Eine Hymne der Transgender-Literatur
Stag DanceTipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch
Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. ...
Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch
Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. Er denkt, sie wäre so ein Austie-Boy, weil er nicht weiß, dass sie schon vor der Seuche Östrogen gespritzt hat und trans war. Das Östrogen kommt vom Schwarzmarkt, weil das aus offiziellen Quellen streng rationiert ist und nur noch an Frauen mit aussichtsreicher Fruchtbarkeit geht. Keith zapft es seinen genmanipulierten Schweinen ab, die jetzt mehr Hormone produzieren, die mit denen der Menschen bioidentisch sind. Sie bezahlt Kieth dafür, dass er ihr die Schweinezucht zeigt, aber eigentlich will sie ihm nur ein paar Ferkel klauen, um mit Lexi eine eigene Zucht aufzuziehen.
Seattle, am Tag des Ausbruchs
Lexi zeigt ihr ihre neuen Tätowierungen. Über einem Schiffstattoo zeigt sie auf ein absolut schlichtes t4t. Es soll bedeuten, Trans Frau liebt trans Frau. Lexi ist mittlerweile die selbst ernannte Expertin der Trans-Frauen-Szene von Seattle und glaubt, dass in naher Zukunft alle Menschen trans sein werden. Sie lebt mit ihren Mitbewohnerinnen in einem verfallenen viktorianischen Haus und kann es sich nur leisten, weil der Onkel eines der Mädels es ihr günstig vermietet. Und als Wiedergutmachung dafür, dass Lexi von der Nächstenliebe eines Cis Kerls profitiert, lässt sie andere trans Frauen ohne Schlafplatz auf den Sofas im unteren Stock übernachten.
Lexi und sie sind total unterschiedlich und doch sowas wie best Bitches geworden. Sie skypt abends heimlich mit irgendwelchen Typen, hat ausgeklügelten Telefonsex für den Selbstwert und Lexi sammelt Knarren gegen die Ohnmacht und ihren stillen Kummer. Und dann infiziert Lexi sie mit voller Absicht mit einem GnRH Impfstoff, der die Bildung der Sexualhormone hemmt.
Fazit: Torrey Peters (Detransition Baby, Women´s Price for Fiction Nominierung 2021) hat in vier Geschichten bravourös gezeigt, wie leidvoll die sexuelle Orientierung sein kann. in der ersten Story spielt sie mit dem Gedanken an eine Welt voller geschlechtsloser Menschen, die sich ihr Geschlecht aussuchen müssen. Eine Seuche lässt das Immunsystem Antikörper bilden, die die eigenen Sexualhormone zerstören, so, dass sie von außen zugeführt werden müssen. Die zweite Story zeigt die Suche nach der sexuellen Orientierung in der Jugend an zwei Jungs, die sich im Internat sehr nah kommen. In der Story Stag Dance lese ich von illegalen Holzfällern, echten brachialen Kerlen, die sich während einer Party von ihrer Einsamkeit ablenken wollen und am Ende brutal eskalieren. Die Autorin schreibt über die Suche nach Geschlechtsidentität, Ausgrenzung, Homophobie, Bedürfnisse und das Für und Wider von Outings. Vermutlich verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem fragilen Weg von Mann- zu Frauwerdung. Was mir an diesem Buch so unglaublich gut gefällt, ist die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit der queeren Szene, die oft romantisiert wird. Neid, Missgunst, Eifersucht und Manipulation sind gesellschaftskonform und unabhängig von der sexuellen Orientierung. Mit großem Feingefühl hat die Autorin die Schattenseiten der Selbstfindung herausgearbeitet. Wer sich nach diesem Buch immer noch fragt, warum wir eine geschlechterneutrale Sprache brauchen, um jeden Mitbürgerin sichtbar zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Sprache ist großartig mehrgleisig: brutal, feminin, humorvoll und tragisch, das Buch eine Hymne. Für alle, die offen und mutig genug sind, einen Blick in die trans* Szene zu werfen.