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Veröffentlicht am 05.06.2024

Rezension: DARK HEIR von P.S. Pacat

Dark Heir
4

Der zweite Teil der DARK RISE-Trilogie setzt die Geschichte um Will Kempen und seine Gefährten mit Hochspannung fort. Will, der um seine Wiedergeburt als Dunkler König weiß, navigiert sein Leben auf einem ...

Der zweite Teil der DARK RISE-Trilogie setzt die Geschichte um Will Kempen und seine Gefährten mit Hochspannung fort. Will, der um seine Wiedergeburt als Dunkler König weiß, navigiert sein Leben auf einem schmalen Grat im anhaltenden Kampf zwischen der Anhängerschaft seines früheren ICHs und dem übrig gebliebenen Rest der Stewards. Während er darum bemüht ist, das Richtige zu tun, verwickelt er sich immer mehr in den Spannungen zwischen Gut und Böse. Was ist richtig? Was ist falsch? Werden seine Gefährten Wills Geheimnis herausfinden – und wie werden sie darauf reagieren?

Mit dieser Prämisse kreiert Pacat auf eindrucksvolle Weise eine durch den Roman ziehende Spannung – sowohl emotional, als auch, was den Plot anbelangt. Als Leserin habe ich die gesamte Zeit mit angehaltenem Atem darauf gebangt, dass – wenn Wills Geheimnis ans Licht kommt – DARK HEIR ein Happy End haben wird. Spoiler Alert: Pacat setzt die Tradition auch im zweiten Teil fort. DARK HEIR endet offen, mit einem szenisch tragischen Cliffhanger.

Der bildhafte Schreibstil bringt eine Welt zutage, die in sich geschlossen und greifbar ist. Er passt sich den jeweiligen Perspektiven im Roman an; nicht nur, was das Spannungsgefälle der Handlung betrifft, sondern auch in Bezug auf die unterschiedlichen, differenzierten Sichtweisen der Charaktere.

Was mir persönlich gut gefallen hat: Pacat hat es geschafft, die Perspektiven schlüssig zu gestalten und miteinander zu verweben. Szenen, in denen Violet beispielsweise seltsame Begegnungen mit Figuren hat, die gegen ihren gewöhnlichen Charakter handeln, werden in späteren Kapiteln aus Wills Perspektive „aufgeklärt“. Sozusagen ein Perpetuum Mobile im Roman-Format.

Ein anderer Aspekt, der an Pacats Werken auffällt, sind die plastischen Charaktere. Fragt man sich bei manchen Büchern, warum Figuren urplötzlich so oder so reagieren, ist dies in DARK HEIR nicht der Fall. Jeder Charakter handelt nach einem inneren Kompass, durch den man bereits im Vorhinein weiß, wie jede einzelne Reaktion ausfallen wird.

So ist gerade Will ein Mensch, der – bedingt durch seine „doppelte“ Identität – darum bemüht ist, sein Geheimnis so lange wie möglich geheim zu halten und niemanden aus seinem unmittelbaren Umkreis zu schaden. Dass er zum Höhepunkt des Buches hin versucht, im Alleingang die Armee des Dunklen aufzuhalten, überrascht daher nicht; stattdessen schafft das Wissen darum eine tragische, bittersüße Atmosphäre. Insbesondere dann, wenn man durch andere Sichtweisen-Kapitel weiß, dass es noch Probleme gibt, wie es zum Beispiel der Kampf zwischen James und Sinclair aufgezeigt hat. Will kann sich am Ende mit James‘ Unterstützung retten – aber nur, weil dieser das Halsband des Dunklen trägt. Ähnlich ergeht es den Schicksalen der anderen Charaktere.

In sich geschlossen liest sich DARK HEIR wie eine dunkle Vorahnung. Eine süße Versuchung im Stil eines Englands des 19. Jahrhunderts, die zwar Hoffnung verspricht – derer man aber beraubt wird, nachdem jeder Figur ein Opfer abverlangt wurde.

Um es so bildlich wie möglich auszudrücken: Pacats Fortsetzung zu DARK RISE lässt die lesende Person mit blutendem Herz zurück. Jetzt ist es an uns zu warten und an Pacat, uns die Hoffnung, nach der wir uns sehnen, zurückzugeben.

Egal, wie lange das dauern wird.

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  • Fantasy
Veröffentlicht am 12.04.2024

Scarlet

Scarlet
1

Wenn man mich fragen würde, wie ich Genevieve Cogmans Roman „Scarlet“ beschreiben würde, wäre meine Antwort: Eine Prise Downtown Abbey, gewürzt mit einer vielversprechenden Prämisse und einer guten Portion ...

Wenn man mich fragen würde, wie ich Genevieve Cogmans Roman „Scarlet“ beschreiben würde, wäre meine Antwort: Eine Prise Downtown Abbey, gewürzt mit einer vielversprechenden Prämisse und einer guten Portion Fantasy.
In dem im Bastei Lübbe verlegten Buch wird das englische Dienstmädchen Eleanor Dalton zu Zeiten der Französischen Revolution in einen gefährlichen Plan verwickelt: Als Double von Marie Antoinette soll sie dabei helfen, die französische Königsfamilie vor dem endgültigen Tod durch die Guillotine zu bewahren. Zu diesem Zweck wird sie nach Frankreich geschleust und soll mit einer Geheimliga – der Liga des Scarlet Pimpernels – zusammenarbeiten. Doch schnell steht fest: Der Plan ist gefährlich als erwartet, denn Eleanor muss sich nicht nur vor den französischen Widerstandskämpfer in Acht nehmen, sondern auch vor den aristokratischen Vampiren, die das Land beherbergt.
Die Prämisse des Romanes macht bereits mehr als neugierig. Schafft Eleanor es, ihr Ziel zu erreichen? Welche Gefahren muss sie als Spionin in fremdem Gebiet gegenübertreten? Und: Wird sie überleben?
Ähnliches gilt für das Cover. Dunkle Farben, ein blutroter Schriftzug, der den Titel auf charmante Weise wiedergibt, ein Totenschädel mit Vampirzähnen – dieses Format fällt einem sofort ins Auge. Besonders, wenn man nach spannenden, gut recherchierten Fantasy-Büchern sucht. Man merkt schnell, wie viel Mühe und Arbeit sich Cogman im Vorfeld gemacht hat. Der historische Bezug ist während des Lesens durchgängig zu spüren; soweit sogar, dass man das Gefühl bekommt, ins Jahr 1793 hineingesogen zu werden.
Unterstützend wirkt hierbei vor allem der elegante, an die damalige Epoche angepasste und bildhafte Schreibstil. Die verwendeten Beschreibungen, Vergleiche und anderen rhetorischen Mittel passen nicht nur zum Klang und Kontext des Romanes – sie spiegeln die Welt, in der „Scarlet“ spiel, perfekt wider. Der Vibe, den Cogman versucht zu vermitteln, wird auf angenehme Art und Weise in Szene gesetzt.
Besonders gefällt mir, dass Cogman zu Beginn des Buches mit einer kleinen Zusammenfassung aller relevanten historischen Ereignisse bezüglich der Französischen Revolution aufwartet. So kann man die Zusammenhänge besser greifen und den unterschiedlichen Standpunkten, die die Figuren vertreten, sowie dem Handlungsverlauf des Romanes besser folgen. Auch schön: die kurze Darstellung der Figurenkartei, in der die prominentesten Charaktere aufgeführt werden.
Was in einer guten Geschichte nicht fehlen darf, sind: plastische Charaktere. Lebendigkeit zu schaffen ist etwas, das Cogman definitiv kann. Eleanors Reise fühlt sich greifbar an, ihre Ansichten und Handlungen nachvollziehbar. Man fiebert während des Lesens mit ihr mit, fühlt sich an ihrer Stelle angegriffen, wenn sie in Streitgespräche mit anderen Charakteren gerät, und hofft, dass sie aus den Problemen, die auf ihrem Weg nach und in Frankreich auftreten, schnellst möglichst herausgelangt. Mein Eindruck von Eleanor? Sie ist eine ehrgeizige, hartarbeitende junge Frau mit Köpfchen, die weiß, was sie will.
