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Veröffentlicht am 01.07.2019

Ein Buch zum Träumen

Das Licht der Toskana
2

Kit Raines, Schriftstellerin, beobachtet das Nachbarhaus. Drei nicht mehr ganz frische Frauen ziehen mit einem Hund ein. Drei Amerikanerinnen, die der Heimat und ihrem Privatleben den Rücken gekehrt haben, ...

Kit Raines, Schriftstellerin, beobachtet das Nachbarhaus. Drei nicht mehr ganz frische Frauen ziehen mit einem Hund ein. Drei Amerikanerinnen, die der Heimat und ihrem Privatleben den Rücken gekehrt haben, um in der Toskana noch einmal neu anzufangen. Als Leser darf man diesen Neuanfang auf gut 600 Seiten miterleben.

Um es sofort deutlich zu sagen: Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Immer, wenn ich weitergelesen habe, bin ich eingetaucht in die doch sehr rosarote Welt, die Frances Mayes hier vor uns ausbreitet. Aber von Zeit zu Zeit braucht man doch eine Welt, in der es keine Probleme, zumindest keine nennenswerten gibt; wo genug Geld ist, um Träume zu erfüllen; wo es keine Sorgen um die eigene Gesundheit gibt; wo die Gegend wie in einem Traum erscheint. Wenn man diesen Roman liest, darf man keine Kritik an irgendetwas erwarten und das habe ich auch nicht. Vielleicht habe ich den Roman deshalb so genossen.

Dazu kann die Autorin wirklich erzählen. Da wird die Toskana für mich sehr lebendig, in ihren Farben und Gerüchen. Man taucht ein in die Küche Italiens, sitzt in Straßencafes, spaziert beim Tagesausflug durch Venedig. Da werden die Menschen zu Bekannten, die man gerne wiedertrifft. Und am Ende, wenn alle Beteiligten ihr Glück gefunden haben, dann schlägt man das Buch zu und kehrt zurück in die eigene Welt, die halt nicht so perfekt ist. Ich habe eine schöne Reise in die Toskana hinter mir und genau das wollte ich erleben. Ob das Bild der Toskana im Roman der Realität entspricht, kann ich nicht beurteilen, wollte ich bei der Lektüre auch gar nicht wissen.

Man muss sich auf diesen Roman einlassen können, um die Sprache, die voll von Bildern ist, zu genießen. Vielleicht ist das nicht für jeden etwas. Für mich war es eine Wohltat. Ein Roman, der zum Sonnenuntergang passt; ein Roman, der mich abends runtergebracht hat und ein Roman, der Hoffnung macht; Hoffnung, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist.

Veröffentlicht am 03.04.2019

Guter Krimi mit ganz viel Sylt

Finsteres Kliff
1

Pünktlich zum Biikebrennen gibt es einen Mord auf Sylt: Gleichzeitig verschwindet die Freundin des Opfers. Liv Lammers ermittelt in ihrem dritten Fall.
Ich kannte Liv Lammers aus dem ersten Fall "Schwarze ...

Pünktlich zum Biikebrennen gibt es einen Mord auf Sylt: Gleichzeitig verschwindet die Freundin des Opfers. Liv Lammers ermittelt in ihrem dritten Fall.
Ich kannte Liv Lammers aus dem ersten Fall "Schwarze Brandung", den zweiten habe ich wohl verschlafen, aber ich glaube, der Krimi wird auch ohne Vorkenntnis zum Lesevergnügen. Sylt, eh nicht mehr die Insel der Reichen und Schönen, wird zum Schauplatz eines grausamen Mordes.
Der Krimi ist sehr gut gemacht; die Autorin legt viele unterschiedliche Spuren und Motive aus. Da muss man schon dabeibleiben, um die versteckten Hinweise auf den Tathergang, die durchaus vorhanden sind, nicht zu verpassen. Außerdem wird die Insel Sylt sehr lebendig; vor allem, wenn man, so wie ich, die ganzen Orte kennt. Ich war eigentlich in Gedanken immer vor Ort, was durch die Sprache, die einige norddeutsche Einschläge hat, noch verstärkt wurde.
Das Personal von Sabine Weiss ist auch genial gemacht. Die ganzen Details rund um Livs Familie und um das Ermittlerteam lassen auf eine Fortführung der Serie hoffen.
Leider, und das führt bei mir immer zu Punktabzug, verfällt die Autorin am Ende auf die schlechte Idee, die Auflösung nochmal aufzulösen. Für mich nicht nachvollziehbar, warum das in einigen wenigen Krimis gemacht wird. Bis dahin ist der Spannungsbogen aber perfekt.
Davon abgesehen, hat mich der Krimi sehr gut und spannend unterhalten; ich kann ihn auf jeden Fall weiterempfehlen.

Vielen Dank, dass ich "Finsteres Kliff" vorab in einer Leserunde, zusammen mit Sabine Weiss, lesen konnte.

Veröffentlicht am 20.07.2019

So geht Krimi

Sie finden dich nie
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Als die achtjährige Daisy nach einer Gartenparty verschwindet, gerät DI Adam Fawley bei seinen Ermittlungen in eine Familientragödie.

Nach langer Zeit ein Krimi, der mich von der ersten Seite an abgeholt ...

Als die achtjährige Daisy nach einer Gartenparty verschwindet, gerät DI Adam Fawley bei seinen Ermittlungen in eine Familientragödie.

Nach langer Zeit ein Krimi, der mich von der ersten Seite an abgeholt hat; hier gibts nix zu meckern; Story, Spannungsbogen, Personal: die Autorin hat nichts, wirklich nichts falsch gemacht. Sie spielt mit dem Leser, führt ihn nach links, nach rechts, um dann die Geschichte durch die Mitte weiterzuführen. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, was mir sehr gut gefallen hat. Dabei vergisst sie auch den aktuellen Druck von Social Media auf alle Beteiligten nicht. Das ist teilweise schon sehr beängstigend.

Der Hauptermittler DI Adam Fawley ist, trotz eines persönlichen Schicksalsschlags, nicht der deprimierte Held der Geschichte; auch erscheint er nicht als Supermann, der ohne Umwege den Verlauf des Verschwindens aufdeckt, sondern erweist sich als Mensch. Solche Ermittler werden in der internationalen Krimiszene mehr gebraucht.

Achtung Spoiler: Ich bin kein großer Freund von Auflösungen der Auflösungen; aber hier hat mir das Ende sehr gut gefallen. An keiner Stelle des Krimis darf man sich sicher sein, dass die Autorin nicht doch noch mit einer Überraschung um die Ecke kommt.

Für mich ein Krimihighlight des Jahres und ich freue mich schon auf den nächsten Krimi von Cara Hunter.

Veröffentlicht am 15.07.2019

Sehr guter Serienstart

Blauer Montag
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Die Therapeutin Frieda Klein wendet sich an die Polizei, als sie einen Patienten der Kindesentführung verdächtigt. Prompt steckt sie selber mitten in den Ermittlungen.

Vor Jahren habe ich zwei Romane ...

Die Therapeutin Frieda Klein wendet sich an die Polizei, als sie einen Patienten der Kindesentführung verdächtigt. Prompt steckt sie selber mitten in den Ermittlungen.

Vor Jahren habe ich zwei Romane von Nicci French gelesen; den ersten fand ich mittelmäßig, den zweiten einfach schlecht. Seitdem habe ich einen Bogen um Nicci French gemacht...bis jetzt. Durch Zufall und nur weil der Titel in eine Lesechallenge passte, habe ich zu Blauer Montag gegriffen. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Als eine Art moderne Miss Marple stolpert Frieda in einen aktuellen Fall, der sehr bald Parallelen zu einer Entführung aufweist, die zwanzig Jahre zurückliegt. Die beiden Fälle werden am Ende zu einem schlüssigen Finale geführt, das mit mehreren Cliffhangern aufwartet. Dabei geht es recht unblutig zu und zum Glück gerät die Hauptfigur nicht in große Gefahr und muss gerettet werden. Das passiert mir mittlerweile in Krimis zu oft.

Da erfährt man einiges über Psychologie, aber ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass die Autoren den Oberlehrer geben wollen. Das Personal gefällt mir gut, da bleibt noch viel Platz nach oben für die nächsten Romane, die ganze Reihe ist auf acht Bände angelegt, denn viel erfährt man noch nicht über die Vergangenheit der Charaktere, aber einiges wird schon angedeutet. Das Zusammenspiel zwischen Frieda und DI Karlsson gefällt mir auch sehr gut. Die Parallelen zwischen Miss Marple und diversen Ermittlern sind offensichtlich, zumal die ganze Geschichte auch in England spielt, allerdings nicht auf dem Dorf, sondern in London.

Ich freue mich auf den zweiten Teil und auf ein Wiedersehen mit dem gesamten Personal. Da wird bestimmt noch die ein oder andere Überraschung warten.

Veröffentlicht am 13.07.2019

Erinnerungen

Vienna
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Eva Menasse entwirft ein Portrait über drei Generationen einer jüdischen Familie in Wien. Von der Großmutter, die beim Bridgespiel beinahe die Geburt des Sohnes verpasst, über den Vater, der während des ...

Eva Menasse entwirft ein Portrait über drei Generationen einer jüdischen Familie in Wien. Von der Großmutter, die beim Bridgespiel beinahe die Geburt des Sohnes verpasst, über den Vater, der während des Krieges nach England evakuiert wird und Karriere als Fußballer macht, bis zum Bruder, der als Schriftsteller bekannt wird.

Grundsätzlich bin ich sehr gut unterhalten worden, aber es gibt in diesem Debutroman ein paar Schwächen. Zum einen bleiben die Figuren weitestgehend namenlos; so sind einige Passagen sehr verwirrend, wenn im gleichen Satz von seinem Vater, meinem Vater, dem ältesten Vetter, meiner Schwester, seiner Mutter die Rede ist. Kann sein, dass im gleichen Zusammenhang noch mehr Verwandte auftauchen. Das ist alles sehr witzig, aber doch schon sehr überzogen und wie angedeutet, manchmal ist nicht mehr nachvollziehbar, wer jetzt gemeint ist. Dazu haben manche Kapitel Längen (das Kapitel über den Tennisclub war unglaublich geschwätzig), bei anderen hätte ich mir noch mehr gewünscht (das Kapitel über das Verhältnis der Eltern zeigt die Klasse der Autorin; selten habe ich so gut über Zwischenmenschliches gelesen). Auch das Kapitel über die Beerdigung des Großvaters ist großartig gelungen. Zwei sehr unterhaltsame Charaktere bekommen allerdings einen Namen: Die Tante Gustl und ihr Mann Dolly sind Beispiele für die Verwandten, die wir alle haben: Wir wollen sie nie dabei haben und trotzdem liefern sie den meisten Gesprächsstoff; herrliche Szenen. Was sich mir nicht erschlossen hat, warum Tante Katzi totgeschwiegen wird, nachdem sie in Kanada gestorben ist; vielleicht habe ich das überlesen.

Viele Worte und auch ein Sinn: Trotz Schwächen ist Vienna ein gelungener Roman über das Judentum, über Familie, über Wien und gegen das Vergessen.