Über das Geflecht einer Familie, drei Generationen von Frauen, Medical Gaslighting und Gender Medizin
Die Geschichte einer Abgrenzung, eines ZueinanderfindensDas warme Abendlicht füllt den Raum, die Ich-Figur spielt mit den Plastikpferden im Gang. Die Mutter liegt im Fernsehstuhl, bewegt sich nicht, die Füße hochgelagert, antwortet nicht. Also zum Haustelefon, Nummer erinnern, mit der Drehscheibe wählen. Dabei zusehen, wie sich die Lifttüren mit den Sanitätern und der Mutter auf der Pritsche schließen. – Es wird nur eine Erinnerung von vielen sein.
Ein gesunder Körper in einem krankenDas Ich wächst im Tirol der 80er-Jahre auf, zwischen schneebedeckten Bergspitzen und dem schlammgrünen Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt, lebt im Olympischen Dorf. Wächst als gesunder Körper zwischen kranken auf. Großmutter, Mutter, Schwestern – Krankheit trifft alle. Nieren, Schilddrüse, Allergien, Erschöpfung, jede Geburt eine Opfergabe, Gebärmutterentfernung beinahe Tradition. Die Ärzt*innen reagieren nicht, wiegeln ab. Um sich selbst zu schützen, entfremdet die Ich-Figur sich immer mehr. Und beginnt dann doch, alles zusammenzusetzen, verwebt einen Familienkörper.
Ein sanftes Debüt mit erzählerischer WuchtMichèle Yves Pauty erzählt die Geschichte mehrerer Frauenleben, erzählt von den Zusammenhängen zwischen Geschlecht, Herkunft, Klasse, Bildung und Gesundheit; ein großer, ein traurig-schöner Roman.
Das Cover des Buches finde ich sehr ansprechend gestaltet, die genutzte Reduzierung passt perfekt zum Buch, die Hintergrundfarbe wirkt harmonisch. Ich durfte das Buch mit einem Farbschnitt lesen, der einfarbige ...
Das Cover des Buches finde ich sehr ansprechend gestaltet, die genutzte Reduzierung passt perfekt zum Buch, die Hintergrundfarbe wirkt harmonisch. Ich durfte das Buch mit einem Farbschnitt lesen, der einfarbige Farbschnitt ist sehr auffällig und gefällt mir gut. Die Haptik des Hardcover Buches finde ich sehr hochwertig.
Der Roman wird in der "Ich-Perspektive" erzählt, drei Generationen von Frauen, durch Krankheit, Geburten und Medical Gaslightin gezeichnet. Das Familiengeflecht wird zum zentralen Punkt in der Geschichte. Wie kann man sich als Frau auch in der Medizinwelt führen? Gibt es Möglichkeiten? Die Autorin Michèle Yves Pauty hat ein emotionales und einfühlsames Werk geschaffen, mich hat es oft zum Nachdenken angeregt. Der Schreibstil war wundervoll und ich habe neue Eindrücke in verschiedene Themen erhalten. Ein wirklich tolles Buch, ich empfehle es auf jeden Fall weiter.
“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den ...
“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den Füßen und im Gewebe.”
Die Mutter des erzählenden Ichs in dem Roman „Familienkörper“ ist chronisch krank. Und nicht nur die Mutter. Auch die Großmutter und die beiden Schwestern haben immer wieder verschiedene Beschwerden, Krankheiten und Allergien.
Nur die Ich-Erzählerin wächst gesund auf. In „Familienkörper“ spürt die österreichische Autorin Michèle Yves Pauty der Geschichte einer Familie nach, deren Frauen in drei Generationen von Medical Gaslighting betroffen sind.
Immer wieder wird ihnen von Ärtzen nicht richtig zugehört, sei werden nicht ernstgenommen, ihre Symptome und Beschwerden werden auf psychosomatische Ursachen reduziert.
Teilweise mit fatalen gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen.
