Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.01.2026

Ein Hauch Poesie schafft Luftigkeit

Am Grund des Himmels
0

Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben.

Jetzt will sie mit der, die sich ...

Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben.

Jetzt will sie mit der, die sich abgestrampelt hat, um eine Position zu erreichen, um eine Position zu halten, um sich eine Position zu verdienen, um diese Position vor den anderen zu verteidigen, nichts mehr zu tun haben. S. 6

Sie hat sich abgekoppelt, ausgeklinkt. Sie steht auf dem Dach des Konzernriesen, bei dem sie sich aus den einfachen Verhältnissen, aus denen sie kommt, nach oben gearbeitet hat. Eigentlich braucht sie bei den Frühlingstemperaturen eine Jacke, aber sie wird darauf verzichten. Noch Monate zuvor wäre sie niemals auf dieses ungesicherte Dach geklettert. Die Vorahnung, eine Windböe könnte sie jederzeit wegfegen, hätte sie sich an die nächste Wand lehnen und mit Schwindel und Herzrasen ihre Atmung kontrollieren lassen. Heute jedoch hatte sie nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie sah die offene Dachluke und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nun ist sie hier und betrachtet den Himmel. Noch vor Kurzem hatte sie gedacht, wenn sie sich noch etwas mehr anstrenge, könne sie die Welt verändern, dachte, sie sei der unermüdliche Treibstoff durch den sich alles weiterdrehe.

Der Himmel verändert seine Farbe, rosarote Schliere wabern ins Bild. Der Tag macht dem Abend Platz, die heraufziehende Kälte lässt sie frösteln. Sie muss sich bewegen. Atmet tief ein, läuft von einem Ende des Daches zum nächsten, fängt an zu hüpfen und tanzt schließlich zur Musik in ihrem Kopf. Lebenslust macht sich breit.

Fazit: Die französische Autorin und Dramaturgin Mariette Navarro hat in ihrem zweiten Roman weibliche Selbstermächtigung thematisiert. Ihre Protagonistin Claire hat für das Unternehmen alles gegeben. Sie war stolz, es bis nach oben geschafft zu haben. Doch der einsame Alltag, Arbeit, Einkauf, Essen, Einschlafen vor dem Fernseher, hat sie unmerklich in ein Hamsterrad getrieben, in dem sie ihre Lebensfreude und Spontaneität verloren hat. Bei einem Gang über den Flur bemerkt sie ein Stück Himmel, der durch die offene Dachluke scheint. Sie lässt die Rollleiter herunter und klettert hinauf. Oben angekommen fühlt sie sich sofort befreiter und atmet tief durch. Sie weiß nicht, wann sie das letzte Mal dem Himmel ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat und genießt die letzten Strahlen der Frühlingssonne auf ihrem Gesicht. Im Laufe der nächsten Stunden kämpft sie mit Naturgewalten und recherchiert ihre Karriere und all die Zeichen, die sie ignoriert hat, die ihr einen Ausstieg soufflierten. Ich mag die Sprache, die mit einem Hauch Poesie eine schöne Luftigkeit in den Text zaubert. Da sind so viele kleine Beobachtungen, die Blicke der Kolleg*innen, erste Zweifel an dem Sinn ihrer Arbeit, die Beziehung zu den Eltern, die dieses schmale Büchlein, das sich doch nur um die Protagonistin dreht, fein auffrischen. Ich mochte das sehr.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.01.2026

Erschütternd

Die Routinen
0

Die Übelkeit begann mit dem Sturz der anderen. Amik saß auf den Zuschauerrängen. Es war die erste Olympiade, die sie von außen sah. Der Trainer hatte entschieden, sie war nicht mehr dabei.

Sie hatte ...

Die Übelkeit begann mit dem Sturz der anderen. Amik saß auf den Zuschauerrängen. Es war die erste Olympiade, die sie von außen sah. Der Trainer hatte entschieden, sie war nicht mehr dabei.

Sie hatte den Stufenbarren in ihrer Gewalt. Rhythmisch tanzte ihr Körper das obere Reck, umfing mit ihrem Können die Stange wie ein Klappmesser, drehte sich mehrfach um die eigene Achse, landete haargenau auf dem unteren Holm, Drehung, zog sich nach oben, holte Schwung und flog in hohem Bogen Richtung Hallenboden. Ihr Brustkorb landete auf der Kante des Sprungbretts, die Arme nach vorne ausgestreckt, die Beine nach hinten. Wie willenlos lag sie da.

Amik möchte über die Absperrung klettern, sich auf sie legen, ihre Schmerzen absorbieren, aber ihre Muskeln versagen. Sie blickt in das Publikum. Eltern die Fähnchen schwenken, applaudieren. Als sie wieder zu ihr blickt, ist sie verschwunden. Sie haben sie rausgetragen.

