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Veröffentlicht am 24.08.2025

Faszinierend und abschreckend zugleich

Gym
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Verena Keßler taucht tief ein in die menschliche Seele. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die namenlose Protagonistin fängt im Service eines Fitnessstudios an, in dem die Welt in Ordnung ist: netter Chef, ...

Verena Keßler taucht tief ein in die menschliche Seele. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die namenlose Protagonistin fängt im Service eines Fitnessstudios an, in dem die Welt in Ordnung ist: netter Chef, gute Arbeitsbedingungen, freundliche Kolleginnen. Und lauter durchtrainierte Menschen, nur sie hat sich etwas gehen lassen in der letzten Zeit. Und so greift sie zur Notlüge, gerade entbunden zu haben. Sie sonnt sich in der Bewunderung der Menschen, die sich fragen, wie sie das alles wuppt: Kind, Vollzeit, Haushalt, Training. Und anstatt diese Lüge aufzulösen, verheddert sie sich immer mehr in ihrer Scheinwelt, definiert Muskelwachstum als einzig zählendes Ziel, koste es, was es wolle. Und es kostet!
Das Buch entwickelt einen unglaublichen Sog. Am Anfang las ich interessiert und fragte mich, wohin das Ganze wohl führt. Dann verfolgte ich den Weg der Unbekannten mit Faszination, las, wie sich ihre Obsession entwickelt. Je tiefer ich in die Figur eintauchte, desto fremder wurde sie mir. Zwischendurch haben die Beschreibungen bei mir direkt ein Ekelgefühl hervorgerufen. Und doch wollte ich verstehen, was diese Frau antreibt.
Geschickt lässt Verena Keßler immer tiefere Einblicke in die Vergangenheit der Protagonistin zu. Dadurch rundet sich das Bild einer vom Erfolg besessenen Frau ab, der die externe Sicht auf sich selbst unfassbar wichtig ist. Die sich immer wieder jemanden sucht, an dem sie sich reiben, spiegeln, messen kann.
Der Schreibstil ist sehr direkt. Am Ende der einzelnen Kapitel blitzt immer mal wieder ein ganz feiner Humor durch. Einzelne Sätze durchbrechen so die zum Teil abstoßende Geschichte.
Ich mochte das Buch, wenngleich ich mir das Ende ein ganz klein wenig weniger offen gewünscht hätte.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Erinnerungen zwischen Japan und Deutschland

Onigiri
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Laut KI wird die japanische Erzählweise so charakterisiert:
„Japanische Autoren verwenden oft eine Erzählweise, die sich durch Zurückhaltung, Detailgenauigkeit und eine tiefe Verbindung zur Natur auszeichnet. ...

