Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2026

Um jeden Preis

She’s a Star!
0

Jessamyn ist sich sicher, sie gehört auf die Bühne - als schillernder Musicalstar. Völlig unverständlich, dass sie bei Castings keinen Erfolg hat, außer es geht ausschließlich um Schauspielerei. Nur wenige ...

Jessamyn ist sich sicher, sie gehört auf die Bühne - als schillernder Musicalstar. Völlig unverständlich, dass sie bei Castings keinen Erfolg hat, außer es geht ausschließlich um Schauspielerei. Nur wenige unterstützen sie, der Rest ist neidisch. Da ist sie sich ganz sicher. Und dann kommt sie dem Traum so nah. Sie wird für die Kinderbetreuung bei der Inszenierung von „The Sound of Music“ engagiert und kann die Bühnenluft schon schnuppern. Auf diese wird sie es schaffen, koste es, was es wolle.
„She’s a Star!“ von Meredith Hambrock ist die amüsanteste Abwärtsspirale, die ich seit Langem gelesen habe. Aber ich wusste, worauf ich mich einließ, es hat meine Erwartungen genau getroffen. Jessamyn ist die unzuverlässige Erzählerin schlechthin und das merkt man schon ab Seite eins, nicht mit Scheinwerferlicht, sondern es schimmert durch. Da ich Protagonistinnen nicht zwingend mögen muss, hab ich sie total gefeiert. Sie legt den Ehrgeiz an den Tag, den sich wohl jeder hin und wieder wünscht und ihre Skrupellosigkeit ist einnehmend, was an ihrer verzerrten Wahrnehmung liegt.
Ebenfalls mochte ich die feministischen Einflechtungen. Jessamyn hat Machtmissbrauch erlebt, will sich diesen aber nicht eingestehen, will nicht zum Opfer gemacht werden. In gewisser Weise dreht sie den Spieß um und nutzt nun Männer für sich, und die kommen nicht gut weg, was ich ebenso gefeiert habe.
Im Mittelteil schlichen sich ein paar Längen ein, Jessamyns Kreisen um sich selbst wurde etwas eintönig, aber das verzeiht man dem Buch, weil es in Gänze so amüsant ist. Sprachlich passt es total zu dem Tempo, zu viel Tamtam hätte die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen gezogen.
Eine absolute Empfehlung für alle, die sich in einer ganz speziellen Obsession verlieren wollen und die unzuverlässige Erzähler
innen mögen. Ich hoffe sehr, dass der Roman verfilmt wird.

Veröffentlicht am 24.05.2026

Zerplatzte Träume

Sunset Flip
0

Auggie Schnuck will viel, vor allem als Schauspieler genug verdienen, um seine Familie versorgen und endlich seiner Heimatstadt, der Armut und damit seiner Vergangenheit entfliegen zu können. Den Weg dorthin ...

Auggie Schnuck will viel, vor allem als Schauspieler genug verdienen, um seine Familie versorgen und endlich seiner Heimatstadt, der Armut und damit seiner Vergangenheit entfliegen zu können. Den Weg dorthin sieht er im Wrestling und hat Erfolg. Bis er nicht mehr unterscheiden kann, ob er Auggie ist oder sein Alter Ego The Aug und alles aus den Fugen gerät.
"Sunset Flip " von Joey Goebel musste ich natürlich lesen, so wie ich alles von ihm gelesen habe, was allerdings schon ein paar Jahre her ist. Und ich will nicht sagen, dass sein neues Buch mich enttäuscht hat, denn das wäre zu krass formuliert, aber seine anderen Romane haben mich ein bisschen mehr abgeholt. Dabei war der Einblick ins Wrestling durchaus interessant und Auggies Werdegang herzzerreißend. Zudem ist die Erzählweise originell. Joey Goebel schreitet einerseits vorwärts in Auggies Leben und andererseits blickt er zurück, so erschließt sich die Leserschaft Stück für Stück die Figur. Auch seine Dialoge sind einnehmend, es geht Schlag auf Schlag, trotzdem oder gerade deswegen schimmern immer wieder feine zwischenmenschliche Töne hindurch. Das Psychologische, was hinter Auggie als Protagonist steht, ist ebenfalls beeindruckend. Er wirkt mit seinen zerplatzen Träumen, an die er sich krampfhaft klammert, wie ein Nachbar, dem man sein Schicksal in stillen Momenten ansieht und sich fragt, was ist nur in seinem Leben geschehen.
Das Ende hat mich zwar traurig gestimmt, auch wenn es mir einen kleinen Schmunzler entlockte, aber überrascht hat es mich nicht. Allerdings sind für mich einige Fragen offen geblieben, die ich gerne beantwortet bekommen hätte. Da versteh ich nicht so ganz, wieso diese Lücken überhaupt aufgemacht wurden, um dann nicht geschlossen zu werden.
So oder so, bleibe ich Joey Goebel treu und bin gespannt, welches popkulturelle Phänomen er sich als Nächstes vorknöpft.

