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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.04.2025

Lesenswerte und vielschichtige Literatur aus Serbien

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen
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Ich lese viele Romane über Beziehungen, in denen Gewalt, Machtgefälle und Manipulation eine Rollen spielen. Romane über toxische Beziehungen. Ich denke oft, es liegt daran, ähnlich wie bei meiner Faszination ...

Ich lese viele Romane über Beziehungen, in denen Gewalt, Machtgefälle und Manipulation eine Rollen spielen. Romane über toxische Beziehungen. Ich denke oft, es liegt daran, ähnlich wie bei meiner Faszination von (literatischem) True Crime, dass ich Bescheid wissen will und mich vorbereiten will. Weil, wenn ich nämlich Bescheid weiß, kann mir sowas nicht passieren.
(So funktioniert das natürlich nicht, wie mein rationales Ich auch weiß)

„Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen“ ist der erste Roman der serbischen Schriftstellerin Milica Vučković, der auf Deutsch erscheint und er beschreibt eine Beziehung, die einseitig von Manipulation geprägt ist.
Möglich ist diese Manipulation, weil sie in einem Umfeld stattfindet, das stark von patriarchalen Mustern durchdrungen ist und die von der Ich-Erzählerin internalisiert wurden.
Sie weiß eben nicht Bescheid. Aber würde das etwas ändern?
Die Ich-Erzählerin heißt Eva. Sie wächst in Zeleznik, einem „stinklangweiligen Kaff“ in Serbien, nahe Belgrad auf. Sehr jung bekommt sie ein Wunschkind mit ihrem Freund, der sich allerdings nach der unausweichlichen Trennung nicht mehr für seinen Sohn interessiert.
Nüchtern erzählt Eva, wie sie wieder in ihr altes Kinderzimmer zu ihren Eltern ziehen muss. Auch beruflich gibt es wenig Raum für Träume, es muss Geld verdient werden.
Das Leben hält wenig Optionen für die Erzählerin bereit.
Bis sie Viktor kennen lernt. Ihre große Liebe. Ein toller Typ, ein Macher.
Dass Viktor unhöflich und egoistisch ist, merkt Eva zwar schnell, aber wenn sie sein Verhalten kritisiert, reagiert er unangenehm und mit Schuldzuweisungen.

“Vielleicht, dachte ich, war das Böse wirklich in mir. Es tut mir leid, sagte ich.”

Mehrmals steht sie kurz vor der Trennung, aber sie selbst und ihr Umfeld spiegeln ihr, dass sie eigentlich froh sein kann, dass sich ein Mann wie Viktor überhaupt mit ihr abgibt. Schließlich hat sie schon ein Kind von einem anderen. Soviel zu den patriarchalen Glaubenssätzen.
Ich finde Vučković hat ihre Erzählerin sehr authentisch angelegt. Ihre Erzählstimme macht die Gedankengänge und die Lebensrealtät nachvollziehbar, die sie immer wieder zu Viktor zurückbringt.
Später zieht das Paar auf Grund der besseren Verdienstmöglichkeiten nach Stuttgart. Doch der berufliche Druck lässt Viktor noch unberechenbarer agieren. Es gefällt mir sehr gut, wie Vučković die Situation der Arbeitskräfte aus dem Balkan thematisiert. Auch Herkunft und Klasse sind Faktoren, die Evas Lebensweg und Entscheidungen immer wieder beeinflussen.
Dabei liefert Vučković nie nur einfache Erklärungen. Wie viel Handlungsmacht und Verantwortung bei ihrer Erzählerin liegt, überlässt sie meinem eigenem Nachdenken und meiner Bewertung.
Das macht den Roman sehr vielschichtig und vielleicht auch ambivalent, auf jeden Fall aber lesenswert!
Für mich lag die Besonderheit ganz klar in der eigenen Erzählstimme von Eva, die mich mitgenommen hat und der ich so oft ein größeres Selbstvertrauen gewünscht hätte.
Auch den Schluss fand ich überraschend und besonders und auch (leider) realistisch.

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Fulminanter Roman mit Ausrufezeichen!

Märtyrer!
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Ein Ausrufezeichen im Titel? Fragezeichen?
Würde sagen, dass ist hier gerechtfertigt! Ausrufezeichen.

