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Veröffentlicht am 05.06.2026

Die Sucht nach Anerkennung

Toxibaby
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Toxibaby hat viel Zeit, ins Leid zu fallen. Er will sich nicht verbiegen und anpassen, im täglichen Strudel des Broterwerbs ertrinken. Er lässt sich treiben, arbeitet stattdessen die philosophischen Fragen ...

Toxibaby hat viel Zeit, ins Leid zu fallen. Er will sich nicht verbiegen und anpassen, im täglichen Strudel des Broterwerbs ertrinken. Er lässt sich treiben, arbeitet stattdessen die philosophischen Fragen des Lebens ab und Herzchen hilft ihm dabei. Sie sei eben anpassungsfähig, sagt er, deswegen hat sie auch ihr erstes Buch geschrieben und für das hoffentlich baldige Zweite einen satten Vorschuss kassiert. Zuvor hatte sie den ein oder anderen Schreibwettbewerb gewonnen und durfte sich dem geneigten Publikum auch schonmal in der Kreissparkasse zeigen. Tatsächlich handelt ihr erstes Buch von ihrer jüdischen Familie und Toxi wirft ihr vor, sie habe sich daran bereichert, ihre Familie vorzuführen. Und also na ja, es passt aber auch so gut ins kollektive Schuldbewusstsein und deswegen hat es sich auch so gut verkauft, wer hätte denn da nicht zugeschlagen?

Trotz Toxibabys Zickigkeit ist er für Herzchen der schönste Mann, den die Welt je gesehen hat. Er kleidet sich in Designerware aus zweiter Hand, dass er sie belügt und betrügt, davon geht sie aus. Toxibaby verzweifelt gerne am System, das Verlierern wie ihm nicht den gebührenden Platz einräumen möchte. Herzchen ist sich allerdings sicher, dass sie ihn wird retten können. Toxibaby monologisiert gerne ausschweifend und wenn Herzchen ihren kindlichen Blick aufsetzt und Interesse heuchelt, dann ist sie ihm recht. Wenn sie jedoch widerspricht, dann streiten sie. Toxi kann laut werden, wenn ihm der Kragen platzt, danach verschwindet er in schöner Regelmäßigkeit aus ihrer Wohnung und blockiert sie für Tage bis Wochen. Herzchen telefoniert deswegen mit ihren besten Freundinnen und verbreitet ihr Leid, denn sie kann einfach nicht ohne Toxi. Dreizehnmal ist ihnen das jetzt schon passiert.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Dana von Suffrin hat in diesem Buch eine moderne On-off-Beziehung verhandelt. Sie zeigt auf eingängige, fast penetrante Weise, wie zwei Menschen weder mit,- noch ohne einander können. Beide haben große Minderwertigkeitsgefühle, die sie unterschiedlich kompensieren. Er ist paranoid und depressiv. Er neigt zur Bevormundung, zu mangelnder Selbstironie, und weil er sich und seinen weltlichen Schmerz sehr ernst nimmt, kreiert er allerhand Dramen. Sie ist eine nähesuchende, abhängige Persönlichkeit, die zu Hysterie neigt. Sobald sie sich zurückgewiesen fühlt, wird sie verletzend und ist in ihrem Repertoire breit aufgestellt. Sicherlich kranken beide an ihrem familiären Background, aber auch an den gesellschaftlichen Optimierungstendenzen. Bedingungslose Liebe wird nicht mehr verschenkt. Wir verstricken uns in Erwartungen, denen weder wir noch andere gerecht werden können, die uns jeden Tag durch sozial Media vorgekaut werden. Viele sehnen sich nach dem Optimum, geiler Job, coole Bude in hypem Wohnviertel, schnatzes Aussehen. In der Sehnsucht nach Anerkennung vergessen wir das, was wirklich zählt. Und so zerreiben Toxi und Herzchen sich an den Gegensätzen Libido und Thanatos und entwickeln eine Leidensfähigkeit, die für mich als Außenstehende extrem nervig war. Die Geschichte ist großartig gemacht, gerade weil sie mich dazu bringt, von den Interaktionen des Paares und dem sinnlosen Verschwenden ihrer Lebenszeit genervt zu sein. Und sie zeigt, dass so eine komplizierte Beziehung eben nicht nur Frust, sondern auch Lust bringt. Für alle, die sich für weiblichen Narzissmus interessieren.

