Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.05.2026

Feministischer als erwartet

Fünf Tage im Licht
0

Als Sophie den Junggesellinnenabschied ihrer Freundin Helena auf einer griechischen Insel antritt, ahnt sie nicht, dass das ihr ganzes Leben verändert wird. Nicht nur, dass sie ihre künstlerische Passion ...

Als Sophie den Junggesellinnenabschied ihrer Freundin Helena auf einer griechischen Insel antritt, ahnt sie nicht, dass das ihr ganzes Leben verändert wird. Nicht nur, dass sie ihre künstlerische Passion mit einem Aktporträt von Alessia nachgehen kann, sie beginnt auch eine Affäre mit dem Griechen Ky, die alles in Frage stellt, vor allem ihre langjährige Beziehung zu Greg.
„Fünf Tage im Licht“ von Rhiannaon Lucy Cosslett, hat mich überrascht, begeistert und später enttäuscht. Ich mochte den Aufbau anfangs sehr. Die Kapitel werden mit essayhaften Bildbeschreibungen eingeleitet, die durch den Blick aus der Zukunft zart Foreshadowing betreiben. Als das große, unausweichliche Finale immer näher rückt, nimmt das allerdings die Spannung.
Die feministischen Einschübe, die nirgendwo angeteasert wurden, fand ich großartig, vor allem weil ich nicht mit diesen gerechnet habe. Sie waren fabelhaft in die Geschichte eingewoben und schimmerten immer wieder durch. Auch beim Kinderthema fühlte ich mich zunächst abgeholt, denn ich empfinde genauso wie Sophie, die von Greg dahingehend unter Druck gesetzt wird und sich aus vielfältigen Gründen nicht als Mutter sieht. Bis sie das offensichtlich nicht mehr tut. Das kam überraschend und hat mich enttäuscht. Das Plädoyer für Kinderfreiheit wandelte sich (wie so oft) ins Gegenteil.
Auch kam eine Wendung, ausgelöst durch eine Erkenntnis, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte und für mich wie aus dem nichts kam. Da hatte Sophie mich dann vollends verloren. Zu Beginn war sie mir unheimlich sympathisch, ich hab mit ihre gefühlt, aber das geriet erst ins Kippen und rutschte dann komplett ab; ich war froh, dass ich am Ende des Buches angelangt war.
Trotzdem kann ich nicht sagen, dass es ein schlechter Roman ist, er hat mich in meiner jetzigen Lebensphase einfach nicht abholen können, bzw. erst ja, später dann nicht mehr. Davon abgesehen ist es ein flirrender, atmosphärischer Roman, der wichtige Fragen aufwirft.

Veröffentlicht am 02.05.2026

Ein wilder Ritt

Weird Girls
0

Maggie, Róise und Harley sind seit der Schulzeit beste Freundinnen und wohnen einem Haus, das eher Bruchbude ist. Zusammen ziehen sie oft durch die Partyszene Belfasts. Das ändert auch der tragischer Tod ...

