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Veröffentlicht am 26.03.2026

Authentische Migrationsgeschichte

Immergrün
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Zwei Urnen. Mutter und Großmutter. Beide sollen wieder in ihre Heimat. Die Protagonistin Ruth wird nicht nur mit behördlichen Hindernissen konfrontiert ,sondern nimmt auch eine lange Reise in Kauf, während ...

Zwei Urnen. Mutter und Großmutter. Beide sollen wieder in ihre Heimat. Die Protagonistin Ruth wird nicht nur mit behördlichen Hindernissen konfrontiert ,sondern nimmt auch eine lange Reise in Kauf, während derer sie zurückblickt auf ihre eigene Biografie.

Historische Fakten vermischen sich mit einer Familiengeschichte, die Elemente von Hoffnung und Tragik bereithält. Geboren in der damaligen Sowjetunion fühlt sich Ruths Familie mit jüdischem Glauben inmitten des Kommunismus nicht mehr sicher.
Eine Ausreise ist geplant und führt zunächst nach Israel. Ruths Eltern hält es jedoch auch hier nicht lang und sie siedeln nach Westdeutschland über.

Jahre später sollte auch mit das Aufnahmelager Marienfelde in West-Berlin ein Begriff werden, als meine Eltern mit uns aus der DDR offiziell ausreisen durften. Ein bisschen fühle ich mit Ruth mit, wenn auch ich damals keine Sprachbarrieren hatte.

Ruth passt sich schnell an. Ihrer Mutter fällt es schwerer. Der Autorin gelingt es wunderbar, dass ich mich als Leserin spielend leicht in das Kind hineinversetze. Ich kann die Stimmung des Aufbruchs mit der gleichzeitigen Unsicherheit so gut spüren. Die kleine Ruth kommt mit manches Mal sehr verloren vor. Die Eltern sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass Ruth viel mit sich selbst beschäftigt ist.
Ein bisschen bestätigt es auch das Klischee, dass Kinder migrantischer Familien irgendwann das Organisatorische managen. Was für ein Zwiespalt für ein Kind - Kind sein wollen aber oft genug nicht Kind sein können.
Ruth Olshan schreibt so, als wäre ich direkt dabei. Nicht nur bloße Zuschauerin. Ich fühle mit. Bin so nah dran. Auch bei der Mutter, deren Träume in Deutschland zerplatzen. Manchmal bin ich auch wütend. Muss die kleine Ruth shon die Holocaust Serien sehen? Sich allein uns Essen kümmern. Die Schule managen. Irgendwann wird klar, die Mutter kann nicht anders.

Ich will auch gar nicht so viel vorweg nehmen, aber ich kann nur sagen, lest dieses Buch. Es ist ein Buch über Träume, über Migration, über verlorene Kindheiten. Was ich sagenhaft finde, trotz der Themen wirkt dieses Buch nie schwer, als wäre das immer auch Licht an Ende des Tunnels.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Ein kleines literarisches Kunstwerk

Wir Töchter
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Wenn man erst die Autorin trifft und sie einen auf Anhieb sooo sympathisch ist und erst danach den Roman liest, der auch noch ihr Debüt ist, dann sind die Erwartungen ziemlich hoch.

So ging es mir mit ...

Wenn man erst die Autorin trifft und sie einen auf Anhieb sooo sympathisch ist und erst danach den Roman liest, der auch noch ihr Debüt ist, dann sind die Erwartungen ziemlich hoch.

So ging es mir mit Oliwia Hälterlein, die in Rahmen einer C.H. Beck Programmvorschau ihr neues Buch bzw. ihren ersten Roman vorgestellt hat. Dass sie nicht zum ersten Mal schreibt, merkt man bereits auf den ersten Seiten. Das ist hohe Qualität (sage ich als Lesende. Nicht als Literaturexpertin).
So gar nicht sanft. Landen wir direkt in einer harten Realität als Frau. Nämliche in der, wenn gesundheitlich eben nicht alles stimmt und ein Stück des Frauseins operativ entfernt werden muss. Was tut Frau/Tochter danach? Sie fährt zu ihrer Mutter.

