Profilbild von MarionHH

MarionHH

Lesejury Profi
offline

MarionHH ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarionHH über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.06.2017

4. Abenteuer des Glückskaters Darcy

Darcy - Der Glückskater und der Geist von Renfield Hall
0

Seit er versehentlich mit einem fremden Wohnwagen mitgenommen wurde, sucht der bunt gefleckte Kater Darcy sein Zuhause. Auf dem Weg trifft er allerhand interessante Menschen und nistet sich gelegentlich ...

Seit er versehentlich mit einem fremden Wohnwagen mitgenommen wurde, sucht der bunt gefleckte Kater Darcy sein Zuhause. Auf dem Weg trifft er allerhand interessante Menschen und nistet sich gelegentlich auch einmal bei dem einen oder anderen ein. Diesen besonderen Menschen bringt er Glück und verändert ihr Leben. Diesmal trifft er auf ein altes, recht heruntergekommenes Herrenhaus in den Cotswolds, das nach dem Tod des Hausherrn nur noch von dessen junger Witwe Freda bewohnt wird. Diese muss sich nun mit immensen Instandhaltungskosten herumschlagen und trägt sich mit dem Gedanken zu verkaufen – eine Idee, die weder bei ihren Stiefkindern noch bei den Dorfbewohnern gut ankommt…

Bereits der vierte Teil um Glückskater Darcy, den man jedoch unabhängig von den anderen Bänden lesen kann, da immer derselbe Prolog vorangestellt wird, so dass auch der neue Leser weiß, worum es geht. Buch und Protagonisten, allen voran der befellte, sind natürlich herzallerliebst. Schreibstil und Story sind nicht allzu anspruchsvoll, aber sehr gut zu lesen, und da man die Protagonisten super sympathisch findet, lebt man natürlich sehr mit ihnen mit. Durch die Perspektivwechsel erhält man unterschiedliche Sichtweisen zu den Situationen und das macht es zusätzlich interessant. Die Autorin hat einen sehr lockeren und humorvollen Stil und versteht es ihre Figuren und deren Umgebung liebevoll-skurril darzustellen.

Der Mensch, dem hier geholfen werden muss, ist in diesem Buch Freda, die unheimlich gutherzig ist und von allen gemocht wird. Manchmal kommt sie mir allerdings auch recht naiv vor, war sie ja doch fast 20 Jahre mit ihrem viel älteren Ehemann verheiratet und alle Probleme können ihr nicht gänzlich verborgen geblieben sein. Sie hat allerdings auch nie gearbeitet und so kommt eben kein Geld in die Haushaltskasse. Aber sie ist sehr anpackend und lösungsorientiert und vor allem liebt sie das Herrenhaus und will es erhalten. Darcy, der einmal mehr als Seelentröster und Glückskater fungiert, hilft ihr dabei, den Verlust ihres Mannes besser zu verschmerzen und aktiv zu werden. Ich finde die Charaktere grundsätzlich gut beschrieben, man kann sich Umgebung und Menschen sehr gut vorstellen. Mitunter sind mir zu viele und zu große Zeitsprünge drin, auf einmal hat sie z.B. den Wintergarten verschönert und schon mehrere Teeparties gehalten. Auch ihr Stillschweigen gegenüber Sally scheint mir teilweise unglaubwürdig, und dieser Aspekt der Geschichte wird meines Erachtens auch nicht so befriedigend gelöst. Aber es ist schön zu lesen, wie Freda eine Entwicklung zur lebensbejahenden, anpackenden Geschäftsfrau durchmacht und neuen Lebensmut gewinnt, und es ist einfach lustig und gut zu lesen.

Fazit: Schöne leichte und humorvolle Lektüre für alle Katzenfans. Darcy taucht immer mal wieder auf und mischt mit, an sich geht es jedoch um das Leben der jeweiligen Hauptfigur. Die Geschichte lässt sich so „weglesen“ und ist einfach niedlich, auch wenn ich mir bei einigen Geschehnissen mehr Ausführlichkeit gewünscht hätte. Besonders rührend fand ich, wie sich Darcy flashartig immer wieder an seine alte Familie erinnert und große Sehnsucht nach ihnen verspürt, dann zieht er weiter. Und irgendwie wünscht man ihm doch auch, dass er sie bald findet…

Veröffentlicht am 21.06.2017

Zweiter spannender Fall für Toni Stieglitz

Tiefe Schuld
0

Jugendliche Geocacher stoßen bei ihrer Schatzsuche auf eine schrecklich zugerichtete weibliche Leiche. Ein Fall für Antonia „Toni“ Stieglitz, Kriminalhauptkommissarin von der Münchner Mordkommission. Toni ...

