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Veröffentlicht am 25.03.2025

Mimos steiniger Weg

Was ich von ihr weiß
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Am 1. April 2025 bringt der Luchterhand Literaturverlag den mit dem Prix Goncourt 2023 ausgezeichneten Roman "Was ich von ihr weiß" des französischen Autors Jean-Baptiste Andrea endlich auch in deutscher ...

Am 1. April 2025 bringt der Luchterhand Literaturverlag den mit dem Prix Goncourt 2023 ausgezeichneten Roman "Was ich von ihr weiß" des französischen Autors Jean-Baptiste Andrea endlich auch in deutscher Übersetzung heraus. Dieses literarische Werk, das sich als ambitioniertes Epos über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts versteht, vereint mehrere Genres in sich: Es ist zugleich Künstlerroman, Historienbuch, Bildungs- und Gesellschaftsroman – ein komplexes Unterfangen, das hohe Erwartungen weckt.
Im Zentrum der erzählten Geschichte steht Michelangelo Vitaliani, kurz Mimo, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst und schon früh mit der Bildhauerei in Berührung kommt. Sein Talent offenbart sich schnell, doch der Weg an die Spitze ist lang und voller Rückschläge. Mimo hat nicht nur mit Armut zu kämpfen, sondern muss sich auch gegen Anfeindungen seiner Umgebung zur Wehr setzen. Als Kleinwüchsiger hat er es in dem körperlich anstrengenden Beruf des Bildhauers schwerer als andere. Trotz zahlreicher Rückschläge und Phasen des Scheiterns behauptet er sich schließlich und avanciert zu einem gefeierten und begehrten Künstler.
Eine zentrale Rolle im Roman spielt auch Viola, die Mimo während eines Bildhauerauftrags in ihrer gemeinsamen Kindheit kennenlernt. Im Gegensatz zu ihm stammt sie aus wohlhabenden Verhältnissen, empfindet ihre Startbedingungen jedoch keineswegs als ideal. Als junge Frau im frühen 20. Jahrhundert fühlt sie sich von den gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt und strebt nach größerer Freiheit. Ihr Traum, das Fliegen zu lernen, symbolisiert ihren Wunsch nach Unabhängigkeit. Gemeinsam mit Mimo widmet sie sich in ihrer Jugend der Erforschung und dem Bau von Flugmaschinen, doch ihre Bemühungen enden tragisch in einem schweren Unfall.
Jean-Baptiste Andrea erzählt die Geschichte von Mimo und Viola über viele Jahre hinweg. Der Roman verweilt lange in der Kindheit und Jugend der Protagonisten, bevor er sich Mimos Reifeprozess als junger Mann widmet und schließlich zum Wiedersehen der beiden nach vielen Jahren springt. Die latente Liebesgeschichte zwischen Mimo und Viola wird dabei immer wieder von langen Trennungen und den Wirren der Zeitgeschichte unterbrochen. Die politischen Entwicklungen, insbesondere die beiden Weltkriege, bilden den Hintergrund der Handlung, geraten jedoch erst im letzten Drittel des Romans in den Vordergrund. Hier wird Mimo unmittelbar in die politischen Fronten verwickelt, was der Geschichte eine zusätzliche Dimension verleiht.
Bis dahin bleibt der Roman jedoch überraschend einfach gestrickt. Wer anhand des Klappentextes eine tiefgehende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen erwartet, könnte zunächst enttäuscht sein. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf der Schilderung von Mimos Kindheit, seiner Ausbildung in der ersten Werkstatt, seiner Freundschaft mit Viola und seinem kämpferischen Streben nach einem Platz in der Welt. Auch die Figur Viola, die aufgrund ihres rebellischen Wesens und ihrer Suche nach Freiheit eine vielversprechende Protagonistin hätte sein können, bleibt eher im Hintergrund. Sie wird zur Nebenfigur degradiert, während Mimos Lebensweg klar im Mittelpunkt steht.
Dieser Fokus auf Mimo und die teilweise nur oberflächliche Behandlung der anderen Themen führen dazu, dass "Was ich von ihr weiß" insgesamt weniger komplex wirkt, als man es von einem Prix-Goncourt-Gewinner erwarten würde. Der Roman erinnert stellenweise fast an einen Trivialroman, wenngleich er auf einem höheren Niveau unterhält. Jean-Baptiste Andreas Stärke liegt vor allem in der erzählerischen Gestaltung der Geschichte selbst – mit spannenden Wendungen, viel Tragik, Leidenschaft und Drama – weniger jedoch in der Tiefe seiner Themen. Diese bleiben oft unausgearbeitet und bieten wenig neue Einsichten.
Auch die Darstellung von Mimos Ausbildung und Leben als Bildhauer ist zwar zweckmäßig und zufriedenstellend, aber nur bedingt authentisch. Zwar fügen sich historische Details sauber in die Handlung ein, doch die Darstellung des Handwerks und der Zeit bleibt insgesamt eher durchschnittlich. Mimo ist eine vielschichtige Figur, der man gerne durch die Geschichte folgt, doch über die Stationen seines Lebens hinaus fehlt ihm das gewisse Etwas, das eine tiefere Auseinandersetzung mit seinem Charakter spannend machen würde. Dasselbe gilt für Viola, die trotz ihres Potentials nicht über die Rolle einer Nebenfigur hinauskommt.
Als Unterhaltungsroman kann "Was ich von ihr weiß" dennoch überzeugen. Die spannende Geschichte, die zahlreichen dramatischen Wendungen und die tragischen Momente dürften viele Leser ansprechen und bis zum Schluss fesseln. Wer jedoch auf eine tiefere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit hofft, könnte eher ernüchtert sein. Jean-Baptiste Andreas Roman bleibt hinter seinen Erwartungen zurück und bietet letztlich wenig neue Erkenntnisse in seinen zentralen Themen.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Eine Brücke zwischen den Generationen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Flusslinien
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Katharina Hagenas vierter Roman "Flusslinien" entführt die Leser in die vielschichtige Welt dreier Protagonisten, die sich in völlig unterschiedlichen Lebensstadien befinden: Margit, Luzie und Arthur. ...

Katharina Hagenas vierter Roman "Flusslinien" entführt die Leser in die vielschichtige Welt dreier Protagonisten, die sich in völlig unterschiedlichen Lebensstadien befinden: Margit, Luzie und Arthur. Mit einer einzigartigen Erzählweise, die von Erinnerungen, Gedankenfragmenten und scheinbar zufälligen Einsprengseln durchzogen ist, erschafft Hagena eine literarische Atmosphäre, die sowohl sanft als auch eindringlich wirkt.
Margit Raven ist mit über hundert Jahren die älteste der Hauptfiguren und lebt in einer Seniorenresidenz. Wie so oft in Hagenas Werk dient dieses hohe Alter als Gelegenheit, in die Geschichte Deutschlands einzutauchen. Margit hat den Krieg miterlebt, die Wirren der Nachkriegszeit durchstanden und schließlich ihre Berufung als Stimmbildnerin gefunden. Ihre Erinnerungen tauchen nicht als chronologische Nacherzählung auf, sondern fließen bruchstückhaft in die Erzählung ein. Mal sind es kurze Momente aus ihrer Kindheit, mal Episoden über ihre Beziehung zu ihrer Mutter oder über ihre Schulzeit. Dabei vermeidet Hagena den Fehler vieler anderer Autoren, die sich in pathetischen Dramen und übermäßigen historischen Recherchen verlieren. Stattdessen werden die geschichtlichen Ereignisse aus einer individuellen Perspektive geschildert – so, wie Margit sie damals empfunden hat. Dadurch fühlt sich der Roman nicht wie eine Geschichtsstunde an, sondern wie das gelebte Leben einer Frau, die das 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen erlebt hat.
Trotz ihrer bewegten Vergangenheit strahlt Margit in der Gegenwart eine angenehme Ruhe aus. Ihre Erinnerungen sind nicht voller Bitterkeit, sondern erscheinen als fragmentierte Gedanken, die mal aufleuchten und wieder verblassen. Es ist ein leiser, aber eindrucksvoller Blick auf ein Jahrhundert deutscher Geschichte.
Auch Luzie, eine junge Frau, die sich gerade erst vom Abitur abgemeldet hat, kämpft mit ihrer Vergangenheit. Nach einer Vergewaltigung durch einen Mitschüler ist sie auf der Suche nach einem Weg, mit ihrer schmerzhaften Erfahrung umzugehen. Ihre Flucht in die Kunst des Tätowierens gibt ihr Halt, und sie beginnt, nicht nur Margits Körper, sondern auch die Haut anderer Senioren mit kunstvollen Motiven zu verzieren. Sie lebt abgeschieden in einer Hütte an der Elbe, meidet Menschen, doch ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Schmerz und Vergangenem hilft ihr, sich selbst zu finden. Hagena zeichnet Luzie dabei nicht als reines Opfer, sondern als eine ambivalente, vielschichtige Figur. Luzie leidet unter ihrer Vergangenheit, aber sie wächst auch an ihr. Ihre Entschlossenheit, sich als Tätowiererin zu etablieren, verleiht ihr eine beeindruckende innere Stärke.
Arthur, die dritte Hauptfigur, erscheint zunächst als unauffällige Randgestalt: ein Fahrer, der Senioren zu ihren Terminen bringt. Doch auch er trägt eine Geschichte mit sich, die sich erst nach und nach offenbart. Er wirkt orientierungslos, seine Lebensziele sind unklar, doch er besitzt Eigenheiten, die ihn faszinierend machen – unter anderem seine Leidenschaft für das Erfinden fiktiver Sprachen. Besonders prägend ist für ihn die Erinnerung an seinen verschwundenen Zwillingsbruder, über den er nur vage spricht. Arthur dient in "Flusslinien" nicht nur als Brücke zwischen Margit und Luzie, sondern auch als Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der wachsenden Beziehung zwischen ihm und Luzie zeigt sich schließlich die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, in der beide vielleicht aus ihrer inneren Isolation ausbrechen können.
Hagena beweist in diesem Roman ein besonderes Geschick im Umgang mit ihren Charakteren. Sie sind nicht nur tiefgründig und facettenreich, sondern entwickeln sich organisch über die Seiten hinweg. Die Art und Weise, wie sie ihre Leser an den Erinnerungen und Gedanken der Figuren teilhaben lässt, zeugt von außergewöhnlicher schriftstellerischer Raffinesse. Diese Einschübe wirken niemals deplatziert oder konstruiert, sondern fügen sich fließend in die Erzählung ein – manchmal so sanft, dass man kaum merkt, wenn die Handlung in eine Erinnerung hinübergleitet.
Trotz der schweren Themen, die "Flusslinien" behandelt, ist der Roman von einer bemerkenswerten Sanftheit geprägt. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen; die Stimmung melancholisch, aber nicht erdrückend. Hagena zeigt auf beeindruckende Weise, dass die Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen drängend und individuell sind. Ihre Geschichte offenbart, dass jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bewältigen hat – und dass es Wege gibt, mit diesen umzugehen.
"Flusslinien" ist somit sowohl ein Gegenwarts- als auch ein Historienroman, der sich nicht in übertriebener Dramatik verliert, sondern mit leisen Tönen überzeugt. Der Roman erinnert daran, dass Erinnerungen nie vollständig verblassen und Vergangenheit und Gegenwart auf eine gewisse Weise miteinander verbunden sind. Die Begegnungen zwischen Margit, Luzie und Arthur zeigen, wie wichtig es ist, sich anderen zu öffnen und dass aus unerwarteten Verbindungen neue Wege entstehen können.
Mit "Flusslinien", erschienen am 13. März 2025 bei Kiepenheuer & Witsch, gelingt Katharina Hagena ein bemerkenswerter deutschsprachiger Roman, der in diesem Bücherfrühling definitiv zu beachten ist.

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Eine Unterhaltung, die im Zug Fahrt aufnimmt

In einem Zug
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Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits ...

Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits in seinem Bestseller "Gut gegen Nordwind" gelingt es Glattauer erneut, eine eindringliche Erzählung auf engstem Raum zu inszenieren, die durch ihre Dialogführung beeindruckt.
Die Handlung ist denkbar simpel: Eduard Brünhofer, ein gefeierter Autor von Liebesromanen, sitzt im Zug nach München einer jungen Frau, Catrin, gegenüber. Und sie beginnen eine Unterhaltung. Was als belangloses Gespräch beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer tiefgehenden Konversation, in der sich die beiden Fremden mit einer erstaunlichen Offenheit begegnen. Der Leser wird Zeuge eines sich entfaltenden Dialogs, in dem Eduard und Catrin sich gegenseitig Einblicke in ihre innersten Gedanken und Gefühle gewähren.
Glattauer bleibt seinem Stil treu und erschafft eine beeindruckende Charakterzeichnung allein durch die Worte seiner Figuren. Die gesamte Handlung entfaltet sich fast ausschließlich in der Unterhaltung zwischen den beiden, nur unterbrochen von kurzen, reflektierenden Einschüben. Die Konservation nimmt bald an Intensität zu, begünstigt auch durch den Genuss von etwas Wein. Eduards anfängliche Zurückhaltung weicht einem immer offeneren Gespräch, in das Catrin sich mehr und mehr einbringt.
Die Metaphorik der Zugfahrt als Sinnbild für den fortlaufenden Gesprächsfluss ist brillant gewählt: So wie der Zug zwischen den Stationen nicht anhalten kann, so scheinen auch Eduard und Catrin sich nicht mehr aus ihrem Gedankenaustausch lösen zu können. Sie springen von Thema zu Thema, tasten sich langsam an immer intimere Geständnisse heran und verlieren sich schließlich ganz in ihrem Dialog.
Glattauer versteht es, seine Leser zu fesseln, auch wenn sich die gesamte Handlung auf den begrenzten Raum einer Zugkabine beschränkt. Die emotionale Tiefe und die kunstvolle Sprachführung machen "In einem Zug" zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Zwar mag die eine oder andere dramaturgische Wendung am Ende etwas unnötig erscheinen, doch beeinträchtigt dies nicht die Gesamtharmonie des Romans. Fans von "Gut gegen Nordwind" werden an diesem Werk große Freude haben.

