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Veröffentlicht am 10.08.2025

Solides Debüt

Adlergestell
1

Cover und Klappentexxt des Buchs haben mich sofort angesprochen. Ich habe es auch gerne gelesen, bleibe aber ein wenig ernüchtert zurück. Erzählt wird die Geschichte einer namenlosen Protagonistin, die ...

Cover und Klappentexxt des Buchs haben mich sofort angesprochen. Ich habe es auch gerne gelesen, bleibe aber ein wenig ernüchtert zurück. Erzählt wird die Geschichte einer namenlosen Protagonistin, die Anfang der 1990er Jahre kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin aufwächst. Sie lebt mit ihrer Muter (der Vater ist irgendwann in "den Westen" abgehauen) in einem Vorort, in der Nähe des sogenannten "Adlergestells", einer riesigen sechsspurigen Straße.

"Eingestreut" werden die Erfahrungen von Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft aus der Nachbarschaft, und wie sie die Geschichte Deutschlands und ihr Leben in dieser Zeit voller Umbrüche erlebt haben.
Darunter bspw. Gerda, die drei Männer und drei Kriege überlebt hat, Vanessa, die ein Turn-Ausnahmetalent war, bis sie mit 13 von ihrem Trainer schwanger wurde; Eleftheria, die aus Griechenland kam, um zu helfen und Deutschland alles von sich zu geben, aber nie etwas zurückbekommen hat; und die Mutter, die sich engagiert und kämpft, am Ende jedoch auch geschlagen geben muss.

Außerdem auf farblich abgehobenen schwarzen Seiten mit weißem Text immer wieder die Beschreibung von typischer Werbung oder "Phänomenen" der frühen 90er - Fairy Ultra, Yogurette, Krönung Light, Merci - alles sehr hochglanz, aber sehr weit entfernt vom wirklichen Leben der Menschen. Dies untermalt die Zerrissenheit, die die Menschen empfunden haben müssen, sehr gut.

Die Protagonistin wird in diesem Sommer mit ihrer besten Freundin Lenka und dem rebellischen Mädchen Chaline eingeschult. Gemeinsam schlagen sie sich in diesem Leben zwischen Röhrenfernseher, Center Shocks und Lemmingen durch, zwischen Sozialismus und Kapitalismus, verstehen nicht so ganz, was gerade in der Welt und vor allem in Deutschland passiert, aber spüren, dass sich alles wandelt. Das ist durch den Schreibstil und die stilistischen Mittel sehr gut rübergekommen.

Sprachlich und auch vom Aufbau hat mir das Buch sehr gut gefallen. Spürbar war durchweg die trostlose, irgendwie auch ausweglose Zukunft, was sich auch im Erwachsenenleben der Protagonistin nicht geändert zu haben scheint. Sie irrt ziel- und lustlos durch die Gegend, mag weder ihren Job noch die Männer, die sie dated so wirklich. Das fand ich sehr ernüchternd, sie scheint an gar nichts Spaß zu haben, überhaupt nicht zu wissen, was sie mag und ist irgendwie eine reine Mitläuferin.

Vielleicht macht gerade das das Buch so realistisch, im Rahmen der Geschichte fand ich es aber sehr schade, dass irgendwie alls Protagonist:innen, egal wie alt und woher, am Ende gescheiterte Existenzen sind, die ziellos im Leben herumirren. Lediglich die früher so unangepasste Chaline ist dem trostlosen Vorort entkommen, macht ihren Job aber auch ihne jegliche Leidenschaft für die Sache.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Warum Asa Rache nimmt

Asa
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Ich bin sehr hin- und hergerissen, wie ich das Buch bewerten würde. Insgesamt würde ich 3,5 Sterne geben.

Worum gehts?
Asa ist nach sechs Jahren aus dem Gefängnis freigekommen. Jetzt will sie sich an ...

Ich bin sehr hin- und hergerissen, wie ich das Buch bewerten würde. Insgesamt würde ich 3,5 Sterne geben.

