen: "Seine absolute Unfähigkeit, sich durchzusetzen, ging ihr auf die Nerven." und sprach mir damit aus dem Herzen.

Doch wie kommt man bloß raus aus dem Schlamassel? Suter wird an dieser Stelle durchaus kreativ und lässt die Geschichte schließlich zu einem zwar etwas offenen aber würdigen Ende kommen.

Veröffentlicht am 28.04.2019

Liebesroman ohne Besonderheiten

Ein Sommer wie Limoneneis
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Wer seinen Urlaub gern im südlichen Italien verbringt, dem kann ich dieses Buch sehr ans Herz legen. Das Flair der Amalfi-Region und vor allem der Anbau von Zitronen wird sehr gut beschrieben.

Die Geschichte ...

Wer seinen Urlaub gern im südlichen Italien verbringt, dem kann ich dieses Buch sehr ans Herz legen. Das Flair der Amalfi-Region und vor allem der Anbau von Zitronen wird sehr gut beschrieben.

Die Geschichte an sich ist auch ok, aber nichts Besonderes. Sie spielt vorwiegend im Hier & Jetzt, und in kleinen Rückblenden auch vor ca. 25 Jahren. Allerdings passiert in beiden Zeitebenen kaum etwas nennenswertes. Wenn doch mal Konflikte auftauchen, so werden die sehr rasch (und dadurch unglaubwürdig) gelöst. Ich bin ja eh kein Freund von zu viel Drama, Intrigen oder negativer Stimmung. Aber authentisch sollte es dabei dann doch zugehen. ~~~Achtung: SPOILER: Wie schnell Remy nach dem Auffliegen der Bestechungszahlungen Reue zeigt und alles macht, was ihm Raffaele diktiert, fand ich überhaupt nicht glaubhaft! Nachdem er zuvor ja ganz anders charakterisiert wurde. Wir reden hier von einem heißblütigen Süditaliener! Der es sicherlich auch nicht so ohne weiteres hinnehmen würde, dass seine Ehefrau ihn einfach so verlässt. Wo er es doch war, der in der Beziehung immer die Hosen anhatte und sein Sohn sogar ein wachsames Auge auf die Mutter werfen musste. SPOILER ENDE ~~~
Sehr unglaubwürdig fand ich ebenfalls, dass Marco seit 20 Jahren nicht weiß wen seine große Jugendliebe geheiratet hat! Er war seitdem zwar nicht oft aber doch einige Male zu Hause, und hat das nie erfragt oder von irgendwem gehört? In einem kleinen Dorf??

Im Nachwort schreibt die Autorin, sie hat sich die schriftstellerische Freiheit genommen, Dinge zu erfinden die es so in echt gar nicht gibt, einen Bootssteg zum Beispiel. Sie hält es da wie Pippi Langstrumpf und macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Das stört mich bei solchen Dingen (wie dem Bootssteg) auch überhaupt nicht. Wenn sie allerdings auch rechnet wie Pippi, und aus 2x3=4 macht plus 3 macht 9, dann stört mich das leider immer. In der Rückblende von 1992 sind Marco und Pippo 13 Jahre alt, 1994 dann plötzlich 17. In anderen Rückblenden gibt es Andeutungen, die vermuten lassen, dass die ältere Zahl stimmt. Dann müssten sie 2018 allerdings 41 sein - sie sind aber noch knapp unter 40. Und Lisabetta erzählt ganz zu Anfang, dass sie dieses Jahr ihren 20. Hochzeitstag hat. Schwanger geworden und geheiratet hat sie allerdings mit 19 - das wäre dann ja bereits 1996 gewesen. Es geht also immer hin und her mit den Altersangaben.
Zum zweiten wird hier von einem WM-Viertelfinalspiel der Italiener 2018 berichtet. Dass sich Italien gar nicht für diese WM qualifiziert hat sei der Autorin verziehen. Vielleicht stand das beim Schreiben des Buches noch gar nicht fest. Fest stand allerdings schon sehr lange der Zeitrahmen, und dass die WM am 14.06.18 starten wird. Das Buch spielt aber über Pfingsten, und das war 2018 am 20.05. An solchen Unstimmigkeiten reibe ich mich immer etwas auf, vielleicht bin ich da auch ein 'Monk', aber das hätte man doch auch wirklich besser recherchieren können und statt dem Viertelfinalspiel einfach ein letztes Testspiel vor der WM stattfinden lassen. An so etwas hätten dann nämlich auch die Italiener problemlos teilnehmen können.

Ein netter, sommerlich angehauchter Roman (der aber wie gesagt im Frühling spielt) ohne große Aufregungen.