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Veröffentlicht am 18.07.2025

Eine Hymne der Transgender-Literatur

Stag Dance
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Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. ...

Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. Er denkt, sie wäre so ein Austie-Boy, weil er nicht weiß, dass sie schon vor der Seuche Östrogen gespritzt hat und trans war. Das Östrogen kommt vom Schwarzmarkt, weil das aus offiziellen Quellen streng rationiert ist und nur noch an Frauen mit aussichtsreicher Fruchtbarkeit geht. Keith zapft es seinen genmanipulierten Schweinen ab, die jetzt mehr Hormone produzieren, die mit denen der Menschen bioidentisch sind. Sie bezahlt Kieth dafür, dass er ihr die Schweinezucht zeigt, aber eigentlich will sie ihm nur ein paar Ferkel klauen, um mit Lexi eine eigene Zucht aufzuziehen.

Seattle, am Tag des Ausbruchs

Lexi zeigt ihr ihre neuen Tätowierungen. Über einem Schiffstattoo zeigt sie auf ein absolut schlichtes t4t. Es soll bedeuten, Trans Frau liebt trans Frau. Lexi ist mittlerweile die selbst ernannte Expertin der Trans-Frauen-Szene von Seattle und glaubt, dass in naher Zukunft alle Menschen trans sein werden. Sie lebt mit ihren Mitbewohnerinnen in einem verfallenen viktorianischen Haus und kann es sich nur leisten, weil der Onkel eines der Mädels es ihr günstig vermietet. Und als Wiedergutmachung dafür, dass Lexi von der Nächstenliebe eines Cis Kerls profitiert, lässt sie andere trans Frauen ohne Schlafplatz auf den Sofas im unteren Stock übernachten.

Lexi und sie sind total unterschiedlich und doch sowas wie best Bitches geworden. Sie skypt abends heimlich mit irgendwelchen Typen, hat ausgeklügelten Telefonsex für den Selbstwert und Lexi sammelt Knarren gegen die Ohnmacht und ihren stillen Kummer. Und dann infiziert Lexi sie mit voller Absicht mit einem GnRH Impfstoff, der die Bildung der Sexualhormone hemmt.

Fazit: Torrey Peters (Detransition Baby, Women´s Price for Fiction Nominierung 2021) hat in vier Geschichten bravourös gezeigt, wie leidvoll die sexuelle Orientierung sein kann. in der ersten Story spielt sie mit dem Gedanken an eine Welt voller geschlechtsloser Menschen, die sich ihr Geschlecht aussuchen müssen. Eine Seuche lässt das Immunsystem Antikörper bilden, die die eigenen Sexualhormone zerstören, so, dass sie von außen zugeführt werden müssen. Die zweite Story zeigt die Suche nach der sexuellen Orientierung in der Jugend an zwei Jungs, die sich im Internat sehr nah kommen. In der Story Stag Dance lese ich von illegalen Holzfällern, echten brachialen Kerlen, die sich während einer Party von ihrer Einsamkeit ablenken wollen und am Ende brutal eskalieren. Die Autorin schreibt über die Suche nach Geschlechtsidentität, Ausgrenzung, Homophobie, Bedürfnisse und das Für und Wider von Outings. Vermutlich verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem fragilen Weg von Mann- zu Frauwerdung. Was mir an diesem Buch so unglaublich gut gefällt, ist die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit der queeren Szene, die oft romantisiert wird. Neid, Missgunst, Eifersucht und Manipulation sind gesellschaftskonform und unabhängig von der sexuellen Orientierung. Mit großem Feingefühl hat die Autorin die Schattenseiten der Selbstfindung herausgearbeitet. Wer sich nach diesem Buch immer noch fragt, warum wir eine geschlechterneutrale Sprache brauchen, um jeden Mitbürgerin sichtbar zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Sprache ist großartig mehrgleisig: brutal, feminin, humorvoll und tragisch, das Buch eine Hymne. Für alle, die offen und mutig genug sind, einen Blick in die trans* Szene zu werfen.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Das war mal eine ganz andere Lesart

Im Leben nebenan
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Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille ...

Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille an ihren Schenkeln, Spritzer roten klumpigen Blutes in der Keramik. Elf Wochen, länger konnte sie es diesmal nicht halten.

Auf Antonias Bauch liegt ein winziges Kind. Sie ist sicher, dass sie gleich aufwachen wird. Doch dann schreit das Baby und sie ist wach. Alles ist fremd, ihr Unterleib schmerzt wie nie zuvor. Sie zwingt sich vom Sofa aufzustehen, weiß nicht wohin mit dem Säugling, findet einen Maxi-Cosi, legt ihn hinein. Ihr Blick fällt auf die Bilderrahmen. Darauf Antonia in einem Brautkleid, neben ihr ein Mann. In ihm erkennt sie ihre erste große Jugendliebe. Sie hatte sich damals getrennt, weil sie aus dem Kaff rauswollte und er nur so tat, als wolle er auch weg.

