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Veröffentlicht am 11.12.2025

Intensive, morbide Erzählungen

Nullsumme
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Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem ...

Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem Licht in das Halbdunkel des Hauses. Sie sah die anderen, ging unsicher in ihre Richtung. Musste zur Toilette, hatte nicht vor, den Professor etwas so Profanes zu fragen, wie nach dem Weg zu den Waschräumen, wollte sich selbst durchschlagen. Auf dem Wohnzimmertisch vor dem Kamin Küchenutensilien, Zeitschriften, Bücher, bestürzt über so viel Privates, so viel Intimität. Neben dem Sofa ein schmutziger Sneaker. Sie hasste diesen Mann. Sie hierher einzuladen und den hämischen Blicken der anderen auszusetzen. Er zollte ihr nicht die Anerkennung, die ihr gebührte.

In einem seiner Seminare schlug der Professor das Nullsummenspiel vor. Seine Verachtung für Bewertungen und Ranglisten verkündend, wolle er jedem seiner Studenten am Ende des Trimesters die Note 1- geben. Der sich regende Widerstand, durch langsames Kopfschütteln signalisiert, veranlasste den Professor, eine demokratische, anonyme Abstimmung vorzunehmen. Er verteilte blanke Zettel, bat alle zu voten und erhielt ein einstimmiges Nein.

Bei K. lag es daran, dass sie anders sein wollte als die anderen, besser. Am Ende jedoch bekam sie für ihre Leistung dann doch eine 1-. Sie war brüskiert, starb tausend Tode und rächte sich an dem Mann, der wohl glaubte, der Größte zu sein.

Fazit: In den Short Storys der Nobelpreisanwärterin Joyce Carol Oates begegnen mir allerlei verstörte Persönlichkeiten. In der titelgebenden Kurzgeschichte „Nullsumme“ treffe ich auf eine ausgeprägt narzisstische Frau, die ihren Professor verehrte, solange er ihr seine kurze Aufmerksamkeit schenkte, ihn dann jedoch zu hassen beginnt, weil sie sich nicht zu Genüge anerkannt fühlt.

In der Geschichte „Mr. Stickum“ lerne ich fünf Mädchen kennen, die Berichte über Sex-Sklavinnen zwischen sechs und sechzehn Jahren gelesen haben und einen perfiden Plan gegen die männlichen Konsumenten junger Mädchen und Kinder schmieden.

In „Liebeskummer“ erzählt die von Stalking Betroffene dem Falschen von den gewaltandrohenden Anrufen.

In „Die Kälte“ erleidet eine Mutter eine Fehlgeburt und entwickelt nicht nur psychosomatische Symptome.

Allen Erzählungen ist gemein, dass die Protagonistinnen psychisch krank sind und versuchen unter dem Radar zu fliegen. Es finden keine Hilfeaufrufe statt. Die Menschen, die sie begleiten, merken nichts von der Tiefe der Ausnahmezustände. Die Autorin zeigt ein untrügliches Gespür für menschliche Abgründe. Jedem Gewinner folgt ein Verlierer. Die Art zu schreiben ist brillant, nicht umsonst unterrichtet sie kreatives Schreiben. Ich muss gestehen, dass mich einige Geschichten in ihrer Intensität erschüttert haben. Das war kein vergnügliches Lesen. Ein Buch für Leserinnen, die sich gern vom Morbiden absorbieren lassen.

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Veröffentlicht am 08.12.2025

Aufwühlende Geschichte

Jahre ohne Sprache
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In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. ...

In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. Nach und nach setzte leises Schnarchen ein. Ihr war zum Kotzen. Die Übelkeit verstärkte sich durch die kalte Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag. Die steife Hand, die lauerte und sich bei jedem Ausatmen ein Stück weiter nach oben schlich, immer weiter, den Knopf ihrer Jeans öffnete, nach unten abbog, hinein, u.s.w.

Sie lebt in einer Knopffabrik, auf die niemand mehr Anspruch erhebt. Es gibt kein er kein sie nur wir. Niemandem gehört etwas, sie teilen alles. Sie kann gar nicht so genau sagen, wie viele sie sind, denn oft kommt jemand zum Kaffee und bleibt. Für Bullen, Chauvis und die Vergangenheit ist der Eintritt verboten.

An einem Herbsttag, so nass und dunkel, als würde der Regen ihr ins Gesicht spucken, muss sie noch einmal nach Glanitz, nur für eine Stunde. Die Bahnfahrt ist öde, der Ort unverändert, seitdem sie weggegangen ist. Sie legt ihrem Vater den Brief hin, den er unterzeichnen muss, damit sie Geld vom Amt bekommt. Warum sie nicht arbeiten geht, fragt er. Eine sachliche Frage, gegen die es nichts zu wettern gibt, denkt sie und gibt die Frage zurück, warum er nicht arbeitet. Eine Tatsache, die irgendwo in seinem schweren Leib detoniert, er stöhnt. Sie schleicht zur Hintertür hinaus, will niemandem begegnen und macht sich auf den Weg zu ihrer Wahlfamilie.