Maggie, Róise und Harley sind seit der Schulzeit beste Freundinnen und wohnen einem Haus, das eher Bruchbude ist. Zusammen ziehen sie oft durch die Partyszene Belfasts. Das ändert auch der tragischer Tod Lydias, der Vierten in der Freundinnenkonstellation nicht, auch wenn alle drei sehr zu kämpfen haben. Und obwohl es Zeit wird, dass ihr Leben (mit Anfang 30) endlich in geregelten Bahnen laufen sollte, bekommen sie es nicht hin.
„Weird Girls“ von Gráinne O’Hara ist ein wilder Ritt und man sollte sich auf viel Party, Alkohol und Drogen einstellen. Die drei sind nämlich immer unterwegs, was in den Zwanzigern und als Studentinnen vielleicht normal ist, mit Anfang dreißig, aber offensichtlich als Kompensation dient. Im Grunde ist es ein Coming-of-Age Roman für jene, die eigentlich zu alt dafür sind. Das macht ihn allerdings nicht weniger amüsant.
Ich habe gern mit den Freundinnen Zeit verbracht, zusammen, aber auch einzeln. Schnell haben sie vor meinem inneren Auge Gestalt angenommen. Die Dialoge und das Zwischenmenschliche spickt Gráinne O’Hara mit einer gewissen Prise Witz, genauso wie die gelungenen Vergleiche und Metaphern, die sie eingebaut. Das hat mir unheimlich gut gefallen.
Leider kam das Ende viel zu schnell. Nicht nur, weil ich gerne mehr von Róise, Maggie und Harley gelesen hätte. Der Höhepunkt, in ihrem Fall eine Partynacht, welche die Veränderung herbeiführt, war durchaus schlüssig, aber dann ging es hopplahopp und nicht alles konnte ich so ganz nachvollziehen, da fehlte mir eine gewisse Tiefe, die den Roman noch besser gemacht hätte. Auch scheint Lydia, die anfangs eine sehr große Rolle gespielt hat, plötzlich abhandengekommen zu sein. Ich hätte mir gewünscht, dass sich Gráinne O’Hara da mehr Zeit gelassen hätte, oder am Anfang ein wenig gekürzt, damit es ausgeglichener ist.
So oder so, habe ich eine neue irische Autorin gefunden, die mich trotz allem mit ihrem Debüt überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 26.04.2026

Sprachlich eine Wucht

Weißer Sommer
0

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten ...

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten sollen oder nicht.
Unbedingt wollte ich „Weisser Sommer“ von Eva Pramschüfer lesen, nachdem es mich zu verfolgen schien. Zurück lässt es mich zwiegespalten. Sprachlich hat es mich absolut umgehauen. Eva Pramschüfer wählt so gekonnt Metaphern aus, als würde sie den ganzen Tag nichts andere machen und anfangs wollte ich auch so langsam wie möglich lesen, weil sonst der Lesegenuss zu schnell vorbei ist - ein Phänomen, das ich äußerst selten erlebe.
Thematisch war es aus persönlichen Gründen herausfordernd, trotzdem wollte ich es unter allen Umständen weiterlesen und Eva Pramschüfer hat oft die passenden Worte gefunden, die eine große, aufzerrende Liebe beschreiben. Auch die Verbindung zu Kunst, zu Frankreich und einem entscheidenden Sommer (was momentan absolut im Trend liegt) mochte ich sehr.
Doch im Laufe der Zeit gingen mir Alma und Théo auf die Nerven. Vielleicht lag es auch an der Erwartungshaltung durch den Klappentext. Denn ja sie setzen sich mit ihrer Zukunft auseinander, aber in dem Sommer schweigen sie sich meist an und schleichen um sich herum. Erst am Schluss kommt es wirklich zu einer Auseinandersetzung. Die meiste Zeit geht es um die Vergangenheit, wie alles anfing und wie sich die beiden verlieren konnten, wobei sich der Fokus von Alma auf Theo verschiebt.
Dennoch empfinde ich die Figurenentwicklung als durchaus realistisch, gerade in dem Alter, wo man noch nicht weiß, wer man ist, wer man sein will; und auch, dass man sich selbst für die Liebe fast aufgibt. So eine Liebe ist schmerzhaft, und zwar nicht auf eine toxische Weise. Etwas, was man selten liest, weil es nun mal kein Extrem ist, aber gerade deswegen gelesen werden muss, denn jede*r erlebt so etwas wahrscheinlich irgendwann.
Auch das Ende fand ich wieder absolut stimmig.
Alles in allem ist es ein beeindruckendes Debüt und ich werde Eva Pramschüfer im Blick behalten.

Veröffentlicht am 16.04.2026

Was bleibt

Schlaf
0

Margarets Verhältnis zu ihrer Mutter ist von jeher schwierig. Als Kind hatte sie nie den strengen Ansprüchen Elizabeths entsprochen und nach einem einschneidenden Ereignis fühlte sie sich im Stich gelassen, ...