1968 war der Trainer Béla Károlyi durch die Klassen der Grundschulen geschwärmt und suchte die Mädchen mit den besten Koordinations- und Gleichgewichtsfähigkeiten. Sie mussten Rad schlagen. Und dann entdeckte er Nadia Comaneci unter 4.000 anderen Kindern.

Nach Montreal 1976 schrieben die Mädchen des Kaders an Nicolae Ceausescu, dass sie von einem anderen Trainer trainiert werden wollen. Sie möchten ihre Kindheit zurück, die der Mann ohne Seele ihnen Tag für Tag wegnimmt.

In alle Dinge, die uns umgeben, ist der Verzicht eingezogen. S. 83

Fazit: Die Autorin und Kuratorin Son Lewandowski hat gekonnt eine Geschichte erzählt, die an Tragik kaum zu überbieten ist. Der schwere Sturz einer sehr jungen Kollegin bewegt die zweiunddreißigjährige Amik, während der Olympiade in Antalya, auf ihr Leben zurückzublicken. In den folgenden Kapiteln nimmt die Protagonistin mich mit in die einzelnen Wettkämpfe und den Weg dorthin. Die rumänischen und russischen Mädchen wurden auserwählt, um den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang zu imponieren. Jeder Tag der siebentägigen Trainingswochen fängt mit einem strengen Plan an. Geräte, Ausdauer und Muskelaufbau prägen den Alltag. Das morgendliche Wiegen droht mit Verzicht. Die medaillenträchtigen Mädchen sind zwischen sechs und dreizehn Jahren, sie sind dünn und sie sind klein. Ihre Eltern sehen sie nicht mehr. Die Welt nennt sie die russischen Automatenmädchen. Zuneigung erfahren sie, wenn der Trainer sie eines Blickes würdigt. Sie alle kämpfen mit Untergewicht, Ernährungsmangel, Ermüdungsbrüchen und psychischen Ausnahmezuständen. Die Pubertären mit Zyklusstörungen und Erniedrigungen. In kurzen Sequenzen erfahre ich Hintergründe von realen Turnerinnen. „Nadja hat Bleichmittel getrunken, um mal eine Weile nicht mehr am Training teilnehmen zu müssen“. Missbrauch durch Trainer und Ärzte ist die gängige Methode der Machtausübung. Die Welt, der Verband, die Jurymitglieder, die Presse, alle schauen weg. Die Autorin schildert die Torturen sehr überzeugend, die Sprache ist körperlich. Hier ist trotz aller Fiktion ein Zeitzeugnis entstanden, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die Schreibweise, an die ich mich zuerst gewöhnen musste, ist besonders. Du meine Güte, was habe ich da Erschütterndes gelesen?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2026

Leichtfüßig vermittelte Botschaft

»Mama, bitte lern Deutsch«
0

Tahsims Eltern leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Sie sind Kurden, genau genommen kurdische Yeziden und gehören wegen ihrer eigenen religiösen Glaubenssätze, einer Minderheit an. Seine Mutter verbrachte ...

Tahsims Eltern leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Sie sind Kurden, genau genommen kurdische Yeziden und gehören wegen ihrer eigenen religiösen Glaubenssätze, einer Minderheit an. Seine Mutter verbrachte den größten Teil ihrer Jugend in der Osttürkei, Sein Vater ging schon früh nach Syrien. Sie wurden zwangsverheiratet, eine Tradition, die die deutschen Gemüter beschwert und, die allmählich in den Hintergrund tritt. Seine Eltern mochten sich von Anfang an und haben sich lieben gelernt. Als die politische Situation an Brisanz gewann (2014 wurden über 5000 Yeziden durch den IS getötet, Frauen und Mädchen verschleppt, versklavt und vergewaltigt) flüchteten Tahsims Eltern nach Deutschland. Tahsim wurde, wie seine jüngere Schwester und sein jüngerer Bruder, in Deutschland geboren, hatte aber lange weder einen türkischen noch einen deutschen Pass. In zahlreichen Gesuchen übersetzte er seinen Eltern die Gespräche auf der Ausländerbehörde. Regelmäßige Briefe, die mit Abschiebung der Kinder drohten, verunsicherten die Familie zutiefst.

Tahsim erzählt von der ausgeprägten Fremdenfeindlichkeit, die ihm in den jungen 2000ern begegnete und bis heute überproportional anhält:

„Kopftuchmädchen“ Alice Weigel, Bundeskanzler Merz sieht „Probleme im Stadtbild“. „Kanake“. Diskussion über das „Kopftuchverbot“. „Die sind doch nur wegen unserer Sozialleistungen und dem Kindergeld hier“. u.s.w

Die Eltern wurden in eine Hochhaussiedlung am Rande Oldenburgs untergebracht. Ihre Nachbarn, russische, türkische, kurdische und arabische Menschen.

