Schönes Debüt mit fein austarierten Sätzen
ZerbrichmeinnichtSibylle hat Angst, dass ihr Leben die beschissene Fortsetzung des Lebens ihrer Eltern ist. Ihre Oma ist von Graz nach Bulgarien geflüchtet, gerade als das mit Hitler immer größer wurde. Ihr Sohn Nasko ...
Sibylle hat Angst, dass ihr Leben die beschissene Fortsetzung des Lebens ihrer Eltern ist. Ihre Oma ist von Graz nach Bulgarien geflüchtet, gerade als das mit Hitler immer größer wurde. Ihr Sohn Nasko flüchtete 1954 in die mütterliche Heimat Österreich, als das mit dem bulgarischen politischen System erkennbar aussichtslos wurde. Die Tochter blieb und fand Werner, der kurz vor Sibylles Geburt wieder verschwand. Sibylles Mutter arbeitete als Dolmetscherin und besorgte Sibylle einen Platz in einem DDR-Kindergarten, als sie fünf war. Dank Stefanie aus Leipzig lernte Sibylle Sächsisch. Sie hatte schon früh das Gefühl, dass sie nicht nach Bulgarien gehörte. Kurz vor dem Mauerfall, als sie dreizehn war, fuhr sie mit ihrer Mutter zum Bruder nach Österreich. Da erlebte sie ihren ersten Kulturschock. Das Städtchen war hübsch, bunte kleine Häuschen, selbstbewusste, erfolgreiche Menschen, die von Reisen erzählten, demokratische Wahlen, Bananen und Cola.
Mit neunzehn öffnete Sibylle sich Österreich für eine Umarmung, die ausblieb. Sie hatte an ihrem exzellenten Notendurchschnitt gearbeitet, um einen Platz an einer österreichischen Uni zu ergattern. Die Verpflichtungserklärung eines österreichischen Staatsbürgers zur finanziellen Absicherung und das Visum hatte sie in der Tasche. Sie fand österreichische Freunde, die zwar deutlich freundlicher zu ihr waren als ihre eigene Familie, aber dieses ständige Fragen, woher sie denn käme, gab ihr das Gefühl, anders zu sein, nicht gut genug, nicht so wie sie. In den nächsten sechs Jahren holten sie Fragen nach ihrer Kindheit ein. Sie entsinnt Erinnerungen an die drei Zimmer Wohnung, die sie sich mit den Großeltern teilten. Sibylle hatte ein eigenes Zimmer, aber kein Bett. Sie teilte ihr Nachtlager mit der Mutter, bis sie vierzehn war.
„Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht stundenlang auf dem Bett saß und mich mit Pippi Langstrumpf und Winnetou aus der Realität schoss.“ S. 82
Fazit: Sibylle Reuter hat mit ihrem autofiktionalen Debüt ihre osteuropäische Herkunft aufgearbeitet. In dem kommunistischen Bulgarien von 1976 gab es nicht viel. Die Menschen blieben, hinter dem eisernen Vorhang, sich selbst überlassen. Die späte Schwangerschaft der Mutter mit dreißig ohne Mann war den Leuten suspekt und es kam zu bösem Gerede. Die emotional unterkühlte Beziehung zur Tochter und die Leistungserwartung werfen Sibylle früh auf sich selbst zurück. Sie schafft den Sprung in den Westen, wird jedoch das von klein auf eingeimpfte Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht los. Sie versucht mit Leistung zu überzeugen, bleibt aber in sich leer und heimatlos. Die bulgarische Entwicklung nach dem Mauerfall (Gaunereien und mafiöse Strukturen) lässt sie ihre Herkunft verheimlichen. Je länger Sibylle ihr eigenes Leben lebt, desto fordernder wird die mittlerweile psychisch kranke Mutter, die an ihrer Tochter zerrt. Die emotionale Belastung ist für die junge Frau kaum zu ertragen, dennoch versucht sie ihren eigenen Weg in ein erfülltes Leben zu finden. Obwohl die Geschichte nicht linear erzählt ist, konnte ich ihr gut folgen. Die Autorin hat die Gabe, mit fein austarierten Sätzen Bilder zu vermitteln, die mir das empathische Mitgehen erleichtern. Ein gelungenes Debüt, das mich gespannt auf mehr sein lässt.