Worum gehts?
Asa ist nach sechs Jahren aus dem Gefängnis freigekommen. Jetzt will sie sich an zahlreichen Menschen aus ihrer Vergangenheit (u. a. ihrer Familie) rächen. Doch warum war sie überhaupt im Gefängnis und an wem und warum will sie Rache nehmen?
Das wird auf knapp 700 Seiten sehr gekonnt erzählt.

Gut gefallen hat mir:
- Der Schreibstil. Zoran Drvenkar schreibt wirklich gekonnt, die Figuren haben Tiefe, die Kapitel aus unterschiedlichen Perspektiven lassen den Charakter der jeweiligen Person gut erkennen.

- Die Konzeption der Geschichte. Auf verschiedenen Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven wird immer ein Stück mehr erzählt, sodass man sich als Leser:in nach und nach das gesamte Bild zusammensetzen kann.

- Die Familienhistorie. Es wurde eine sehr gut durchdachte Familiengeschichte erzählt, die sich seit über 100 Jahren entwickelt, von Kriegen, Gewalt und Familienschicksalen geprägt war und so schlussendlich zu dem geführt hat, was Asa passiert ist.

Nicht so gut fand ich:
- Es ist meiner Meinung nach kein Thriller. Es gab ein paar spannende Momente, über weite Strecken ist die Erzählung aber eher ein Familiendrama. Es fehlte der typische "Thrill", der ein Buch so spannend macht, dass man es kaum aus der Hand legen kann. Dafür hatte es mir zu viele Längen. Die Familiengeschichte ist fraglos von sehr viel Grausamkeit, Gewalt und (falsch verstandenem) "Gemeinschaftsgefühl" und einer komischen Auffassung von Stärke geprägt, das macht es für mich aber zu keinem Thriller.

Insgesamt war das Buch an keiner Stelle langweilig und ich fand es sehr interessant, die Familiendynamiken nachzuvollziehen und zu verstehen, wie sich so eine grausame Tradition entwickeln und so lange unhinterfragt von so vielen Generationen weitergeführt werden konnte.

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Intensiver, atmosphärischer queerer Coming-of-Age-Roman

Sunburn
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Das Buch liest sich wie eine Art langanhaltender Fiebertraum, man spürt den langen, heißen Sommer wirklich auf jeder Seite.
Es geht um Lucy, die Ende der 1980er/Anfang der 90er in einem kleinen irischen ...

Das Buch liest sich wie eine Art langanhaltender Fiebertraum, man spürt den langen, heißen Sommer wirklich auf jeder Seite.
Es geht um Lucy, die Ende der 1980er/Anfang der 90er in einem kleinen irischen Dorf aufwächst. Eigentlich lebt sie ein ganz "normales" Leben, merkt aber irgendwann, dass sie sich im Gegensatz zu ihren Freundinnen überhaupt nicht für Jungs interessiert, sondern ihre beste Freundin Susannah viel anziehender findet.
Zwischen den beiden entwickelt sich eine intensive erste Liebe und alles könnte so schön sein - wären da nicht Lucys Familie, ihre Freundinnen und sowieso das ganze Dorf, die diese Beziehung niemals akzeptieren würden.
Den Schreibstil fand ich am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, irgendwann wurde ich aber richtiggehend in Lucys Gedanken und Gefühle hineingesogen und konnte das Buch gar nicht mehr weglegen. Ihre inneren Kämpfe, das was sie selbst will, was eigentlich so klar ist, was sie aber nicht wollen sollte - warum kann sie sich nicht einfach in ihren besten Freund Martin verlieben? Die heimlichen Treffen, die Leidenschaft und immer die Angst im Hinterkopf, von ihrer Familie verstoßen zu werden, wenn "das" rauskommt.
In der Mitte zog es sich stellenweise etwas und es war manchmal schwer, Lucys Gedanken zu folgen - aber die Gefühle eines Teenagermädchens sind ja auch oft sehr intensiv und widersprüchlich.
Ich hätte mir ein etwas weniger offenes Ende gewünscht, aber so bleibt Raum für die eigene Interpretation.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Zum Mut machen und inspirieren lassen

Endlich frei! Der queere Coming-out-Ratgeber
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Das Buch hat mir sehr gut gefallen und ist genau das Richtige für jede:n, der:die sich mit dem Thema Coming Out beschäftigen möchte. Sei es, um das eigene Coming Out „vorzubereiten“ oder auch, um sich ...