Toni liegt schon länger wach im Bett. In der Wohnung über ihr Stöhnen, ein quietschender Lattenrost. Nebenan beißt sich ein Mahlwerk durch die Kaffeebohnen. Gegenüber Kindergeschrei, die Wohnungstür knallt zu, Schuhklappern auf Holzstufen. Sie dreht sich zu Jakob und schmiegt ihr Gesicht in seinen Nacken. Sie hatte Jakob nach Adam kennengelernt. Mit Adam hätte sie sich alles vorstellen können, das volle Programm, aber dann hatte sie in der Stadt erst mal eine Weile das Alleinsein geübt. Jakob traf sie zum richtigen Zeitpunkt an seinem Merchendising-Stand. Er konnte sich Kinder vorstellen und dann konnte Toni das auch. Ihre Gynäkologin empfahl ihr zuerst einmal Folsäure und zyklusoptimierten Beischlaf. Zuerst lachten sie noch, dann gaben sie sich Mühe und scheiterten. Mühe und Scheitern. Mühe und Scheitern.

Fazit: Anne Sauer hat in ihrem Romandebüt zwei Szenarien unterschiedlicher Frauenleben erschaffen. Nach dem Motto, was wäre wenn, zeichnet sie Toni, die glaubt, den idealen Partner gefunden zu haben, mit dem sie die Familie gründen wird, die sie sich wünscht. Doch dann scheitern sie an der Fertilisation und dem Leistungsdruck. Das andere Szenario zeigt Toni als Antonia, die plötzlich im Leben nebenan als unfreiwillige Mutter erwacht. Was ich daran sehr gelungen finde, ist der enorme Leidensdruck auf beiden Seiten, so als würdest du, egal welche Lebensrealität du wählst, nichts richtig machen können. Die Autorin hat ganz klar gezeigt, wie traumatisierend ungewollte Kinderlosigkeit ist, aber auch, wie erschlagend das vermeintliche Mutterglück, tatsächlich ist. Der körperliche Schmerz durch die Geburt und danach, die Ängste um den Säugling und der Druck der Verantwortung, ganz zu Schweigen von dem erheblichen Mehraufwand. Ebenso die Frustration, wenn es nicht klappt, die Versagensängste, die Wut und die Belastung für die Beziehung. Anne Sauer hat den Blick der Gesellschaft auf fehlende Mutterschaft ebenso gezeigt, wie den auf überforderte Mütter. Selbst kinderlos geblieben, habe ich mich den gesellschaftlichen Anforderungen entzogen, habe mich Bewertungen einfach nicht gestellt, deshalb sind mir beide Dramen fremd geblieben. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Autorin meinen empathischen Blick geschärft hat. Sie sieht kapitelweise abwechselnd in die beiden Lebensentwürfe und lässt mich an den intimsten Gedanken teilhaben. Das war einmal eine ganz andere Lesart, die mich absolut bereichert hat.

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Eine mutmachende Geschichte

Amphibium
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Susie mou liegt im Bett, als die elfjährige Sissy aus der Schule kommt. Die Vorhänge, wie immer zugezogen, liegt sie auf der Seite und sieht zur Wand. Ein Blick in den Kühlschrank spiegelt Sissys innere ...

Susie mou liegt im Bett, als die elfjährige Sissy aus der Schule kommt. Die Vorhänge, wie immer zugezogen, liegt sie auf der Seite und sieht zur Wand. Ein Blick in den Kühlschrank spiegelt Sissys innere Leere. Sie füllt eine Schale mir Cornflakes und schüttet die restliche Milch darüber, sie schmeckt sauer.

Sissy kennt Luke Perry nicht, trotzdem hat sie seinen Aufkleber aus der Illustrierten in der Arztpraxis geklaut. Jetzt klebt er unter dem Regal über ihrem Bett, wo nur sie ihn sehen kann. Ihr ist egal, wie er heißt, sie gibt seinem Gesicht eigene Namen (Ramses, Adam oder Freddie) und träumt davon, ihn zu verführen, um ihn dann zu ertränken. Sie hat gemerkt, dass, wenn sie sich auf ihre Matratze hockt und die rechte Ferse zwischen die Beine klemmt, das Becken ein wenig kreisen lässt, ihr Gesicht heiß wird und es in ihr flutet und pocht, wie die Supernova.

Koko aus Griechenland ist nicht mehr da, aber er war der Namensgeber für ihre Mutter. Er nannte sie Susie mou (meine Susie) oder matia mou (meine Augen) anders für ich liebe dich. Sie haben Koko irgendwo draußen auf der Nordsee gelassen. Vielleicht ist er immer noch auf den Bohrinseln, spart für ein kleines Häuschen mit Garten für Mom und seine Tochter.