Yves Pauty versucht Worte zu finden und zu verschriftlichen, welche Zusammenhänge zwischen Sexismus und Misogynie und dem Umgang mit Frauen in der Medizin bestehen und welchen konkreten Auswirkungen das in ihrem Leben haben kann.
Auch Herkunft, Klasse und Bildung sind Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen und wie sie sich im Gesundheitssystem positionieren können.
Dabei ist „Familienkörper“ kein Sachbuch sondern ein Roman, der stark autofiktional wirkt, aber gleichzeitig mit dieser Vorstellung bricht. Die Lebenswege von Großmutter, Mutter und Schwestern der Ich-Erzählerin sind gleichzeitig individuell und auch typisch für die Generation, der sie angehören.
„Ich schreibe die Verletzung aus unserem Familienkörper. Nehme den Schmerz und wandle ihn zu Wörtern, die außerhalb von uns stehen, die zu vielen werden."
Schwierige Schwangerschaften und Geburten, Beckenbbodenprobleme, Autoimmunerkrankungen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Endometriose, Essstörungen…
Die Liste könnte hier noch weiter fortgesetzt werden.
Nur ganz allmählich und viel zu spät und zu langsam erkennt die Medizin an, dass
Frauenkörper im Laufe ihres Lebens nicht nur besonderen gesundheitlichen Herausforderungen ausgesetzt sind, sondern dass sie auch andere Symptome als Männerköper auf die gleichen Krankheiten zeigen können.
Genauso wie in vielen anderen Bereichen gilt auch in der Medizin der Mann als Standard und die Frau als Abweichung.
Medical Gaslighting ist ein Thema, das mich (leider) seit Jahrzehnten begleitet, das mir sehr bewusst ist und das mich sehr aufregt. Und wie ich aus dem Austausch mit Freundinnen und lieben Bookies weiß, vielleicht auch dich.
“Wo sind die Tränen, der Schmerz, die Wut, die Enttäuschung, das Blut und die Worte dafür?”
Ich lese die Worte dafür in „Familienkörper“ und ich fühle mich ein bißchen getröstet, dass Yves Pauty es versucht und diese Worte gefunden hat.
Und gleichzeitig hat mich der Roman auch aufgeregt und traurig und wütend gemacht angesichts der Geschichten des „Familienkörpers“, die so auch in meiner Familie hätten passieren können, die so passiert sind und die so immer noch passieren.
Für mich war das ein sehr starker Roman, der es mir zwar anfangs mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven und mit der nur grob chronologischen Erzählweise schwer gemacht hat, mich aber später umso stärker emotional abgeholt hat.
Keine Frage, falls du dich für das Thema interessierst, ist „Familienkörper“ eine große Empfehlung für dich.
Familienkörper von Michèle Yves Pauty ist ein Familienroman mit Schwerpunkt Krankheitsgeschichte, die sich durch die Familie zieht. Auch bei der Mutter, der Erzählerin, die zu Beginn des Romans noch ein ...
Familienkörper von Michèle Yves Pauty ist ein Familienroman mit Schwerpunkt Krankheitsgeschichte, die sich durch die Familie zieht. Auch bei der Mutter, der Erzählerin, die zu Beginn des Romans noch ein kleines Kind war. Es wird über viele Jahre erzählt, bis sie Teenager und Erwachsene ist.
Es beginnt Anfang der Achtziger Jahre. Der Unfall bei Tschernobyl erschüttert alle. Weitere geschichtliche Ereignisse werden immer mal wieder eingeflochten.
Die Krankheiten bestimmen das Leben in der Familie mit, auch die junge Protagonistin wird nicht verschont. Sie berichtet vom Medical Gaslightning, wenn die Ärzte nicht an die Krankheiten ihrer Patienten glauben, nur weil sie nicht auf Anhieb eine Diagnose haben.
Das Krankheitsthema ist interessant, aber vielleicht ein wenig zu viel. Manche Leser könnten sich davon getriggert fühlen. Dem Gegenüber steht die große Sensibilität der Autorin.
