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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2026

Ein Weg aus der Trauer

Grünes Licht
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Gesa existiert nur noch, seitdem sie ihren Mann plötzlich verloren hat. Erst die Freundschaft zur 50 Jahre älteren Therese lässt sie wieder Mut fassen. Therese wird nicht nur zu Gesas Lebensmittelpunkt, ...

Gesa existiert nur noch, seitdem sie ihren Mann plötzlich verloren hat. Erst die Freundschaft zur 50 Jahre älteren Therese lässt sie wieder Mut fassen. Therese wird nicht nur zu Gesas Lebensmittelpunkt, sondern schenkt ihr auch das Tagebuchschreiben. Als dann ihr Tagebuch verschwindet und Therese immer schwächer wird, droht Gesas Leben erneut auseinanderzubrechen.
„Grünes Licht“ von Corina Minzlaff kann ich nicht objektiv bewerten. Ich kenne diese beeindruckende Autorin und durfte sie auf ihrem Weg zum fertigen Roman und der Verlagssuche begleiten. Es ist also nicht verwunderlich, dass „Grünes Licht“ sofort den Weg in mein Herzen gefunden hat. Er vermittelt nicht nur die große Liebe und den Nutzen des Tagebuchschreibens, welches in meinem Leben ebenso einen Fixpunkt bildet, sondern zeigt auch einen Weg heraus aus der Trauer, die einen zu zerreißen droht und den Wert von Freundschaften, so ungewöhnlich diese sein mögen. Und gerade die Tagebucheinträge ließen mich oft schlucken, weil sie so direkt, pur und schmerzhaft waren. Trotzdem verliert Gesa die Hoffnung nicht und wenn, dann nur kurz, obwohl sie es wirklich nicht leicht hat.
Neben dem Thema Trauer und dessen Bewältigung spielt das Pflegesystem in Deutschland eine zentrale Rolle. Etwas, was wir oft von uns wegschieben. Auch das packt Corina Minzlaff behutsam und eindrücklich an.
Ein Roman der Hoffnung schenkt, und Mut für all jene die gerade am Hadern und Verzweifeln sind.

Veröffentlicht am 27.02.2026

Absolute Empfehlung

Kala
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Kinlough an der Westküste Irlands ist im Sommer ein Touristenhotspot. Die Menschen, die dort leben, sehen das anders, vor allem diejenigen, die dort aufwachsen. 2003 bilden Helen, Aoife, Mush, Joe und ...

Kinlough an der Westküste Irlands ist im Sommer ein Touristenhotspot. Die Menschen, die dort leben, sehen das anders, vor allem diejenigen, die dort aufwachsen. 2003 bilden Helen, Aoife, Mush, Joe und Aiden, um Kala herum eine eingeschworene Clique. Bis Kala verschwindet und alles auseinanderbricht. Als Helen und Joe 15 Jahre später zurückkehren und menschliche Überreste gefunden werden, knallt die Vergangenheit auf die Gegenwart.
Mit „Kala“ hat Colin Walsh ein auf vielen Ebenen faszinierendes Debüt abgeliefert, was meiner Meinung nach zu Recht hochgelobt wird. Er hat geschafft Plot und literarische Extravaganz zu verbinden, ohne das eines von beidem ins Hintertreffen gerät und das ist nicht das einzig bemerkenswerte. Er verleiht den drei Perspektiven Helen, Joe und Mush ganz eigene Erzählstimmen, springt gekonnt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und hält konstant die Spannung hoch. Cliffhanger setzt er gezielt ein und gibt uns nicht nur Einblick in die drei Protagonisten, sondern durch ihre Perspektiven auch auf alle anderen Beteiligten. Dabei zeichnet er lebensnahe und vielschichtige Charaktere, die man hassen oder lieben kann, manchmal sogar beides. Er taucht ein in die Jugend der 2000, die er gekonnt ins Bild setzt, aber auch in die Gegenwart und wie ein erschütterndes Ereignis das Leben und Sein von Menschen färben kann.
Durch Kalas Verschwinden kann man nicht anders als Mitzurätseln, aber auch das rutscht manchmal hinter die Psychologie der Figuren, was ich wahnsinnig interessant finde. Gekrönt wird das Ganze durch eine Sprache, die anschaulich, bildhaft und immer zur jeweiligen Erzählstimme passt, was mich wohl am meisten beeindruckt hat, auch wenn ich bei Joe erst hineinfinden musste.
Und so gut der Roman ist, so schmerzhaft ist er. Weil guten Menschen, unschuldigen Menschen, Schlimmes widerfährt, obwohl sie alles richtig zu machen scheinen.
Eine absolute Empfehlung.

Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein Jahreshighlight

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Zwei Paare machen gemeinsam Urlaub in einem Ferienhaus in Frankreich. Das Bindeglied sind die befreundeten Männer. Auch Evas und Felixs Kinder sind mit von der Partie. Linn wartet darauf, endlich ebenfalls ...

Zwei Paare machen gemeinsam Urlaub in einem Ferienhaus in Frankreich. Das Bindeglied sind die befreundeten Männer. Auch Evas und Felixs Kinder sind mit von der Partie. Linn wartet darauf, endlich ebenfalls Mutter sein zu dürfen, und Matze macht alles, was Felix möchte. Von Anfang an brodelt es in der Idylle.
Ich will nicht zu viel verraten von Dita Zipfels „Es ist hell und draussen dreht sich die Welt“, denn dieser Roman muss einfach gelesen werden. Sofort war ich wie gebannt von den unterschiedlichen Figuren. Jede trägt ihr Päckchen, jede wirkt auf die anderen glücklich und nahezu perfekt. Das dem nicht so ist merkt man dank der verschiedenen Perspektiven schnell, genauso, dass da noch einiges auf die Vier zukommt. Dabei geht es nicht nur um Mutterschaft und deren unbedingten Wunsch, um Selbst- und Außenwahrnehmung, sondern vor allem um Verbindung.
Neben dem Plot, der absurd und manchmal aberwitzig ist, beeindruckte mich am meisten Dita Zipfels schriftstellerisches Können in seiner Gesamtheit. Sie weiß was sie wie erzählen sollte. Es gibt keine Längen, und Lücken, die genau dort hingehören. Genauso wie die Sprache. Oft habe ich mich gefragt, wie man auf so treffende Vergleiche kommt. Und immer wenn ich dachte, besser wird's nicht, setzte sie noch eine Schüppe drauf. Was will man mehr von einem Roman?
Vielleicht dass er noch ein bisschen länger ist, denn obwohl ich das Ende durchaus stimmig finde, hätte ich mir gerne mehr gewünscht.
Ich hoffe einfach, dass Dita Zipfel schnell weitere Romane schreibt. Ich werde sie alle lesen, ganz sicher.

Veröffentlicht am 12.02.2026

Wenn Liebe zur Obsession wird

Spielverderberin
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Ich-Erzählerin Sophie trifft in ihrem Heimatdorf auf Romy und Lotte, mit denen sie in der Schule befreundet war. Inzwischen lebt sie in Köln, wie auch Romy, trotzdem haben sie keinen Kontakt. Die Begegnung ...

Ich-Erzählerin Sophie trifft in ihrem Heimatdorf auf Romy und Lotte, mit denen sie in der Schule befreundet war. Inzwischen lebt sie in Köln, wie auch Romy, trotzdem haben sie keinen Kontakt. Die Begegnung reißt Sophie zurück in die Vergangenheit und wandelt sich in eine Obsession Romy gegenüber, die schon damals nicht gut endete.
„Spielverderberin“ von Marie Menke handelt von dem wenig beachteten Thema Freundschaft, das allzu oft nur eine Randerscheinung neben der ums sich greifenden romantischen Beziehung ist, daher hat mich der Roman, Marie Menkes Debüt, besonders neugierig gemacht. Leider konnte er mich nicht so überzeugen, wie ich gehofft hatte.
Auch wenn die Charaktere und die Freundschaft gut gezeichnet sind, konnte ich Sophie oft nicht nachvollziehen. Ihr Ringen um Romys Aufmerksamkeit, ihre Eifersucht gegenüber Lotte waren durchaus verständlich, die daraus resultierenden Handlungen aber nicht. Irgendwann war ich regelrecht genervt von Sophies Buhlen und habe mir oft gewünscht, dass sie sich abwendet von Romy, die sie offensichtlich als Lückenbüßerin betrachtet. Sprachlich konnte es mich auch nicht zu hundert Prozent überzeugen. Zwar gab es stimmige Bilder, aber ich bin zu oft über Formulierungen gestolpert und hätte mir so manche Streichung gewünscht. Zudem haben mich die Absätze irritiert, die wie wahllos eingestreut wirkten und meinen Lesefluss gestört haben.
Was mich allerdings beeindruckt hat, ist der Plot selbst. Der Aufbau der Geschichte ist stimmig, der Spannungsbogen und vor allem die Frage, was der Auslöser für dieses ganze Drama ist, hat mich weiterlesen und das Buch beenden lassen. Die Auflösung ist gelungen, aber auch da hab ich mir etwas „schlimmeres“ vorgestellt. Doch hier muss man wohl das Alter der Figuren berücksichtigen. Sie sind noch jung, Sophie ist von Angst durchsetzt, ihre Verunsicherung ist greifbar.
Auch wenn mich der Roman nicht absolut überzeugen konnte, werde ich Marie Menke im Auge behalten.

Veröffentlicht am 10.02.2026

Essenskultur trifft Büromentalität

Richtig gutes Essen
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Für Nitani ist Essen Nahrungsaufnahme. Er würde sich am liebsten ausschließlich von Instantramen ernähren und versteht das Bohei, welches seine Arbeitskolleginnen ums Essen machen, nicht. Seine Kollegin ...

Für Nitani ist Essen Nahrungsaufnahme. Er würde sich am liebsten ausschließlich von Instantramen ernähren und versteht das Bohei, welches seine Arbeitskolleginnen ums Essen machen, nicht. Seine Kollegin Ashikawa, die nicht die fleißigste ist, bezirzt alle im Büro mit ihrer Backkunst und dem kann Nitani sich auf absurde Weise ebenfalls nicht entziehen, auch wenn er beim Bier mit Oshio darüber herzieht.
Junko Takase entführt mit ihrem schmalen Roman „Richtig gutes Essen“ in die japanische Bürowelt und Essenskultur. Gerade weil Protagonist Nitani sich so gegen den Genuss der Speisen ziert, wird dieser bemerkenswert anschaulich. Der Kontrast zu seinen Kolleg
innen und seine Solidarität mit Oshio verdeutlichen das besonders. Neben dem Essen spielt auch die Arbeitsmentalität eine große Rolle und macht den Roman wunderbar rund.
Ich mag japanische Literatur sehr, nicht nur, weil es einen Einblick in eine andere Kultur schenkt, die in diesem Fall unserer gar nicht so unähnlich ist: Da sind diejenigen, die ranklotzen und diejenigen, die jedes Schlupfloch nutzen. Mit einer leichten Prise Humor legt Junko Takase genau dort den Finger drauf und holte mich damit sofort ab.
Alles in allem ist es unaufgeregt, berührte aber gerade deswegen so sehr. Auch die eingeschobenen Abschnitte von Oshio fand ich spannend, weil sie einen ganz eigenen Einblick auf Nitani und sein Verhalten geben. Manchmal rutscht es sogar ins Philosophische, ist dabei aber leicht zu lesen, doch „Richtig gutes Essen“ als Snack zwischendurch zu bezeichnen, wird dem Roman absolut nicht gerecht.
Ich werde auf jeden Fall noch mehr Bücher dieser fantastischen Autorin lesen.