Jugendliche Geocacher stoßen bei ihrer Schatzsuche auf eine schrecklich zugerichtete weibliche Leiche. Ein Fall für Antonia „Toni“ Stieglitz, Kriminalhauptkommissarin von der Münchner Mordkommission. Toni ist alarmiert: Die Leiche weist alle Anzeichen von schweren Misshandlungen auf. Gibt es etwa einen gewalttätigen Ehemann? Ein sensibles Thema für Toni, war sie doch selbst Opfer eines prügelnden Partners, der ebenfalls bei der Polizei ist und den sie angezeigt hat. Seitdem versteckt sie sich vor ihm. Das Team um Chef Hans Zinkl nimmt die Ermittlungen auf, jeder hat seine zugewiesene Aufgabe, doch Tonis Alleingänge bringen sie mehr als einmal in Teufels Küche. Nicht nur nimmt sie den Fall persönlich und will ihn unbedingt aufklären, sie fürchtet sich zudem von ihrem Ex und hat vor ihrer neuen Liebe Tom Mulder Geheimnisse. Die Ermittler stoßen auf allerlei Ungereimtheiten und je tiefer sie vordringen, desto mehr unschöne Wahrheiten bringen sie ans Licht.

Zweiter Fall nach „Verletzung“ für die Münchner Kommissarin Toni Stieglitz, der ein echter Pageturner ist und sich kaum aus der Hand legen lässt. Man merkt deutlich, dass die Autorin sich bestens im Polizeiapparat auskennt, Ermittlungsmethoden, Zusammenarbeit und Charaktere wirken auf mich sehr professionell und authentisch. Dazu hat sie einen sehr eingängigen Schreibstil, der sich gut lesen lässt, und sie versteht es, die Geschichte spannend und logisch zu erzählen und die Spannung stetig zu steigern. Zusätzliche Brisanz erhält das Ganze natürlich durch Tonis sehr persönliches Drama, das denn auch sehr viel Raum in der Geschichte einnimmt und ihre Handlungen nachhaltig bestimmt. Durch mehrere Perspektivwechsel gewinnt der Leser einige Erkenntnisse, die Toni nicht hat, doch ist alles so wohl dosiert, dass es die Spannung noch steigert und nicht zu Langeweile führt. Tonis Sichtweise nimmt jedoch den meisten Raum ein, man erhält tiefe Einblicke in ihre Seele und lebt immens mit ihr mit.

Alle Charaktere sind gut herausgearbeitet und haben ihre Eigenheiten, einigen wird jedoch mehr Aufmerksamkeit gewidmet als andere, z.B. Tom Mulder, aus seiner Sicht und der mit dem Opfer verquickten Personen werden auch einige Handlungsstränge erzählt. Toni jedoch ist diejenige, auf der der meiste Fokus liegt. Sie ist ein zwiespältiger Charakter, erfolgreich und ehrgeizig in ihrem Beruf, innerlich zerrissen und gebeutelt durch ihr sehr frisches Beziehungsdrama. Umso erstaunlicher, dass sie sich recht schnell wieder auf einen neuen Mann einlässt, das fand ich aus psychologischer Sicht etwas unglaubwürdig. Sehr überzeugend rüber kamen ihr seelisches Ungleichgewicht, ihre Unsicherheit und ihr Schutzbedürfnis. Ich sehe darin auch keine Diskrepanz zu ihrer beruflichen Toughness, sie ist eine sehr intelligente und hartnäckige Ermittlerin, aber auch empathisch, und sie will unbedingt die Wahrheit herausfinden. In diesem Fall geht ihr das Ganze persönlich nahe, sie versucht jedoch trotzdem objektiv zu bleiben. Ihre Kollegen tun ihr Übriges dazu, und sie hinterfragt sich und ihre Ansichten ständig selbst und revidiert sie, wenn nötig.