Das Buch hat mir sehr gut gefallen und ist genau das Richtige für jede:n, der:die sich mit dem Thema Coming Out beschäftigen möchte. Sei es, um das eigene Coming Out „vorzubereiten“ oder auch, um sich generell ein bisschen Bestärkung zu holen, wenn man diese vielleicht in der Familie nicht bekommt, und ein paar spannende Beiträge von anderen queeren Menschen zu lesen.

Am Anfang erzählt der Autor von seinem eigenen Coming Out und führt ein bisschen in wichtige Begriffe ein, die in dem Kontext wichtig sind. Danach kommt schon der Teil, den ich persönlich am schönsten fand, viele Berichte von queeren Personen unterschiedlicher Orientierungen, sei es bi, lesbisch, schwul, aromantisch/asexuell, trans*, pan, nonbinär … So viele unterschiedliche und einzigartige Geschichten, toll! Es war nicht für jede:n einfach, aber die Geschichten machen auf jeden Fall Mut.

Auch spannende Informationen über die Geschichte der queeren Bewegung und queere Rechte kommen nicht zu kurz. Aber auch praktische Tipps zu Fragen, die sich wahrscheinlich viele Menschen stellen, wenn sie bemerken, nicht hetero zu sein; zum Beispiel wie oder man überhaupt mit anderen queeren Menschen in Kontakt kommt oder was man machen kann, wenn Menschen (vor allem Familie oder Freunde) ablehnend reagieren.

Zum Schluss kommt der Teil, der für alle (noch) ungeouteten Personen wahrscheinlich am hilfreichsten ist: die Planung des eigenen Coming Outs. Der Autor stellt verschiedene Übungen bereit, um Mut zu fassen, sich zu reflektieren, Sorgen loszuwerden und Unterstützung zu finden. Außerdem konkrete Tipps für die Situation selbst.

Alles in allem ein kompaktes aber sehr hilfreiches Buch, um das Coming Out anzugehen und sich von den Geschichten anderer inspirieren zu lassen.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Etwas langatmig

Pirlo - Gefährlicher Freispruch
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Dies war mein erster Krimi des Autors. Die Unterteilung des Buches nach den 5 Phasen einer Straftat – Tatentschluss, Tatvorbereitung, Tatermöglichung, Versuch und Beendigung – fand ich eine interessante ...

Dies war mein erster Krimi des Autors. Die Unterteilung des Buches nach den 5 Phasen einer Straftat – Tatentschluss, Tatvorbereitung, Tatermöglichung, Versuch und Beendigung – fand ich eine interessante Herangehensweise. Zugegebenermaßen hatte ich anfangs Schwierigkeiten, in die Story einzutauchen, da sie sich sprachlich etwas in die Länge zog. Doch nach ca. 100 Seiten nahm die Geschichte mehr an Fahrt auf. Da ich die ersten Bände nicht gelesen habe, konnte ich nicht alle Anspielungen verstehen. Dennoch erfuhr ich, dass Pirlo unter falschem Namen arbeitet, seine Brüder gerne mal Mist bauen und er familiär in der Welt der Clans verbandelt ist, was er auch durch seinen akademischen Aufstieg und die Namensänderung nicht abschütteln kann. Eine Frau hat ihn im Zusammenhang mit dem letzten Fall verletzt, was ihn in eine Depression gestürzt hat, aus der Sophie ihm hoffentlich heraushelfen kann.

Teilweise zogen sich die Unterkapitel für meinen Geschmack etwas, vermutlich aufgrund der ausschweifenden Sätze, die ich manchmal mehrmals lesen musste.

Der Teil über die Überforderung des Staates und die ungeprüfte Ausschüttung von Geldern und Soforthilfen hat mich wirklich geärgert (im positiven Sinne, es wurde eine emotionale Verbindung zur Realität geschaffen), genauso wie die plötzliche Flut von Testzentren – weil es leider in der Realität wirklich so war.

Den Abschluss der Geschichte ist „rund“ und sinnig, wenngleich ich diese Wendung nicht besonders spannend fand.

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