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Veröffentlicht am 29.11.2021

Ein wichtiger Abschnitt Niederländischer Geschichte – perfekt eingebunden im wuchtigen Familienepos!

Gold und Ehre
13

Was den Historischen Roman vom ganz normalen unterscheidet, ist letztlich das Wort „Historisch“. Im Klartext heißt dies, die fiktive Handlung eines solchen Romans entfaltet sich vor einem historischen ...

Was den Historischen Roman vom ganz normalen unterscheidet, ist letztlich das Wort „Historisch“. Im Klartext heißt dies, die fiktive Handlung eines solchen Romans entfaltet sich vor einem historischen Hintergrund. Längst hat sich hierbei das Genre in zwei unterschiedliche Lager gespalten: Im einen Fall spielen die Protagonisten des Romans ihre Rolle vor einer historisch eingefärbten Kulisse, die in eine bestimmte Zeit gelegt wurde - oftmals kommt es bei der Inszenierung dabei betont auf die fiktive Geschichte an und die Frage, ob dies nun in einem ganz bestimmten Jahrhundert spielt, rückt bei solch leichter Kost mehr oder weniger in den Hintergrund. Fast schon diametral dazu, gibt es aber auch jene Variante, in der die fiktiven Charaktere des Romans in eine sehr gut recherchierte historische Welt eintauchen und dort mit realen Persönlichkeiten interagieren und mit den Schicksalsschlägen und wichtigsten Ereignissen jener Epoche sich arrangieren müssen. Oftmals bekommt der Leser dann das Gefühl mitten in genau jener Zeit zu leben. Prominente deutschsprachige Werke letzterer Gattung sind beispielsweise Rebecca Gablés Waringham-Saga, oder Ulf Schiewes Bände zu den Normannen, den Herrscher des Nordens oder zu den Kreuzzügen. Und auch Sabine Weiß‘ jüngstes Buch zur Niederländischen Geschichte des 17. Jahrhundert gesellt sich auf Augenhöhe in dieser Riege hinzu.

In „Gold und Ehre“ setzt die Autorin nach Überspringen der Generation des Dreißigjährigen Krieges fort, was in „Krone der Welt“ zur niederländischen, spanischen und englischen Geschichte begonnen wurde; historisch liegt somit, neben den vielschichtigen Kon­flikten des Hauses Oranien, ein Schwerpunkt auf einerseits der von Johan de Witt nicht-monarchisch geführten Periode der Republik der Sieben Vereinigten Niederlanden nach Ende des Achtzigjährigen Krieges und andererseits der Wiedererlangung der Macht des englischen König Charles, dem Jüngeren, gegen Oliver Cromwell. Es ist atemberaubend zu lesen, wie hier alle relevanten historischen Personen, Orte, Kolonialfragen, Auseinandersetzungen der großen Seefahrernationen, der abscheuliche und menschenunwürdige Sklavenhandel in Westafrika, damalige Bautechniken und -künste, Epidemien, Flutkatastrophen, der große Brand von London und viele weitere Gegebenheiten meisterhaft eingearbeitet und mit den Schicksalen der fiktiven Charaktere verwoben wurden. Es wird sogar aufgegriffen, wie sich der typische und noch heute spürbare „way of life“ mit seinem unverkennbaren Freiheitsgedanken der damaligen Niederlande in Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York, entwickelt und etabliert hat. Bei weitem zu umfangreich gestaltet sich dabei die großartige Palette an historischen Persönlichkeiten, um sie in einer Rezension alle aufzählen zu können. Exemplarisch wird anhand der Handlungsstränge der jeweiligen Protagonisten widergespiegelt, was einerseits den einzelnen Adelshäusern und Nationen, sei es in Frankreich und Spanien oder insbesondere in den Niederlanden und England widerfahren ist und andererseits, wie sich das Alltagsleben des kleinen Mannes der Gosse gestaltet und welch schrecklich unverdiente und nahezu bedeutungs- und respektlose Rolle man zu dieser Zeit den Frauen außerhalb der noblen Schichten zugedacht hatte; akribisch wurde dabei herausgearbeitet welche Schluchten sich damals zwischen der gehobenen „Noblesse“, dem gemeinen „Pöbel“ und jenen, die versuchten sich für die höheren Schichten zu empfehlen, auftaten. Historisch betrachtet ist „Gold und Ehre“ schlichtweg brillant und gehört diesbezüglich für mich zum Allerbesten, was ich bislang in diesem Genre lesen durfte. Die fiktive Handlung ist über weite Strecken der 688 Seiten ebenfalls großartig gestaltet und, wie bei Sabine Weiß üblich, gespickt mit Emotionen-transportierenden Charakteren, hat im Vergleich zu „Krone der Welt“ allerdings kurze Passagen mit gewissen Längen zu Beginn und schwächelt auch ein ganz klein wenig gegen Ende des Buches: Hier hätte man der fiktiven Geschichte durchaus ein paar Seiten mehr gönnen dürfen, auf denen die Protagonisten sich nochmals hätten ein wenig mehr entfalten und emotional austoben können.

Die fiktive Handlung spielt hierbei dominant, beim Erstellen von Bauwerken, in Amsterdam und Hamburg (u.a. spielt hier das Wahrzeichen Michel eine große Rolle) sowie in s’Gravenhage, mit Abstechern in einige bedeutende europäische Städte und in holländische Kolonien. Im Rahmen der fiktiven Handlung lernen wir Benjamin kennen, den Sohn Michiels - seines Zeichens Ziehsohn Vincents. Letztere beiden sind dem Leser bereits aus dem Vorgängerband bekannt. In guter Familientradition strebt er in Amsterdam - mittlerweile zur Weltstadt gereift - den Beruf des Architekten an. Nach einem Missgeschick muss er für einige Zeit nach Hamburg und sich dort bewähren, wo er die beeindruckende und charakterstarke Lucia trifft. Diese allerdings muss sich des nachts als Mann verkleiden und Passanten bestehlen, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. Theo, Sohn von Kris, den der Leser noch als mutigen Jungen und ‚Bruder‘ Michiels aus „Krone der Welt“ in Erinnerung hat, wird Seemann, wie schon sein Vater, und erkundet die Welt. Samuel, Adoptivsohn von Nathan und Betje (die in „Gold und Ehre“ leider nicht mehr vorkommen), möchte als reicher Unternehmer unbedingt in die Welt der Adligen aufsteigen. Und so lernen wir nach und nach eine Vielzahl an sympathischen und weniger sympathischen Charakteren und deren Beziehungen zueinander und zu den realen Persönlichkeiten jener Epoche kennen.

Detailliert und fesselnd präsentiert Sabine Weiß Fiktion sowie perfekt recherchierten, komplexen historischen Hintergrund ausdrucksstark, bildhaft und für jedermann verständlich; Vorkenntnisse zur Niederländischen Geschichte oder ein passendes Nachschlagewerk zur Hand mögen dem Leser jedoch durchaus von Nutzen sein. Beeindruckend ist darüber hinaus das grandiose Cover des Buches, welches das Hamburger Wappen auf türkisfarbenem Hintergrund zeigt, inklusive eines Hamburger Stadtplans aus dem Jahre 1650 auf der Klappeninnenseite. Unverkennbar, dass auch beim Cover der Bogen, von „Krone der Welt“ ausgehend, fortgeführt wird. Darüber hinaus verfügt der Roman über ein kurzes Personenverzeichnis und einen Glossar, in welchem die wichtigsten Begriffe erläutert werden.

Fazit: „Gold und Ehre“ setzt sich mit der nicht-monarchisch geführten Periode Hollands und Englands auseinander und ist, wenn auch zeitlich nicht unmittelbar anknüpfend, die Fortsetzung zu „Krone der Welt“ und es erscheint hinsichtlich der historischen gleichsam der fiktiven Handlung ratsam, die beiden Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Es handelt sich hierbei um ein großartiges Buch, das dem interessierten Anhänger von Geschichte und des gründlich recherchierten Historischer Romans enorm viel bietet. Die etwas zu kurz gekommene fiktive Handlung gegen Ende des Buches wurde für meinen Geschmack durch die grandiose historische mehr als kompensiert. Für mich ist „Gold und Ehre“ insbesondere im Verbund mit „Krone der Welt“ eines der richtig beeindruckenden Werke dieses Genres, welches geradezu ideal für eine Fortsetzung geschaffen scheint.