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Veröffentlicht am 03.06.2026

Trauer in all ihren Facetten

Laute Nächte
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Kenni hat Paul über eine Annonce gefunden und mit ihm das WG-Zimmer in Wien. Warum Wien weiß er eigentlich nicht, es hätte jede Stadt sein können außer München, wo ihn alles an sie erinnert. Denn sie ist ...

Kenni hat Paul über eine Annonce gefunden und mit ihm das WG-Zimmer in Wien. Warum Wien weiß er eigentlich nicht, es hätte jede Stadt sein können außer München, wo ihn alles an sie erinnert. Denn sie ist tot und er erträgt es nicht.

Pauls Wohnung ist über zweihundert Quadratmeter groß und abgefahren schön. Große helle Räume mit Stuck an den Decken, Fischgrätparkett. Im Gäste-WC blutrote Wände, Jugendstilkerzenhalter neben golden gerahmten Spiegel. Im Wohnzimmer ein riesiges Sofa in L-Form, das die Bezeichnung Landschaft verdient. Ein großer Kachelofen mit Löwenköpfen an den Seiten, Flachbildschirm auf Plexiglas. In der Küche trifft altes Holz auf Edelstahl. Neben seinem Zimmer wohnt Elif, sie ist auch gerade erst eingezogen. Am Ende des Flurs lebt Julia, sie hat das kleinste Zimmer wegen der Kosten und so. Paul hat zwei Zimmer, getrennt durch eine Flügeltür. Kenni dachte, die Wohnung gehört Pauls Eltern, aber er hat sie selbst gekauft. Hat Tennis gespielt und muss ne größere Nummer gewesen sein, jetzt hat er Depressionen. Elif bringt oft etwas zu Essen mit, die Reste aus dem Imbiss ihres Vaters, Köfte, Kebab und Eyran. Manchmal macht sie ihnen sonntags Frühstück, haut Paprika, Tomaten und Eier mit viel Zwiebeln und Knoblauch in die Pfanne. Und sie redet viel, was ihr so durch den Kopf geht oder an ihr drückt und manchmal läuft sie im Spitzen-BH und Tanga durch den Flur. Ohne Elif wären Paul und Kenni nichts als zwei depressive Männer.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat wieder ihr psychologisches Kaleidoskop ausgepackt und mich an Stellen berührt, die ich in meinem Alltag so nicht spüre. Ihr Ich-erzählender Protagonist spricht im Präsens zu mir und ich erfahre, dass er seine Freundin durch einen Autounfall verloren hat. Er hält München, ihre gemeinsamen Freunde und Vater und Bruder nicht aus und zieht nach Wien. In Pauls WG passiert, was nicht sein darf. Er verliebt sich in die lebhafte Elif, die selbst mitten in einer toxischen Beziehung steckt und stürzt in einen Loyalitätskonflikt. Schon bei dem Gedanken an Elif glaubt er seine verstorbene Freundin zu betrügen. Die Autorin hat alle Facetten der Trauer/des Verlusts virtuos bespielt und real aufgearbeitet. Der eigentliche Konflikt, der Geschichten so interessant macht, steckt in Kenni selbst. Es gibt so wohltuende, heilsame Situationen, zum Beispiel zwischen Kenni und Paul, dass mir das Herz überfließt und so treffende Gedanken, dass ich genaustens nachvollziehen kann, wie Kenni fühlt. Auch Kennis Trauerambivalenz: Sie war das beste, was ihm je passiert ist, aber sie konnte auch richtig mies sein, ist so gut eingefangen. Diese Geschichte muss der Autorin einiges abverlangt haben und ich bin froh, dass sie sie durchgezogen hat. Wieder ist ein intensives Psychogramm entstanden, das ich wärmstens empfehle.

