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Marshall-Trueblood

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.09.2019

Märchenwelt

Bis ans Ende ihrer Tage
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Eine unverletzte Frau, die blutüberströmt zusammenbricht. Ein Mann, der von einem Speer durchbohrt wurde. Kommissar Thomas Nyland taucht ein in die Welt der russischen Volksmärchen, um einen wahnsinnigen ...

Eine unverletzte Frau, die blutüberströmt zusammenbricht. Ein Mann, der von einem Speer durchbohrt wurde. Kommissar Thomas Nyland taucht ein in die Welt der russischen Volksmärchen, um einen wahnsinnigen Mörder zu fassen.

Bis ans Ende ihrer Tage ist der erste Thriller von Jens Ostergaard. Sehr spannend, teilweise sehr blutig führt er mich durch russische Märchen über Drachen, entführte Prinzessinnen, wahnsinnige Hexen und tapfere Retter. Mir hat der Thriller sehr gut gefallen, obwohl ich mir mehr Verwicklungen gewünscht hätte. Das ging mir alles zu glatt, kein falscher Weg, den der Kommissar wieder zurückgehen muss, um den Täter zu fassen. So gerät der Thriller für mich zu kurz, aber für die nächsten Folgen der Reihe bleibt so Luft nach oben. Einen großen Pluspunkt bekommt der Autor, weil er dem ausweicht, was andere unweigerlich in den Thriller geschrieben hätten, um ihn länger zu machen: Eine Romanze zwischen dem Kommissar und der Spezialistin für russische Volksmärchen. Apropos Kommissar: Mit Thomas Nyland betritt ein Kommissar die Krimiwelt, der für mich die richtige Balance zwischen genial und menschlich findet.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, diese Reihe im Auge zu behalten.

Veröffentlicht am 15.09.2019

Der etwas andere Wellness-Trip

Neun Fremde
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In Tranquillum House treffen neun Personen ein. Neun sehr unterschiedliche Personen, die aus unterschiedlichen Gründen aktuelle Krisen hinter sich lassen wollen. Unter der Aufsicht von Hotelmanagerin Masha ...

In Tranquillum House treffen neun Personen ein. Neun sehr unterschiedliche Personen, die aus unterschiedlichen Gründen aktuelle Krisen hinter sich lassen wollen. Unter der Aufsicht von Hotelmanagerin Masha begeben sie sich auf einen zehntägigen Wellness-Trip. Aber etwas ist anders in Tranquillum House, und auf einmal ist nichts mehr so wie es scheint.

Im Grunde möchte ich gar nicht viel über den Inhalt schreiben, weil jedes Wort könnte zuviel über den Inhalt, die Entwicklungen in Neun Fremde verraten. Ich habe die Protagonisten sehr gerne auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach sich selber, nach einer besseren Zukunft begleitet. Da ist zunächst Frances, für mich die Hauptperson unter den Hauptpersonen. Eine Autorin von Liebesromanen, deren Karriere auf dem absteigenden Ast ist. Tony, der seine Sportlerkarriere schon längst hinter sich gelassen hat. Ben und Jessica, die im Lotto gewonnen und den Blick aufeinander verloren haben. Lars, Scheidungsanwalt, der vor dem Kinderwunsch seines Lebensgefährten geflohen ist. Carmel, die sich für viel zu dick hält und die Familie Marconi, die durch die Trauer zusammengehalten wird. Hotelmanagerin Masha und ihre beiden Assistenten Yao und Delilah wachen mit strenger Hand über die neun Gäste.

Ein Wellnessresort, das ich selber lieber nicht besuchen möchte, aber eins, über das ich sehr gerne gelesen habe. Tage, in denen keiner reden darf. Fastentage und Smoothies, die eine ungeahnte Zusammensetzung haben, haben keine einladende Wirkung auf mich gehabt. Aber wie unterschiedliche Menschen mit Konflikten, mit Grenzerfahrungen umgehen, war sehr unterhaltsam, manchmal sogar sehr witzig. Dabei lässt die Autorin durch ständige, sehr gut gemachte Perspektivwechsel, jeden Gast zu Wort kommen.

Aber es gibt auch zwei Abzüge. Den ersten für einige Längen im Mittelteil (da hätte eine Straffung der Spannung sehr gut getan), den zweiten für das doch sehr, sehr zuckersüße Ende. Nicht falsch verstehen, wir alle lieben Happy-Ends, aber das war mir ein bisschen zu dick aufgetragen.

Trotzdem war Neun Fremde für mich beste Unterhaltung, die ich sehr gerne weiterempfehle!

Veröffentlicht am 11.09.2019

Wie man keinen Krimi schreibt

Die einzige Zeugin
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Eva stalkt ihren Exmann Svante, der in eine exklusive Wohngegend gezogen ist. Früher war an gleicher Stelle eine psychiatrische Anstalt. Als Svante ermordet wird, fällt der Verdacht auf Eva und die einzige ...

Eva stalkt ihren Exmann Svante, der in eine exklusive Wohngegend gezogen ist. Früher war an gleicher Stelle eine psychiatrische Anstalt. Als Svante ermordet wird, fällt der Verdacht auf Eva und die einzige Zeugin, eine Bettlerin, ist spurlos verschwunden.

Die Zusammenfassung hört sich nicht mal schlecht an; der Klappentext hatte mich neugierig gemacht und ich, als Laie, glaube, dass man daraus einen spannenden Krimi hätte schreiben können. Leider versagt die Autorin, und es hat nicht viel gefehlt, dass ich nach dem Zuschlagen die gesamten 512 Seiten an die Wand geworfen hätte. Aber der Reihe nach.

Der Anfang hat mir gut gefallen. Obwohl, oder gerade weil mir Eva nicht sympathisch war. Das erste Drittel liest sich wie ein gewöhnlicher Krimi, und ich war gespannt, wie es weitergeht. Da hätte ich schon merken müssen, worauf es zweiten Drittel hinausläuft. Tove Alsterdal erzählt, gut recherchiert, die Geschichte der Roma und weil das noch nicht reicht, werden auch alle Flüchtlinge dieser Welt in dem Buch bedacht. Dass das keine lustige Geschichte ist, war mir vorher schon klar, aber wenn ich mich darüber informieren möchte, dann lese ich direkt ein Sachbuch; denn in einen Krimi gehört das in dieser Ausführlichkeit nicht! Im weiteren Verlauf fährt Eva dann nach Berlin, holt ihren verzogenen Sohn ab und die beiden fahren weiter nach Rumänien, um die verschwundene Bettlerin zu finden. Mittlerweile bin ich auch noch in einem Roadtrip gelandet...aber in einem sehr schlechten. Die Dialoge sind an Langeweile und teilweise auch an Dümmlichkeit nicht zu übertreffen. Den erhobenen Zeigefinger der Autorin konnte ich zum Ende des zweiten Drittels auch nicht mehr ertragen.

Das Problem bis dahin ist außerdem das Fehlen jeglichen Sympathieträgers. Im zweiten Erzählstrang tut sich da auch nichts (irgendwas über verweste Leichen, die Kinder beim Nachspielen von Game of Thrones entdecken). Alle gingen mir auf die Nerven. Ach, fast vergessen...Ermittlungen der Polizei finden nur im Off statt, so dass sich auch kein Ermittler hervortun kann.

Als das letzte Drittel begann, war ich im Grunde schon kurz vor dem Aufgeben. Doch da ändert sich zunächst alles. Ein Sympathieträger, die Krankenschwester Ulla, taucht auf und die Ermittlungen der Polizei rücken plötzlich in den Vordergrund. Hat da die Autorin gemerkt, dass sie bisher irgendwas (um nicht zu sagen: Alles) falsch gemacht? Bis 50 Seiten vor Schluss nimmt der Roman endlich Fahrt auf, bisher war die Spannung entlang der Nulllinie verlaufen. Aber was die Autorin dann als Auflösung präsentiert ist konstruiert, nein, falsch formuliert: Das ist absoluter Nonsens! Ich glaube, ich habe den Kopf geschüttelt und gedacht: Für diese Auflösung habe ich den ganzen Mist durchgestanden?

Für mich definitiv das erste und das letzte Buch der Autorin. Wahrscheinlich wollte sie eine Kombination aus Sachbuch, Krimi, Roadtrip und Roman schreiben und ist an ihren Mitteln gescheitert. Aber, um auch etwas Positives zu sagen: Vielleicht ist das der neue Kriminalroman, der ganz anders daherkommt; nicht nur unterhalten, sondern auch belehren will. Für mich ist das jedenfalls nichts!

Ich habe den "Kriminalroman" in einer Leserunde gelesen und bedanke mich beim Verlag für das Freiexemplar.

Veröffentlicht am 01.09.2019

Je länger es dauert, desto unrunder wird es

Bella Germania
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Die Modedesignerin Julia bekommt Besuch von einem Mann, der sich als ihr Großvater entpuppt. Aus dieser Begegnung entwickelt Daniel Speck ein Familienepos über drei Generationen; immer zwischen Deutschland ...

Die Modedesignerin Julia bekommt Besuch von einem Mann, der sich als ihr Großvater entpuppt. Aus dieser Begegnung entwickelt Daniel Speck ein Familienepos über drei Generationen; immer zwischen Deutschland und Italien.

Bella Germania lässt sich sehr gut lesen und man erfährt so einiges über Italien, über Deutschland, über Politik und über Menschen, besonders über die Familie Marconi. Das ist gleichzeitig auch die Schwäche des Romans. Ich fühlte mich fast überfahren mit all den Informationen; da fallen Begriffe wie RAF, Olympia 1972, Wirtschaftskrise; Namen wie Meinhof, Bader, Lauda finden auch ihren Weg in den Roman; leider bleibt das alles an der Oberfläche. Beispiel: Olympia 1972. Man erfährt, es werden Geiseln genommen und zwei Abschnitte später sind die alle tot. Für mich zu wenig. Da wären weniger Details mit mehr Tiefgang mehr gewesen.

Den zweiten Fehler macht der Autor, als er die Hauptfigur Giulietta nach zwei Dritteln sterben lässt. Da sie die Großmutter im Epos verkörpert, ist das im Grunde nicht überraschend. Leider ist sie die Sympathieträgerin im Roman und ich glaube, Daniel Speck hat das erkannt und verzweifelt nach einer Lösung gesucht. Genauso verzweifelt versucht er dann im letzten Drittel den Unsympathen des Romans zur Hauptfigur zu machen. Leider hat mich dessen Lebensgeschichte Null interessiert. Er hätte auch bei einem Autorennen sterben können, dem Roman hätte nichts gefehlt.

Jetzt habe ich nur gemeckert, aber ich möchte auch noch etwas Positives sagen: Im ersten Drittel, in dem die Liebesgeschichte zwischen Giulietta und Vincent aufgerollt wird, gelingt es dem Autor sehr gut, die Zwänge herauszuarbeiten, in denen sich die Protagonisten befinden. Aus heutiger Sicht natürlich nicht mehr ganz nachzuvollziehen, aber das ist sehr gut geschrieben.

Trotz der Kritikpunkte habe ich den Roman nicht ungern gelesen; es war keine verlorene Zeit. Für die Fakten, die mich mehr interessieren, muss ich jetzt noch mehr lesen. Ein Roman, geeignet als Urlaubslektüre, wenn man nicht zuviel nachdenken möchte.

Veröffentlicht am 19.08.2019

Eine junge Autorin, die ich mir merken werde

Kintsugi
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Max und Reik feiern ihre zwanzigjährige Beziehung. Dazu geladen haben sie nur ihren ältesten Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die auch zwanzig Jahre alt ist. Im Wochenendhaus offenbaren sich Wünsche, ...

Max und Reik feiern ihre zwanzigjährige Beziehung. Dazu geladen haben sie nur ihren ältesten Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die auch zwanzig Jahre alt ist. Im Wochenendhaus offenbaren sich Wünsche, Neuanfänge und Wahrheiten.

Miku Sophie Kühmel ist eine junge Autorin, die mit Kintsugi ihr Debut abgeliefert hat. Ein großartiges Kammerspiel. Zugegeben, ich musste Kintsugi erstmal googeln, um zu erfahren, was das überhaupt heißt. Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik. Anstatt den Fehler zu kaschieren, wird durch die Goldverbindung der Makel in der Keramik hervorgehoben. Genug mit der Klugscheißerei! Ich finde den Titel für den Roman grandios gewählt: Die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit. In vier Abschnitten erfährt der Leser die unterschiedliche Sicht der vier Protagonisten; über Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Dazwischen gibt es immer ein Gespräch der Vier, geschrieben wie ein Theaterstück. Mir hat das sehr gut gefallen; vor allem wie die Gefühle und Ansichten beschrieben werden, gerade wenn man bedenkt, dass die Autorin mit 28 Jahren über die Gefühle von Männern Mitte 40 schreibt. Eine Sprache, die mich abgeholt hat!

Im Klappentext heißt es: "Von der Gewissheit, dass im Unvollkommenen die Schönheit liegt. Und davon, dass es weitergeht. Wie immer geht es weiter."

Manchmal muss etwas kaputtgehen, damit man es reparieren kann, weil man da erst gemerkt hat, dass man es auf jeden Fall braucht und manchmal braucht man auch etwas Repariertes, um sich der Vergangenheit zu erinnern, um weiterzugehen. Ein grandioses Debut und eine Autorin, die ich mir auf jeden Fall merken werde.