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Veröffentlicht am 23.11.2021

Eine überaus klare Darstellung dessen, was uns bevorsteht

Deutschland 2050
3

Im Augenblick überschwemmen Bücher zum Klimawandel und zur Energiewende ja förmlich den Markt, die meisten davon geschrieben von Fach-fremden Autoren und Nicht-Wissenschaftlern. Das hier vorgestellte Buch ...

Im Augenblick überschwemmen Bücher zum Klimawandel und zur Energiewende ja förmlich den Markt, die meisten davon geschrieben von Fach-fremden Autoren und Nicht-Wissenschaftlern. Das hier vorgestellte Buch bietet hierbei eine der wenigen Ausnahmen. Mit „Deutschland 2050: Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ hat das Autorenduo Toralf Stad und Nick Reimer ein großartiges Sachbuch zum Klimawandel vorgelegt. Politisch völlig neutral wird ohne erhobenen Zeigefinger dargelegt, was uns – basierend auf dem Ist-Zustand und wissenschaftlichen Daten und Modellen – bereits im Jahre 2050 und darüber hinaus bevorstehen wird. Vieles davon wird laut diesen Prognosen sogar dann eintreten, wenn jeder einzelne zum Umdenken motiviert wird, endlich Bewegung in die Reduktion des CO2-Ausstosses gerät und wir große Fortschritte in der Umsetzung der Energiewende machen können, da viele der Grundsteine zu einer umfangreichen negativen Klimaveränderung bereits jetzt schon gelegt wurden. Auf vielen Ebenen sind die sogenannten Kipp-Punkte bereits erreicht und überschritten, womit sich angestoßenen Prozesse nicht mehr stoppen oder gar umkehren lassen.

Gleich zu Beginn des Buches werden verschiedene Modelle vorgestellt, anhand derer dann Aussagen über die Zukunft getroffen werden können. Wissenschaftlich fundiert werden dabei auch die Grenzen solcher Prognosen mit angegeben. In den folgenden 13 Kapiteln werden dann detailliert die Auswirkungen auf Mensch, Natur, Wasser, Wald, Städte, Küste, Verkehr, Wirtschaft, Landwirtschaft, Energie, Tourismus, Sicherheit und Politik sehr sachlich, unaufgeregt und für den Laien verständlich dargelegt. Für manch einen, der sich mit dieser Thematik bislang weniger intensiv auseinandergesetzt hat, mag sich hieraus ein wahres Horror-Szenario entfalten, die anderen hatten bereits eine grobe Vorahnung, die nun untermauert wird.

Für mich ist „Deutschland 2050: Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ von Toralf Stad und Nick Reimer ein ganz hervorragendes, intelligent geschriebenes Sachbuch: Informativ, sowohl für den Laien als auch für den Experten geeignet, gibt es dem Leser das Rüstzeug, um nicht nur für Parolen am Stammtisch, sondern auch für fundierte Diskussion unter Experten gewappnet zu sein und aktiv mitreden zu können. Ein wirklich beeindruckend sachliches und objektives Buch, gespickt mit sehr viel Expertenwissen, wie ich persönlich es mir immer gewünscht habe. Die Hörbuchversion wird darüber hinaus ganz wunderbar von Christian Erdmann gesprochen. Den Klimawandel und seien Folgen ignorieren, können nach „Deutschland 2050" vermutlich nur noch überzeugte Leugner, die die Augen und Ohren vor diesem Buch verschließen.

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Veröffentlicht am 21.11.2021

Thriller-Satire vom aller feinsten

Chromosom 23 - Eine Thriller-Satire
3

„Chromosom 23“ von Christian Gailus ist ein Thriller. Also kein Thriller im herkömmliche Sinne – nein, nein - sondern mehr eine Thriller-Satire. So wird es zumindest angegeben. Aha, Satire also! Lass‘ ...