Margarets Verhältnis zu ihrer Mutter ist von jeher schwierig. Als Kind hatte sie nie den strengen Ansprüchen Elizabeths entsprochen und nach einem einschneidenden Ereignis fühlte sie sich im Stich gelassen, weil ihre Mutter ganz bewusst wegsah. Diese Verletzung und die daraus resultierenden Konflikte kann sie nicht überwinden, auch nicht als sie eigene Töchter hat, auch nicht als ihre Mutter zum Pflegefall wird.
An „Schlaf“ von Honor Jones hat mich vor allem die Sprache neugierig gemacht. Ihr Stil ist bildlich, manchmal ins Lyrische gehend. Das hält sie wunderbar konstant durch und ich habe viele Formulierungsperlen gefunden, die mich absolut abgeholt haben. Auch mochte ich das Setting und die Nebenereignisse sehr. Der Roman spielt zur Zeit der aufkommenden Me-too Bewegung und stellt subtil die Frage, was ist ein sexueller Übergriff, wie reagiert man selbst und das Umfeld darauf, wie sehr prägt es einen noch Jahrzehnte später. Auch das Aufschlagen eines neuen Kapitels in Margarets Leben, nach Scheidung und neuer Partnerschaft, fand ich interessant.
Leider konnte mich die Hauptgeschichte nicht ganz abholen, was wohl primär an meiner Erwartungshaltung durch den Klappentext lag. Zum einen habe ich nicht mit einer rein chronologischen Erzählung gerechnet und hätte es spannender gefunden, wenn der Mutter-Tochter-Konflikt sich in Rückblenden langsam entblättert hätte. Zum anderen habe ich mir mehr Konsequenzen, mehr Feuer erhofft, auch wenn sich Margaret durchaus schon als Mädchen zur Wehr setzt.
Bemerkenswert ist, wie komplex und durchdacht Honor Jones das Trauma und dessen Auswirkungen schildert, wie es Lebensentscheidungen prägt, sowie ihr wahnsinnig realistischer Blick und ihre schonungslosen Beobachtungen, die sie gekonnt in simple Worte gekleidet und in ihrer Kombination eine erstaunliche Wucht entwickeln.
Beim Schluss allerdings hätte ich mir mehr Mut zur Lücke und zum offenen Ende gewünscht, denn ich empfand das vorletzte Kapitel um einiges stärker.

Veröffentlicht am 06.04.2026

Ein besonderer Sommer

Restsommer
0

Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann ...

Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann Domi die zunehmende Enge, die sich um sein Leben zu schnüren scheint, nicht mehr ertragen und ein ganz besonderer Sommer nimmt seinen Lauf.
Auf „Restsommer“ von Kea von Garnier habe ich schon lange gewartet. Ich folge ihr auf Insta, habe schon an diversen Workshops und Schreibwerkstätten von ihr teilgenommen und bin seit Jahren ein Fan dieser beeindruckenden Frau, die das Handwerk nicht nur verinnerlicht hat, sondern auch auf ganz wunderbare Weise weitergibt. Und ihr Romandebüt enttäuscht nicht.
Dieser eine Sommer von Domi und Biff hat alles, was das Herz begehrt und was in einem queeren Coming-of-Age-Roman nicht fehlen darf: Liebe, Abenteuer, Herzschmerz und die große Frage: Was will ich selbst vom Leben, auch wenn mein Weg schon vorgezeichnet scheint. Gerade die Figuren wuchsen mir schnell ans Herz, allen voran Protagonist Domi, aber auch Biff. Viele der Nebencharaktere sind zwar mit der Zeit hintenübergefallen, aber genau so ist das als Teenager. Auch wenn ich den Roman eher als Character Driven bezeichnen würde, behält Kea von Garnier den Plot ganz genau im Auge, was zu einer hohen Dichte an Ereignissen führt, die allerdings nie konstruiert oder gewollt erscheinen.
Sprachlich hat sie mich schon lange abgeholt. Sie hat das Handwerk nun mal gelernt; streut für mich die passende Menge an Bildern und Metaphern ein, holt alle Sinne mit ins Boot und schenkt den Lesenden damit eine allumfassende Lektüre, die mitreißt und nicht mehr loslässt.
Ich freu mich schon auf ihre nächsten Romane.