Fazit: Solider und spannender Krimi, den es sich zu lesen lohnt. Es gibt zwar Verweise auf den vorangegangenen Band, doch lässt sich der vorliegende unabhängig von diesem lesen, der Fall ist sowieso in sich abgeschlossen und auch Tonis eigene Geschichte wird ausreichend beleuchtet, um alles nachvollziehen zu können. Der Fall selbst bietet Spannung und eine gute Auflösung. Als erfahrener Krimileser ermittelt man natürlich mit, wird aber durch die eine oder andere Wendung durchaus überrascht. Einige Charaktere fand ich so interessant, dass ich gerne mehr über sie erfahren hätte, wie etwa Mulder oder auch die Ermittlerkollegin Beate, aber diese tauchen hoffentlich auch im Folgeband auf, so dass ein zusätzlicher Anreiz da ist, diesen ebenfalls zu verschlingen!

Veröffentlicht am 13.06.2017

sehr spannender Psycho-Thriller - Fortsetzung folgt

Teufelskälte
0

Gard Sveen „Teufelskälte“ – Rezension

Tommy Bergmann, Ermittler bei der Kripo in Oslo, wird zu einem mysteriösen Mord hinzugezogen: Ein totes junges Mädchen, schrecklich zugerichtet, die alle Anzeichen ...

Gard Sveen „Teufelskälte“ – Rezension

Tommy Bergmann, Ermittler bei der Kripo in Oslo, wird zu einem mysteriösen Mord hinzugezogen: Ein totes junges Mädchen, schrecklich zugerichtet, die alle Anzeichen eines bekannten Serientäters trägt. Nur sitzt dieser, Anders Rask, seit 1988 in einer geschlossenen Anstalt. Ist er etwa nicht der Mörder? Bergmann und das Ermittlerteam werden auf verschiedene Ermittlungsstränge angesetzt, Bergmann selbst auf einen alten Fall, bei dem er damals als junger Polizist dabei war, die Vorgesetzten fordern schnelle Ergebnisse. Als Mitarbeiterin wird ihm ausgerechnet Susanne Bech zugeteilt – alleinerziehende Mutter und noch in der Probezeit. Bergmann beginnt immer mehr an der Täterschaft des Verurteilten zu zweifeln. Nicht nur kämpft er mit seinen eigenen Dämonen, er wird außerdem noch mit seiner Anfangszeit als Polizist und seinem ersten Fall und mit seiner trüben Vergangenheit konfrontiert.

Super spannender 2. Fall für den doch sehr eigenwilligen Osloer Ermittler Tommy Bergmann. Leider ist dieser Band nicht abgeschlossen, es folgt noch ein weiterer Band, der dann hoffentlich die Lösung präsentiert. Man muss sich also noch gedulden und das ist natürlich sehr geschickt vom Autor. Geschichte und Fall fesseln, so dass man unbedingt wissen muss, wie es weiter- beziehungsweise ausgeht. Schreibstil und Plot lassen nichts zu wünschen übrig, die Geschichte ist spannend, die Atmosphäre typisch für Skandinavien-Krimis düster, die Charaktere haben alle ihre sehr dunklen Schattenseiten, allen voran Bergmann, der alles andere als ein Sympathieträger ist. Mit seiner dunklen Vergangenheit, seinen ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden und nicht zuletzt seinem Hang zur Gewalt polarisiert er nicht nur den Leser, auch Vorgesetzte und Mitarbeiter haben so ihre Probleme mit ihm. Er ist ein Anti-Held, dem man an sich nicht zutraut, den Fall zu lösen, zu tief ist er emotional verstrickt, und seine Vorgehensweise ist auch nicht gerade überzeugend oder logisch. Er hat mit fast vierzig den niedrigsten Rang in der Polizeihierarchie und bekommt mit Susanne Bech eine zwar sympathische Person zugeteilt, die aber nicht gerade als Leistungsträgerin verschrien ist. Beide können sich nicht einschätzen und machen lieber Alleingänge, der Informationsfluss ist generell eher schleppend. Nichtsdestotrotz versucht Bergmann sein Gewaltproblem in den Griff zu bekommen, er reflektiert seine Handlungen und sein Verhalten und versucht sich zu bessern. Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und will den Fall unbedingt lösen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr stzellen sich auch Bergmann und Bech aufeinander ein und beginnen, sich aufeinander zu verlassen und zu helfen.