Und Srück für Stück lernen wir über die Mütter bzw. die Großmütter. Die Töchter kennen. Leben zwischen Anpassung und Aufbegehren, mit Aufbrüchen und Neusnfängen. Mir gefällt, dass die Frauen hier ganz viel Raum bekommen. Ich musste zwar manchmal etwas zurückblättern und mir zu vergegenwärtigen in welcher Zeit ich mich beim Lesen befinde und ich habe auch etwas gebraucht. Im in die Geschichte zu finden, aber Oliwia Hälterlein schafft es, dass ich dran bleiben will.

Spätestens ab dem Zeitpunkt des Aussiedelns aus Polen nach (West) Deutschland war ich vollkommen drin. So authentisch wird das Leben beschrieben, auch die Suche der jüngsten Tochter nach ihren eigenen Werten und dem Auseinandersetzen mit den verschiedenen Generationen fand ich so spannend zu lesen. Beim Lesen musste ich oft innehalten und mich fragen, welche transgenerationale Traumata wohl in meiner Familie noch nicht aufgearbeitet wurden. Die turbulenten Leben von Mama und Omi bieten da so einiges an Zündstoff.

Oliwia Hälterlein ist ein kluges, feministisches Buch gelungen, dass einerseits nüchtern und sachlich ist, aber dann doch auch wieder mitten ins Herz trifft. Einen großen Anteil daran, haben die lyrischen Durchbrechungen, die sich durch den Roman ziehen.
Sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Stand by me in Neufundland

Sommer auf Perigo Island
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Mit Büchern dorthin reisen, wo ich noch nie war, ist einer der Dinge, die mich am Lesen faszinieren und wenn es dann eine so rauhschöne Landschaft, wie die Neufundlands ist, verliebe ich mich sofort.

So ...

Mit Büchern dorthin reisen, wo ich noch nie war, ist einer der Dinge, die mich am Lesen faszinieren und wenn es dann eine so rauhschöne Landschaft, wie die Neufundlands ist, verliebe ich mich sofort.

So hat mich das Setting von 'Sommer auf Perigo Island' allein schon in seinen Bann gezogen. Da konnte bei diesem Jugend- oder Coming-of-Age Roman nicht mehr viel schief gehen.
Und das tat es auch nicht. Aus der Perspektive des Jungen Pierce lernen wie die Insel, die örtlichen Gegebenheiten und seine Freunde kennen. Wir lernen etwas über Kabeljauzungen und den Problemen des Fischfangs, der dem stetigen Rückgang der Bestände voraus geht.
Mich hat begeistert wie Autor Perry Chafe das Heranwachsen mit der Entwicklung der Fischerei auf der Insel verknüpft. Als Kind ist alles noch rosig und voller Hoffnung und mit der Älter werden tritt immer mehr die Realität in den Vordergrund.

Spannung wird in dem Buch erzeugt, durch das Verschwinden eines Mädchens und den Geheimnissen um einen alten Mann, der Pierce und seinen Freunden nicht ganz geheuer ist. So vereint die Geschichte vieles, Krimi, Romanze, Klimarealismus und Meeresbiologie.

Beim Lesen hatte ich sehr starke 'Stand by me' Vibes. Wer das Buch (und/oder vor allem den Film) kennt, wir vielleicht ein bisschen nostalgisch, aber wird dieses Buch mögen.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Highlight 2026

Die Riesinnen
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Die anfängliche Stimmung hätte vermuten lassen können, dass wir uns sehr weit in der Vergangenheit befinden, aber es ist 'nur' das letzte Jahrhundert. Die Sechziger. Da beginnt dieser gut beobachtete Roman, ...

