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Veröffentlicht am 03.03.2026

Wenn eine Maus das Leben wieder ankurbelt

Eine Maus namens Merlin
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Manchmal braucht es keinen großen Knall, um etwas in uns zu verändern. Manchmal reicht ein winziger Gast, der völlig ungeplant in unser Leben tritt, und plötzlich ist da wieder Bewegung. Genau dieses leise ...

Manchmal braucht es keinen großen Knall, um etwas in uns zu verändern. Manchmal reicht ein winziger Gast, der völlig ungeplant in unser Leben tritt, und plötzlich ist da wieder Bewegung. Genau dieses leise Wunder erzählt Simon van Booy in „Eine Maus namens Merlin“: melancholisch, tragikomisch, unglaublich empathisch und am Ende so tröstlich, dass ich das Buch mit einem rundum wohligen Gefühl wieder zugeklappt habe.

Im Mittelpunkt steht Helen Cartwright, 83 Jahre alt, Witwe, erschöpft von Verlust und Einsamkeit. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt sie in die Nähe von Oxford zurück – in den Ort, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und lebt dort zurückgezogen, Tag für Tag in einer Routine, die eher nach „Warten“ klingt als nach Leben.

Und dann taucht Merlin auf: eine Maus, klein, unscheinbar und doch der Auslöser für etwas, das Helen längst nicht mehr für möglich gehalten hat. Zunächst will sie den unerwarteten Besucher natürlich wieder loswerden. Aber gerade diese Versuche führen sie hinaus: in den Tierhandel, in die Bibliothek, in den Eisenwarenladen. Es sind keine spektakulären Stationen – aber genau darin liegt die Magie. Schritt für Schritt, fast widerwillig, tritt Helen wieder in Kontakt mit Menschen. Begegnungen entstehen, Nachbarn werden wieder zu Stimmen, zu Gesichtern, zu Möglichkeiten. Und während Merlin in der Küche aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, beginnt Helen, sich selbst wieder näherzukommen.

Was mich besonders berührt hat: Die Geschichte ist stimmig und ruhig erzählt, unprätentiös im besten Sinne. Van Booy setzt nicht auf platte Effekte, sondern auf feine Beobachtungen. Die Maus wird dabei zu einem wunderschönen Symbol: dafür, dass im Kleinen oft das Großartige liegt und dass Wunder oft dort passieren, wo man sie am wenigsten erwartet. Und dass es zweite Chancen gibt, nicht als kitschige Lebenswende, sondern als leises Wiederverbinden mit dem, was im Inneren noch da ist.

Auch die Darstellung der Figuren finde ich sehr gelungen. Alle sind sympathisch, menschlich und unaufgeregt gezeichnet. Helen wirkt glaubwürdig in ihrer Trauer und ihrer Skepsis, und gerade deshalb fühlt sich ihr vorsichtiges Aufblühen so echt an. Sprachlich hat mich der Roman ebenfalls überzeugt: Er ist sensibel, charmant und zugleich pointiert. Diese Mischung aus Feinsinn und Komik trägt durch das ganze Buch. Und ja: Das Cover ist einfach nur zauberhaft. Es ist ein Blickfang, der den Ton der Geschichte perfekt einfängt.

Fazit: „Eine Maus namens Merlin“ ist ein Roman über Einsamkeit, Verlustängste und die heilende Kraft der Freundschaft, aber vor allem auch über Lebensfreude und Lebensmut, die manchmal in der kleinsten Begegnung beginnen. Für mich persönlich war es eine echte Trostlektüre: hoffnungsvoll, berührend und auf eine stille Art beglückend.

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Veröffentlicht am 27.01.2026

Ein Briefladen gegen die Eile in der Welt

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Was für ein wundervoller Roman! Beim Lesen hatte ich das Gefühl, langsamer und aufmerksamer zu werden, so als würde jemand sanft die Hand auf meine Schulter legen und sagen: Lass dir Zeit!

Im Mittelpunkt ...

Was für ein wundervoller Roman! Beim Lesen hatte ich das Gefühl, langsamer und aufmerksamer zu werden, so als würde jemand sanft die Hand auf meine Schulter legen und sagen: Lass dir Zeit!