Veröffentlicht am 11.05.2026

Feministischer als erwartet

Fünf Tage im Licht
0

Als Sophie den Junggesellinnenabschied ihrer Freundin Helena auf einer griechischen Insel antritt, ahnt sie nicht, dass das ihr ganzes Leben verändert wird. Nicht nur, dass sie ihre künstlerische Passion ...

Als Sophie den Junggesellinnenabschied ihrer Freundin Helena auf einer griechischen Insel antritt, ahnt sie nicht, dass das ihr ganzes Leben verändert wird. Nicht nur, dass sie ihre künstlerische Passion mit einem Aktporträt von Alessia nachgehen kann, sie beginnt auch eine Affäre mit dem Griechen Ky, die alles in Frage stellt, vor allem ihre langjährige Beziehung zu Greg.
„Fünf Tage im Licht“ von Rhiannaon Lucy Cosslett, hat mich überrascht, begeistert und später enttäuscht. Ich mochte den Aufbau anfangs sehr. Die Kapitel werden mit essayhaften Bildbeschreibungen eingeleitet, die durch den Blick aus der Zukunft zart Foreshadowing betreiben. Als das große, unausweichliche Finale immer näher rückt, nimmt das allerdings die Spannung.
Die feministischen Einschübe, die nirgendwo angeteasert wurden, fand ich großartig, vor allem weil ich nicht mit diesen gerechnet habe. Sie waren fabelhaft in die Geschichte eingewoben und schimmerten immer wieder durch. Auch beim Kinderthema fühlte ich mich zunächst abgeholt, denn ich empfinde genauso wie Sophie, die von Greg dahingehend unter Druck gesetzt wird und sich aus vielfältigen Gründen nicht als Mutter sieht. Bis sie das offensichtlich nicht mehr tut. Das kam überraschend und hat mich enttäuscht. Das Plädoyer für Kinderfreiheit wandelte sich (wie so oft) ins Gegenteil.
Auch kam eine Wendung, ausgelöst durch eine Erkenntnis, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte und für mich wie aus dem nichts kam. Da hatte Sophie mich dann vollends verloren. Zu Beginn war sie mir unheimlich sympathisch, ich hab mit ihre gefühlt, aber das geriet erst ins Kippen und rutschte dann komplett ab; ich war froh, dass ich am Ende des Buches angelangt war.
Trotzdem kann ich nicht sagen, dass es ein schlechter Roman ist, er hat mich in meiner jetzigen Lebensphase einfach nicht abholen können, bzw. erst ja, später dann nicht mehr. Davon abgesehen ist es ein flirrender, atmosphärischer Roman, der wichtige Fragen aufwirft.

Veröffentlicht am 02.05.2026

Ein wilder Ritt

Weird Girls
0

Maggie, Róise und Harley sind seit der Schulzeit beste Freundinnen und wohnen einem Haus, das eher Bruchbude ist. Zusammen ziehen sie oft durch die Partyszene Belfasts. Das ändert auch der tragischer Tod ...