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Eine Unterhaltung, die im Zug Fahrt aufnimmt

In einem Zug
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Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits ...

Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits in seinem Bestseller "Gut gegen Nordwind" gelingt es Glattauer erneut, eine eindringliche Erzählung auf engstem Raum zu inszenieren, die durch ihre Dialogführung beeindruckt.
Die Handlung ist denkbar simpel: Eduard Brünhofer, ein gefeierter Autor von Liebesromanen, sitzt im Zug nach München einer jungen Frau, Catrin, gegenüber. Und sie beginnen eine Unterhaltung. Was als belangloses Gespräch beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer tiefgehenden Konversation, in der sich die beiden Fremden mit einer erstaunlichen Offenheit begegnen. Der Leser wird Zeuge eines sich entfaltenden Dialogs, in dem Eduard und Catrin sich gegenseitig Einblicke in ihre innersten Gedanken und Gefühle gewähren.
Glattauer bleibt seinem Stil treu und erschafft eine beeindruckende Charakterzeichnung allein durch die Worte seiner Figuren. Die gesamte Handlung entfaltet sich fast ausschließlich in der Unterhaltung zwischen den beiden, nur unterbrochen von kurzen, reflektierenden Einschüben. Die Konservation nimmt bald an Intensität zu, begünstigt auch durch den Genuss von etwas Wein. Eduards anfängliche Zurückhaltung weicht einem immer offeneren Gespräch, in das Catrin sich mehr und mehr einbringt.
Die Metaphorik der Zugfahrt als Sinnbild für den fortlaufenden Gesprächsfluss ist brillant gewählt: So wie der Zug zwischen den Stationen nicht anhalten kann, so scheinen auch Eduard und Catrin sich nicht mehr aus ihrem Gedankenaustausch lösen zu können. Sie springen von Thema zu Thema, tasten sich langsam an immer intimere Geständnisse heran und verlieren sich schließlich ganz in ihrem Dialog.
Glattauer versteht es, seine Leser zu fesseln, auch wenn sich die gesamte Handlung auf den begrenzten Raum einer Zugkabine beschränkt. Die emotionale Tiefe und die kunstvolle Sprachführung machen "In einem Zug" zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Zwar mag die eine oder andere dramaturgische Wendung am Ende etwas unnötig erscheinen, doch beeinträchtigt dies nicht die Gesamtharmonie des Romans. Fans von "Gut gegen Nordwind" werden an diesem Werk große Freude haben.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Verlorene Träume

Die Tage nach dem Pflaumenregen
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Karissa Chens Debütroman "Die Tage nach dem Pflaumenregen", der am 27. Februar 2025 im Gutkind Verlag erscheint, ist ein ambitioniertes Werk, das das Schicksal zweier Menschen eng mit der Geschichte Chinas ...

