Knallharte Selbstanalyse
EntzugWas das soll, will die verärgerte Frau wissen. Sie meint die halb leere Flasche Wodka auf dem Küchentisch, die dort grundsätzlich, jedoch mittags um 12 Uhr nichts verloren hat. Auf dem Tisch sollte bald ...
Was das soll, will die verärgerte Frau wissen. Sie meint die halb leere Flasche Wodka auf dem Küchentisch, die dort grundsätzlich, jedoch mittags um 12 Uhr nichts verloren hat. Auf dem Tisch sollte bald das Mittagessen stehen, aber er hat noch gar nicht angefangen zu kochen. Wodka liegt bei ihnen sowieso im Eisfach, also wenn er ihn nicht getrunken oder vergessen hat, neuen zu besorgen. Wie er jetzt die Kurve kriegen soll, weiß er noch nicht. Der Nachbar könnte sie dort hingestellt haben. Er besorgt manchmal Einkäufe und stellt sie in der Küche ab, vielleicht hatte er noch Wodka übrig, den bei ihm niemand trinkt. Er versucht das naheliegendste. Er weiß es nicht, gesteht er. Die Frau verdreht die Augen und verschwindet mit ihrem Kind, ihrer gemeinsamen Tochter, seinem kleinen Mädchen im Kinderzimmer. Er entsorgt die Flasche dort, wo er sie schon vor Stunden hätte hinbringen müssen, wenn er nicht so selten dämlich wäre.
Die E-Mail seines Verlegers fährt ihm in die Glieder. Er habe sich seines Textauszuges angenommen und etwas anderes erwartet, das sei jedoch in einem persönlichen Telefongespräch schnell zu klären und er sei sicher, dass Peter (so ist weder sein Vor- noch sein Nachname) auch gleich sein Unbehagen verstehen werde.
Der Autor geht etwas ängstlich durch den Flur auf die geschlossene Kinderzimmertür zu, klopft an, obwohl er das nicht müsste und tritt ein, obwohl ihn niemand gebeten hat. Er müsse noch kurz weg. Die Frau und sein kleines Mädchen puzzeln. Wie es mit dem Essen sei, will die Frau wissen. Er würde kochen, sobald er zurückkäme, schon ganz bald. Sein ersehntes Ziel ist, schnell in die Kohlengrube zu huschen, seine bevorzugte Einzeltrinkerkaschemme gleich um die Ecke, ein halbes Glas Wodka gegen den Schreck zu kippen und direkt wieder zurückzukommen, um etwas schnelles zu kochen, aber auf einem Bein kann man schlecht stehen.
Fazit: Christoph Peters zeigt in seiner autofiktionalen Erzählung, mit feiner Selbstironie, sein Leben als Alkoholiker. Sein Leidensweg begann mit sechzehn im Internat, wo die Älteren den jüngeren Bier besorgten. Doch schon während seiner Kindheit war das Saufen ein gängiges Mittel, um Geselligkeit zu erzeugen und den Gemeinschaftssinn zu fördern. Während seines Literaturstudiums traf er auf saufende Professoren und Dozenten. Die ersten Filmrisse nahm er hin, fühlte sich großartig eloquent in der Konversation mit Freunden und Bekannten, die er im benebelten Zustand wortreich verjagte. Diverse Schreibflauten überflutete er mit den harten Getränken und sein Verlag war zufrieden. Zwanzig Jahre später hat der Alkohol seine peripheren Nervenenden, die Leber und die Magenschleimhaut zerstört. Er ist ein Wrack, das sich in Selbsthass suhlt. Beim seltenen Blick in den Spiegel sieht er den aufgedunsenen, ungepflegten Penner, der er geworden ist. Wenn er keinen Entzug macht, wird er Frau und Tochter verlieren. Christoph Peters (ich habe „Krähen im Park geliebt) zeigt mir auf knallhart ehrliche Weise und mit großer Liebe zum Wort, wie er sich in dieser Hölle gefühlt hat. Er beschönigt nichts mehr, holt sich seine Selbstachtung und Würde zurück und weckt mein tiefes Mitgefühl, aber auch meinen Respekt, dass er diesem Monster die Stirn geboten hat. 90 % schaffen den Entzug nicht dauerhaft. Ich finde auch, dass dieses Buch ganz wunderbar in die Zeit der toxischen Männlichkeit passt, denn Christoph Peters zeigt sich offen verletzlich, schwach und am Boden. Es ist das eine alkoholabhängig zu sein, die Fähigkeit allerdings, zu einer solchen Selbstanalyse, das andere. Für alle, die „Einsamsein“ von Daniel Haas mochten.