Ambivalentes Leseerlebnis
Real AmericansAls Lily als Praktikantin den jungen Matthew kennenlernt, ist ihr schnell klar, dass die beiden Welten, aus der sie stammen, einfach zu weit auseinanderliegen - sie als chinesische Einwanderertochter lebt ...
Als Lily als Praktikantin den jungen Matthew kennenlernt, ist ihr schnell klar, dass die beiden Welten, aus der sie stammen, einfach zu weit auseinanderliegen - sie als chinesische Einwanderertochter lebt in mehr als bescheidenen Verhältnissen, während seine Familie im Geld schwimmt. Trotzdem bekommen sie ein Kind, doch ihre Wege trennen sich bald. Als Jahre später ihr Sohn Nick in Kontakt mit seinem Vater tritt, wird langsam klar, dass ihre beiden Familiengeschichten mehr verbindet, als sie alle ahnen konnten.
"Real Americans" ist wirklich außerordentlich eingänglich geschrieben, durch die mehr als 500 Seiten fliegt man nur so hinweg. Nichtsdestotrotz hinterlässt mich die Geschichte enttäuscht.
Grundsätzlich: der Roman ist in drei Episoden aufgebaut. Durch Teil 1 lernen wir Lily kennen, ihre frische Verliebtheit mit Matthew und die Schwierigkeiten, die sie mit so unterschiedlichen Herkunftsfamilien haben. Teil 2, rund 20 Jahre später, erzählt von ihrem Sohn Nick, seinem Erwachsenwerden und seiner Suche nach seinem Vater und sich selbst. Im dritten Teil werden wir nach China in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgeworfen und lernen die Geschichte von Mai, Lilys Mutter, kennen, wie sie China verlies und in die USA kam.
Leider strotzt das Buch nur so vor Stereotypen und die Charaktere bleiben weitgehend oberflächlich und blass. Viele Entscheidungen, die die Protagonist*innen treffen, sind überhaupt nicht oder nur sehr schwer nachvollziehbar. Besonders wie Lily ihren Sohn Nick von der Welt fernhalten will, ist befremdlich und für mich nicht schlüssig erzählt. Matthews Charakter bleibt oberflächlich und uneinsehbar, aus seiner Figur hätte die Autorin viel mehr machen können. Seine reiche Familie verhält sich stereotyp herablassend. Auch wie sich die Charaktere im Laufe der Zeit entwickeln, finde ich nicht passend - manchmal erkennt man sie in späteren Jahren überhaupt nicht wieder, wobei die Figuren bis auf Mai ohnehin nicht viel Tiefe bekommen. Zwar werden die einzelnen Teile aus unterschiedlichen Blickwinkel erzählt und man könnte die unterschiedliche Wahrnehmung mit der unterschiedlichen Perspektive erklären, nur fand ich, dass man beispielsweise Lily aus Nicks Perspektive so überhaupt keine Ähnlichkeiten und anschließende Erkennungsmerkmale mit der Lily aus der Selbstperspektive hat. Ebenso erging es mir mit Mai.
Es werden auch viele gesellschaftlich relevante Themen angerissen und auf den mehr als 500 Seiten wäre ausreichend Platz gewesen, diese auch adäquat zu verhandeln. Rassismus, Klassismus, ethische Aspekte von Wissenschaft, insbesondere der Genmanipulationen, Schwierigkeiten von Eingewanderten, Identitätssuche, Zugehörigkeit, sozialer Aufstieg, Umweltzerstörung, und vieles mehr - als das findet seine Erwähnung, bleibt aber so an der Oberfläche, dass es fast schon wieder ärgerlich ist, dass es überhaupt thematisiert wurde.
Ein kleiner, positiver Ausreißer ist der dritte Teil um Mai - er wird in einer Rückblende im Gespräch zwischen Nick und Mai erzählt und ihre Geschichte bekommt eine unerwartete Tiefe. Die Verhältnisse, die damals in China herrschten, das Ausmerzen der Spatzen, die bittere Armut, die darauf folgt und generell das herrschende Machtsystem scheint gut recherchiert zu sein und ist einnehmend und schmerzhaft beschrieben. In den USA angekommen kippt bedauerlicherweise die Geschichte ins Absurde, es geht um unglaubwürdige Genmanipulation und die Autorin baut ein fantastisches Element ein, das so gar nicht in den Rest der Geschichte passt. Viele der Erklärungen, die wir am Ende geliefert bekommen, empfand ich als total unglaubwürdig. Das finde ich sehr schade, denn eigentlich hatte die Geschichte viel Potential. Warum um das Buch so ein Hype gemacht wird, kann ich nur bedingt nachvollziehen.
Mein Fazit: "Real Americans" ist ein Easy-To-Read-Roman, bei dem man sich keinen Tiefgang erwarten kann. Er ist äußerst eingänglich geschrieben, weist für meinen Geschmack aber zu wenig Schlüssigkeit und teils abstruse Erklärungen auf. Der dritte Teil im Roman ist überraschend stark und ich finde es schade, dass die Autorin nicht das ganze Buch mit so einem Tiefgang versehen hat.