Laut KI wird die japanische Erzählweise so charakterisiert:
„Japanische Autoren verwenden oft eine Erzählweise, die sich durch Zurückhaltung, Detailgenauigkeit und eine tiefe Verbindung zur Natur auszeichnet. Es gibt eine Vorliebe für das Unausgesprochene, für Stimmungen und Atmosphären, die oft subtil und implizit vermittelt werden, anstatt durch direkte Erklärungen. Viele Werke zeichnen sich durch eine ruhige, fast beiläufige Erzählweise aus, die Raum für die Entfaltung von Charakteren und die Entwicklung von Beziehungen lässt.“
Vieles davon trifft auch auf das von der in München geborenen Yuko Kuhn verfasste Werk „Onigiri“ zu. Es ist eine ganz ruhige, fast beiläufig erzählte, fein beobachtete Geschichte. Gefühle und Gedanken werden irgendwie ausgeblendet. Und vielleicht genau deshalb bleibt mir die Erzählerin Aki völlig fremd.
Aki reist noch einmal mit ihrer dementen Mutter nach Japan, um - ja warum eigentlich? Die Beweggründe sind für mich leider nie klar geworden. Will sie ihrer Mutter ein paar Erinnerungen ermöglichen? Will sie sich selbst ihrer Familiengeschichte sicherer werden? Will sie Abschied nehmen von der kürzlich verstorbenen japanischen Großmutter, die ihr so viele Lebensweisheiten mitgab? Dieses für mich ungeklärte Warum macht mir tatsächlich den Zauber der Erzählung kaputt. Ich frage mich die ganze Zeit, warum bringt man eine demente Frau ans „Ende der Welt“? Wieviel Selbstzweck steckt eigentlich hinter dieser ganzen Aktion?
Und gleichzeitig bin ich sehr gerührt von der Geschichte der Mutter, die als junge Frau aus Japan loszog, um die Welt kennenzulernen. Mutig, frei und neugierig. Und die dann irgendwie hängen blieb in Deutschland, in einer geschiedenen Ehe, von den Schwiegereltern nie anerkannt. Die sich nicht wirklich gut zurecht fand im deutschen Alltag und doch mit den Kindern geblieben ist, weil sie eben auch in Japan nicht mehr wirklich zu Hause ist.
Und noch berührender sind die Momente, in den Yuko Kühn die Demenz der Mutter zum Thema macht. Die immer gleichen Fragen. Das Vergessen, das zwischendurch ganz glücklich Sein in dieser kleiner werdenden Welt. Die Momente, in denen Akis Mann die Mutter genau so nimmt, wie sie gerade ist. In diesen Momenten kann ich Doris Dörries Zitat „… zum Heulen schön“ hundertprozentig unterschreiben.
Und so lässt mich das Buch sehr ambivalent zurück.

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Veröffentlicht am 20.07.2025

Über das Loslassen

Schattengrünes Tal
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Lisa führt ein weitgehend zufriedenes Leben – so scheint es zumindest zu Beginn der Geschichte. Eingebunden, beliebt und mit dem Ort und in ihrer Familie verwurzelt. Doch es gibt Anzeichen, dass nicht ...

Lisa führt ein weitgehend zufriedenes Leben – so scheint es zumindest zu Beginn der Geschichte. Eingebunden, beliebt und mit dem Ort und in ihrer Familie verwurzelt. Doch es gibt Anzeichen, dass nicht alles perfekt ist. Sie sehnt sich nach der Liebe und Anerkennung ihres Vaters, eines alteingesessenen Hoteliers, den sie unterstützt wo sie nur kann. Ihr Mann kommt irgendwie entfremdet von einer beruflichen Reise zurück. Die beste Freundin reagiert plötzlich zurückhaltend. Und dann ist da diese Fremde, die sich zunehmend in ihr Leben schleicht, um ihre Freundschaft wirbt, sich unentbehrlich macht.
Was ganz harmlos beginnt, ist ein spannendes Kammerspiel, in dem immer wieder jemand anders aus der kleinen Gemeinschaft zu Wort kommt. Die Schlüsselszenen werden von Kristina Hauff gekonnt aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das Motiv der Fremden liegt bald offen und dennoch schaut man atemlos zu, wie sie weiter ihr böses Spiel treibt.
Immer tiefer wurde ich beim Lesen in den Bann dieser Familie gezogen. Ab etwa der Hälfte des Buches konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die Dialoge und Gedanken sind sehr lebendig beschrieben und auch wenn nicht jede Figur sympathisch ist, verstehen kann man sie allemal.
Mir gefällt die Entwicklung von Lisa, die sich selbst hinterfragt und lernt, loszulassen und dadurch zu gewinnen. Mir gefällt auch die Figur ihres Ehemanns, der sich entscheiden muss, wo er im Leben stehen will. Das alles wirkt authentisch und nachvollziehbar beschrieben, ohne dabei jemals zu moralisieren – eine große Stärke!
Wie bei den Vorgängerbüchern taucht Kristina Hauff tief in die Psyche ihrer Figuren ein. Man muss sich beim Lesen ein bisschen darauf einlassen, dass die Geschichte eher episodenhaft erzählt wird. Für mich ein absolut lesenswertes Buch!

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Veröffentlicht am 19.06.2025

Spannendes Gedankenexperiment mit kleinen Schwächen

Im Leben nebenan
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Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem ...

Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem Leben zufrieden scheint: guter Job, gute Beziehung. Wenn sie nicht jeden Monat feststellen müsste, dass ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Was dieses Leben nach dem Zyklus, was eine Kinderwunschbehandlung, was die stetigen Rückschläge mit Toni und ihrem Freund machen, erzählt Anne Sauer in kleinen fragmentarischen Episoden. Man spürt förmlich, wie Toni immer dünnhäutiger wird, wie ihr Leben sich reduziert auf ein Thema, wie sie kämpft um ein glückliches Leben.
Und parallel lernen wir Antonia kennen. Sie wacht eines Tages auf mit einem ihr fremden Baby im Arm, in einem Körper mit Kaiserschnittnarbe, den sie nicht kennt, einem Mann und Freunden, die ihr von früher wohl vertraut sind. Völlig überfordert ist Antonia mit der Situation plötzlich ein Baby versorgen zu müssen. Gleichzeitig quält sie die Frage, wie sie nur in dieses Leben geraten konnte.
Und genau hier liegt für mich die Schwäche des Buchs. Auch wenn die Autorin den Kunstkniff am Ende gekonnt auflöst, stört es mich, dass Antonia nicht nur das plötzliche Muttersein zu verarbeiten hat. Es steht viel mehr die Frage im Raum, wie es zu diesem neuen Leben kommen konnte. Antonia verzweifelt daran, nicht zu wissen, wie es ihrem (Toni-) Freund geht, wo ihr altes Leben hin ist und ob sie je dahin zurückkommt.
Dadurch steht für mich weniger die Frage des Mutterseins im Vordergrund, sondern die Hilflosigkeit darüber, nicht zu wissen, wer man ist. Ich weiß nicht, ob und wie das Buch funktioniert hätte, wenn Anne Sauer die zwei Geschichten ohne dieses plötzliche Eintauchen in ein fremdes Leben erzählt hätte. Dennoch hätte ich mir das gewünscht.
Stilistisch gefällt es mir sehr gut, dass die Kapitel für beide Geschichten jeweils von 1 an durchnummeriert werden. Sie werden auch nicht zwingend abwechselnd erzählt, sondern es gibt durchaus mehrere Kapitel zu einer der Protagonistinnen hintereinander. Das ergibt für mich einen schönen Lesefluss.
„Im Leben nebenan“ regt zum Nachdenken und Reflektieren an. Es taucht schonungslos ins Leben einer Frau auf der Suche nach sich selbst ein.

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Veröffentlicht am 18.05.2025

Gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe

Das Teufelshorn
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Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. ...

Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. Ich irgendwie auch. Sie wird von ihren früheren Kollegen gebeten, mitzuhelfen, eine Entführung und später auch Mordfälle aufzuklären. Da trinkt sie hier mal einen Cortado, isst dort eine Kleinigkeit, telefoniert, fragt nach, schummelt ein bisschen und schwupps, klärt sie den Fall auf.

Anna Nicholas erzählt das Ganze mit viel Liebe zu Mallorca und einer Prise Humor, die mich total erreicht. Auch wenn alles ein bisschen zu glatt geht, Isabells Verbindungen in die ganze Welt reichen und die sie keinen Schlaf zu scheinen braucht, folge ich der story einfach gern. Vielleicht auch, weil Isabell nicht einen ganzen Packen Probleme mit sich herumträgt, sondern einfach mit ihrem Leben zufrieden ist. Die Figuren sind insgesamt nicht mit viel Komplexität, sondern einer Menge Liebe ausgestaltet. Selbst für einige der Schuldigen hat die Autorin ein großes Herz.

Im ganzen Buch spürt man viel Lebensfreude und den Rhythmus eines kleinen, noch nicht touristisch komplett überlaufenen Ortes auf der Insel. Da tauche ich sehr gerne ein, ziehe zwischenzeitlich meine eigenen Schlüsse und freue mich, dass sich einzelne Stränge zusammenreimen lassen und andere wiederum Isabells brillante Gedankenzüge brauchen.

Ein gelungener Auftakt einer Reihe, auf deren Fortsetzung ich mich freue.

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