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Veröffentlicht am 23.05.2023

Für mich leider enttäuschend

Du bist so schön, sogar der Tod erblasst
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Für Künstlerin Feyi soll es der Sommer ihres Lebens werden. Über Umwege lernt sie Nasir kennen, der anbietet, ihr eine Ausstellung ihrer Werke zu verschaffen. Das entsprechende Museum befindet sich praktischerweise ...

Für Künstlerin Feyi soll es der Sommer ihres Lebens werden. Über Umwege lernt sie Nasir kennen, der anbietet, ihr eine Ausstellung ihrer Werke zu verschaffen. Das entsprechende Museum befindet sich praktischerweise auf einer Insel in der Karibik und Feyi kann währenddessen in der Familienvilla mit Gartenanlage und Infinity Pool leben. Doch in ihrer Vergangenheit liegt ein traumatisches Ereignis, das ihr Leben in der Gegenwart überschattet. Kann Feyi es schaffen, sich davon zu lösen und neu anzufangen?

„Du bist so schön, sogar der Tod erblasst“ ist Akwaeke Emezis siebtes Buch und das dritte auf Deutsch erschienene. Es ist aus Feyis Perspektive in der dritten Person und der Vergangenheitsform verfasst und trägt die sehr moderne, unverfälschte Erzählweise der Protagonistin. Mit ihr reisen wir vom hektischen New York in das ruhige Inselparadies, erleben Glücksmomente und tiefe emotionale Krisen. In meinem Fall ist das mehr Fluch als Segen, denn Feyi war mir nicht unbedingt immer sympathisch.

Generell haben es mir die Charaktere im Roman nicht leicht gemacht. Über Feyi erfahren wir kaum etwas, das über den schweren Verlust, den sie erlitten hat, hinausgeht. Wir wissen nicht, was für ein Mensch sie darüber hinaus ist, was sie ansonsten noch ausmacht, denn auch ihre Kunst bindet stets das eigene Trauma ein. Das ist zwar durchaus verständlich, es eröffnet aber nicht unbedingt neue Blickwinkel auf Feyis Person. Auch den restlichen Figuren fehlt es an Tiefe, zum Teil hat man sogar das Gefühl, dass sie im Verlauf der Geschichte nur noch dazu dienen, die Handlungen der Protagonistin zu rechtfertigen.

Den Kern des Buches macht eine „verbotene“ Liebe aus. Feyi fühlt sich von dieser speziellen Person sofort sexuell angezogen, hinterher soll uns das aber als die große und wahre Liebe verkauft werden. Überhaupt scheint die Protagonistin hauptsächlich beim Sex in der Lage zu sein, sich wieder lebendig zu fühlen – wie gesund das ist und was das für wohl für eine Beziehung bedeutet, wenn mehrere Monate oder Jahre vergangen sind, muss wohl jeder für sich entscheiden. Ich persönlich hatte mir von dem Roman jedoch mehr erwartet und bleibe recht enttäuscht zurück.

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Veröffentlicht am 22.04.2023

Mittelmäßiger Abschluss des Quartetts

Der Traum von einem Baum
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2110, Longyearbyen, Spitzbergen. Der 18-jährige Tommy, seine 2 jüngeren Brüder und ein Schwesternpaar aus der Nachbarschaft – das sind die letzten Überlebenden in dem kleinen Ort. Schon lange wachsen dort ...

2110, Longyearbyen, Spitzbergen. Der 18-jährige Tommy, seine 2 jüngeren Brüder und ein Schwesternpaar aus der Nachbarschaft – das sind die letzten Überlebenden in dem kleinen Ort. Schon lange wachsen dort keine Bäume mehr, Obst und Gemüse gedeiht nur im Gewächshaus. Die Großmutter hat Tommy alles beigebracht, was er über Pflanzen wissen muss und ihm zudem ein Geheimnis anvertraut: sie ist die Wächterin einer Saatgutkammer, deren Inhalt die Welt retten könnte. Doch dann rafft eine Krankheit fast den gesamten Ort dahin. Können die 5 Überlebenden allein dort zurechtkommen? Oder sollen sie das Saatgut gegen ein neues Leben eintauschen?

Mit „Der Traum von einem Baum“ schließt Maja Lunde ihr im Jahr 2015 begonnenes Klimaquartett ab und führt einige lose Fäden wieder zusammen. So begegnen wir Tao aus Band 1 wieder, ebenso wie Lou aus Band 2 und 3. Erzählt wird dieses Mal jedoch in einem einzigen Handlungsstrang. Dabei kommt hauptsächlich Tommy zu Wort, während Tao uns Zugang zu Dingen gewährt, die außerhalb von Tommys Reichweite geschehen. Beide blicken zudem immer wieder in die Vergangenheit zurück.

Für Tommy ist seine Familie das Wichtigste. Longyearbyen ist sein Zuhause, das er nicht verlassen möchte – egal, wie die Lebensbedingungen dort aussehen. Diese Meinung teilte auch sein Vater, was oft zum Streit mit der Großmutter führte. Sie ist eine ruhelose Seele, die ihr Leben lang umhergezogen ist. Diese Sehnsucht teilt auch Rakel, eine der 5 Überlebenden und sie ist es auch, die letztendlich dem chinesischen Forschungsteam Zugriff auf das Saatgut verspricht – im Gegenzug für ein neues Leben. Die Handlung eskaliert, als Tommy und sie über diese heimlich getroffene Entscheidung in Streit geraten.

An den Vorgängerbänden mochte ich stets das jeweilige Umweltschutzthema. Hier stehen Bäume und die Saatgutkammer nur sehr lose im Mittelpunkt, vorrangig geht es hier um menschliche Schicksale. Dabei ist Tommy als Protagonist ungemein nervtötend und Tao eine eher unwichtige Rolle. Insgesamt habe ich mir vom großen Finale dieser Reihe einfach mehr erwartet – mehr Fakten, mehr Spannung, mehr Tiefe.

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Veröffentlicht am 18.04.2023

Sehr gute Kolumnensammlung

Habibitus
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Von 2016 bis 2022 war Hengameh Yaghoobifarahs Kolumne „Habibitus“ in der taz zu lesen. Nun ist bei Blumenbar eine Ausgabe von über 120 dieser Texte erschienen. „Habibitus“, das ist zunächst eine Zusammensetzung ...

Von 2016 bis 2022 war Hengameh Yaghoobifarahs Kolumne „Habibitus“ in der taz zu lesen. Nun ist bei Blumenbar eine Ausgabe von über 120 dieser Texte erschienen. „Habibitus“, das ist zunächst eine Zusammensetzung aus dem Habitus-Begriff von Bourdieu (Habitus als Auftreten einer Person aufgrund bestimmter Einflüsse und Faktoren) und dem arabischen „habibi“, was „Liebling“ bedeutet. Und dieser Kolumnenname ist eigentlich schon Programm, aber dazu später.

Die Sammlung beginnt mit einem Vorwort von Fatma Aydemir. Mit ihr gab Hengameh Yaghoobifarah übrigens den Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ heraus, den ich in diesem Kontext sehr als ergänzende Lektüre empfehlen kann. (Ebenso wie Yaghoobifarahs Debütroman „Ministerium der Träume“.) Aydemir beschreibt treffend den Witz der Kolumne, eine Art liebevollen Spott, der jedoch immer auch einen ernsten Hintergrund hat; sie nennt als Kontext der Kolumnen die Allgegenwärtigkeit rechter Gewalt, seien es die Anschläge von Halle und Hanau, der Einzug der AfD in den Bundestag oder die NSU-Prozesse. Yaghoobifarahs Humor dient also auch als Bewältigungsstrategie.

Das Buch ist in insgesamt 9 Unterthemen eingeteilt, zum Beispiel über das Leben in Deutschland, Astrologie oder Körperbilder, immer wieder verwischen aber auch die Grenzen. Es ist besonders der Rassismus, den Yaghoobifarah hier entlarvt. Wenn Menschen beispielsweise mehr Anteil daran nehmen, wenn NS-Symbole von einer Kirchenglocke entfernt werden, als es befremdlich zu finden, wenn eine rechtsextremistische Mordserie als „Dönermorde“ bezeichnet wird. Oder wenn Anschläge nur furchtbar zu sein scheinen, wenn sie auf Weihnachtsmärkten geschehen, nicht aber, wenn der Tatort ein Kiosk oder eine Shisha Bar ist. Hier legt Yaghoobifarah den Finger tief in die Wunde. Auf andere Kolumnen, z.B. zu Polizeigewalt, folgten sogar Strafanzeigen, Morddrohungen und Stalking. Dabei werden hier keine Einzelpersonen, sondern ein ganzes System kritisiert; stets nach oben getreten, nicht nach unten.

Es ist nicht einfach, in Deutschland witzig zu sein, sagt Fatma Aydemir in ihrem Vorwort. Hengameh Yaghoobifarah gelingt es dennoch vortrefflich. Deutsche Eigenheiten werden so herrlich eingefangen, Patriarchat und Kapitalismus auf die Schippe genommen. Und manchmal spricht Yaghoobifarah einem selbst mitten aus der Seele. Im Nachwort folgt dann auch noch einmal ein kritischer Blick: auf die eigenen Texte, die erhaltenen Reaktionen und die Grenzen der Kolumne an sich. Und das wäre auch mein kleiner Kritikpunkt: Als einzelner Text wirken diese umso stärker und stehen für sich allein. Als thematische Aneinanderreihung ergeben sich oft Wiederholungen und der Effekt der Kolumnen nutzt sich ab. Dennoch: Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 17.04.2023

Die finanzielle (Un-)Abhängigkeit von Frauen

3000 Yen fürs Glück
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Wie jemand 3000 Yen (ca. 20 Euro) verwendet, das sei entscheidend für das ganze Leben; zumindest Mihos Großmutter Kotoko zufolge. Von ihr lernt sie den Grundgedanken des Sparens, aber seitdem hat sie nicht ...

Wie jemand 3000 Yen (ca. 20 Euro) verwendet, das sei entscheidend für das ganze Leben; zumindest Mihos Großmutter Kotoko zufolge. Von ihr lernt sie den Grundgedanken des Sparens, aber seitdem hat sie nicht allzu sehr auf ihre Finanzen geachtet. Ähnlich geht es ihrer Mutter Tomoko, Mihos Schwester Maho hingegen scheint eine wahre Expertin zu sein. Doch ganz unterschiedliche Ereignisse zwingen die vier Frauen dazu, ihr Verhältnis zum Geld und auch ihren Platz in der Gesellschaft zu überdenken.

In „3000 Yen fürs Glück“ erzählt Hika Harada die Geschichte von vier unterschiedlichen Frauen aus drei Generationen. Im Fokus steht immer eine von ihnen, in der dritten Person und der Vergangenheitsform. Nur einmal kommt noch eine andere Person zu Wort, aber dazu später mehr. Übersetzt wurde der Roman gekonnt von Cheyenne Dreißigacker, der es gelingt, den unterschiedlichen Ton der Charaktere einzufangen.

Zunächst steht natürlich das Sparen im Mittelpunkt. Jede der Frauen hat ihre eigene Motivation, damit zu beginnen. Rentnerin Tomoko hat Angst, ihre Ersparnisse aufzubrauchen und ihre Kinder irgendwann nicht mehr unterstützen zu können. Ihre Schwiegertochter Tomoko verwaltet zwar die Finanzen der Familie, ist aber ansonsten völlig von ihrem Ehemann abhängig. Miho lebt im Moment über ihre Verhältnisse, während ihre Schwester Maho versucht, mit ihren reichen Freundinnen mitzuhalten. Es geht also neben dem Thema Altersarmut auch um die Stellung der Frau in der japanischen Gesellschaft, ihrer Abhängigkeit vom Gehalt des Ehemanns, dem Umgang mit ihr in der Arbeitswelt und dem immer noch starren Bild von der klassischen Rollenverteilung.

In Bezug auf die genannten Themen erscheint es umso unverständlicher, dass die Autorin in einer der Perspektiven auch einen Mann zu Wort kommen lässt. Dieser ist kein Familienmitglied, sondern nur ein flüchtiger Bekannter der Großmutter. Sein Handlungsstrang trägt nichts Neues bei, er verstärkt nur noch bereits bestehende Konflikte und Klischees. Warum dann nicht eine bereits eingeführte männliche Figur zu Wort kommen lassen? Ansonsten ein gelungener Roman über ein wichtiges Thema.

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Veröffentlicht am 16.04.2023

Kinderkriegen in der Klimakrise?

Eva
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Ist es in einer Welt mit all den Herausforderungen und Ängsten, die die Klimakrise mit sich bringt, eigentlich noch verantwortungsvoll, Kinder in die Welt zu setzen? Diese Frage beleuchtet Verena Keßler ...

Ist es in einer Welt mit all den Herausforderungen und Ängsten, die die Klimakrise mit sich bringt, eigentlich noch verantwortungsvoll, Kinder in die Welt zu setzen? Diese Frage beleuchtet Verena Keßler in ihrem zweiten Roman „Eva“ und zeigt uns ganz unterschiedliche Perspektiven von vier ganz unterschiedlichen Frauen. Je Abschnitt folgen wir somit einer Figur, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird. Dabei sind, interessanterweise, drei davon in der Ich-Form geschrieben, nur das Kapitel über die Titel gebende Eva ist in der Sie-Form verfasst, was eine gewisse Distanz zu ihr schafft.

Eva und ihre Haltung zum Kinderkriegen in der Klimakrise sind der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Für ihre sachlich-wissenschaftliche Betrachtung wird sie (hauptsächlich anonym im Internet) angefeindet, bedroht und muss sogar ihren Job als Lehrerin aufgeben. Denn wer darüber spricht, dass in all den Debatten über Emissionen und globale Erwärmung nie das Thema Kinder vorkommt, der muss doch Kinder hassen, oder? Dabei zeigt sich in ihrem Abschnitt der Handlung, dass sie ganz vorzüglich mit Kindern umgehen kann, aber eben auch in der Lage ist, ein emotionale Sache von allen Seiten zu betrachten.

Die weiteren Charaktere gruppieren sich alle um Eva herum. Da ist zunächst Sina, die sie als Journalistin interviewt und mit einem unfairen Aufhänger (Evas Hund) dafür sorgt, dass der Shitstorm gegen sie befeuert wird. Im Privaten versuchen Sina und ihr Freund schon seit Jahren, ein Kind zu bekommen, aber inzwischen weiß sie nicht mehr, ob sie das eigentlich noch will. Ihre Schwester Mona ist hingegen bereits Mutter dreier Kinder. Auf ihr lastet der gesamte Alltagsdruck, der sich in einem gemeinsamen Urlaub auf fatale Weise entlädt. Die Identität der vierten Figur klärt sich nur langsam auf, hier beleuchtet die Autorin gekonnt das Thema Verlust.

Verena Keßler zeigt in vier emotionalen Abschnitten, welche Lebenswege und welche Sichtweisen es rund um den (nicht vorhandenen) Kinderwunsch gibt. Geschickt verwebt sie alle vier Handlungsstränge miteinander, ohne zu bewerten oder zu verurteilen. Unbedingt lesen!

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