Trotz aller Zwiegespaltenheit dem Ermittler gegenüber muss ich sagen, dass mir sowohl Plot als auch Fall und Personen sehr zugesagt haben und ich sehr mit Tommy und Susanne mitgefiebert habe, ich war sofort gefesselt, was wohl auch dem geschuldet ist, dass sehr viel Psychologie eine Rolle spielt. Die oftmals angedeutete erotische Spannung zwischen den Personen hätte man sich meines Erachtens in vielen Szenen schenken können, es stört aber auch nicht, da es nicht ausufert. Der Autor verzichtet auf allzu blutige Details, er baut die Spannung sehr subtil auf, mit Andeutungen, die Raum für Fantasie lassen. Alle Protagonisten haben in irgendeiner Form psychische Probleme oder sind zumindest aus psychologischer Sicht interessant, die Charaktere sind generell vielschichtig und besonders Bergmann und Bech hadern sehr viel mit sich und ihrer Arbeit. Bei Bech kommt noch die zusätzliche Brisanz hinzu, dass sie persönlich betroffen ist. Sie ist durch ihre Tochter verwundbar und wird selbst zum Opfer.

Fazit: Der in vier Teile sehr strukturiert aufgebaute Thriller überzeugt mit fesselnden Charakteren, schaurig-düsterer Atmosphäre und einem spannenden Fall. Der Autor hat einen sehr überzeugenden Schreibstil und versteht es ausgezeichnet Spannung aufzubauen und den Leser zu fesseln. Für alle Fans des abgründigen und psychologischen Thrillers dringend zur Lektüre empfohlen. Die Leserschaft wartet ungeduldig auf die Fortsetzung!

Veröffentlicht am 22.05.2017

„Das Panama Erbe“ – 2. Band der Amakuna-Trilogie und sehr gelungene Fortsetzung!

Das Panama-Erbe
0

Sina Saratoga ist eine Top-Wirtschaftsstudentin an der renommierten Harvard-Universität, Erbin des riesigen und einflussreichen Saratoga-Bankenimperiums und verlobt mit Felipe, Sohn eines ebenso einflussreichen ...

Sina Saratoga ist eine Top-Wirtschaftsstudentin an der renommierten Harvard-Universität, Erbin des riesigen und einflussreichen Saratoga-Bankenimperiums und verlobt mit Felipe, Sohn eines ebenso einflussreichen Wirtschafts- und Immobilienmagnaten in Panama. Ihr Leben ist vorgezeichnet, bis sie plötzlich an der Uni, mitten in der Vorlesung, einen Blackout hat. Die Therapeutin erkennt, dass Sina etwas Schlimmes aus ihrer Kindheit verdrängt hat, nämlich was vor 20 Jahren mit ihren Eltern geschah. Durch einen unmittelbaren Auslöser in der Gegenwart kamen Bruchstücke der Erinnerung mit aller Gewalt wieder hoch. Bei einer Ausstellung sieht sie einen vom Kuna-Volk, den panamesischen Ureinwohnern, gefertigten Wandteppich, der ebenfalls starke Erinnerungen in ihr auslöst und der von einem Kuna-Aktivisten gestohlen wird. Seitdem ist für Sina nichts mehr, wie es war. Sie verlässt die Uni und beschließt, mehr über das Schicksal ihrer Eltern herauszufinden und den Kuna zu finden, der den Teppich entwendet hat. Ihr Großvater versucht mit aller Macht, sie zurückzuholen, und setzt allerlei zwielichtige Gestalten auf sie an. Auch Felipe, ihr Verlobter, fährt ihr nach. Sie findet den Kuna, Neri, doch auch die Verfolger finden sie. Als sie ins Wasser stürzt, um Felipe zu retten, prallt sie mit voller Wucht an Felsen und wird ohnmächtig. In ihren Träumen hat sie Visionen von vergangenen Zeiten, von Konquistadoren und von Enrique, der 1517 in die neue Welt auswandert. Als sie erwacht, geht es ihr bestens – dank eines geheimnisvollen Pilzes namens Amakuna. Sina fühlt, dass Neri und Amakuna und der Kampf um eine gerechte Welt ihr Schicksal sind und begibt sich auf die Suche nach ihren Wurzeln…