Ebenfalls richtig gut gefallen hat mir ihr Buch „Blaues Wunder“.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

Nah am Leben entlanggeschrieben

Pina fällt aus
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Leo liegt noch im Bett, als Pina in die Küche kommt. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein und drückt zwei Tabletten aus dem Blister. Sie spürt Leos Blick im Rücken. Es muss also die grüne Blase in der Lavalampe ...

Leo liegt noch im Bett, als Pina in die Küche kommt. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein und drückt zwei Tabletten aus dem Blister. Sie spürt Leos Blick im Rücken. Es muss also die grüne Blase in der Lavalampe aufgestiegen sein. Sie dreht sich um und sieht die blonden Haare ihres zwanzigjährigen Sohnes in alle Richtungen abstehen. Er sieht aus wie ein Rockstar nach durchzechter Nacht. Leo setzt sich und rückt mit dem Stuhl so nah an den Tisch, dass er zwischen Lehne und Kante press sitzt. Er nimmt die Frostiespackung, stellt sie wieder ab, rückt die Müslischale akkurat in die Mitte des weißen Kreises der blauen Wachstischdecke, nimmt die Packung wieder auf, schüttet bis zur Hälfte ins Porzellan und füllt mit Milch auf. Dann beginnt das Warten darauf, dass die Brocken einweichen und Pina sieht auf die Uhr. Nach dem Frühstück mahnt Pina zur Eile, was keinerlei Sinn ergibt, denn je mehr Druck sie macht, desto fahriger wird Leo. Pina weiß, dass Harry, der Fahrer der Behindertenwerkstätte exakt eine Pall-Mall-Länge wartet, länger nicht. Im Treppenhaus steigt Leo zwei Stufen nach unten, eine wieder herauf. Pina kann dem Ritual nur beiwohnen, wenn sie Leo unterbricht, hakt etwas in seinem Kopf aus und schleift und das sorgt dann für richtig schlechte Laune. Wie jeden Morgen erreicht Pina Harry in letzter Minute und atmet auf, als Leo einsteigt. Jetzt kann sie zum Callcenter laufen.

Nach der Arbeit hetzt Pina nach Hause. Auf den letzten Metern hört sie schon das hysterische Geschrei der glatzköpfigen Tochter des Hauseigentümers. Pina rennt panisch auf Harry zu, der die Vermietertochter ignoriert. Dieser Scheißbus, der sie jede Nacht aus dem Schlaf stinkt. Er solle doch vier Meter weiter halten, weil sie ihm sonst seine Scheißreifen zerstechen wird. Als Harry die Tür öffnet, zieht Leo alle Register seiner Erregung. Schnelle Atmung, Händeschütteln. Lauter Protest „Oh ne, oh ne Scheißreifen, Scheißbus!“ Dann erreicht er die nächste Eskalationsstufe, läuft vor und zurück und schreit „Ficka, Huansohn“. Die Glatzköpfige stapft die Stufen hoch und verschwindet maulend im Hausflur. Pina versucht den Tag zu retten.

Fazit: Vera Zischke, Journalistin und Autorin, hat nach ihrem Debüt „Ava liebt noch“ wieder nah am Leben entlanggeschrieben. Und diesmal klingt es, als plaudere sie aus dem Nähkästchen. Ihre alleinerziehende Protagonistin stemmt die Sorge um ihren autistischen Sohn und den Lebensunterhalt. Dann wird sie ernsthaft krank und als Notfall in die Klinik eingewiesen. Drei Nachbarn weigern sich zuerst akribisch in die enge Wahl derer gekommen zu sein, die Leo versorgen müssen und zeigen Unverständnis für seine Eigenarten. Aber Leo ist nicht nur eigenartig, sondern auch bezaubernd und so wächst nach und nach das Verantwortungsbewusstsein der unfreiwilligen Gemeinschaft. Die Geschichte zeigt, wie wir uns verändern könnten, wenn wir Inklusion nicht nur zuließen, sondern leben würden. Eine ganz fein ausgearbeitete, bewegende Geschichte mit viel Gespür und Kenntnis des frühkindlichen Autismus. So gelungen hat mir in einem Buch noch niemand gezeigt, was im Kopf und Nervensystem eines autistischen Menschen vorgeht, wenn die Routine durchkreuzt wird und es anfängt im Getriebe zu harken. Absolute Leseempfehlung für alle, die sich berühren lassen möchten.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

Absurd unterhaltsam

Verlorene Schäfchen
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Father Andrew versucht der unendlichen Mückenpopulation in seiner Kirche Herr zu werden. Schuld ist Miss Winkle. Sie kommt seit einer Weile mit ihrer geistig behinderten Tochter zu den Andachten. Miss ...

Father Andrew versucht der unendlichen Mückenpopulation in seiner Kirche Herr zu werden. Schuld ist Miss Winkle. Sie kommt seit einer Weile mit ihrer geistig behinderten Tochter zu den Andachten. Miss Winkle arbeitet in einer Gärtnerei und folgte ihrer Idee, das Gotteshaus etwas freundlicher zu gestalten. Nun ziert eine Monstera das Eingangsportal. Diese Pflanze steht ganz oben auf der Liste der Gründe, warum Father Andrew Miss Winkle nicht mag. Darüber hinaus hat sie noch keinen Cent gespendet. Dann diese Marotte ständig „Sag ich doch“ zu sagen, dabei hatte er sie jemals, weder etwas Geistreiches, noch Interessantes sagen hören.

Als Bud Flynn an die Sakristeitüre klopfte und Father Andrew um ein Herein bat, machte Bud einen unaufgeräumten Eindruck. „Setzen sie sich Bud“. Mr. Flynn fragte für einen Freund, wie hoch die Chancen seien, nach einem Suizid in der Hölle zu landen. Der Herr schenke und nehme das Leben, da dürfe ihm niemand reinquatschen, das sei Blasphemie, sagte Father Andrew, ob er das seinem Freund ausrichten könne?

Wenige Wochen später saß Harper Flynn, die jüngste der drei Schwestern auf dem gleichen Stuhl. Die Zwölfjährige wollte beichten. Sie lüge konsequent. „Wann kommt ihr denn mal wieder zur Messe, wenn die Zeiten dunkel sind, sind die Fehlleitungen am größten“. Sie seien reformiert. Sie habe aus Mr. Friedmans Apotheke Trizoletin geklaut und in der Schule verkauft. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“. Manchmal lege sie hinter dem Waschsalon Feuer. „Ich bin nicht in der Position dir Absolution zu erteilen“. Sie habe sich mit einer Lupe die Handflächen verbrannt, um Stigmata vorzutäuschen. Father Andrew mag die Flynns.

Fazit: Madeline Cash hat mit ihrem Debüt einen Kracher hingelegt. Catherin und Bud sind seit der Highschool zusammen. Sie haben drei Töchter. Catherine öffnet ihre Ehe und fortan nächtigt Bud im Auto in der Garage. Die erste Verzweiflung schenkt ihm suizidale Ideen, gefolgt von Gleichgültigkeit. Die Töchter stürzen sich, weitestgehend unbeachtet durch elterlichem Argwohn, in ihr eigenes Unglück. Die Jüngste, Louise chattet mit einem Fundamentalisten, der sie zu einer größeren Straftat motiviert. Die Mittlere, Harper begegnet ihrer jugendlichen Tristesse mit provokanten Delikten und deckt in detektivischer Kleinstarbeit die Fisimatenten des Tech-Milliardärs und Arbeitgebers ihres Vaters auf. Und die Älteste verliebt sich in einen maulfaulen jungen Mann namens „Kriegsverbrecher-Wes“. In dieser ungeheuer lustigen, vor Situationskomik schreienden Geschichte geht es um die Doppelmoral der Katholiken, die feuchten Silikon-Valley-Träume alter reicher Männer, um die möglichen Vorteile polyamouröser Beziehungen (Selbstfindung und so) und um die Liebes- und Toleranzfähigkeit einer ziemlich durchgeknallten Familie. Das ganze, wirklich intelligent unterhaltsame Treiben, wird von einem allwissenden Erzähler vermittelt. Leute, wie schade, dass das Buch zu Ende ist. Sollte daraus eine Netflixserie entstehen, bin ich sofort dabei. Unbedingt lesen und genießen.