In Familienkörper teilt die namenlose Ich-Erzählerin ihr Erleben und die Vergangenheit, das Aufwachsen im ländlichen und kleinstädtischen Österreich als Frau aus dem Arbeitermilieu, in einer Familie mit ...
In Familienkörper teilt die namenlose Ich-Erzählerin ihr Erleben und die Vergangenheit, das Aufwachsen im ländlichen und kleinstädtischen Österreich als Frau aus dem Arbeitermilieu, in einer Familie mit einer Historie chronischer Erkrankungen bei den weiblichen Mitgliedern. Die Erzählerin hat zwei wesentlich ältere Schwestern, die einen anderen Vater haben. Der Familienverbund ist primär durch ihre Mutter, den Vater und sie als temporäre Kleinfamilie geprägt. Stück für Stück in einzelnen Fragmenten ergibt sich mit Betrachtungen und Stimmen von Mutter und Schwestern ein Bild weiblichen Erlebens von Krankheit, Schmerz, Medical Gaslighting, Diskriminierung von Frauen im Gesundheitssystems und Bagatellisierung ihrer Beschwerden.
Leider plätschert die Erzählung gerade in der ersten Hälfte etwas vor sich hin, das einende Moment, die Erlebnisse als Frau, wurde für mich zu hintergründig und wenig pointiert erzählt. Die zweite Hälfte ist hingegen aus meiner Sicht deutlich stärker und konturierter. Hier setzen sich die Puzzleteile langsam zusammen. Die Bürden eine Frau zu sein in einer Gesellschaft und einem Gesundheitssystem, das diese noch immer strukturell benachteiligt, werden in ihrer Kontinuität über drei Generationen deutlich erkennbar.
So ergibt sich insgesamt ein durchwachsenes Bild mit deutlich positiver Tendenz für mich. Ich würde mir noch viel mehr Bücher über weibliches Erleben wünschen und das ist etwas, das das Buch gemeinsam mit dem stärkeren zweiten Teil für mich auszeichnet. Familienkörper war für mich in Stil und Struktur kein leicht zugängliches, aber ein wichtiges Buch!
Wir Frauen kennen es vermutlich alle. Wir gehen zum Arzt und bekommen keine Diagnose. Weniger Stress, mehr trinken und vielleicht ne Stunde mehr Schlaf. Dann ...
Wichtiges Thema rund um Frauen in der Medizin
Wir Frauen kennen es vermutlich alle. Wir gehen zum Arzt und bekommen keine Diagnose. Weniger Stress, mehr trinken und vielleicht ne Stunde mehr Schlaf. Dann wird das schon.
Doch das ist es eben nicht. Und damit und mit einer Familiengeschichte beschäftigt sich die Autorin. Sie bekommt mit, dass die Mutter ins Krankenhaus muss. Doch nicht nur sie - irgendwie haben alle etwas. Ein Familienkörper, der nicht heilen kann.
Der Titel passt perfekt. Eine Symbiose aus der beiden zentralen Themen. Es geht um Nähe zueinander und um Abgrenzung. Um Gesundheit, Krankheit und der Umgang damit. Innerhalb der Familie und in der Gesellschaft.
Was für mich jedoch etwas schwierig war, war der Schreibstil an sich. Ich habe länger gebraucht, um in das Buch und die Handlung zu kommen. Es sind verschiedene Erzählungen in Absätzen aneinandergereiht und oft wusste ich nicht genau an welcher Stelle der Geschichte wir gerade sind. Gerade bei so einem wichtigen Thema hätte ich mir gewünscht, dass es etwas mehr für die “breite Masse” geschrieben ist.
Denn grundsätzlich fand ich es super. Die Auseinandersetzung und das Durchleuchten der Situationen fand ich toll. Aber eben auf seine ganz eigene Art und Weise. Denn es ist kein klassisch erzählter Roman. Es ist eine Mischung aus Momenten, Gedanken, Szenen.
Wenn man sich darauf einlassen kann, dann hat man ein Buch in der Hand, das man nicht mehr loslassen möchte. Aber es ist eben auch kein Buch für zwischendurch. Es benötigt Zeit und Raum.