Karissa Chens Debütroman "Die Tage nach dem Pflaumenregen", der am 27. Februar 2025 im Gutkind Verlag erscheint, ist ein ambitioniertes Werk, das das Schicksal zweier Menschen eng mit der Geschichte Chinas verknüpft. Schon im Vorfeld deutete sich eine epische, zeitlich umspannende Erzählweise an, die die Lebenswege der Protagonisten Sushi und Haiwen von ihrer Kindheit in den 1930er Jahren bis zu ihrem späten Wiedersehen in Los Angeles nachzeichnet.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1938, als sich die beiden Nachbarskinder Sushi und Haiwen kennenlernen. Beide sind schüchtern und zurückhaltend, doch gerade diese Gemeinsamkeit bringt sie einander näher. Hinter ihren stillen Fassaden verbergen sich große Träume: Haiwen möchte eines Tages als professioneller Geiger auftreten, während Sushi von einer Karriere als Sängerin träumt. Doch das Schicksal hat andere Pläne für sie, und die Leser wissen bereits zu Beginn, dass sie weder ihre Träume verwirklichen noch als Paar zusammenfinden werden. Dies wird durch eine kluge Erzählentscheidung der Autorin früh enthüllt: Gleich zu Beginn beschreibt sie ein erneutes Aufeinandertreffen der beiden in Los Angeles – sechzig Jahre später.
Der Roman schildert in einem prägnanten und fließenden Erzählstil die Lebenswege der beiden Hauptfiguren. Feinfühlig beschreibt Karissa Chen die stillen Momente ihrer Kindheit, das vorsichtige Erkunden des anderen Geschlechts und die ersten Herausforderungen, die ihnen in den Weg gelegt werden. Besonders Sushis Eltern stehen einer Verbindung mit Haiwen skeptisch gegenüber, und doch könnte man anfangs meinen, dass ihre Freundschaft die Widerstände überdauern wird.
Doch das Leben hält andere Wendungen bereit: Haiwen gibt seine Karriere als Geiger und auch seine Beziehung zu Sushi auf, um sich dem Militär anzuschließen und seiner Familie zu helfen. Damit gerät sein Leben auf eine völlig andere Bahn, und erst im Alter wagt er einen letzten Versuch, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Doch kann man einst verlorene Träume wiederbeleben? Oder sind sie im Laufe der Jahre nur noch blasse Erinnerungen?
„Die Tage nach dem Pflaumenregen“ wirft grundlegende Fragen über Identität und Anpassung auf. Chen zeichnet das Bild zweier Menschen, deren Charakter nicht festgelegt ist, sondern sich den Umständen beugen muss. Vielleicht ist es ein notwendiger Überlebensmechanismus – nicht nur für Individuen, sondern auch für Nationen. Während Sushi und Haiwen mit den Umwälzungen ihrer Heimat ringen, verändert sich auch China über sechs Jahrzehnte hinweg radikal. Politische und gesellschaftliche Umbrüche sind nicht nur eine Kulisse, sondern nehmen direkten Einfluss auf die Lebenswege der Figuren. Die Autorin zeigt auf, dass persönliche Schicksale stets untrennbar mit historischen Ereignissen verwoben sind.
Sushi und Haiwen verlassen China schließlich und beginnen in den USA ein neues Leben. Sushi übernimmt die Verantwortung für ihre Schwester und nimmt selbst die erniedrigende Arbeit in einem Restaurant auf sich. Doch aus dieser Notlage entwickeln sich unerwartete Wendungen: Ein reicher Gönner nimmt sie zur Frau, und sie wird Mutter. Doch trotz ihrer neuen Familie scheint Sushi nie wahres Glück zu finden. Ähnlich ergeht es Haiwen, der ohne Musik und ohne Sushi ein Dasein fristet, das ihn ebenso wenig erfüllt.
Eine der zentralen Fragen des Romans lautet daher: Hätten sie ihr Glück gefunden, wenn sie auf ihrem ursprünglichen Weg geblieben wären? Oder waren ihre Träume in einem von Krieg und Revolution geprägten Land ohnehin zum Scheitern verurteilt? Karissa Chen wagt keine eindeutige Antwort, sondern überlässt es den Lesern, selbst darüber nachzudenken, wie viel Einfluss ein Einzelner auf sein Schicksal hat.
Für einen Debütroman ist „Die Tage nach dem Pflaumenregen“ ein durchaus gelungenes Werk. Karissa Chen nimmt sich die Zeit, ihre Protagonisten über Jahrzehnte hinweg zu begleiten, ohne dass der Roman dabei überladen oder unausgeglichen wirkt. Trotz des historischen Hintergrunds erhebt das Buch keinen belehrenden Anspruch und konzentriert sich in erster Linie auf die beiden Hauptfiguren. Ihre Erlebnisse stehen zwar exemplarisch für viele chinesische Emigranten, doch bleiben sie in ihrer individuellen Tiefe glaubwürdig und greifbar.
Der Roman folgt einer bewährten Erzählstruktur, wie sie bereits in vielen Werken über das Leben im Exil zu finden ist. Dennoch gelingt es Chen, das Thema auf eine Weise zu behandeln, die berührt und zum Nachdenken anregt. „Die Tage nach dem Pflaumenregen“ ist eine einfühlsame Geschichte über verpasste Chancen, über die Anpassungsfähigkeit des Menschen und über die Frage, ob sich verlorene Träume jemals wiederfinden lassen. Wer sich auf das bewegende Schicksal von Sushi und Haiwen einlässt, wird in diesem Buch einige fesselnde Lesestunden erleben.

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