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Veröffentlicht am 29.05.2026

Richtig gute Unterhaltung über ADHS

Sie wollen uns erzählen
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Oz wird seiner Mama etwas beichten müssen, der Brief seiner Lehrerin in der Tasche muss unterschrieben werden. Oz überlegt, wie er am Gescheitesten anfängt, denn der Geduldsfaden seiner Mama ist kurz. ...

Oz wird seiner Mama etwas beichten müssen, der Brief seiner Lehrerin in der Tasche muss unterschrieben werden. Oz überlegt, wie er am Gescheitesten anfängt, denn der Geduldsfaden seiner Mama ist kurz. Es geht um die Hasen und um Fahids Rohkost. Fahid muss Gemüse essen, weil er zu dick ist, aber er mag kein Gemüse und weiß, dass die Hasen es mögen. Donnerstags dürfen sie in kleinen Gruppen zu den Nagern, die genaugenommen Nagerinnen sind, Hildi und Flöte.

Carina, Ozzys Klassenlehrerin, die gleichzeitig Hasenbeauftragte ist, hat ihnen eingebläut, wie klein die Hasenherzen sind und dass sie bei zu vielen Kindern zu schnell schlagen würden und dass sich das für Hasen sehr schlimm anfühle, also donnerstags. Jetzt bekommt Fahid aber jeden Tag Gemüse in seine Brotdose und deshalb schleichen sie in der Pause am eingezäunten Sportplatz vorbei und besuchen Hildi und Flöte, so wie an diesem Tag. Als sie vor dem Stall stehen und Hildi beim Knabbern zusehen, schmeißt HL den Rasenmäher an und lässt ihn gleich darauf absaufen. HL mag keine Hasen und keine Kinder, aber damit wird er seine Mama langweilen, deswegen lässt er das besser weg, obwohl es wichtig ist. Sie hat im Streit mit seinem Papa mal gesagt, er soll sich seine Scheißmedikamente sonst wohin stecken und dann ein Antiimpulsivtraining gemacht, aber die Zornesfalte zwischen den Augen verrät, wenn sie gleich schreien wird. Dann zischt Fahid „der kommt!“ und tatsächlich, kurz bevor er bei ihnen ist flüstert Arvo „mach den Stall zu Oz“ und sie schlagen sich in die Büsche. Dort, wo sie jetzt vornübergebeugt verschnaufen, können sie nicht alles sehen. HL geht zurück zum Mäher, zieht an der Schnur, zieht immer wilder an der Schnur, weil der Mäher alt und HLs Geduld gering ist und dann rattert er los und in dem Moment ruft Luca „Schaut mal Flöte“. Sie sehen, wie Flöte im Zickzack rumrennt und dann auf den Rasenmäher zu und unter den Mäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht, Arvo und Fahid halten sich den Mund zu und Luca ist wie erstarrt und kann sich gar nicht rühren.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete, österreichische Autorin Birgit Birnbacher hat das Bild eines neurodivergenten Jungen mit ADHS gezeichnet und das ist ihr richtig gut gelungen. Oz muss sich in der dritten Klasse fürs Gymnasium qualizieren, dann passiert das Unglück mit Flöte und Oz wird stigmatisiert. Danach soll er von allen Seiten beleuchtet werden, die Schule wünscht eine Diagnose. Währenddessen arbeiten sich seine Mutter und sein Vater aneinander ab und dann verschwindet die Oma Zäzilia aus dem Krankenhaus und räumt Oz eine Geständnispause ein. Gut gefallen hat mir der Humor. Viele Stellen sind wirklich komisch und amüsant erzählt. Oz gedankliche ADHS-Ausschweifungen sind so gut gezeigt. Während sich Oz Diagnose immer weiter herausschält, merkt die Mutter, dass sie ähnlich tickt, aber auch, wie das Leben und ihre Ehe sie verändert haben, wie gehässig und missgünstig sie geworden ist. Auf den letzten Metern hat die Autorin mich leider verloren, so absurd entwickelt sich das Ganze. Dennoch hat sie mich richtig gut unterhalten. Ich mochte auch den Roman „Ich an meiner Seite“ sehr, der für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert war. Für alle, die ADHS besser verstehen möchten.

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