Im Mittelpunkt steht Hyoyeong, eine junge Frau, die sich selbst irgendwo zwischen Alltag und Erwartungen verloren hat. Als sie im Briefladen zu arbeiten beginnt, begegnet sie Menschen, die ihre innersten Gedanken nicht in Chats oder Sprachnachrichten, sondern in handgeschriebenen Briefen festhalten. Hoffnungen, Zweifel, Sehnsüchte, alles bekommt Raum, alles darf existieren. Während Hyoyeong zuhört und liest, findet sie Schritt für Schritt zurück zu sich selbst. Fast unmerklich und ganz ohne Pathos.

Was mich besonders berührt hat, ist die Grundidee des Romans: Worte als Brücke. Briefe als Möglichkeit, Nähe herzustellen, selbst dann, wenn man sich vielleicht nie persönlich begegnet. Die Autorin, Baek Seungyeon, erzählt davon ruhig und klar, ohne sprachliche Schnörkel, aber mit viel Gefühl. Die Sprache ist zugänglich, warm und trägt diese cozy Stimmung, die die Lektüre des Buchs so angenehm macht. Ich habe mich beim Lesen oft dabei ertappt, wie ich langsamer umblätterte, um diesen gewissen Vibe nicht zu verlieren.

Auch formal ist der Roman sehr lesefreundlich gestaltet. Zu Beginn helfen kurze Steckbriefe, die Figuren einzuordnen, am Ende erleichtert ein Glossar den Zugang zu koreanischen Begriffen und Speisen. Besonders hilfreich fand ich auch die Lautschrift der Namen, ein kleines Detail, das viel ausmacht und zeigt, wie sorgfältig dieses Buch gemacht ist.

Das Cover passt perfekt zur Geschichte: Es wirkt ruhig, einladend, fast wie ein Versprechen. Und genau so fühlt sich auch der Inhalt an. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, über die Suche nach Glück und auch ein bisschen über die Liebe. Nicht als großes Ziel, sondern als etwas, das in kleinen Momenten auftaucht.

Für mich ist dieser Roman die ideale Lektüre für ein entspanntes Wochenende auf dem Sofa mit meinem Lieblingstee und einer kuscheligen Decke. Und ich habe das Buch mit einer leisen Sehnsucht geschlossen: nach mehr echten Worten, nach Briefen – und nach Briefläden, die nicht nur in Romanen existieren.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Zwischen Schweigen und Selbstbehauptung

Niemands Töchter
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Dieses Buch hat mich ab der ersten Seite mit großer Konsequenz ergriffen. Denn Niemands Töchter erzählt von Frauen, die durchs Leben gehen, ohne je wirklich gehalten worden zu sein. Es sind Biografien, ...

Dieses Buch hat mich ab der ersten Seite mit großer Konsequenz ergriffen. Denn Niemands Töchter erzählt von Frauen, die durchs Leben gehen, ohne je wirklich gehalten worden zu sein. Es sind Biografien, die von Verlust, Gewalt, Sprachlosigkeit und einem tief sitzenden Gefühl des Nicht-Dazugehörens geprägt sind. Der Roman richtet den Blick auf das, was oft im Schatten bleibt: auf Verletzungen, die nicht spektakulär, sondern alltäglich sind, und gerade deshalb so tief wirken.


Inhaltlich ist das Buch kein bisschen effekthascherisch. Es zeigt, wie frühe Erfahrungen nachhallen, wie sich Trauma durch Generationen zieht und wie schwierig es ist, sich aus diesen Mustern zu lösen. Gleichzeitig ist da immer wieder ein stiller Widerstand spürbar: der Versuch, sich selbst zu behaupten und die eigene Geschichte nicht vollständig von der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Mich hat besonders beeindruckt, wie viel Raum dem Ungesagten gelassen wird. Der Roman erklärt nicht alles, er vertraut darauf, dass man zwischen den Zeilen lesen kann – und genau dort entfaltet er seine größte Kraft.

Der Schreibstil ist klar und eindringlich. Keine großen Gesten, kein Pathos, stattdessen eine Sprache, die präzise beobachtet und emotional sehr nah bleibt. Viele Sätze wirken nach, lange nachdem man sie gelesen hat. Es ist eine Sprache, die nicht tröstet, sondern eine, die ernst nimmt. Und gerade dadurch berührt sie.