Sehr starker zweiter Band der Amakuna-Trilogie, der etwa 24 Jahre später spielt und nicht nahtlos da einsetzt, wo der erste Band „Tochter des Drachenbaums“ aufgehört hat. Erneut besticht die Autorin mit flüssigem und unterhaltsamem Schreibstil und bleibt dabei ihrer Erzählweise und ihren Motiven aus dem ersten Band treu. Die Geschichte, eine Mischung aus Ökothriller, Familien- und Liebesroman, spielt wieder auf zwei Zeitebenen, die Kapitelzählung erfolgt fortlaufend und die einzelnen Kapitel werden mit einem Zeichen versehen, so dass der Leser sofort weiß, in welcher Zeit er sich gerade befindet. Der Verbleib auf einer Ebene ist auch hier wieder wohltuend lang, so dass man nicht das Gefühl hat, ständig durch abrupte Wechsel herausgerissen zu werden. Die Verbundenheit zwischen den beiden Hauptprotagonisten in den verschiedenen Zeiten, Sina und Enrique/Tamanca, ist meines Erachtens nicht so sehr präsent wie im ersten Band die zwischen Romy und Iriomé, man hat erst einmal das Gefühl zwei parallele Geschichten zu lesen. Dennoch sind beide miteinander verbunden, sie haben ein ähnliches Schicksal, denn bei beiden ändert sich das Leben gravierend durch Amakuna, beide versuchen etwas über ihre Eltern(-teile) herauszufinden und beide sind eng mit den panamesischen Ureinwohnern verbunden. Die Wechsel erfolgen, sobald ein Protagonist in eine Notlage gerät bzw. wenn der mysteriöse Heilpilz Amakuna ins Spiel kommt. Dadurch, dass die Geschichte zunächst losgelöst von den vorangegangenen Ereignissen einsetzt, und zwar auf beiden Zeitebenen, und auch die Personen neu sind, entwickelt sich die Geschichte unabhängig vom ersten Band und lässt sich auch sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen. Mit der Zeit gibt es jedoch immer mehr Verbindungen zu Sinas und Tamancas Vergangenheit und damit auch zu Ereignissen und Personen des ersten Bandes, je weiter sie hinter das Geheimnis von Amakuna und ihrer eigenen Wurzeln vordringen. Es erfolgt also durchaus ein Wiedersehen mit liebgewonnen Figuren, zunächst in Rückblenden, in Erinnerungen und Visionen, später dann auch „real“, und dass ein ganz spezieller, sehr mysteriöser Protagonist wieder in Erscheinung tritt, freut mich ganz besonders... Hauptsächlich ist aber alles sehr auf Sina und Tamanca und ihre Erlebnisse konzentriert. Beide beobachten sich aus ihrer Zeit heraus und lernen voneinander.

Beide, Sina und Tamanca, sind sehr starke Charaktere, sie machen große Veränderungen und eine enorme Entwicklung durch, ihre Leben werden komplett auf den Kopf gestellt und sie müssen Unglaubliches verarbeiten. Beide sind ziemliche Gutmenschen, sie sind jedoch auch nicht gefeit gegen Verführungen und Einflüsterungen von außen. Überhaupt ist positiv, dass die Charaktere nie nur böse sind, alle sind gut herausgearbeitet, vielschichtig und haben gute und schlechte Eigenschaften. Man wünscht sich phasenweise, dass ein jeder auf den Pfad der Tugend zurückkehrt, das wäre denn aber doch zu unrealistisch. Die Geschichte entwickelt sich denn auch im weiteren Verlauf immer mehr zum Thriller, bei dem es auch brutale Szenen und Tote gibt, und das Ende ist – da es ja auch noch einen dritten Band geben wird – einigermaßen offen. Parallel zum ersten Band stehen hier erneut „gute“ Weiße skrupellosen Konzernen gegenüber sowie Ureinwohner, im ersten die Guanchen, hier die Kuna, die gegen Unterdrückung und Gewalt der Eroberer kämpfen und mit Hilfe des Heilpilzes Amakuna die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.

