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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.03.2026

Coming-of-Age für Millenials

Little Hollywood
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Leo hat das Abi in der Tasche, und bevor sie ihren Traum von einem Drehbuch-Studium in Köln erfüllen will, liegt ein letzter Sommer zwischen Schülerin und Erwachsene vor ihr, der ganz anders verläuft, ...

Leo hat das Abi in der Tasche, und bevor sie ihren Traum von einem Drehbuch-Studium in Köln erfüllen will, liegt ein letzter Sommer zwischen Schülerin und Erwachsene vor ihr, der ganz anders verläuft, als sie zunächst gedacht hat. Chris, der sie geküsst hat, entpuppt sich als Niete, aber Außenseiter Jo scheint eh viel besser zu ihr zu passen. Dann ist da noch ihre Mutter, mit der sie zusammenarbeitet und die sie gerade so erträgt, doch ihr Bruder Ben ist ein Lichtblick. Und über allem schwebt ihr Vater Ahlo, der sich in ihr Leben zurückdrängt.
"Little Hollywood" von Inga Hanka ist mein Überraschungsfund und ich lege es besonders allen Millennials ans Herz, denn es versetzte mich direkt in die letzten Jahre meiner Schulzeit – mit Videotheken, Telefonkarten und langen Sommernächten in denen man noch nicht weiß, was die Zukunft bringt. Leo ist wunderbar authentisch und liegt Inga Hanka sehr am Herzen, das spürt man mit jeder Silbe.
Der Roman ist herzwärmend, in der Verbindung zwischen Leo und Ben, in den zarten Banden zu Jo, und gleichzeitig herzzerreißend, in den Dispute mit der Mutter, im zwangsläufigen Herzschmerz und der Abnabelung, die man sich so sehr herbeisehnt und die trotzdem so schmerzhaft ist.
Für all das findet Inga Hanka die perfekten Worte, präzise, stimmig, und zu den genau passenden Zeitpunkten bildhaft. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig. Längen gibt es keine und es hat für mich das richtige Gleichgewicht aus unaufgeregt und spannend.
Ein wunderschöner Roman über das Erwachsenwerden und sich finden, der in die eigene Jugend zurückversetzt.

Veröffentlicht am 22.03.2026

Bis ins Unerträgliche

Ultramarin
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Für Lou gibt es nur Raf. Seit der Schulzeit dreht sich Lou und sein ganzes Leben um diesen anderen Menschen, der ihn wie Dreck behandelt. So manches Mal versucht Lou sich zu lösen, gewinnt Abstand, nur ...

Für Lou gibt es nur Raf. Seit der Schulzeit dreht sich Lou und sein ganzes Leben um diesen anderen Menschen, der ihn wie Dreck behandelt. So manches Mal versucht Lou sich zu lösen, gewinnt Abstand, nur um wieder von Raf eingefangen zu werden. Dann kommt es zu einem schicksalhaften Sommerurlaub, den die ferne Bekannte Nora begleitet.
"Ultramarin" von Ann-Christin Kumm war unerträglich. Ich habe schon lange nicht mehr ein so schmerzhaftes Buch gelesen. Lou liebt Raf so sehr. Raf weiß es und nutzt es mit Vergnügen aus und zerstört Lou so immer weiter, ganz bewusst. Und auch Lou sieht das manchmal, kann sich aber dennoch nicht entziehen, egal wie fies Rafs Sprüche sind, egal wie schlimm er Lou behandelt, egal wie sehr Lou sich selbst droht zu verlieren.
Und man ahnt, da brodelt es. Man ahnt, dass da noch viel mehr in der Vergangenheit passiert ist. Mit jedem Rückblick erfährt man ein kleines Stückchen mehr von dieser toxischen Beziehung und aufgrund des Prologs ist von Beginn an klar, dass es nicht gut enden wird. Trotzdem hat der Schluss mich überrascht.
Ann-Christin Kumms Stil empfand ich als sehr passend für die Thematik: Sie schildert kompromisslos, schnörkellos, in vielen Dialogen, wobei Lou oft schweigt und erträgt. Sie schafft es, mit wenigen Worten die Figuren zu zeichnen und Emotionen zu wecken, was ich sehr beeindruckend fand. Außerdem bringt es einen auf eigenartige Weise dazu, die eigenen Beziehungsstrukturen zu hinterfragen.
Nun werde ich ein paar Tage oder eher Wochen brauchen, um dieses Debüt zu verarbeiten. Es wird noch lange nachhallen, da bin ich sicher.

Veröffentlicht am 16.03.2026

Auf dem Gedankenstrom

Grüne Welle
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Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert ...

Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert war und aus dem sie nun ausbrechen will, weg vor allem von ihrem Ehemann. Und so fährt sich immer weiter.
Esther Schüttpelzs „Grüne Welle“ rauscht im Gedankenstrom durch die 24 Stunden andauernde Flucht der Protagonistin und so manche Überraschung sitzt auf dem Beifahrersitz, wie man es bei einem Roadtrip erwartet. So tauchen zwei junge Frauen auf, und ein Reh spielt eine Rolle. Doch nicht nur „die Frau“ kommt zu Wort, sondern auch ihre beste Freundin, die ihr Verschwinden sogleich als Flucht erkennt, sie dafür feiert und eine weitere Perspektive eröffnet.
Durch den Gedankenstrom, den man wohl entweder liebt oder hasst, kommt der Roman unaufgeregt daher, was die Flucht und dessen Auslöser aber mitnichten schmälert. Viele kluge Gedanken werden verdichtet und rauschen gleichzeitig an einem vorbei, über das Leben, Feminismus und wie es so weit kommen konnte mit der Protagonistin.
Sprachlich ist es solide und eine wunderbare Abwechslung in der Literatur, auf die man sich allerdings einlassen muss. Wenn man es tut, bekommt man eine Woolfsche Erfahrung moderner Art. Außerdem kann ich mir diesen kurzweiligen, klugen Roman wunderbar als Film vorstellen, mit seinen absurden, manchmal sogar komischen Facetten. Er hat einen ganz besonderen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Veröffentlicht am 13.03.2026

Unzähmbare Wut

Gelbe Monster
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Charlie wird von ihrer besten Freundin Ella zum Antiaggressionstraining gezwungen, dabei ist sie doch das Opfer, äußerlich mit lädiertem Gesicht und gebrochenem Arm, aber auch innerlich. Was kann sie dafür, ...

Charlie wird von ihrer besten Freundin Ella zum Antiaggressionstraining gezwungen, dabei ist sie doch das Opfer, äußerlich mit lädiertem Gesicht und gebrochenem Arm, aber auch innerlich. Was kann sie dafür, dass ihr Ex Valentin sie so behandelt hat?
"Gelbe Monster" von Clara Leinemann ist wie ein Autounfall, von dem man nicht wegschauen kann. Es ist grausam und faszinierend und schmerzhaft und ich wollte nicht aufhören zu lesen. Ich musste wissen, wie Charlie so wütend wurde, was Valentin gemacht hat und später, wie es weiter und weiter eskalieren konnte, ohne die Möglichkeit sich dieser ungesunden Beziehung zu entziehen. Der Roman entwickelt einen ganz speziellen Sog, der mit der Protagonistin Charlie zusammenhängt, die mich manchmal nervte, mir manchmal leid tat und die ich doch auch verstehen konnte. Denn viele ihrer Gefühle hat wohl jede*r schon mal durchlebt. Clara Leinemann beherrscht es meisterlich zwischen den beiden Zeitebenen hin und her zu springen und so die Spannung immer weiter zu steigern.
Sprachlich ist es solide. Stilistisch hat es mich zwar nicht von den Socken gerissen, aber das hätte auch nicht gepasst, denn das Augenmerk liegt auf der Geschichte selbst und literarische Extravaganz hätte die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abgelenkt. Trotzdem ist es handwerklich sehr gut geschrieben und gerade als Debüt beeindruckend, auch wenn Clara Leinemann den nötigen Background mit ihrem Studium in Hildesheim und weitreichende Erfahrungen hat.
Und nun warte ich darauf, dass der Roman auf die Bühne kommt, oder verfilmt wird, denn das bietet sich geradezu an.

Veröffentlicht am 09.03.2026

Das Debüt einer großartigen Autorin

Prep
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Lee wollte unbedingt nach Ault, einem Elite-Internat nahe Boston. Zwischen den Reichen und Verwöhnten, fühlt sie sich mit ihrem Stipendium alles andere als wohl und schwimmt unter dem Radar, beobachtet ...

Lee wollte unbedingt nach Ault, einem Elite-Internat nahe Boston. Zwischen den Reichen und Verwöhnten, fühlt sie sich mit ihrem Stipendium alles andere als wohl und schwimmt unter dem Radar, beobachtet und urteilt. Erst als sie Martha kennenlernt, wird es besser, doch die Sehnsucht endlich gesehen zu werden, verschwindet nie.
„Prep“ ist Curtis Sittenfelds Debüt und da ich „Romantic Comedy“ so mochte, hatte ich gewisse Erwartungen, doch dieser Roman ist anders. Es ist eher ein Porträt einer Außenseiterin, weniger Plotdriven und eher beobachtend. Absurde Begebenheiten gibt es trotzdem, was bei dem Schauplatz nicht überraschend ist.
Anfangs fiel es mir schwer, in den Roman zu finden, der mit seinen fast 600 Seiten ziemlich umfangreich ist. Längen kommen da zwangsläufig, aber Lee, mit der sich wahrscheinlich jeder junge Mensch identifizieren kann, hat mich immer wieder abgeholt, vor allem mit ihrer Schwärmerei für Cross. Ich hab oft mitgefühlt, manchmal auch scharf die Luft eingezogen.
Sprachlich hat es mich nicht umgehauen, aber die Dialoge, die zwar nicht so perfekt wie in „Romantic Comedy“ waren, ließen bereits Tendenzen auf Curtis Sittenfelds späteres Schaffen erahnen.
„Prep“ zeigt ihren Ursprung und der Roman ist trotz mancher Schwäche ein Ausblick, was in der Autorin steckt. Es ist spannend, zu sehen, wie sie sich entwickelt hat, und bestärkt mich darin, noch mehr von ihr zu lesen.