Niemands Töchter ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich auf ernste Themen einlassen wollen, ohne einfache Antworten zu erwarten. Ein Roman, der nicht unterhält, sondern hinschauen lässt – und der lange nachwirkt. Für mich ein starkes, wichtiges Buch und eine klare Fünf-Sterne-Empfehlung.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Neubeginn im Bücherdorf Redu

Mathilde und Marie
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Manche Romane drängen sich nicht auf. Sie klopfen nicht laut an, sie treten nicht mit dramatischen Wendungen oder großer Geste auf. Sie stehen einfach da: offen, ruhig, einladend. Mathilde und Marie ist ...

Manche Romane drängen sich nicht auf. Sie klopfen nicht laut an, sie treten nicht mit dramatischen Wendungen oder großer Geste auf. Sie stehen einfach da: offen, ruhig, einladend. Mathilde und Marie ist genau so ein Buch. Für mich ein feines, unaufgeregtes Buchjuwel, das seine Wirkung nicht durch Tempo entfaltet, sondern durch Nähe.

Der Roman führt nach Redu, d. h. in ein kleines Bücherdorf in den belgischen Ardennen, das es tatsächlich gibt und das hier fast selbst zur Hauptfigur wird. Ein Ort, an dem die Zeit nicht als Gegner empfunden wird, sondern als Begleiter. Internet gibt es nur stundenweise, der Kirchturm steht schief, die Turmuhr geht falsch, und niemand scheint sich daran zu stören. Diese bewusste Entschleunigung wirkt wie ein leiser Gegenentwurf zur rastlosen Außenwelt.

In dieses Dorf verschlägt es Marie, eine junge Französin, die ihr Leben in Paris hinter sich lässt, ohne genau zu wissen, wohin sie eigentlich will. Ihre Reise beginnt impulsiv, fast fluchtartig, und gewinnt Tiefe, als sie im Zug auf Jónína trifft, eine Isländerin mit der Gabe, Menschen klar und unverstellt zu lesen. Jónína erkennt Maries innere Erschöpfung, noch bevor Marie sie selbst in Worte fassen kann, und nimmt sie mit nach Redu, in ihre kleine Buchhandlung.

Von dort an entfaltet sich der Roman ganz leise. Marie kommt an, nicht nur an einem Ort, sondern zunehmend auch bei sich selbst. Sie begegnet einer Gemeinschaft, die getragen ist von Eigenheiten, Wärme und einem stillen Verständnis füreinander. Besonders berührend ist dabei die mürrische Mathilde, die sich dem Leben zunächst verschlossen zeigt und doch nicht unbewegt bleibt, als der Frühling Einzug hält. In der Natur ebenso wie in den Menschen.

Was mich besonders begeistert hat, ist die geschliffene, ruhige Sprache. Torsten Woywod schreibt mit großer Sorgfalt, ohne ornamental zu werden. Immer wieder streut er detailreiche Naturimpressionen ein: Wälder, Licht, Geräusche, die Jahreszeiten, Tiere. Diese Beschreibungen wirken nie wie Beiwerk, sondern wie Atempausen, die den Text weiten und ihm Tiefe geben.

Die Figuren sind durchweg sympathisch gezeichnet, ohne zu glatt oder idealisiert zu wirken. Selbst Nebenfiguren bleiben im Gedächtnis, z. B. Arthur und Louise. Und dann ist da noch Labradorhündin Anneliese, die immer wieder für unterhaltsame Momente sorgt und dem Roman eine zusätzliche Herzenswärme verleiht.

Mathilde und Marie kommt ganz ohne Action aus. Es gibt keine reißerischen Konflikte, keine künstlich erzeugte Dramatik. Stattdessen erzählt der Roman von Freundschaft, vom Lesen, von Hoffnung, aber auch von Verlust und Trauer. Gerade diese leisen, schmerzhaften Töne machen die Geschichte glaubwürdig und tief. Es ist eine Ode an das Miteinander und ein sanfter Beweis dafür, dass das Leben zumindest zeitweise auch ohne Internet und Social Media gelingen kann.