Denn der Debütroman des iranisch-amerikanischen Autors Kaveh Akbar dreht ordentlich auf, sowohl inhaltlich ...

Ein Ausrufezeichen im Titel? Fragezeichen?
Würde sagen, dass ist hier gerechtfertigt! Ausrufezeichen.

Denn der Debütroman des iranisch-amerikanischen Autors Kaveh Akbar dreht ordentlich auf, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Akbar hat keine Angst vor einem polarisierenden Titel und einer literarischen Stil Compilation, die so bunt und wild gemischt ist, dass sie mich als Leserin verwirrt und fast hinter sich lässt.
Aber wie beim Achterbahn fahren kann es auch jede Menge Spaß machen, wenn ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Die Eltern des Protagonisten Cyrus, Ali und Roya, sind mit ihm Ende der 80er aus dem iranischen Teheran in die USA ausgewandert, weil es dort Arbeit auf einer Geflügelfarm in Indiana gibt. Cyrus ist auch noch ein Baby, als ein Kriegsschiff der US Navy ein iranisches Passagierflugzeug mit seiner Mutter an Bord über dem Persischen Golf abschießt. Ein Ereignis, das einen wahren historischen Hintergrund hat. Ein Versehen heißt es.
Deswegen wächst Cyrus alleine mit seinem trauernden Vater Ali auf. Der arbeitet hart um seinem Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Living the american Dream vs. He works hard for the Money. In einem sehr empfehlenswerten und ausführlichen Artikel im SPON heißt es, dass ebenfalls in Teheran geborene Akbar auch einige autofiktionale Elemente in seinen Roman mit einfließen lassen hat.
Auf der Erzählebene der Gegenwart ist Cyrus längst erwachsen, sein Vater ist tot und er hat die wilde und exzessive Alkohol-und Drogenkarriere seiner 20er hinter sich gelassen.

„Cyrus wollte nur, was vermutlich jeder wollte - sich die ganze Zeit gut fühlen.“

Dabei hat er es ordentlich krachen lassen, ist aber mittlerweile clean und hat andere Interessen. Ihn faszinieren Märtyrer und er will ein Buch darüber schreiben.

“Cyrus spürte eine Bereitschaft, einer von ihnen zu werden, sich in die ehrenhafte Totenschar einzureihen. Er fühlte sich sogar bereit, dieses Ziel durch eigenes Zutun zu erreichen. Die meiste Zeit jedenfalls. Mal war er bereit, dann wieder nicht.“

Klingt ziemlich gefährlich? Eine Weile denke ich, der Roman bewegt sich in diese Richtung, und sicher ist die potentielle Motivation zum Märtyrertum eines der vielen Themen in Akbars Roman.
Aber eine solche Monochromie wird diesem Mosaik an Gedankensträngen nicht gerecht.
Für mich sind die Kernszenen des Romans die Begegnungen zwischen Cyrus und Orkideh im Brooklyn Museum. Orkideh ist eine ebenfalls in den USA lebende iranische Performance Künstlerin, die letal an Krebs erkrankt ist und ihre letzten Tage für ihr letztes Kunstprojekt „Death-Speak“ im Museum verbringt.
Dabei können Besucher
innen mit ihr ins Gespräch kommen und ihr Fragen über das Sterben stellen.
Cyrus, getrieben von der Vorstellung den Tod mit Bedeutung zu befrachten und von seinem Märtyrer Buch, besucht die sterbende Künstlerin. Beide spüren sofort eine Verbindung.

Neben dieser Handlungslinie streut Akbar immer wieder Rückblicke und Erzähleinheiten aus anderer Perspektive ein. Cyrus Onkel und seine Mutter kommen zu Wort aber auch sein bester Freund und Love Interest Zee.
Ergänzt wird das ganze durch wilde Traumszenen, Militärberichte zu dem Flugzeugabsturz und Auszüge aus Cyrus Märtyrerbuch.

Und dann kommt gegen Ende auch noch ein Twist, den ich trotz der im Nachhinein offensichtlichen Andeutungen nicht habe kommen sehen und der mich ziemlich überrascht. So ein selten gewordenes Überraschungsmoment freut mich als erfahrene Leserin immer ungemein.
Okay, Akbar schafft es dann meiner Meinung nach nicht mehr die Konsequenzen dieser Offenbarung ausreichend tiefgründig abzuarbeiten, aber das fällt bei dem komplett überzogenen Ende im Stil eines Comic Reliefs nicht mehr weiter ins Gewicht.