Fazit: Ann Esswein hat in ihrem zweiten Roman die Eindrücke einer jungen Frau verarbeitet, die diversen Übergriffen ausgesetzt war, die sie lange nicht als solches benennen kann. Die Protagonistin ist vierzehn, als die Mutter die Familie verlässt. Die beiden Brüder sind längst ausgezogen und so lebt sie mit dem Vater allein, der so in seine Trauer gerutscht ist, dass er seine Tochter nicht mehr wahrnimmt. Sie hat einen besten Freund, aber innerhalb der Cliquendynamik verändert sich ihr Verhältnis. Zwischen Park, Bushaltestelle und nächtlichen Besäufnissen verliert die Protagonistin sich selbst. In der Schule wird sie von einer der Besten zu einer der Schlechtesten, bricht alles ab und verschwindet. Sie kann lange nicht benennen, was ihr innerhalb der Clique passiert ist, kann es nicht verstehen und will nicht darüber nachdenken. Die Autorin hat eine besondere Sprache für die traumatisierte junge Frau gefunden. Es wird nur angedeutet, was passiert sein könnte und bleibt auch mir als Leserin unklar. Und genau so ergeht es ja vielen jungen Frauen, die ähnliches erlebt haben. Da ist ein Typ, vielleicht älter als der Rest der Freunde, der ständig mitrumlungert und darauf lauert, dass alle betrunken sind, um dann seine Hände irgendwo unterzubringen, wo sie definitiv nichts zu suchen haben. Es konnte kein klares Nein mehr gesagt werden, was automatisch als Zustimmung zu gelten scheint. Keiner greift ein und damit geben alle dem Schmierlappen recht. Und dann ist das Leben einer jungen Frau rotzeverpfuscht, noch bevor es richtig angefangen hat. Das hat Ann Esswein absolut gekonnt rübergebracht. Ein aufwühlender Roman, der mich nachdenklich gestimmt hat.

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Veröffentlicht am 02.12.2025

Essen als Druckmittel

Halbe Portion
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Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, ...

Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. Sie wuchtet den schweren Schreibtisch mitten in den Raum. Sie wird ihn einnehmen, ihm zeigen, dass sie ab jetzt hier wohnt. Sie könnte etwas essen, nicht weil sie hungrig ist, sondern um den Appetit zu stillen und schaut, was ihr Vormieter dagelassen hat. Buchstabensuppe in der Tüte. Klingt heimelig nach Kindheit. Vier Portionen sollen es sein. Nun gut, dann wird sie vier Portionen essen. Kurz danach verspürt sie immer noch ein kleines Loch. Sie füllt es mit Lindor Schokokugeln, die längst abgelaufen sind. Sie hatte sie bei Amazon entdeckt und konnte bei 29,79 statt 38,99 für ein Kilo nicht widerstehen. Eine Kugel hat 74 Kalorien. Sie packt eine aus und schiebt sie zwischen die Lippen. Schmeckt gut. Die freche Kugel hinterlässt Lust auf noch eine, 148 Kalorien. Nun fühlt sie sich schuldig, deshalb nimmt sie noch eine und spürt das Dopamin durch ihr Hirn fluten. Jetzt ist es auch egal, die müssen eh weg. Sie packt noch eine aus, lässt sie auf der Zunge zergehen, 222 Kalorien. Sie denkt, dass das zügellose Essen sie glücklich machen wird, dass das Essen und spätere Übergeben besser ist, als die Schoki wegzuwerfen. Nach 14 Kugeln ist ihr ein bisschen übel. Sie geht vor der Kloschüssel auf die Knie, kotzt Schokolade, Buchstabensuppe und sogar die Karotten, die sie mittags sorgsam in Streifen geschnitten und in Humus getunkt hatte. Sie fühlt sich schlecht, zurückgeworfen, willenlos und labil.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Elisabeth Pape hat in ihrem autofiktionalen Romandebüt Magersucht beleuchtet. In abwechselnden Kapiteln, die früher und heute genannt werden, erfahre ich, dass sie mit ihrer Mutter von der Ukraine nach Berlin kam. Die alleinerziehende Mutter lebte vom Bürgergeld, vom Vater kam keine finanzielle Unterstützung. Die lieblose, zwanghafte Mutter ist auf ihr Gewicht und das ihrer Tochter fixiert. Sie kontrolliert, was ihr Kind sich zuführt und teilt überstreng zu wenig Nahrung ein. Essen wird zum Druckmittel, das (durch verhasstes Klavierspielen oder gute Noten) verdient werden muss. Essen wird zum Liebesersatz für die fehlende Zuneigung. Ein Teufelskreis, der frühe Prägung erfährt und durch Erniedrigung und Bestrafung befeuert wird. Meine psychiatrischen Erfahrungen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagen mir, dass die Ess-Brech-Sucht und Magersucht ganz schwer zu therapieren ist. Und genau das zeigt die Autorin so gekonnt. Die Hauptdarstellerin zählt jede Kalorie, jeden Cent und vergleicht jedes Supermarktangebot. Sie gönnt sich nichts außer der Reihe, isst, was notwendig ist, um sich „normal“ zu fühlen. Sie findet eine Therapeutin, weil sie wirklich wirklich aus dieser tiefen Lebenskrise hinausfinden will. Doch sie scheitert am Alltag. Jede Entscheidung, die ihre Verantwortung fordert, macht ihr Angst, die sie zum Überessen zwingt. Jede ungewollte Entgleisung schürt ihren Selbsthass und zwingt sie in die Vorratskammer. Jedes Missfallen und das Gefühl, ungeliebt zu sein, befeuert das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen. Jeder Stressmoment drängt sie zum Kühlschrank. Die Gedanken kreisen um nichts anderes als Essen und ob sie es sich leisten kann. Verarmungswahn trifft auf eine nicht reale Körperwahrnehmung. Was für ein enormer Stress, der alles an Energie kostet. Diese Geschichte zu lesen ist anstrengend und nervenzehrend. Die Ambivalenz der Betroffenen überträgt sich auf mich, ich liebe und hasse dieses Buch. Ich träume nachts vom Essen. Unglaublich, was die Autorin da geschafft hat, denn deutlicher kann man einem Außenstehenden nicht vor Augen führen, wie beschissen diese Erkrankung ist.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Außergewöhnliche Erzählung über Männlichkeit

