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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.11.2019

Solider Regionalkrimi

Börsentöpfchen
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Eine Frau mit Vergangenheit. Ein Mafia-Pate. Bankkunden, die viel Geld verloren haben. Ein toter Banker. Wie passt das alles zusammen? Birthe Schöndorf und Carlo Oltmann ermitteln.

Ein Regionalkrimi aus ...

Eine Frau mit Vergangenheit. Ein Mafia-Pate. Bankkunden, die viel Geld verloren haben. Ein toter Banker. Wie passt das alles zusammen? Birthe Schöndorf und Carlo Oltmann ermitteln.

Ein Regionalkrimi aus Osnabrück, der gut geschrieben ist, der ohne Gemetzel auskommt. Sympathisches Personal, guter Spannungsbogen. Selbst der für Krimis schwierige Mittelteil ist gut gelungen. ich habe schon deutlich Schlechteres gelesen. Das ist alles solide, aber aus der Masse ragt der Krimi nicht gerade raus. Und die ganz große Begeisterung stellt sich bei mir nicht ein. Warum? Vielleicht, weil die Autorin sehr zu Klischees neigt (Asiaten, die kein R sprechen können (die Abschnitte waren schwer zu lesen und nicht wirklich witzig); Russen sind immer die Bösen; Putzfrauen haben schlichte Gemüter)? Vielleicht, weil sie ihre Schwarz-Weiß-Malerei ein bisschen dick aufträgt? Vielleicht, weil die Auflösung schon relativ früh zu erahnen ist?

Trotz der Schwächen bin ich geneigt, weitere Fälle mit Birthe Schöndorf zu lesen; mit der Hoffnung, mich beim nächsten Fall nicht an den gleichen Fehlern zu stören.

Veröffentlicht am 04.11.2019

Wenn Sprache allein nicht ausreicht

Hier sind Löwen
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Eine alte Familienbibel. Eine Buchrestauratorin in Jerewan. Eine Reise in die Geschichte Armeniens und zu den blinden Flecken des eigenen Lebens. (Klappentext)

Den ersten Kontakt mit Hier sind Löwen hatte ...

Eine alte Familienbibel. Eine Buchrestauratorin in Jerewan. Eine Reise in die Geschichte Armeniens und zu den blinden Flecken des eigenen Lebens. (Klappentext)

Den ersten Kontakt mit Hier sind Löwen hatte ich im Leseprobenheft für den Deutschen Buchpreis. Von der Leseprobe war ich total begeistert und hatte mich deshalb nicht gewundert, dass es mein heimlicher Favorit nicht auf die Shortlist geschafft hatte. Nachdem ich jetzt den ganzen Roman gelesen habe, habe ich mich doch gewundert: Darüber, dass es der Roman überhaupt auf die Longlist geschafft hat.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Sprache im Roman. Die wechselt von sperrig zu gefällig, von blumig zu karg und von ganz rational zu bildhaft. Die Dialoge machen immer wieder deutlich, und das ist gar nicht so einfach, wie zwei Menschen miteinander und doch aneinander vorbei reden können. Das ist richtig gut gemacht.

Leider gelingt der Autorin der Inhalt nicht halb so gut. Ich habe mich an mancher Stelle gefragt, was sie eigentlich noch alles erzählen will. Beispiele: Helene, die Protagonistin, macht sich auf die Suche nach ihrer verlorenen Familie, was sie aber absolut halbherzig, ja fast desinteressiert, betreibt. So endet das auch in einer Sackgasse, was Helene aber auch nicht weiter stört. Warum wird das also erzählt? Die Liebesgeschichte: Geschenkt! Die Geschichte Armeniens: Da hätte ich mir mehr gewünscht, aber das bleibt leider auf der Strecke. Der zweite Handlungsstrang: Bleibt unaufgelöst und für mich sehr unbefriedigend. Einzig die Abschnitte über die Arbeit als Buchrestauratorin waren wirklich interessant.

Am Ende bleiben bei mir blinde Flecken und die Frage, was will mir die Autorin damit sagen? Dass wir alle blinde Flecken in unserer Vita haben und einfach damit leben müssen? Ziemlich dünne Aussage in meinen Augen! Für mich ist der Roman ein sehr gutes Beispiel dafür, dass a) gute Sprache allein kein Buch retten kann und b) dass eine sehr gute Leseprobe keine Garantie für ein sehr gutes Buch abgibt.

Insgesamt: Enttäuschend!

Veröffentlicht am 31.10.2019

Lesevergnügen

Walter muss weg
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Hannelore Huber ist froh, als sie ihren Mann beerdigen kann: Endlich frei! Leider offenbart ein Unfall bei dieser Beerdigung, dass ein anderer als ihr Walter im Sarg liegt. Frau Huber fühlt sich betrogen ...

Hannelore Huber ist froh, als sie ihren Mann beerdigen kann: Endlich frei! Leider offenbart ein Unfall bei dieser Beerdigung, dass ein anderer als ihr Walter im Sarg liegt. Frau Huber fühlt sich betrogen und ermittelt in dem kleinen Dorf Glaubenthal.

Auf dieses Buch bin ich aufmerksam geworden, weil der Autor Thomas Raab im Verlauf der Aachener Krimitage eine Lesung über den ersten Fall von Frau Huber hält. Obwohl es hier um Ermittlungen geht und auch einige Leichen auftauchen, möchte ich Walter muss weg nicht als Krimi bezeichnen. Aber das will er auch gar nicht sein, so steht schon Roman auf dem Buchumschlag. Vielmehr liegt hier eine bitterböse Studie vor. Eine Studie über das Leben auf dem Land, in einem kleinen Dorf. Da blieb mir manches Lachen im Hals stecken. Aber der Roman möchte nicht nur witzig sein. Gleichzeitig wirft er Themen auf, die immer aktuell sind, wie z.B. Leben im Alter, Vernachlässigung von Kindern. An manchen Stellen bin ich schon nachdenklich geworden, vor allem dann, wenn Frau Huber über ihr Leben nachdenkt, ob sie immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Aber ich war nicht lange nachdenklich, zu schnell hat mich der Autor immer wieder geweckt...

Ein zweiter Fall für Frau Huber wird schwierig, denn Glaubenthal ist halt nur ein kleines Dorf und ich weiß auch nicht, ob man den Witz in dieser Souveränität in einen zweiten Band retten kann. Aber dieser Fall hat mich voll und ganz überzeugt. Für alle Fans von schwarzem Humor geeignet. Hardcore-Krimi-Fans werden hier keine große Freude haben.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Leise und trotzdem eindringlich

Winterbienen
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Egidius Arimond lebt in einem kleinen Dorf in der Eifel. Ich habe ihn von Winter 1944 bis Frühjahr 1945 begleitet. Er schreibt in Tagebuchform von seinen Liebesgeschichten, seiner Arbeit als Fluchthelfer, ...

Egidius Arimond lebt in einem kleinen Dorf in der Eifel. Ich habe ihn von Winter 1944 bis Frühjahr 1945 begleitet. Er schreibt in Tagebuchform von seinen Liebesgeschichten, seiner Arbeit als Fluchthelfer, seinen Bienenstöcken, von seinem Leben und Überleben während des Zweiten Weltkrieges.

Winterbienen ist ein leises Buch. Leise und gleichzeitig sehr eindringlich lässt der Autor seine Hauptfigur erzählen. Von seinem Leben, das nicht so trostlos verläuft, wie man annehmen sollte. Wegen Epilepsie als nicht wehrtauglich eingestuft, verbringt Egidius seine Zeit in der Heimat u.a. als Tröster der alleingelassenen Frauen. Er kümmert sich um seine Winterbienen, die dem Roman den Namen geben. Das Bienenvolk, das der Autor zum Spiegelbild des Deutschen Volkes macht. Richtig gut gemacht!

"Überall in den dunklen Gängen der Stöcke haben die Arbeiterinnen jetzt mit dem Schlachten begonnen. Auf dem Rücken liegend, versuchen die einstigen Günstlinge der Königin, die wütenden Angriffe abzuwehren, aber es nützt ihnen nichts. Die zarten Flügel werden ihnen abgerissen, die wie Diamantsplitter glitzernden Augen ausgestochen. Erbarmungslos werden sie wie fremdartige, nicht mehr zu ihrem Volk gehörende Eindringlinge angegriffen und getötet." (Seite 195)

Die Schrecken des Krieges werden zunächst nur zwischen den Zeilen vermittelt; doch je länger die Lesedauer, desto offensichtlicher werden der Terror, der Mangel an Essen, die Gefahren und die Angst. Mit jeder Seite wird die Situation beklemmender, bis ich am Ende Egidius im Mai 1945 verlasse.

Der Roman hat mich sehr berührt. Ohne die Beschreibungen von Schlachten wird ein Krieg lebendig, werden die Gefahren, in die sich Menschen begeben, deutlich. Der Autor erzählt fast nebenbei von Zerstörung, aber auch von der Hoffnung auf Frieden, auf ein Leben danach.

Winterbienen ist das fünfte (und letzte) Buch, das ich von der Shortlist 2019 gelesen habe. Eine Rangfolge möchte ich nicht erstellen, kann aber sagen, dass ich es deutlich besser als den Siegertitel fand. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 25.10.2019

(Fast) Nix zu meckern

Böse Leute
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Weil der neue Polizeichef auf Sylt eine Reihe von Einbrüchen nicht aufklären kann, bildet sich ein Quartett um Hauptkommissar a.D. Karl Sönnigsen. Undercover ermittelt die Rentnercrew zwischen Eierlikör, ...

Weil der neue Polizeichef auf Sylt eine Reihe von Einbrüchen nicht aufklären kann, bildet sich ein Quartett um Hauptkommissar a.D. Karl Sönnigsen. Undercover ermittelt die Rentnercrew zwischen Eierlikör, Chorproben und Kochwettbewerben.

Böse Leute hat mir ausgesprochen gut gefallen. Vielleicht liegt es daran, dass der Krimi auf meiner zweiten Heimat Sylt spielt; vielleicht daran, dass das Personal ausnahmslos sympathisch bei mir angekommen ist; vielleicht liegt hier aber auch einfach ein guter Regionalkrimi vor. Miträtseln konnte ich zwar nicht, dafür war alles von Anfang an zu leicht zu durchschauen, aber ich war sehr gut unterhalten. Charmant, witzig und solide führte mich die Autorin durch die Einbrüche, durch ein Familiengeheimnis und vor allem über die Insel Sylt. Bitte kein Gemetzel erwarten, auch keine konstruierte und raffinierte Krimihandlung, aber richtig gute Unterhaltung.

Einen kleinen Abzug gibt es leider auch, denn die Autorin betreibt schamlose Werbung für das Restaurant mit dem großen S. Erstens glaube ich nicht, dass das Lokal überhaupt Werbung braucht und zweitens gibt es auf Sylt schönere und bessere Gastronomie.

Die Ermittler auf Sylt werden wieder in meinem Bücherregal landen.