„Chromosom 23“ von Christian Gailus ist ein Thriller. Also kein Thriller im herkömmliche Sinne – nein, nein - sondern mehr eine Thriller-Satire. So wird es zumindest angegeben. Aha, Satire also! Lass‘ mal überlegen ...hmmh, und was habe ich mir nun darunter vorzustellen unter einer solchen? Man könnte diese Frage aus meiner Sicht so beantworten: Es ist schlichtweg reinster Spaß vom aller feinsten, so der Leser den nötigen Humor und Verständnis für und Zugang zu Ironie und Sarkasmus mitbringt – und von dem habe ich zumindest mehr als genug und insofern würde ich „Chromosom 23“ als einzigartig beschreiben. Wäre es kein (Hör-)Buch, sondern ein Film, käme ihm der Vergleich mit „Bully“ Herbigs „Schuh des Manitu“ oder „Lissy“ vielleicht am nächsten, bei denen sich auch ein Gag an den nächsten reiht, in solchem Tempo, dass man das Passagen-weise mehrmals hören muss, um die gesamte Palette an Witz mitnehmen zu können.

Wovon handelt nun also diese … Thriller-Satire? - Nun ja, insgesamt ist die Handlung komplex und schwer einzufangen und zu beschreiben (man möchte hier ja auch nicht zu viel verraten), aber am besten stellt man sich hierzu eine grandiose und überaus bunte Mischung aus so ziemlich allen Verschwörungsthrillern vor, die einem in den Sinn kommen, mit Schwerpunkt sind die Elemente aber den Standardwerken von Dan Brown, Stieg Larsson und Sebstian Fitzek entliehen. Alles beginnt mit einem als „Vorgeplänkel“ genannten Prolog, in welchem der ehemalige Journalist Michael Blohmquiz und der Ornamentologe Richard Random (man beachte die Nähe der Namen zu ihren wohl-bekannten Charakteren) ein überaus lustiges Telefonat führen. Danach soll Blohmquiz einem reichen Industriellen helfen seine unter der Sonnenbank einfach so verschwundene Nichte wieder zu finden. Der Ornamentologe Richard Random andererseits wird im Handumdrehen mal ganz schnell mit der Franken-Fly 300 von Bosten in die Schweiz geflogen. Die Ermittlungen führen u.a. an‘s CERN. Dort wird ihm die Tochter eines Professors mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihm generell bei den Ermittlungen weiterhelfen, als ihr Vater ermordet und kopflos aufgefunden wurde. Im weiteren Verlauf kommt man den Iluminanten auf die Spur. So versuchen also beide das Rätsel jeweils von ihrer Seite aus zu lösen. Nebencharaktere wie Ben Drown oder Fabian Witzig tauchen in „Nebenhandlungen“ mit vier Bestsellerautoren auf und so reihen sich Wortspiele (wie beispielsweise die Änderung des Goldenen Schnitt zum Goldenen Schritt, usw.) und Witz nahezu im Sekundentakt aneinander.

Fazit: Noch nie zuvor habe ich bei einem (Hör-)Buch derart Lachen müssen, Gags folgen hier pausenlos aufeinander und manche Passagen müssen mehrfach gehört werden, um die Parallelen zu bekannten Werken bei solch hoher Gag-Frequenz überhaupt erfassen zu können. Für mich hat hier Christian Gaius mit „Chromosom 23“ etwas richtig Originelles geschaffen, ich möchte aber nochmals darauf hinweisen, dass das Buch für humorlose oder Sarkusmus-fremde Leser/Hörer ungeeignet ist. Alleine die Ironie des Covers gleichsam des Titels des Buches sind bereits brillant. Die Hörbuchvariante wird im Übrigen perfekt von den bekannten Sprechern David Nathan und Simon Jäger gelesen. Dieses Duo setzt dem Ganzen dann final das I-Tüpfelchen auf. Das im Klappentext angekündigte Versprechen eines „bitterböses Angriffs auf die Lachmuskeln“ wurde bei mir mehr als eingelöst.

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Veröffentlicht am 21.11.2021

Einfach mitreißend: Wo Lesch drauf steht, ist auch Lesch drin

Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden
2

Eines der aktuell meistdiskutierten Themen ist die CO2-Bilanz und der Energiewandel der schleunigst angegangen werden muss. Dazu werden uns oftmals jede Menge schöner Politiker-Reden gehalten und Vorträge ...

Eines der aktuell meistdiskutierten Themen ist die CO2-Bilanz und der Energiewandel der schleunigst angegangen werden muss. Dazu werden uns oftmals jede Menge schöner Politiker-Reden gehalten und Vorträge und Bücher von eher Fachfremden präsentiert. Bei Harald Lesch schaut das gehörig anders aus. Er ist vom Fach und in gewohnt lässiger und fundierter Weise präsentiert er uns sein jüngstes Werk. Kurz und bündig und auch sehr beeindruckend stellt er in „Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden“ wissenschaftlich überzeugend die verschiedenen, zukunftsentscheidenden erneuerbaren Energien einander gegenüber und diskutiert auf allgemein verständliche Art, welche davon langfristig die Energieprobleme lösen können und welche eben nicht. Immer wieder kommt er hierbei auf den Alltagsvergleich des hart radelnden Fahrradfahrers zurück, den jeder Leser/Zuhörer für den Energieverbrauch einordnen kann.

„Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden“ von Christian Holler, Joachim Gaukel, Harald Lesch, Florian Lesch ist ein hervorragendes Buch zur Thematik der zusehends schlechter werdenden CO2-Bilanz und des Energiewandels, das sowohl für den Laien als auch für den Experten auf diesen Gebieten leicht zu verstehen und äußerst interessant sein dürfte. Es gibt dem Leser/Hörer das nötige Rüstzeug an die Hand, um in Diskussion zu diesen Themen – sei es am Stammtisch oder in der Vorlesung - auf Augenhöhe mitdiskutieren zu können. Von meiner Warte aus gesehen, kann ich „Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden“ jedem Interessierten nur wärmstens empfehlen. Danach kann sich der Leser/Hörer sein ganz eigenes Bild vom aktuellen Zustand unseres Planeten machen und eigene Überlegungen dazu anstellen, wie man Lösungen bewerkstelligen könnte. Das Hörbuch wird im Übrigen ganz großartig von Meister Lesch selbst gelesen.

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Veröffentlicht am 20.10.2021

Wer wandert so spät durch Schnee und Wind?

SCHWEIG!
3

Das Cover des Thrillers „SCHWEIG!“ der Autorin Judith Merchant ist genau genommen recht schlicht gehalten, fast schon im Stile einer Traueranzeige. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man die Details ...

Das Cover des Thrillers „SCHWEIG!“ der Autorin Judith Merchant ist genau genommen recht schlicht gehalten, fast schon im Stile einer Traueranzeige. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man die Details - wie beispielsweise die Bäume, die aus einigen der Buchstaben des Titels ragen, von denen einer rot wie frisches Blut ist, und dass sich vom zentralen Buchstaben W ein Wurzelwerk nach unten erstreckt, ein paar unbedeutend kleine Krähen flattern durchs Bild. Der Rest des Buches ist, abgesehen vom Titel und vom Namen der Autorin weiß und kalt und still wie Schnee. Mit der Handlung des Buches verhält es sich irgendwie sehr ähnlich: Während das Narrativ der Geschichte sich recht einfach darstellt, wurzelt die wahre Bedeutung in den äußerst spannenden Charakterentwicklungen seiner Protagonisten.

Wäre es ein Film so gewönne der Zuschauer den ersten – aber wirklich nur den allerersten - Eindruck, dass es sich um eine low-budget Produktion handeln könnte oder, wie es in der Beschreibung zu „SCHWEIG!“ heißt, um ein Kammerspiel. Aber dieser erste Eindruck täuscht - und zwar täuscht er gewaltig. Der Plot selbst ist im Grunde genommen schnell erzählt: Die ältere Schwester, Esther, ist ein Familienmensch, ist verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet fleißig und trifft gerade die Vorbereitungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, als ihr der Gedanke kommt, dass sie unbedingt, entgegen des Ratschlags ihres Mannes, noch vor Heilig Abend ihre jüngere Schwester Sue besuchen muss, die geschieden ist und der es nicht vergönnt war Kinder zu bekommen. Sue, von Esther seit einem Kindheitsereignis Schnecke genannt, lebt sehr einfach, abgeschieden und einsam in einem riesigen Haus von ihrem Ex-Mann mitten im Wald, muss nicht mehr arbeiten und möchte einfach ihre Ruhe. Durch Esther erfahren wir, dass Sue auch regelmäßig ihre Medikamente nehmen muss und dass sie sich hoffentlich nichts antun wird, gerade an Weihnachten und nach all dem, was vergangenes Jahr vorgefallen war.