„Märtyrer!“ Ausrufezeichen, ist wirklich der fulminante Roman, als der er in den USA bereits gefeiert wird und als der auch bei uns beworben wird. Ein persönliches Highlight war er trotz aller Aufregung für mich aber nicht, dafür waren mir die Themen zu breit aufgefächert und insgesamt emotional für mich persönlich zu wenig relatable.

Ich möchte mit einem Zitat aus den letzten Szenen mit Cyrus enden, und lasse es genauso wie Akbar offen, ob sie vielleicht nicht doch zynisch gemeint sein könnten.

„Liebe war ein Raum, der entstand, sobald man ihn betrat. Das begriff Cyrus jetzt, und er betrat ihm.“

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Gesellschaftskritischer und rauschhafter Berlinroman

Good Girl
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„Ein Skandal: Die neue deutschsprachige Gegenwartsliteratur kommt aus Amerika“. So wurde der Debütroman von Aria Aber in der Verlagsvorschau beworben. Über die passende Verwendung des Begriffs „Skandal“ ...

„Ein Skandal: Die neue deutschsprachige Gegenwartsliteratur kommt aus Amerika“. So wurde der Debütroman von Aria Aber in der Verlagsvorschau beworben. Über die passende Verwendung des Begriffs „Skandal“ lässt sich sicherlich streiten. Gemeint ist in diesem Fall, dass die Autorin Aria Aber in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und jetzt in den USA lebt und dort veröffentlicht.
So wurde ihr Roman „Good Girl“ auch bereits auf Englisch in den USA veröffentlicht und steht mittlerweile auf der Longlist des Women‘s Prize for Fiction 2025.

Auch mir gefiel der als „ekstatisch wummerndes Loblied auf die verlorenen Intimitäten der Jugend“ bezeichnete Roman eigentlich gut, möchte aber hier gleich einwenden, dass das auch sehr an meinen speziellen Leseinteressen liegt.
Sicherlich ist ein „Strudel von Sex, Drogen, Gewalt“, der auf 400 Seiten breit ausgewalzt wird, wirklich nicht für alle Leserinnen ein Vergnügen.

Der Schauplatz des Romans ist Berlin, genauer gesagt das wilde Nachtleben von Berlin. Hier versucht die junge Ich-Erzählerin Nila ihre Probleme zu vergessen und irgendwie ohne Orientierung weiter zu existieren.

„Ich war auf so viel Speed, dass die Bahnfahrt mich zunehmend paranoid machte, also versteckte ich mich hinter meiner Sonnenbrille, aber unter der Angst glühte die Wut wie ein uraltes Stück Kohle, das von der Grausamkeit meines Schicksals entfacht wurde.“

Ihren Freund
innen und Neubekanntschaften antwortet Nila „Griechenland“, wenn sie gefragt wird „woher sie wirklich kommt“. Dabei sind Nilas Eltern aus Afghanistan. Sie lebt nach dem Tod ihrer Mutter gemeinsam mit ihrem Vater in einer kleinen Wohnung.
Ihre Herkunft und Familie ist für Nila ein großer Quell der Scham und das Stigmas. Rassismus, Klassengesellschaft und Identität sind große Themen in Abers durchaus sehr gesellschaftskritischen Roman.

Einen großen Raum nimmt allerdings die Beziehung zwischen der Erzählerin und einem semiprominenten, amerikanischen Schriftsteller namens Marlow, den ich ich als abgehalftert beschreiben würde, ein. Die beiden lernen sich gleich auf den ersten Seiten des Romans kennen und beginnen eine …Beziehung.
Natürlich leuchten hier gleich mehrere red flags und fordern beim Lesen meine Geduld heraus.
Und das ist tatsächlich einer meiner Kritikpunkte. Denn für die eigentlich offensichtliche Erkenntnis, dass ein abgehalfterter Loser einer jungen Frau auf der Suche nach Orientierung keinen Halt bieten kann, hätte ich wesentlich weniger Leseseiten gebraucht. But well …der Weg ist das Ziel und in diesem Fall ist es eben Nilas Weg und Entwicklung.