Maggie, Róise und Harley sind seit der Schulzeit beste Freundinnen und wohnen einem Haus, das eher Bruchbude ist. Zusammen ziehen sie oft durch die Partyszene Belfasts. Das ändert auch der tragischer Tod Lydias, der Vierten in der Freundinnenkonstellation nicht, auch wenn alle drei sehr zu kämpfen haben. Und obwohl es Zeit wird, dass ihr Leben (mit Anfang 30) endlich in geregelten Bahnen laufen sollte, bekommen sie es nicht hin.
„Weird Girls“ von Gráinne O’Hara ist ein wilder Ritt und man sollte sich auf viel Party, Alkohol und Drogen einstellen. Die drei sind nämlich immer unterwegs, was in den Zwanzigern und als Studentinnen vielleicht normal ist, mit Anfang dreißig, aber offensichtlich als Kompensation dient. Im Grunde ist es ein Coming-of-Age Roman für jene, die eigentlich zu alt dafür sind. Das macht ihn allerdings nicht weniger amüsant.
Ich habe gern mit den Freundinnen Zeit verbracht, zusammen, aber auch einzeln. Schnell haben sie vor meinem inneren Auge Gestalt angenommen. Die Dialoge und das Zwischenmenschliche spickt Gráinne O’Hara mit einer gewissen Prise Witz, genauso wie die gelungenen Vergleiche und Metaphern, die sie eingebaut. Das hat mir unheimlich gut gefallen.
Leider kam das Ende viel zu schnell. Nicht nur, weil ich gerne mehr von Róise, Maggie und Harley gelesen hätte. Der Höhepunkt, in ihrem Fall eine Partynacht, welche die Veränderung herbeiführt, war durchaus schlüssig, aber dann ging es hopplahopp und nicht alles konnte ich so ganz nachvollziehen, da fehlte mir eine gewisse Tiefe, die den Roman noch besser gemacht hätte. Auch scheint Lydia, die anfangs eine sehr große Rolle gespielt hat, plötzlich abhandengekommen zu sein. Ich hätte mir gewünscht, dass sich Gráinne O’Hara da mehr Zeit gelassen hätte, oder am Anfang ein wenig gekürzt, damit es ausgeglichener ist.
So oder so, habe ich eine neue irische Autorin gefunden, die mich trotz allem mit ihrem Debüt überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 26.04.2026

Sprachlich eine Wucht

Weißer Sommer
0

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten ...

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten sollen oder nicht.
Unbedingt wollte ich „Weisser Sommer“ von Eva Pramschüfer lesen, nachdem es mich zu verfolgen schien. Zurück lässt es mich zwiegespalten. Sprachlich hat es mich absolut umgehauen. Eva Pramschüfer wählt so gekonnt Metaphern aus, als würde sie den ganzen Tag nichts andere machen und anfangs wollte ich auch so langsam wie möglich lesen, weil sonst der Lesegenuss zu schnell vorbei ist - ein Phänomen, das ich äußerst selten erlebe.
Thematisch war es aus persönlichen Gründen herausfordernd, trotzdem wollte ich es unter allen Umständen weiterlesen und Eva Pramschüfer hat oft die passenden Worte gefunden, die eine große, aufzerrende Liebe beschreiben. Auch die Verbindung zu Kunst, zu Frankreich und einem entscheidenden Sommer (was momentan absolut im Trend liegt) mochte ich sehr.
Doch im Laufe der Zeit gingen mir Alma und Théo auf die Nerven. Vielleicht lag es auch an der Erwartungshaltung durch den Klappentext. Denn ja sie setzen sich mit ihrer Zukunft auseinander, aber in dem Sommer schweigen sie sich meist an und schleichen um sich herum. Erst am Schluss kommt es wirklich zu einer Auseinandersetzung. Die meiste Zeit geht es um die Vergangenheit, wie alles anfing und wie sich die beiden verlieren konnten, wobei sich der Fokus von Alma auf Theo verschiebt.
Dennoch empfinde ich die Figurenentwicklung als durchaus realistisch, gerade in dem Alter, wo man noch nicht weiß, wer man ist, wer man sein will; und auch, dass man sich selbst für die Liebe fast aufgibt. So eine Liebe ist schmerzhaft, und zwar nicht auf eine toxische Weise. Etwas, was man selten liest, weil es nun mal kein Extrem ist, aber gerade deswegen gelesen werden muss, denn jede*r erlebt so etwas wahrscheinlich irgendwann.
Auch das Ende fand ich wieder absolut stimmig.
Alles in allem ist es ein beeindruckendes Debüt und ich werde Eva Pramschüfer im Blick behalten.