„…wie illegale Müllentsorgung im Ausland. Nicht ordentlich getrennt, sondern alle auf einen Haufen geschmissen und sich selbst überlassen.“ Tahsim Durgun S. 44

Ich erfahre alles über die Blicke in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gespräche in der Ausländerbehörde. Die Herabwürdigung durch Lehrpersonal, die Nichtintegration trotz Integrierbarkeit. Wie die „Kanaken“ deutsche Mädchen verteidigen, weil die von deutschen Jungs sexuell belästigt werden. Aber Tahsim bringt mir auch das schönste Land der Welt nah, das Tahsims Mutter so sehr vermisst, dass mein Herz mit ihrem blutet. Die Liebe zu den Eltern und der damit verbundene große Respekt und die Achtung vor dem Alter. Wir können so viel lernen von anderen Kulturen.

Fazit: Der Deutschlehrer, Autor, Podcaster, Content Kreator und mehrfach ausgezeichnete yezidische Kurde Tahsim Durgun ist unbestritten ein Multitalent. Er nutzt seine Fähigkeiten, um uns Deutschen die Schieflage in Deutschland zu erklären und das macht er mit einer Prise Zynismus, Humor, konstruktiver Kritik, aber auch Selbstkritik, ganz großartig. Er vermittelt seine Botschaft so leichtfüßig und authentisch, dass man ihn einfach lieb gewinnen muss. Ihn hätte ich früher gerne als Klassenlehrer gehabt. Ich weiß nicht, ob er die hartgesottenen, scheinbar unbelehrbaren Lappen da draußen erreicht (das wäre ja auch die Aufgabe deren Eltern gewesen) aber ich bin sicher, dass er die empathischen, toleranten Menschen in diesem Land bestärkt und wer weiß, vielleicht werden die lauter, gegen Fremdenhass. Dieses Buch sollte in deutschen Schulklassen Pflichtlektüre sein. Lest es und empfehlt es weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2026

Kluger Blick hinter die Oberfläche

Hohlräume
0

Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, ...

Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, das er seinem Sohn gestohlen hat. Diese Entspannungstechnik hat er von Laura. Kurz vor den Sommerferien hatte er noch mal alles gegeben. War mit verschwitztem Hemd durch die Schulflure geeilt und hatte Gönnern die Hand geschüttelt. Kollegen mussten erinnert werden, die Zensurenblätter vor der Abgabe zu unterschreiben. Und dann hatte Laura die Affäre mit ihm beendet, weil sie sie als folgenschweren Fehler ansah. Seit diesem verrückten Tag, an dem er mit Laura im Meditationsraum auf der Matratze lag, hängt er am Haken einer Schülerin.

Esther und er leben längst aneinander vorbei. Einzig in den Nächten, wenn der Duft ihrer Lavendelseife in seine Nase steigt, fühlt er sich noch immer behaglich neben ihr. Sein Lieblingskind Sophia – er hatte da nie einen Hehl draus gemacht – bereitet ihm Freude. Der Sohn Julian scheint endlich die Kurve gekriegt zu haben. Sein erfolgreicher Bruder hatte ihn im Bauunternehmen untergebracht. Wäre Karl seinem Vater gerecht geworden und hätte Medizin studiert, stünde er jetzt in seiner Gunst.

Am Nachmittag müsste Karl mit Sophia auf eine Ausstellung, er hatte es ihr versprochen. In der Mittagspause allerdings ruft ihn Laura an, sie müsse ihn dringend sprechen. Julian vermisst sein Dope und hat Sophie im Visier. Dieser Tag entwickelt sich zu genau dem, über den Karl einmal sagen wird:

Diesen Sommer ist meine Familie explodiert. S. 187

Fazit: Peter Zimmermann hat den einen Tag einer komplexen Kleinstadtfamilie durchgespielt. Mit kluger Beobachtungsgabe verhandelt er mit Bedürfnissen. Karl leidet darunter, seinem Vater nicht gerecht zu werden. Er missgönnt seinem Bruder, dass ihm das gelingt. Seine Frau hat in der Beziehung zu Karl resigniert. Einzig die Kinder hielten sie noch, aber die werden flügge. Sie bereut, ihr Studium abgebrochen zu haben und sinniert darüber, was sie einmal in Karl gefunden hatte. Aus der Sicht Karls, Sophies, Lauras und Julians erfahre ich die familiären Hintergründe. Auch zwischen der ehrgeizigen, vom Vater hofierten Sophie und ihrem Bruder brodelt es. Sophie verehrt den wortkargen Vater, der viel Raum für Interpretationen lässt. Ebenso naiv unterschätzt sie ihren Bruder. Ihr Bruder ist da schon wesentlich näher an der Realität und durchschaut des Vaters Desinteresse und die Phrasen, die er drischt, um Aufmerksamkeit zu heucheln. Karls Frau ist klar, dass er sie mit seinen angeblichen Überstunden hintergeht, aber er ist ihr die Mühe nicht wert, ihn zu konfrontieren. Am Stichtag trifft Karl mindestens eine schwerwiegende Entscheidung, die das gesamte Familienkonstrukt auseinanderbrechen lässt. Die Figuren sind sehr genau ausgearbeitet und überraschen mich mit ihren Persönlichkeiten. Ich liebe den Blick hinter die Oberfläche und bin voll auf meine Kosten gekommen. Unterhaltsam, überraschend, amüsant und ein bisschen, ach du meine Güte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2026

Absolut realistisch

Ungefähre Tage
0

Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich ...

Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich neben sie, sprach sie an, klatschte ihr mit der flachen Hand leicht gegen die Wange, sie reagierte nicht. Er schob seine Arme unter ihren Körper, hob sie hoch und trug sie ins Behandlungszimmer. Ihre Haut war wärmer als er erwartet hätte. Als sie die Augen öffnete, fragte er sie nach ihrem Namen. Aus den Unterlagen erfuhr er, dass sie schon seit acht Tagen auf Station war, bisher war sie ihm nicht aufgefallen.

Daniel Rothe, der persönliche Albtraum eines jeden Pflegers war zum 15. Mal hier. Nach seinen Aufenthalten kam er jedes Mal ins betreute Wohnen. Alle paar Monate haute er dann ab, setzte die Medikamente ab und wurde mit akuten Wahnvorstellungen von der Polizei zurückgebracht. Jetzt tobte Rothe in seinem Zimmer und schredderte das Nachtschränkchen, als Grün das Zimmer betrat. Er konnte das auf ihn zurollende Bett gerade abfangen. Kurz abgelenkt, sagte er dem Praktikanten, er solle Daniel holen, da fing er sich auch schon einen Fausthieb auf die Nase. Sie überwältigten Rothe schließlich zu dritt und jagten ihm Diazepam in den Muskel.

Nach der Schicht stänkerte Josefine, er sei wieder zu spät. Ob sie nicht einmal pünktlich bei ihren Eltern sein könnten. Er schlug ihr vor, mit der Kleinen schon mal vorzufahren. Er käme nach, sobald er geduscht hätte. Vor dem Spiegel untersuchte er sein Nasenbein, das scheinbar nicht gebrochen war, nahm die Tamponade heraus, die Blutung hatte aufgehört. Das linke Unterlid schimmerte in Blautönen. Er dachte an sie, wie sie in seinen Armen lag, zuerst hatte sich ihr Körper versteift, doch gleich darauf wurde er weich, wie zum Beweis seines Vertrauens in ihn.

Fazit: Annika Domainko hat mir in ihrem Debütroman einen Blick in die Mühlen der Psychiatrie geschenkt, der es in sich hat. Der Pfleger namens Grün, aus dessen Sicht die fiktive Geschichte erzählt ist, arbeitet nach einem verpassten Archäologiestudium seit zwanzig Jahren auf der Geschlossenen der Psychiatrie. Seine Frau Josefine ist Akademikerin, die gemeinsame Tochter noch klein. Die Familie seiner Frau verachtet ihn. Grün selbst hat „harte“ Zeiten hinter sich, dass es um seinen Selbstwert nicht bestens bestellt ist, verwundert kaum. Er findet in einer Patientin mit psychotischen Schüben eine Vertraute. Was mir an der Geschichte richtig gut gefällt, ist die Stimme und der Aufbau. Mir wird absolut plausibel, warum sich der Pfleger zu der Patientin mit der vulnerablen Persönlichkeit hingezogen fühlt. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass es absolut falsch, ja verboten ist, das auszuleben. Das Machtgefälle wirkt gar nicht so groß, weil auch Grün angeschlagen ist, allerdings steht er auf der einen Seite der geschlossenen Tür und sie auf der anderen. Am Ende nimmt die Geschichte an Fahrt auf und dramatische Ausmaße an. Da ich ursprünglich selbst in der Psychiatrie gelernt habe, habe ich der Autorin jedes Wort geglaubt. Sie hat nichts beschönigt und nichts verschlimmert. Die Geschichte hätte exakt so passiert sein können. Von mir eine absolute Leseempfehlung für die großartige Umsetzung der Themen Machtmissbrauch und Manipulation.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere