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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.03.2020

Überkonstruiert, aber die Sprache reißt es raus

Der nächtliche Besucher
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Sterben die Babys den plötzlichen Kindstod oder hat jemand nachgeholfen? Und warum verschwinden die Leichen? Amaia Salazar ermittelt im Abschluss der Baztán-Trilogie.

Das ist kein einfaches Thema, das ...


Sterben die Babys den plötzlichen Kindstod oder hat jemand nachgeholfen? Und warum verschwinden die Leichen? Amaia Salazar ermittelt im Abschluss der Baztán-Trilogie.

Das ist kein einfaches Thema, das Dolores Redondo im Abschluss der Trilogie in den Mittelpunkt stellt. Mord an Kindern lässt wohl keinen kalt. Aber die Autorin, wie auch immer sie das macht, versteht es, den Schrecken weniger schrecklich zu machen. Wie in den Vorgängern, die man unbedingt gelesen haben muss, bevor man Der nächtliche Besucher liest, hat mich die Autorin mit in die Region Navarra genommen, hat mir Mythen näher gebracht, hat mir die Landschaft gezeigt und ich habe mit Amaia Salazar ermittelt, gelitten und geliebt. Ich bin vielen bekannten Gesichtern begegnet und natürlich sind die Verbrechen in allen drei Teilen miteinander verbunden.

Leider ist der dritte Teil für mich überkonstruiert, das ist am Ende nicht ganz glaubhaft, auch weil ich ab der Mitte schon geahnt habe, was Dolores Redondo hier vorhat. Außerdem verliert sich die Autorin teilweise in zu vielen Kleinigkeiten, in zu viel Drama. Amaias Familiengeschichte löst sich für mich auch nicht zufriedenstellend auf, da bleibt doch noch die ein oder andere Frage offen. Schade!

Was ich aber sehr gut fand: Sprachlich können nicht viele mit der Autorin mithalten. Dank der Schreibe bleibt auch das im Vergleich zu Band 1 und 2 schwächere Finale bis zum Ende unterhaltsam.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.03.2020

Ein Krimi zum Wohlfühlen

Der Gin des Lebens
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Cathy findet im Garten ihres Bed & Breakfast einen toten Obdachlosen. Bene bekommt eine Absage bei einem Heiratsantrag und reist auf den Spuren seines Vaters nach Plymouth. Zusammen machen sie sich auf ...

Cathy findet im Garten ihres Bed & Breakfast einen toten Obdachlosen. Bene bekommt eine Absage bei einem Heiratsantrag und reist auf den Spuren seines Vaters nach Plymouth. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach dem perfekten Gin und kommen sich näher; aber irgendjemand scheint etwas gegen ihre Suche zu haben.

Der Gin des Lebens wird als Kriminalroman deklariert, aber die eigentliche Krimihandlung ist sehr dünn und Spannung kam für mich nicht auf. Da könnte man meinen, der Roman ist ein Flop: Das ist er jedoch auf gar keinen Fall. Das Gesamtpaket hat mir sehr gut gefallen. Das liegt zum ersten an der Atmosphäre, die der Autor schafft: In jedem Moment des Romans habe ich mich wohlgefühlt; da ist nichts zu merken von Regen und Nebel, die wohl die meisten mit England in Verbindung bringen. Der zweite, sehr gelungene Aspekt im Roman ist das Fachwissen über Gin, das, sehr wichtig!, nicht oberlehrerhaft an den Leser gebracht wird. Ganz nebenbei habe ich viel über Gin erfahren; sehr gut gemacht!

Der Roman lebt außerdem von der Liebenswürdigkeit der beiden Protagonisten Cathy und Bene, sowie von der Skurrilität der Nebenfiguren. Da verwandelt sich Cathys Bruder Matt nach zuviel Alkohol in Sir Francis Drake und kann nur durch das "Verrückte Fische-Spiel" wieder in die Realität geholt werden. Meine Lieblingsfigur ist allerdings Eudora, die mit über 80 nach Guernsey schwimmen will und nachdem der erste Versuch scheitert, für den zweiten Versuch einen Sponsor findet. Sehr sehr witzig!

Der Gin des Lebens ist kein spannender Pageturner, aber ein amüsanter Roman über Gin und seine Folgen. Eine kleine Romanze gibt es natürlich auch. Wer sich für diesen Mix begeistern kann, sollte unbedingt zugreifen. Ich kann den Roman auf jeden Fall empfehlen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 11.03.2020

Das sollte Pflichtlektüre in Schulen sein

Eine Farbe zwischen Liebe und Hass
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Seine Familie glaubt an die Überlegenheit der weißen Rasse, und damit scheint für den jungen Jessup alles entschieden. Doch nach der Rückkehr seines Stiefvaters aus dem Knast und einem tragischen Unfall ...

Seine Familie glaubt an die Überlegenheit der weißen Rasse, und damit scheint für den jungen Jessup alles entschieden. Doch nach der Rückkehr seines Stiefvaters aus dem Knast und einem tragischen Unfall muss er endlich selbst Antworten finden auf die Fragen: Was glauben, wem folgen, wen lieben? (Klappentext)

Alexi Zentner hat einen Roman geschrieben, der aktueller nicht sein könnte. Es geht um Vorurteile und Rassismus, um die, die mit vollster Überzeugung hinter ihren Ansichten stehen, aber auch um die Mitläufer. Es geht um die, die wissen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, nicht geben kann. Aber es geht auch darum, Entscheidungen zu treffen, neue Wege zu gehen, ohne sich selber zu verlieren. Ein Roman, der Pflichtlektüre in Schulen werden sollte.

In einer manchmal etwas sperrigen und gleichzeitig kraftvollen Sprache erzählt der Autor vom siebzehnjährigen Jessup, der in einer Familie groß geworden ist, die Anhänger der "Heiligen Kirche des Weißen Amerika" ist. Sein Bruder sitzt im Gefängnis, weil er zwei Schwarze erschlagen hat und diese Tat verfolgt Jessup überall: Bei seiner Karriere im American Football, in der Schule und in seiner Beziehung zu seiner Freundin Deanne, die selber schwarz ist.

Der Autor schafft das Schwierige, er schafft es, Schwarzweißmalerei bis auf eine Ausnahme zu vermeiden. Er macht das Richtige: Zu keinem Zeitpunkt stellt er sich auf eine Seite und verteufelt die andere. Er erzählt und überlässt es dem Leser, sich eigene Gedanken zu machen. Denn wie schon erwähnt, es gibt nicht nur eine Wahrheit! Das hat mir sehr gut gefallen. So habe ich Jessup begleitet, der noch sehr jung schwierige Entscheidungen treffen muss, der zerrissen ist und der immer eine Loyalität gegenüber seiner Familie spürt.

"Es geht nur mit Licht. Licht schluckt die Dunkelheit." Das Ende ist typisch amerikanisch: Nicht vollständig weichgespült, aber versöhnlich.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.03.2020

Sehr gut

Liebes Kind
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Seit 4842 Tagen ist Lena verschwunden. Ihre Eltern haben die Hoffnung fast aufgegeben, als eine junge Frau bei einem Autounfall verletzt wird. Eine Frau, die Lena sein könnte. Eine Frau, die ihrem Entführer ...

Seit 4842 Tagen ist Lena verschwunden. Ihre Eltern haben die Hoffnung fast aufgegeben, als eine junge Frau bei einem Autounfall verletzt wird. Eine Frau, die Lena sein könnte. Eine Frau, die ihrem Entführer entkommen konnte. Ist ihr Leiden vorbei, oder geht es noch weiter?

Dieser Thriller fängt da an, wo andere Thriller enden. Diesen Satz habe ich oft gefunden, nachdem ich einige Rezensionen zu Liebes Kind gelesen habe. Dieser Satz fasst den Thriller ganz gut zusammen. Wie gehen die Opfer mit der neuen Situation um und habe ich mich überhaupt schon mal dafür interessiert, wie die Opfer damit umgehen und wie es weitergeht? Wohl eher nicht.

Der Thriller wird aus drei Perspektiven erzählt. Die des Opfers, die des Vaters, der seine Tochter sucht und die der Tochter des Opfers, die in Gefangenschaft geboren wurde. Das ist sehr gelungen, weil ich so alle Situationen aus drei verschiedenen Blickwinkeln gesehen habe. So hat die Autorin das sehr gut gemacht, wo andere Autoren scheitern: Sie hat mich nicht zum Voyeur der Schrecken der Gefangenschaft gemacht. Das hat mir sehr gut gefallen! Genauso wie die Emotionen, die durch das ganze Buch transportiert werden.

Sie hat keine neue Geschichte erzählt, aber wie sie das erzählt, ist ihr unglaublich gut gelungen. Denn Liebes Kind hat einen perfekten Spannungsbogen, durchgehend hohes Niveau und bis zum packenden Finale wusste ich nicht, welche Lösung die Autorin am Ende parat hatte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2020

Bedingungslose Liebe

Ein wenig Glaube
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Lyle und Peg Hovde nehmen ihre Adoptivtochter Shiloh und ihren Enkel Isaac bei sich auf. Doch sehr schnell schiebt sich Shilohs Glaubensgemeinschaft zwischen sie und ihre Eltern. Als das Leben ihres Enkels ...

Lyle und Peg Hovde nehmen ihre Adoptivtochter Shiloh und ihren Enkel Isaac bei sich auf. Doch sehr schnell schiebt sich Shilohs Glaubensgemeinschaft zwischen sie und ihre Eltern. Als das Leben ihres Enkels in Gefahr gerät, müssen Peg und Lyle eine Entscheidung treffen.

Ein wenig Glaube ist für mich ein weiteres Jahreshighlight. Der Roman erzählt vom Glauben, wie man ihn findet und auch, wie man ihn verlieren kann. Aber er zeigt auch auf, wie weit ein Glauben führen kann, wenn man ihm allzu unkritisch gegenüber steht. Der Autor hat dabei einen tatsächlichen Fall verarbeitet. Ein weiteres wichtiges Thema im Roman, wenn nicht sogar das wichtigere, ist die bedingungslose Liebe, die Eltern für ihre Kinder und ihre Enkelkinder empfinden. Die Hilflosigkeit der Eltern, die Sturheit der Tochter, die Überzeugungskraft des charismatischen Sektenführers Steven und auch der 5jährige Isaac, der im Grunde nicht versteht, was mit ihm passiert: Als Leser ist man mittendrin.

Nickolas Butler erzählt von großen Themen und er erzählt davon in einer Sprache voll von Bildern, ohne dass er rührselig wird. Die Katastrophe, auf die die Geschichte zusteuert, ist unvermeidlich und trotzdem geht man als Leser zuversichtlich in die Zukunft, denn am Ende erscheint doch ein Hoffnungsschimmer.

Unbedingt Lesen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere