Intensives Psychogramm
ReizklimaAndre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm ...
Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm Gischt ins Gesicht spuckt, scheint den Berufssoldaten nicht zu stören. An manchen Tagen sieht Eva ihn in Sportkleidung die Klinik verlassen und zum Strand runterlaufen. Zum Frühstück kommt er fast immer, zum Abendessen gelegentlich. Später am Abend sieht man ihn im Spiegelsaal. Er ist höflich, aber auch ein bisschen unheimlich.
Sie sitzt mit Viktor am Frühstückstisch. Gleich an ihrem ersten Morgen wartete er nach seiner freundlichen Begrüßung auf einen weiteren Blick von ihr, um sofortige Gesprächsbereitschaft zu zeigen: „Möchte sie eine Tee?“. Mittlerweile weiß sie über Viktor wahrscheinlich mehr als über sich selbst. Er sei Mitte der neunziger vom Balkan nach Deutschland gekommen. Er ist handwerklich ziemlich geschickt und hat sich vom Fliesenleger zum privaten Gärtner eines Fabrikanten hochgearbeitet. Im Sommer kümmert er sich auch um dessen Finca auf Mallorca. Er hat Schuppenflechte und Rücken und fährt deswegen immer wieder ins Sanatorium an die Nordsee. Sobald er über das Handy wischt, will er ihr sein Haus und seine Terrasse zeigen …
…materielle Zeugnisse eines hart erarbeiteten und für ihn nicht selbstverständlichen Wohlstands. S.15
An einem Morgen wird Nelli zu ihnen an den Tisch gesetzt. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig, redet schnell und viel, so, als sitze ihr die Zeit im Nacken. Sie isst Roggenbrötchen, weil ihr Weizen verboten wurde und die Marmelade, das braucht sie einfach, Kirsch ist ihr die liebste. Ihre Hände mit den perlmuttfarben lackierten Fingernägeln schweifen weit aus. Sie leide an Schuppenflechte, Morbus Crohn, Rheuma und Asthma. Warum Eva hier sei, will Nelli wissen. „Neurodermitis“. Ach ja, das habe Nelli auch, nur vergessen, es zu erwähnen.
Fazit: Silke Knäpper hat in ihrem vierten Roman ein intensives Psychogramm über mehrere Menschen an einem Kurort erzählt. Die introvertierte Protagonistin beobachtet ihre Mitpatient*innen und nähert sich auf diese Weise sich selbst und ihren eigenen Problemen an. Da ist Andre, der sich beruflich verpflichtet hat, sein Land zu verteidigen. Er ist in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters gestiegen und stolz darauf. Zuhause warten Frau und Kind auf ihn, aber warum kann er das Mausen nicht lassen? Nelli, eine junge Frau, gerade der Jugend entwachsen und schon frustriert und gesundheitlich gebeutelt. Ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit erschwert ihr den Zugang zu ihren Mitmenschen. Nadine ist Anfang dreißig und fast ganzkörpertätowiert. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und erleidet tatsächlich regelmäßige Zusammenbrüche. Nadine hat Dinge erlebt, die jeden fühlenden Menschen aus der Normalität geschlagen hätten. Die Autorin ist eine extrem gute Beobachterin. Hier vermittelt Körpersprache und Gesagtes ein sehr genaues Bild von dem Menschen über den die Protagonistin gerade nachdenkt. Was mir richtig gut gefällt ist, dass keine Wertung stattfindet. Ich erfahre den Ist-Zustand der Leute wie eine Wasserstandsmeldung und kann mich ganz leicht darauf einlassen. Hier lautet der Tenor, dass wir alle unsere Gründe haben, so zu sein, das Ergebnis aus unseren Erfahrungen und Kompensationsversuchen sind. Und im Grunde sind wir alle versehrt. Dieses 130 Seiten Büchlein steckt voller emotionaler Wärme und Mitgefühl. Und ich hätte mir gerne noch viel mehr Menschen von Silke Knäpper vorstellen lassen.