Neue Schule, neue Sissy. Tegan sitzt auf einer Bank, kichert und flüstert mit einem anderen Mädchen. Hinter ihnen stehen sechs weitere in der Schlange. Sie hat die Illustrierte More auf dem Schoß, aber darum geht es nicht. Sie wollen alle in den Genuss kommen, neben Tegan zu sitzen, denn Tegan ist cool. Sissy läuft die Schulhofbegrenzung auf und ab und schaut ihnen verstohlen über die Schulter zu.

Fazit: Tyler Wetherall hat ein feinfühliges Romandebüt geliefert. Mit großer Empathie versetzt sie sich in ein junges Mädchen, dessen Mutter an einer Depression erkrankt ist. Sie ist nicht in der Lage, sich um ihre Tochter zu kümmern, die sich selbst überlassen bleibt. Die Mutter leidet unter ihrer Unfähigkeit und überträgt die Schuldgefühle auf die Tochter, die sich für deren Wohlergehen verantwortlich fühlt. Die Ängste der Mutter führen zu Übersprungshandlungen mit Fluchttendenzen. Derweil versucht Sissy ihr Leben zu meistern und den rasanten Sprung vom Kindsein zur Frau zu vollenden. Die Autorin trifft genau den richtigen Ton, hat in ihrer klugen Protagonistin die Richtige gefunden, um mich an meine eigenen pubertären Nöte zu erinnern. Immer in Begleitung der Angst, Nein zu sagen, des Gefühls, sich zu verweigern führe dazu, nicht gemocht zu werden. Diese Enttäuschung, wieder nur benutzt worden zu sein und die Hingabe an augenscheinlich Stärkere. Wetherall hat einige mystische Elemente eingebracht, die mich nicht gestört, sondern eher das Besondere an der jungen Heldin Sissy hervorgehoben haben. Die Ich-Erzählung im Präsens erleichtert den Lesefluss und bringt mich ganz nah an Sissy heran. Eine traurige, schöne, kluge und mutmachende Geschichte, die ich ganz arg genossen habe.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Authentisch und spannend

Sein Name ist Donner
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David ist auf dem Weg zu Rab, der außerhalb des Reservats Gras verkauft. Doch der Drecksack lässt sich von David nicht vorführen. David sucht nämlich nach dem Schein und tut ganz überrascht, weil seine ...

David ist auf dem Weg zu Rab, der außerhalb des Reservats Gras verkauft. Doch der Drecksack lässt sich von David nicht vorführen. David sucht nämlich nach dem Schein und tut ganz überrascht, weil seine Hosentaschen leer sind. Muss er eben noch mal wiederkommen. Auf dem Rückweg ins Reservat stolpert er fast über Fellis. Der liegt stöhnend im Dreck. Er hatte am Morgen den Bus verpasst, um sein Methadon zu holen und hielt es für eine gute Idee Schnaps zu trinken, um die Übelkeit zu dämpfen. Im Sumpf war er dann nachdenklich geworden, hatte sich kurz hingesetzt, war dann aber eingenickt und festgefroren. David zückt sein Taschenmesser und Fellis kreischt. Er versucht seine Haare selbst zu befreien, bleibt jedoch chancenlos. David schneidet ihm ein gutes Stück seines langen Haars ab und bringt ihn zu Fellis Mutter Beth.

David und seine Mom hatten das Leben im Süden mit seinem Vater aufgegeben und waren nach Maine ins Reservat gezogen. Seine Mutter stammt von der Penobscot Nation. Als sie her gekommen waren fand David, beim Spielen vor dem Haus in einer Senke, ein Glas mit Zähnen, Maiskörnern und grauem Haar. Als er es seiner Mom gezeigt hatte, musste er alles fallen lassen und mit ihr ins Haus gehen, wo sie telefonierte und zwei Zigaretten rauchte. Dann kam Frick der Medizinmann, sprach Gebete, räucherte David und Mom mit Salbei und weihte das Haus. Seine Mom dachte nicht an einen Spaß, sie glaubte, dass jemand ihnen ernsthaft schaden wollte. Und irgendwie sollte sie recht behalten, denn kurz darauf zog Frick bei ihnen ein, stellte seine Zahnbürste neben Davids, verteilte seine Haare im WC und trank mit Mom Wein aus Pappkartons.