Fazit: Sehr gelungener zweiter Band der Amakuna-Trilogie, der ebenso fesselt und dem ersten in nichts nachsteht. Das broschierte Buch kommt wieder mit schönem Cover, mit Karten in der Innenseite des Kartons sowie einen Personenverzeichnis daher. Die Figuren sind neu, wachsen einem aber ebenso wie die Altbekannten aus dem ersten Band sofort ans Herz, man fiebert in beiden Zeitebenen mit und erlebt mehrere überraschende Wendungen. Die Autorin schafft es wieder vorzüglich, die Spannung aufzubauen und hochzuhalten, durch die Ausgefeiltheit ihrer Charaktere, den sehr fesselnden Schreibstil und natürlich durch die packenden Ereignisse wird das Buch erneut zum echten Pageturner. Für alle Leser von „Tochter des Drachenbaums“ sowieso ein Muss, das Lesen des ersten Bandes vor diesem wird empfohlen. Mit großer Spannung erwarten wir nun den dritten Band, der 2019 herauskommen soll.

Veröffentlicht am 03.05.2017

Solider Toskana-Krimi mit außergewöhnlichen Hobbydetektiven

Die Morde von Morcone
0

Der Anwalt Dr. Robert Lichtenwald wird von seiner Frau verlassen und flüchtet sich in sein Bauernhaus in das kleine toskanische Städtchen Morcone, um Abstand zu gewinnen und sein Leben zu überdenken. Er ...

Der Anwalt Dr. Robert Lichtenwald wird von seiner Frau verlassen und flüchtet sich in sein Bauernhaus in das kleine toskanische Städtchen Morcone, um Abstand zu gewinnen und sein Leben zu überdenken. Er neigt dazu, sich zu verkriechen, doch sein Vermieter, der Conte di Montecivetta, reißt ihn aus seinen Grübeleien. Bei einem ihrer Streifzüge stoßen die beiden auf eine Leiche, die sich bei genauem Hinschauen als Hermaphrodit entpuppt und der der Buchstabe „L“ eingeritzt wurde. Die örtliche Polizei und die hinzugerufene Carabinieri-Offizierin Donatella Laganà stehen vor einem Rätsel. Da geschieht am darauf folgenden Montag erneut ein Mord – diesmal wird ein „A“ eingeritzt. Handelt es sich um einen Serientäter? Was haben die Buchstaben zu bedeuten? Die Bewohner Morcones bekommen es zunehmend mit der Angst zu tun, und die Teilzeit-Reporterin Giada Bianci schürt mit ihren reißerischen Artikeln Ängste und befeuert Spekulationen, die Moralapostel wittern gar die Rache Gottes. Als ihr bester Freund Antonio verhaftet wird, bittet Giada Robert um Hilfe. Widerwillig lässt er sich darauf ein, und beide finden bald einiges Interessantes heraus. Bei ihren Recherchen kommen sie dem Mörder gefährlich nahe, und alles erreicht seinen Höhepunkt, als Giadas Sohn Leo entführt wird…

Sehr solider und spannender Krimi, der seine Spannung recht langsam aufbaut. Es wird zunächst viel Zeit darauf verwendet, Protagonisten vorzustellen, Landschaften und die Morde zu beschreiben, die Schlag auf Schlag folgen. Besonders Roberts seelischer Zustand, sein Innenleben, seine Angst seine Familie zu verlieren und sein Versuch sich abzulenken nimmt großen Raum ein. Er ist der typische Antiheld und will eigentlich lieber seine Ruhe. Die Morde stehen denn auch erst einmal so im Raum, es wird wild spekuliert, Biancha schreibt ihre Artikel, doch über die Ermittlungsarbeit wird fast gar nicht berichtet. Dementsprechend ist dies auch kein Krimi mit der klassischen Reihenfolge Mord-Befragungen-analytische Ermittlungen-Auflösung, sondern es wird sehr viel intuitiv erforscht und Emotionen spielen überhaupt eine sehr große Rolle.