Was nicht gesagt werden kann
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István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm ...

István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm an. Sie reden viel über Sex. Der unfreiwillige Freund hat ein Mädchen gefunden, mit dem er es macht. Er überredet sie, es auch mit István zu machen. Sie besuchen sie. István ist mit ihr allein in ihrem Zimmer, kriegt kaum ein Wort heraus. Er muss unverrichteter Dinge wieder gehen. Sie findet ihn nicht sexy, erfährt er. Er sei noch nicht so weit. Sein Freund hängt jetzt lieber mit anderen ab.

Die Nachbarin braucht Hilfe beim Einkauf. Seine Mutter sagt zu. István geht mit ihr zum Supermarkt, sie sprechen kein Wort. Er trägt ihr die Sachen hoch und folgt ihr in die Küche. Sie bietet ihm etwas Süßes an und obwohl er sich unwohl fühlt, setzt er sich an ihren Tisch und isst. Er spürt, dass sie Zuneigung für ihn empfindet. Er fühlt nichts für die alte Frau, die älter ist als seine Mutter. Sie fragt, ob sie ihn küssen darf. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihre Lippen berühren seine ganz sanft. Dann bittet sie ihn zu gehen. István stellt sich vor, wie sie nackt aussieht. Die Vorstellung erregt ihn. Er kann kaum erwarten, dass sie wieder einkaufen gehen. Wieder bietet sie ihm eine Süßigkeit an, wieder küsst sie ihn, diesmal mit Zunge. Beim nächsten mal darf er in ihrem Wohnzimmer auf der Couch sitzen. István hilft ihrem Mann in seinem Schrebergarten, um neben der Schule ein bisschen Geld zu verdienen. Nach einigen Monaten beendet die Nachbarin die Liebschaft. István ist ihr zu nahe gekommen, behauptete, dass er sie liebe. Er steigert sich in ihre Ablehnung hinein, lauert ihr im Hausflur auf. Sie geht ihm aus dem Weg und dann hält er es nicht mehr aus. Er klingelt am späten Abend bei ihr. Ihr Mann öffnet. István sagt, dass er sie sprechen will. Der Mann sagt, dass er verschwinden soll. Es kommt zu einem Handgemenge, der Mann stürzt die Treppe herunter und stirbt.

Fazit: David Szalay, der diesjährige Booker Prize Gewinner, hat das Leben eines Mannes gezeichnet. Der Ungar István wächst vaterlos bei seiner Mutter auf. Der tragische Unfall des Nachbarn führt ihn in die Jugendstrafanstalt. Danach ist er auf dem Arbeitsmarkt chancenlos und geht zur Armee. Der Irakeinsatz beschert ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. István geht von Ungarn nach London und erarbeitet sich ein komfortables Leben. Die Geschichte ist ganz einfach geschrieben, der Klang ist lakonisch und ruhig. Die Lebensumstände sind prekär. Ich habe bisher nie einem Autor zugehört, der seinem Charakter so konsequent treu bleibt. István trifft selbst keine Entscheidungen, das machen immer andere für ihn. Er selbst treibt augenscheinlich willenlos durch sein Leben. Frauen sind für ihn beliebig, sie stoßen ihm zu und umgarnen oder überreden ihn. Zwei bis dreimal in seinem Leben zeigt er aggressives Verhalten, sonst ist er erstaunlich kontrolliert. Die Dialoge sind ermüdend wortkarg und emotionslos. Das Wort okay ist sein treuster Begleiter. Dennoch ist er empathisch, kann mit seinem Gegenüber mitfühlen. Er macht freiwillig Sport, rettet zweimal aus eigener Überzeugung einem Menschen das Leben, aber ansonsten bleibt er von sich selbst entfremdet. Und obwohl dieser Mensch so bewegungsunfähig ist, hat mich die Geschichte gefesselt. Ich wollte nach jeder Seite wissen, wie es weitergeht. Mir ist nicht wirklich klar, was die übergeordnete Botschaft ist oder ob es die überhaupt gibt. Am ehesten verstehe ich, dass István keine männlichen Vorbilder hatte und ganz ungünstig durch Frauen geprägt wurde. Dadurch fehlt ihm die Fähigkeit, seinen eigenen Mann zu stehen. Er scheint ein Bild verkörpern zu wollen, an dem er sich festhalten kann, wie an einer Krücke, das aber leer, körperlos bleibt und das ist gar keine Seltenheit. Eine außerordentliche Erzählung über Männlichkeit, die mich bewegt hat.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Transgenerative Kriegstraumata

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Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. ...

Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. Sie weiß, dass es so nicht ist und selbst wenn. Vielleicht hat sie die Wörter zu lange gefangen gehalten, grübelt sie.

Elias sagt, dass ihr sprachlicher Ausdruck so präzise ist wie der einer Synchronsprecherin. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Deutsche Sprache als Kind vor dem Fernseher gelernt hat, überlegt sie. Monate später im Kindergarten, hörte sie die vage vertrauten Worte auch aus Kindermündern. Ihre Muttersprache ist Albanisch. Als jedoch Ende der 90er der Kosovokrieg begann, war Schluss mit dem heimatlichen Wortschatz. Sie mussten weg. Sobald sie die serbische Grenze erreichten, mussten sie schweigen. Nur ihr Vater konnte fließend Serbisch, hatte es in der Schule und beim Militär gelernt. Der Grenzbeamte forderte ihre Pässe, aber Mamas Hände zitterten so sehr, dass sie den Reißverschluss des roten Lederbeutels nicht öffnen konnte. Sie gab ihn dem Vater mit gesenktem Blick. Der Grenzbeamte sah auf sie herab, ließ sie aussteigen und das Auto ausräumen. Die Pässe gab er ihnen nicht zurück, er schob sie von sich, als wären sie Unrat. Da hatte sie zum ersten Mal gesehen, wie ihre Eltern gedemütigt wurden.

Wenn man mich fragt, woher ich „ursprünglich“ komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit. S. 11

Fazit: Jehona Kicaj hat sich in ihrem Romadebüt ihrer Heimat, dem Kosovo genähert. Ihre Protagonistin war ein stilles Kind, weil sie zur Sprachlosigkeit erzogen wurde. Ihre Eltern haben frühzeitig die Flucht nach Deutschland ergriffen und sind von der ethnischen Säuberung, des Völkermordes, den die serbischen Soldaten an den Kosovaren (ebenso an Kroaten und Bosniern) verübt haben, verschont geblieben. Doch offensichtlich erlebt man einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die zurückgebliebenen Angehörigen, im Asyl ebenfalls, nur anders. Das stille Kind wächst zu einer stillen Frau heran, die die traumatischen Erfahrungen nicht verarbeiten kann. Und so zerbeißt sie in den Nachtstunden die Worte, die herauszufallen drohen. Mir gefällt gut, wie die Autorin die Protagonistin geschaffen hat. Eine unauffällige, introvertierte Frau, die unterm Radar fliegt. Ihr einziger näherer Bekannter hilft ihr, ihre Geschichte sichtbar zu machen und zu begreifen, indem er ihr zuhört und Interesse zeigt. Ein ruhiger Roman, der die Mechanismen dieses Unrechts sichtbar macht, die Feindseligkeit und den Hass der serbischen Bevölkerung, die sich völlig im Recht gefühlt hat und das Versagen der europäischen Staaten, die bei der Entwicklung der humanitären Katastrophe tatenlos zugeschaut haben. Ein wichtiges Buch über transgenerative Traumata.

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