Fazit: Morgan Talty, selbst Angehöriger der Penopscot Indian Nation, hat eine generöse Geschichte gezeichnet. Er hat mich in seine indigene Heimat entführt und mir mit großem sprachlichem Können gezeigt, wie traumatisiert die Menschen seines Stammes sind. Einst in Freiheit lebend bestritten sie ihren Unterhalt mit Jagen und Sammeln. Heute leben sie im Reservat als Menschen zweiter Klasse. Die Mutter des Protagonisten wurde durch Kriege und Kolonialisierung über viele Generationen traumatisiert. Man wies ihnen ein kleines Gebiet, in dem sie sein dürfen. Innerhalb des Reservats herrscht Perspektivlosigkeit. David und die anderen jungen Leute teilen multiple Abhängigkeiten. Fast jeder im Reservat ist alkoholabhängig. Geld ist schwer zu beschaffende Mangelware. Der Autor zeigt die ganze Ausweglosigkeit, ein unabhängiges, selbstständiges Leben zu führen. Sein lakonischer, teils komischer Erzählstil verpackt das ganze Elend in mundgerechte Häppchen und macht den Lesefluss erträglich. Die Eindrücke von Geistern, die an Wasserrohre klopfen, verfluchte kleine Kinder, die Schabernack treiben und schmutziges Geschirr, das mit einem Tuch abgedeckt wird, damit die Geister sich nicht eingeladen fühlen, haben mich so gut in seine Kultur hineinfühlen lassen, dass ich fast Dankbarkeit für seine Gastfreundschaft empfinde. Ich war mittendrin in der Familie des Hauptakteurs und habe mich an den Maisküchlein und am Schweinebauch mit Farnkrautspitzen erfreut. So eine authentische, spannende und wertvolle Geschichte.

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Veröffentlicht am 09.07.2025

Die Rekonstruktion eines Lebens

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie ...

Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie hinterließ wenige Spuren, denen ihr Urenkel gefolgt ist. Mit ein paar Fotos, Notizen, Schmuck und Poesiealben entsteht ein Bild, das viel Raum für Interpretationen lässt.

Das Dorf im Sauerland, in dem Anna aufwuchs, bestand aus gemauerten Häusern. Wer es sich leisten konnte, deckte sein Dach mit Schiefer, die anderen belegten ihres mit Stroh. Ein Funke von einer vergessenen Kerze konnte einen zum Habenichts machen. Ihr Vater war Schankwirt, die Mutter vermögend, darüber allerdings gibt es keine Nachweise. Ein Auszug aus dem Katasteramt zeigt, dass die Familie Kirchenland gepachtet hatte. Anna wurde als vierte Tochter geboren. Der einzige Stammhalter Friedrich starb drei Wochen nach seiner Geburt an Schwäche. Als Anna zwölf war, waren weitere vier Kinder geboren, auch die ersehnten Söhne, der Vater jedoch starb an Wassersucht. Ein Konflikt zwischen Herzogtum und dem Bischof führte dazu, dass die Katholiken vertrieben wurden. Deswegen ging Anna, auf Geheiß der Mutter, in die Niederlande und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Sie war zwanzig Jahre jung, nicht einmal volljährig, als sie an die Dorfschule nach Cobbenrode ging und unterstellte sich dem Lehrerinnenzölibat. Sie bekam einen geringen Loh, eine kleine Wohnung und eine kleine Altersvorsorge. Es gab wenige Erziehungsmodelle. Die meisten bevorzugen das Strafen und nicht das Loben, damit die Kinder nicht verweichlichten. Schläge als Bestrafung waren normal. Der gesellschaftliche Tenor war Gottesfürchtigkeit, denn der Herr gibt und nimmt. Die Leutseligen waren beliebter als die verschrobenen Stillen. Schaffen und Ausharren waren selbstverständliche Attribute, die den zähen Charakter auszeichneten.

Fazit: Henning Sussebach ist den Spuren seiner Urgroßmutter gefolgt. Die wenigen Informationen, die er im Vorfeld zusammentragen konnte, halfen kaum bei der Rekonstruktion. Er vermutet viel, interpretiert und bewertet aus seiner heutigen Sicht. Ein objektives Bild ist ihm nicht möglich. Interessant finde ich seine Einschübe, die zeigen, was in dem entsprechenden Jahr bei Anna geschah, aber auch in der Welt. So zum Beispiel 1887:

Die Uraufführung Othellos in Mailand.
Nord- und Ostsee werden durch einen Kanal verbunden.
Der Eiffelturm entsteht.
Ein holländischer Maler zieht nach Frankreich.
Die Schweizer entwickeln die Würze Maggi.

Und so ist dem Autor eben nicht nur die Wiedererweckung Annas, sondern auch ein Zeitzeugnis gelungen. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte Annas auch runtergezogen hat. Es war kein Vergnügen, in diesen Zeiten als Mädchen geboren worden zu sein, eher ein Überlebenskampf. Auch die Verluste, die Anna hinnehmen musste, die Schrecken des 1. Weltkriegs, das hat mich alles ganz schön niedergeschlagen. Meine Empfehlung für alle Leser*innen, die sich für Historien interessieren

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