Es ist weniger die Beschreibung einer dysfunktionalen Beziehung, die mir an Abers Roman gefällt, als vielmehr das Porträt dieser jungen Frau, die stark mit ihrer Identität und Familiengeschichte kämpft und gleichzeitig die Trauer um ihre Mutter bewältigen muss. Gerade gegen Ende bekommt Nilas Geschichte und somit der Roman eine deutliche politische und kritische Komponente, die mir sehr gut gefällt. Und definitiv sind auch die Beschreibungen des wilden und exzessiven Nachtlebens in meinen ziemlich langweiligen Leben immer einen gern gelesene und spicy Zutat.

Ich würde „Good Girl“ nicht als einen Roman sehen, der allen Leser*innen gefällt und auch nicht unbedingt als Must-Read.
Ich hatte aber auf keinen Fall eine verschwendete Lesezeit und vielleicht lohnt sich auf für dich ein Blick.

„Jede Familie hat einen Fluch, und der Fluch meiner Familie bin ich.«“

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Kein Wohlfühlroman für mich

Für Polina
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Der neue Roman von Takis Würger „Für Polina“ wird vermutlich DER neue Dauerbrenner, der die nächsten Wochen unsere Feeds beherrscht.

Ich würde mal sagen, es besteht kein Zweifel daran, dass „Für Polina“ ...

Der neue Roman von Takis Würger „Für Polina“ wird vermutlich DER neue Dauerbrenner, der die nächsten Wochen unsere Feeds beherrscht.

Ich würde mal sagen, es besteht kein Zweifel daran, dass „Für Polina“ ein sehr guter Roman ist, der Feuilleton und Leser*innen gleichermaßen gefallen wird.
Auch ich hatte zweifellos mit dem neuesten Roman des Leipziger Schriftstellers Takis Würger eine gute Lesezeit, trotzdem hat mich das Buch nicht zufrieden gemacht.
Es sind zum größten Teil meine eigenen, verdrehten Empfindungen, die mich den Roman mit kritischen Augen betrachten lassen.

Dabei macht Würger wirklich alles richtig. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Klavierwunderkindes Hannes Prager erzählt, der mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer alten Villa bei einem väterlichen Freund aufwächst. Zu dem Trio stößt dann die titelgebende Polina mit ihrer ebenfalls alleinerziehenden Mutter.
Der jungen Hannes und die junge Polina verbringen viel Zeit miteinander, haben eine gute Kindheit und Jungend in der Villa am Moor, die allerdings abrupt endet, als Hannes Mutter viel zu früh und unerwartet stirbt.
Die kleine Wahlfamilie wird auseinandergerissen und Hannes und Polina verlieren sich aus den Augen.
Habe ich schon erwähnt, dass Polina für Hannes die große Liebe ist? Natürlich, weil ihre Haare nach Pfirsich duften, was sogar an zwei Stellen erwähnt wird.

Okay, und schon werde ich zynisch.
Sorry, aber wenn der Duft von Mädchenhaar nach Kaugummi, Erdbeeren oder Whatever erwähnt wird, bin ich sofort raus. Gefühlt gelesen in JEDEM male Coming-of-age Roman.

Leider neigt Würger des Öfteren zu Formulierungen, die ich eigentlich anderen Genres zuordnen würden

“An ihr Gesicht, in dem von allem ein wenig zu viel zu sein schien - die Lippen zu voll, die Augen zu groß, die Wangenknochen zu stark, die Augenbrauen zu dicht - und das zusammengenommen trotzdem einfach perfekt war.”

Oh Boy….

Würger, der mit „Für Polina“ bereits seinen 5. Roman veröffentlich versteht auf jeden Fall sein Handwerk. Er arbeitet Hannes Geschichte und Lebensweg mit vielen Details und wiederkehrenden Motiven perfekt aus, das macht beim Lesen natürlich große Freude. Auch die Nebenfiguren sind mit viel Charakter und und Individualität liebevoll bis ins letzte ausgefeilt.
Aber mir persönlich ist das alles viel zu smooth, zu cozy und zu eindimensional. Es gibt keine Abgründe, keine dunklen Ecken, alles ist mir viel zu hell ausgeleuchtet und es duftet alles viel zu heimelig nach Pflaumen und Zimttee.
Den Schluss des Romans finde ich zwar wirklich sehr gelungen, aber auch hier erkenne ich Würgers Absicht zu deutlich, um mich nicht offensichtlich manipuliert zu fühlen.

Aber wenn du nach einem runden Roman mit sympathischen Figuren und einer Liebesgeschichte suchst, ist der neue Takis Würger auf jeden Fall ein Buch für dich.

„Für Polina“ fällt für mich eindeutig in die Kategorie Wohlfühlroman, und als solchen kann ich ihn dir wirklich sehr empfehlen.,
Um mich persönlich jetzt aber mit dem Roman wirklich wohlzufühlen, haben mich einfach die Kritikpunkte zu sehr gestört.

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Aufregender und sehr empfehlenswerter Debütroman

Familienkörper
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“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den ...

“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den Füßen und im Gewebe.”

Die Mutter des erzählenden Ichs in dem Roman „Familienkörper“ ist chronisch krank. Und nicht nur die Mutter. Auch die Großmutter und die beiden Schwestern haben immer wieder verschiedene Beschwerden, Krankheiten und Allergien.

Nur die Ich-Erzählerin wächst gesund auf. In „Familienkörper“ spürt die österreichische Autorin Michèle Yves Pauty der Geschichte einer Familie nach, deren Frauen in drei Generationen von Medical Gaslighting betroffen sind.
Immer wieder wird ihnen von Ärtzen nicht richtig zugehört, sei werden nicht ernstgenommen, ihre Symptome und Beschwerden werden auf psychosomatische Ursachen reduziert.
Teilweise mit fatalen gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen.

Yves Pauty versucht Worte zu finden und zu verschriftlichen, welche Zusammenhänge zwischen Sexismus und Misogynie und dem Umgang mit Frauen in der Medizin bestehen und welchen konkreten Auswirkungen das in ihrem Leben haben kann.
Auch Herkunft, Klasse und Bildung sind Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen und wie sie sich im Gesundheitssystem positionieren können.

Dabei ist „Familienkörper“ kein Sachbuch sondern ein Roman, der stark autofiktional wirkt, aber gleichzeitig mit dieser Vorstellung bricht. Die Lebenswege von Großmutter, Mutter und Schwestern der Ich-Erzählerin sind gleichzeitig individuell und auch typisch für die Generation, der sie angehören.

„Ich schreibe die Verletzung aus unserem Familienkörper. Nehme den Schmerz und wandle ihn zu Wörtern, die außerhalb von uns stehen, die zu vielen werden."

Schwierige Schwangerschaften und Geburten, Beckenbbodenprobleme, Autoimmunerkrankungen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Endometriose, Essstörungen…
Die Liste könnte hier noch weiter fortgesetzt werden.

Nur ganz allmählich und viel zu spät und zu langsam erkennt die Medizin an, dass
Frauenkörper im Laufe ihres Lebens nicht nur besonderen gesundheitlichen Herausforderungen ausgesetzt sind, sondern dass sie auch andere Symptome als Männerköper auf die gleichen Krankheiten zeigen können.
Genauso wie in vielen anderen Bereichen gilt auch in der Medizin der Mann als Standard und die Frau als Abweichung.

Medical Gaslighting ist ein Thema, das mich (leider) seit Jahrzehnten begleitet, das mir sehr bewusst ist und das mich sehr aufregt. Und wie ich aus dem Austausch mit Freundinnen und lieben Bookies weiß, vielleicht auch dich.

“Wo sind die Tränen, der Schmerz, die Wut, die Enttäuschung, das Blut und die Worte dafür?”

Ich lese die Worte dafür in „Familienkörper“ und ich fühle mich ein bißchen getröstet, dass Yves Pauty es versucht und diese Worte gefunden hat.
Und gleichzeitig hat mich der Roman auch aufgeregt und traurig und wütend gemacht angesichts der Geschichten des „Familienkörpers“, die so auch in meiner Familie hätten passieren können, die so passiert sind und die so immer noch passieren.

Für mich war das ein sehr starker Roman, der es mir zwar anfangs mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven und mit der nur grob chronologischen Erzählweise schwer gemacht hat, mich aber später umso stärker emotional abgeholt hat.

Keine Frage, falls du dich für das Thema interessierst, ist „Familienkörper“ eine große Empfehlung für dich.

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