Für mich ist dieses Buch eine absolute Feel-good-Geschichte im besten Sinne. Das Setting in Redu ist ein Traum. Es ist ein Ort, an dem ich selbst gerne leben möchte. Und genau so, wie man sich in dieses Dorf hineinträumt, schleicht sich auch der Roman ganz sanft und leise ins Leser:innenherz.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die feinsinnige, warmherzige Literatur schätzen, und für jene, die sich nach einer Geschichte sehnen, die nicht laut sein muss, um lange nachzuklingen.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Mutter und Tochter im Ausnahmezustand

Elf ist eine gerade Zahl
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Beim Lesen von Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer fühlte ich mich, als säße ich gleich neben zwei Menschen, die mitten in einem Sturm stehen, der sie an den Rand des Sagbaren treibt. Es ist ein ...

Beim Lesen von Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer fühlte ich mich, als säße ich gleich neben zwei Menschen, die mitten in einem Sturm stehen, der sie an den Rand des Sagbaren treibt. Es ist ein Roman, der nicht laut auftritt, aber lange nachhallt, wie ein Herzschlag, den man erst bemerkt, wenn er immer schneller wird.

Im Mittelpunkt stehen Katja und Paula: Paula ist vierzehn Jahre alt und viel zu jung, um mit einer schweren Krankheit konfrontiert zu sein. Katja, ihre Mutter, versucht, gleichzeitig Leuchtturm und Schutzschild zu sein, obwohl sie selbst kaum noch weiß, wohin mit ihren Ängsten. Nur noch wenig erinnert an ihr früheres, alltägliches Leben. Mutter und Tochter driften umher und suchen beide Halt, was ihnen nur ansatzweise gelingt.

Was mich besonders berührt hat, ist die Art, wie Katja ihrer Tochter eine Geschichte erzählt, während sie gemeinsam durch Tage voller Sorgen und Nächte voller Unruhe taumeln. Ein Märchen über einen Fuchs und ein Mädchen, das vor einem Schatten fliehen muss. Diese Erzählung ist mehr als ein Trostpflaster. Sie wird zum Rettungsfaden, der Mutter und Tochter verbindet, während die Welt um sie herum zu wanken scheint. Der Roman greift damit eine traditionsreiche Idee auf: dass Geschichten heilen können, wenn Worte zu Balsam werden. Die erzählte Geschichte wirkt einerseits märchenhaft, aber andererseits auch sehr geerdet und zutiefst menschlich.

Der Buchtitel Elf ist eine gerade Zahl begleitet jede Seite wie ein geheimnisvoller Schlüssel. Je weiter ich las, desto klarer wurde mir, wie perfekt er in das Gefüge des Romans eingewoben ist. Und das zarte und doch kraftvolle Cover spiegelt die Atmosphäre des Buches beinahe vollkommen wider. Das hat mir sehr gefallen.

Martin Beyer schreibt mit einer sprachlichen Brillanz, die mich immer wieder innehalten ließ. Seine Sätze sind klar, präzise und zugleich voller poetischer Resonanz. Er wagt Ehrlichkeit, zeigt Schmerz ohne Pathos, und schenkt Hoffnung, ohne künstlich zu beschönigen. Die verschiedenen Erzählebenen greifen mühelos ineinander. Katja und Paula wirken so echt, dass ich ihre Stimmen beinahe hören konnte, ihre Unsicherheiten, ihre kleinen Mutmomente, ihre treffsicheren Dialoge. Besonders Letztere fand ich sehr aussagekräftig.

Trotz aller Tragik leuchtet der Roman. Denn zwischen den Zeilen glimmt eine Zuversicht, die still trägt. Eine Mutter-Tochter-Beziehung, die mit all ihren Rissen, Zweifeln und kleinen Gesten der Liebe so glaubwürdig erzählt ist, dass sie mich tief berührt hat.

Für mich war Elf ist eine gerade Zahl ein echtes Überraschungshighlight. Ein Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen möchte, weil das Erzählte einen noch festhält, lange nachdem der letzte Satz gelesen ist. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Worte manchmal die sanfteste Form von Mut sind.

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