Die anfängliche Stimmung hätte vermuten lassen können, dass wir uns sehr weit in der Vergangenheit befinden, aber es ist 'nur' das letzte Jahrhundert. Die Sechziger. Da beginnt dieser gut beobachtete Roman, der in dem kleinen fiktiven Ort Wittenmoos im Schwarzwald spielt.

Es ist ein generationenumspannender Roman. Der die Leben dreier Frauen beschreibt. Erst Liese, dann ihre Tochter Cora und zuletzt deren Tochter Eva. Ich fand es faszinierend, wie geschickt Hannah Häffner jedes Mal den Übergang zur nächsten Protagonistin schafft. Schleichend und zart wechseln die Perspektiven und wie selbstverständlich bewegen wir uns in den Leben der kommenden Generationen.

Drei Frauen, jede steht für eine ganz eigene Stärke, selbst in ihrem Scheitern. Und selbst wenn die Ferne ruft, ist da immer diese Heimat, die so rauh daher kommt und mit ihren Wäldern doch so viel Verbindung schafft, dass sie wie ein Magnet alle drei Frauen immer wieder zu sich zieht.

Reale Ereignisse werden mit den Biografien der Frauen verwoben. Ich habe das ein oder andere Mal gegoogelt um zu erfahren, was erfunden und was tatsächlich passiert ist.

Jede der drei Frauen in mein Herz geschlossen, habe gejubelt über Befreiungsschläge, habe geweint bei verpassten Chancen. Das Jahr startete mit solch einer tollen Neuerscheinung starten. Das kann nur ein gutes Omen für das Literaturjahr 2026 bedeuten.

Taucht ein, wenn ihr Familiengeschichten mögt, die Kanten haben und bis in die kleinsten Nebenrollen gut gezeichnet sind. Ein wunderbares Buch, dass mich umarmt.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Interessante Geschichte, die sprachlich und inhaltlich im letzten Drittel leider schwächelt

Wo das Schweigen wohnt
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Was für eine Familiengeschichte.
Alma muss den Suizid ihrer Mutter Margret verarbeiten und bekommt zudem plötzlich einen Bruder vorgesetzt.

In Rückblenden wird das Leben vieler Protagonist*innen erzählt. ...

Was für eine Familiengeschichte.
Alma muss den Suizid ihrer Mutter Margret verarbeiten und bekommt zudem plötzlich einen Bruder vorgesetzt.

In Rückblenden wird das Leben vieler Protagonist*innen erzählt. Vielleicht ein wenig zu Vieler. Beginnend in den letzten Wirren des Zweiten Weltkriegs begleiten wir Margret auf ihrer Flucht aus Ostpreußen. Das Grauen, das auch nach Ende des Krieges nicht aufhört, ist kaum auszuhalten und doch musste ich immer weiterlesen. Margrets Abschnitt hat mich auch am meisten gefesselt.
Die Perspektiven ändern sich im Laufe des Buches. Alma kommt zu Wort, aber auch ihr Halbruder Bernd, ihre Tochter Bianca und weitere Personen. Und immer wieder kehren wir in die Gegenwart zurück, stoßen auf weitere Geheimnisse bzw. nähern uns ihrer Lüftung.

Mir waren es insgesamt zu viele Themen und zu viele Personen, dadurch fehlte es mir ab und an Tiefe und ich hätte mir mehr Geschichte zu wenigen Personen gewünscht.

So dramatisch der rote Faden im Laufe des Buches ist, so seicht verlor er sich am Ende. Das Happy End kam mir schnell und zu unglaubwürdig.
Es hatte für mich den Eindruck, als müssen das Buch in den letzten Seiten schnell zu Ende geschrieben werden.
Ein Mehrteiler hätte der Geschichte vielleicht gut getan.

Historisch ist das Buch sehr gut recherchiert. Ich habe oft pausiert, um mich mehr über Geschehnisse im Buch zu informieren. Das Buch liest sich insgesamt gut, lässt aber sprachlich im letzten Drittel nach.

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