Ja, was war eigentlich letztes Jahr vorgefallen? - Lange wird der Leser es nicht erfahren und wenn, dann immer nur in kleinsten Häppchen. Schnell wird dem Leser aber klar, dass Esther die aufopfernde, fürsorgliche Schwester ist, die sich liebevoll um alles kümmert und nur das Beste für ihre Familie und ihre Schwester möchte, Sue hingegen ist für den Leser eher der sympathische Versager. So sind also die Rollen nun mal verteilt. - Aber sind sie das wirklich? - Mitnichten: Denn einige Seiten später werden durch die geführten Dialoge und Rückblenden die Karten völlig neu gemischt und der Leser gewinnt durch die ständigen Perspektivenwechsel - dabei wird "Kammerspiel-artig" jeweils aus Sicht von Sue, Esther, Esthers Mann Martin und in Rückblenden von einem kleinen Mädchen erzählt - mehr und mehr das Bild, dass es Sue ist, welche die kluge, zufriedene und beherrschte Schwester ist und Esther hingegen überaus kontrollsüchtig und ungemein manipulativ und unehrlich, gegenüber ihrer Schwester, ihrem Mann, ihren Kindern und auch sich selbst. Was ist eigentlich mit Martin, Esthers liebevollen Ehemann, der keiner Fliege etwas zu leide tun kann? Natürlich, auch von ihm werden wir im Verlauf des Buches Details erfahren, die den Blick des Lesers auf ihn völlig verändern. Und so entwickelt sich ein großartiger Psychothriller, bei dem Judith Merchant sehr klug und elegant mit den Emotionen des Lesers spielt. Bis fast zum Schluss bleibt der Leser im Unklaren darüber, wer gut oder böse ist, wer wen liebt oder hasst … oder möglicherweise sogar ... umbringt?

Judith Merchants Schreibstil ist so flott und mitreißend, dass er dem Leser kaum eine Möglichkeit zu einer Verschnaufpause liefert. Gerade glaubt man mental die Szenerie erfasst zu haben, ändert sich bereits wieder das geistige Bühnenbild und der Leser kommt schon wieder ins Rätseln und wird seine Einschätzung zu den Protagonisten wieder ändern und neu anpassen – wieder und wieder und wieder. Selten ist es einer Autorin oder einem Autor gelungen mit meinen Emotionen so überzeugend zu spielen und meine Einschätzungen zu den jeweiligen Charakteren so erfolgreich zu manipulieren. Und all das, obwohl es im Wesentlichen nur um drei Personen geht und sich die gesamte Handlung lediglich in einem abgelegen Haus in der Wildnis oder in einer Wohnung in der Stadt abspielt. Das Hörbuch wird darüber hinaus hervorragend und ausdrucksstark von Christiane Marx, Ulrike Kapfer und Tim Gössler gelesen.

Fazit: Mit „SCHWEIG!“ hat Judith Merchant einen richtig klugen und hochspannenden Thriller über zwei Schwestern geschrieben, die von frühester Kindheit an ein ganzes Leben lang miteinander konkurrieren und deren Verhältnis von einer toxischen Hassliebe geprägt ist. Erst ganz zum Schluss kommt Licht ins Dunkel und dem von Anfang bis Ende manipulierten Leser wird klar, welche psychologischen Abgründe sich für alle Protagonisten im Lauf der Jahre aufgetan haben. Dennoch scheint das Ende versöhnlich, klar und voller Liebe … oder etwa doch nicht?

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