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Nilchen

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ein literarischer Schatz

Wiedersehen in Fonds-des-Nègres
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Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass ...

Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass sie mit beeindruckender Scharfsicht gesellschaftliche Missstände aufzeigt, psychologische Tiefe mit poetischer Kraft verbindet und unerschrocken die Konflikte zwischen Klassen, Kulturen und Geschlechtern beleuchtet. Doch dieser frühere Roman, lange Zeit kaum beachtet, bietet uns nun eine weitere Facette ihres Schaffens – und er ist schlichtweg faszinierend! Dank des Manesse Verlages erscheinen all ihre Werke neu ins Deutsche übersetzt peu a peu auch bei uns. Toll aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Lemmens.
Marie-Ange kehrt in das Dorf ihrer Vorfahren zurück, ein Ort voller Armut, mystischer Rituale und tief verwurzelter Traditionen. Ihre anfangs arrogante, von europäischer Bildung geprägte Sicht prallt auf die Realität des haitianischen Landlebens. Und hier entfaltet sich das Drama: ein Ringen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Unterwerfung und Emanzipation. Die Darstellung der Voodoo-Kultur, die hier nicht romantisiert, sondern in all ihren Ambivalenzen gezeigt wird, gibt dem Roman eine geradezu fesselnde Tiefe. Wie die Autorin das Ineinandergreifen von sozialer Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und patriarchalen Strukturen aufzeigt, ist grandios.
Der Roman ist lebendig, bildstark und mit einer Energie geschrieben, die einen nicht loslässt. Die Figuren sind so nuanciert, so voller innerer Konflikte, dass man unweigerlich mit ihnen fühlt.
Was bleibt, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass dieses Buch endlich aus dem Schatten tritt. Dankbarkeit für eine Erzählerin, die uns auf so intensive Weise eine Welt nahebringt, die oft genug aus unserem Blickfeld verschwindet. Wer sich auf dieses Werk einlässt, wird nicht nur eine große Geschichte erleben, sondern auch seine eigene Sichtweise hinterfragen. Ein Muss für alle, die Marie Vieux-Chauvet auch schon gelesen haben und für allen anderen ohnehin: Sie gilt es zu entdecken!

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Super lecker, da macht Pflanzenkost Spaß!

30 Pflanzen pro Woche
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Wer Stress hat mit den eigenen inneren Werten, also dem eigenen Darm, dem kann ich getrost dieses charmante Kochbuch empfehlen aus dem Hause Brandstätter: 30 Pflanzen pro Woche! Es ist eine feine Sammlung ...

Wer Stress hat mit den eigenen inneren Werten, also dem eigenen Darm, dem kann ich getrost dieses charmante Kochbuch empfehlen aus dem Hause Brandstätter: 30 Pflanzen pro Woche! Es ist eine feine Sammlung an Rezepten, die uns anstiften zur Abwechslung wie es zum Auftakt so schön lautet. Bund ist gesund und wer viele verschiedene pflanzliche Lebensmittel frisch in seine Ernährung einbaut, lebt versöhnlicher mit seinem Darm und merkt es auch am Wohlbefinden.
Es sind war allesamt Rezepte, die sich bereits in anderen Brandstätter Kochbüchern finden lassen, aber eben zusammengestellt um eine besonders große Vielfalt für pflanzliche Kost zusammen zu bringen.
Wie ist das Kochbuch aufgebaut? Es entält eine Sektion KALT und eine Sektion WARM sowie SÜSS.
Damit ist schon mal klar, dass es viele tolle Salatrezepte gibt, die wirklich sehr abwechslungsreich sind, sowie auch warme Speiseideen. Die Sektion Süß ist schmaler, aber ja auch das im idealen Anteil zu herzhafter Kost wie es unsere Körper mögen.
Wir waren durch die kalte Wetterlage erst einmal mehr den warmen Speisen zugetan und probierten das ein und andere aus. Die Kids lieben die Rote-Linsen-Bällchen, ich das Tofu Keema und wie sollte es anders sein: Mein Mann mochte das Bananenbrot mit Nüssen!
Abwechslungsreich, schlichte schöne Bilder, gut erklärte übersichtliche Rezepte mit einem Zutatenbanner am äußeren Rand. Gelungen.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Eine Linie, die Maryam nie übertreten wird.

Eine feine Linie
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Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, ...

Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, denn es geht um die jugendliche Maryam. Nicht nur der Name gleicht der Autorin, hier sind scheinbar viele sehr persönliche Elemente.
Die Jugendliche Maryam, lebt in einem Banlieue außerhalb von Paris, in Drancy. Fühlt sich aber weder heimisch noch verloren. Ein Zwischen-den-Stühlen-sitzen und ihre Eltern, auch fremd hier in Frankreich sind keine Hilfe die sozialen Codes zu knacken. Ihr wird der Wunsch eingepflanzt sich um einen Studienplatz an einer der Elite-Universitäten zu bemühen, heißt also erst einmal bewerben um die Vorbereitungsklasse. Und es klappt! Aber wie es schon hinten der Buchrücken verrät: Ein Quotenplatz, da sie aus den Banlieues kommt. Hart, aber wahr.
Die Wut kocht aus mehreren Gründen und sie schwimmt sich frei und findet sich selbst.
Auch wenn der Stoff hart klingt und eine Realität abbildet, die es genauso in Frankreich gibt, sind die etwas mehr als 200 Seiten eine unterhaltsame und gute Lektüre. Sogar witzig ist sie an manchen Stellen! Wirklich gelungen und lesenswert!

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Veröffentlicht am 27.02.2025

So geht Wiederauflage eines Klassikers!

Unico erwacht (Band 1)
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Was ein cooles Buch! Mit Unico erwacht wird die zauberhafte Welt eines fast vergessenen Klassikers neu belebt. Ursprünglich von Osamu Tezuka im Jahr 1976 geschaffen, hat sich die Geschichte um das magische ...

Was ein cooles Buch! Mit Unico erwacht wird die zauberhafte Welt eines fast vergessenen Klassikers neu belebt. Ursprünglich von Osamu Tezuka im Jahr 1976 geschaffen, hat sich die Geschichte um das magische kleine Einhorn Unico tief in die Herzen von Manga- und Comicfans eingebrannt. Nun kehrt Unico in einer modern interpretierten Version von Samuel Sattin und dem Künstlerduo Gurihiru zurück, um eine neue Generation von Leserinnen und Lesern zu verzaubern, dennen Unico noch gänzlich unbekannt ist.
Das Original von Osamu Tezuka, der oft als "Gott des Manga" bezeichnet wurde, erschuf mit Unico eine Geschichte, die tief in der japanischen Mythologie und in universellen Themen wie Freundschaft, Verlust und Wiedergeburt verwurzelt ist. Ursprünglich erschien Unico als Manga in den 1970er Jahren und wurde später auch in zwei Anime-Filmen adaptiert. Die Geschichte dreht sich um ein magisches Einhorn, das die Fähigkeit besitzt, Liebe und Glück zu schenken. Doch die Göttin Venus, eifersüchtig auf Unicos Einfluss, verbannt ihn immer wieder an fremde Orte und löscht seine Erinnerungen.
In der Neuinterpretation Unico erwacht greifen Sattin und Gurihiru die Essenz von Tezukas Werk auf, während sie es gleichzeitig in ein neues visuelles und erzählerisches Gewand kleiden. Wir finden es frisch und cool! Die farbenfrohen, ausdrucksstarken Illustrationen fangen die Magie und Emotionalität der Geschichte perfekt ein. Besonders dynamisch sind die Passagen, die ganz ohne Text auskommen und nur durch die Kraft der Bilder die Handlung vorantreiben. Daher auch so gut für Erstleser geeignet, denn die Geschichte wird vorrangig von den Bildern getragen und das Lesen passiert (fast) von alleine!
Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt: Venus, die Unico aufspüren und vernichten will, der Westwind, der Unico zu retten versucht, und Unicos eigene Abenteuer.
Die Illustrationen von Gurihiru sind nicht nur eine Hommage an Tezukas Originalstil, sondern setzen auch eigene Akzente. Die leuchtenden Farben und der moderne Zeichenstil machen Unico erwacht zugänglicher für ein breiteres Publikum, ohne die Ursprünglichkeit der Geschichte zu verlieren. Ein besonderes Highlight ist der Vergleich mit dem alten Unico am Ende des Buches, der einen faszinierenden Einblick in die Weiterentwicklung der Figuren und der Erzzählweise gibt. Super für alle die den Klassiker (noch) nicht kannten.
Die Geschichte ist fantasievoll, spannend und liebevoll erzählt, mit Figuren, die das Herz im Sturm erobern. Der Cliffhanger am Ende lässt uns gespannt zurück: Wohin wird Unicos Reise als nächstes führen? Wir freuen uns auf Band 2: Unico wird gejagt!
Toll ab 8 Jahren, auch schon in der ersten Klasse – oder noch besser zum Zeugnis nach der 1. Klasse als Leseansporn!

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Eine harte norwegische Ansicht

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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Was für ein Roman. Hammer. Oliver Lovrenski hat mit "Bruder, wenn wir nicht Family sind, wer dann" einen Roman geschrieben, der sprachlich und inhaltlich herausfordert, weil er so was von außerhalb jeglicher ...

Was für ein Roman. Hammer. Oliver Lovrenski hat mit "Bruder, wenn wir nicht Family sind, wer dann" einen Roman geschrieben, der sprachlich und inhaltlich herausfordert, weil er so was von außerhalb jeglicher literarischer Normen liegt. Das Buch erzählt die Geschichte von Ivor und seinen Freunden – vier jungen Männern, die in Oslo aufwachsen, aber kaum Chancen auf ein besseres Leben haben. Ihre Realität ist geprägt von Gewalt, Drogen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die sie nur in ihrer brüchigen Freundschaft zu finden scheinen. Sehr hart, kaum ertragbar.
Oliver Lovrenski selbst stammt aus sozial schwachen Verhältnissen, daher nimmt man dem Autoren ab was er schreibt, er kennt dieses – ja sein Millieu.Die Sprache seines Romans ist roh, direkt und durchzogen von einem Slang, der für viele Leser:innen gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Hier liegt ein faszinierender Widerspruch: Während literarische Werke oft eine gewisse sprachliche Ästhetik anstreben, verzichtet Oliver Lovrenski bewusst darauf. Stattdessen wirkt seine Sprache wie ein ungefilterter Strom an Gedanken, manchmal stakkatoartig, manchmal unfertig, aber immer authentisch. Daher eben auch leicht anstrengend. Dieser Stil ist keine spielerische Provokation, sondern spiegelt die Lebenswelt seiner Protagonisten wider – eine Welt, in der Regeln, auch sprachliche, nicht mehr viel zählen.
Wer sich auf dieses Buch einlässt, muss bereit sein, sich von vertrauten literarischen Strukturen zu lösen. Es gibt keinen sanften Einstieg, keine geschliffenen Metaphern, sondern nur die harte Realität, serviert in einer Art Telegrammstil, der zwischen Poesie und Chaos schwankt. Manche Sätze bohren sich tief ins Herz, andere sind wie eine Ohrfeige. Es ist ein Roman, der nachhallt, aber nicht unbedingt bequem ist.
Besonders beeindruckend ist, wie Oliver Lovrenski die Sehnsucht seiner Figuren nach einem besseren Leben einfängt. Trotz all der Trostlosigkeit gibt es Momente, in denen sie sich vorstellen, jemand anderes zu sein – ein Künstler, ein Unternehmer, ein Star. Doch diese Träume zerplatzen schnell an der Wirklichkeit. Traurig.
"Bruder, wenn wir nicht Family sind, wer dann" ist ein mutiges Buch. Es fordert seine Leser:innen heraus, es verlangt, dass man sich auf eine ungewohnte Erzählweise einlässt.

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