Der Autor hat einen sehr flüssigen und bildhaften Schreibstil und versteht es durchaus, Spannung zu erzeugen. Besonders gelingt dies durch die Perspektivwechsel und die Beschreibungen seiner Charaktere und Landschaften. Seine Personen sind liebevoll und teilweise skurril gezeichnet, mit zunehmender Lektüre wachsen sie einem ans Herz, so dass man gerne mehr über sie erfahren würde. Die beiden Hauptperspektiven bilden Robert und Biancha, der Leser erhält wertvolle Informationen über das Innenleben und die Vergangenheit der beiden, und von diesen beiden lebt die Geschichte auch so ziemlich. Anfangs war mir Robert zu statisch und alles zu sehr auf seine Vergangenheit und Selbstfindung fokussiert, Biancha wiederum zu flippig und sehr betont unkonventionell, beide wurden aber immer sympathischer, je aktiver sie ins Geschehen eingriffen. Die erotische Spannung zwischen den beiden hätte man sich meines Erachtens sparen können, sie störte aber auch nicht.

Ab dem Zeitpunkt, als Biancha Robert mit einbezieht, nimmt die Geschichte Fahrt auf, die Spannung steigt vor allem deshalb, weil sich Biancha und Robert in große Gefahr begeben und man als Leser inzwischen eine Beziehung zu den beiden aufgebaut hat. Bei den Opfern passiert dies nicht zwingend, da hier die Beschreibung meist oberflächlich bleibt. Die Spannung wird weiterhin dadurch gesteigert, dass immer wieder aus der Sicht des Mörders oder der des Opfers erzählt wird. Ich persönlich fand beispielsweise Kommissarin (bei den italienischen Carabinieri hat sie den Rang einer Offizierin) Laganà faszinierend und hätte gerne mehr über sie erfahren, auch einige andere „Nebenfiguren“ hätten meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit verdient. Es wird zwar auch aus ihrer Sicht erzählt, doch nur kurz und nur im Hinblick auf ihre Emotionen. Auf der anderen Seite gibt dies dem Leser viel Raum selbst zu ermitteln, man ist recht vorurteilsfrei, hat durch die wechselnden Erzählperspektiven einen leichten Wissensvorsprung und folgt gespannt den laienhaften, mehr auf Glück beruhenden Recherchen der beiden Hobbydetektive Robert und Biancha, die einen sehr persönliches Grund hat sich einzumischen, nämlich die Hilfe für ihren Freund. Daher kann man sich auch gut mit den beiden identifizieren und will ihnen helfen.

Der Kriminalfall selber ist nicht gänzlich überraschend oder neu. Trotz dass der Autor einen auf falsche Fährten lockt, war mir ab etwa der Mitte der Geschichte zumindest die Buchstabenbedeutung – und damit das Grundmotiv - klar und ich hatte einen sehr eingeschränkten (nämlich auf zwei Personen) Kreis der Verdächtigen. Trotzdem war das Finale durchaus spannend, einfach aufgrund der Wendungen und Irrungen, auf die sich Biancha und Robert begeben und man denen man wirklich nicht weiß, wie sich da jemals wieder herauswinden wollen.

Fazit: Guter, mit Einschränkungen spannender Krimi mit viel Lokalkolorit. Eingängig und schlüssig erzählt mit befriedigendem Ende. Dass Stefan Ulrich schreiben kann und sich bestens mit der Gegend auskennt, hat er ja bereits in seinen Sachbüchern über das Leben seiner Familie bewiesen. Dies ist sein erster Roman und er ist meines Erachtens als Debüt gelungen. Ich bin gespannt, ob es weitere Krimis geben wird, der vorliegende Schluss deutet nicht unbedingt auf eine Serie hin. Trotz brutaler Morde auch für Einsteiger geeignet, die sonst die sehr blutigen oder sehr auf psychopatische Mörder fixierten Krimis und Thriller nicht mögen. Ansonsten für alle Fans des Regionalkrimis wie z.B. Remy Eyssen, Andrea Camilleri oder ähnliche.