In dieser Hinsicht sei dazu gesagt, dass ein paar Aspekte aus dem Mittelteil der Handlung verwirrend wirken: Ohne Frage hat Eleanors Figur sehr viel Potential. Im Mittelteil jedoch – kurz nach ihrer Entscheidung, nach Frankreich zu gehen und vor der finalen Climax der Geschichte – passieren Dinge, die mir teilweise etwas seltsam vorgekommen sind (selbst, wenn sie den historischen Kontext mitsamt seiner Sicht auf weibliche Figuren gut reflektiert haben).
Obwohl vorher einem Test, in dem man ihre Vertrauenswürdigkeit auf die Probe gestellt hat, unterzogen, wird Eleanor nicht mit in die Pläne der Liga eingeweiht. Man sagt ihr zwar, wohin es geht, aber so wirklich Durchsicht auf genaue Standorte, involvierte Personen oder andere für den Plan relevante Daten erhält sie nicht. Zugegebenermaßen könnte man argumentieren, dass die Liga dies für ihren eigenen Schutz tut – je weniger sie weiß, desto weniger kann man aus ihr „herausfoltern“. Für mich stellt sich dann jedoch die Frage: Warum der Test? Welchen Zweck hatte es, ihre Vertrauenswürdigkeit zu testen, wenn die Liga ihr danach allem Anschein nach nicht genügend vertraut, um sie über alle Details zu informieren?
Zumal dadurch für Eleanor selbst Probleme entstehen: Während eines Überfalls flüchtet sie mit Charles, einem Mitglied der Liga, zu einem aristokratischen Vampir, dem Marquis de Stainville. Dort wird Eleanor aufgenommen, während Charles zur Liga zurückkehrt, um Hilfe zu holen. Auf dem Anwesen wird Eleanor späterhin von de Stainville angegriffen; dieser entpuppt sich als Feind. Zwar treibt dies die Handlung an, doch hätte ich mir gewünscht, dass man den Konflikt anders gehandhabt hätte. Zum Beispiel, indem Eleanor gemeinsam mit Charles zur Liga gegangen wäre.
Natürlich sind Vampire gefährliche Kreaturen, die den Menschen überlegen sind. Dies hat Cogman auf wunderbare Weise herausgearbeitet. Doch sie sind auch sterblich, wie der Tod eines Vampirs im Prolog ersichtlich macht. Persönlich hatte ich angenommen, dass Eleanor den Kampf mit de Stainville durch ihren scharfsinnigen Verstand möglicherweise verletzt, doch siegesreich besteht. Stattdessen hat sie durch Zufall die Seele einer alten Zauberin in sich aufgenommen und nur dadurch geschafft, dem Marquis zu entkommen. Das ist ein Beispiel aus dem Mittelteil, bei dem ich das Gefühl hatte, Eleanor eher reagieren, als agieren zu sehen. Für mich wurde dadurch etwas von der Spannung genommen.
Geändert wurde das allerdings im Zuge des Höhepunktes: Nachdem Eleanor wieder zur Liga findet, wird das weitere Vorgehen – dieses Mal im Detail und zusammen mit Eleanor – besprochen. Hier bringt Eleanor ihre Ideen ein – Ideen, die ernstgenommen werden und schließlich zum Erfolg ihres Vorhabens führen. Die Liga schafft es, die Kinder Marie Antoinettes zu retten. Marie Antoinette selbst, indessen in einen Vampir verwandelt, liefert sich mit Eleanor einen halsbrecherischen Kampf, den Eleanor mithilfe von Anima, der Zauberin, und ihrer schnellen Auffassungsgabe gewinnt. Es gibt also ein Happy End – eines, das für mich zufriedenstellend ist.
Denn: Eleanor wird im Zuge dessen zum vollwertigen Mitglied der Liga. Das hat sie sich im Verlauf des Romanes mehr als verdient. Als Leserin war ich aus diesem Grund ungemein stolz auf Eleanor.
Wer auf der Suche nach einem gut recherchiertem Fantasy-Roman mit historischem Bezug und bildhaftem Schreibstil ist, sollte definitiv auf Cogmans Roman „Scarlet“ zurückgreifen. Die Atmosphäre des Buches lässt Leser/innen vergessen, in welcher Wirklichkeit – oder Zeit – sie sich genau befinden. Mit jeder Seite mehr zieht der Roman Leser/innen in seinen Bann. Zurecht: Gefahren, Magie und Vampire – was will man mehr?

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