Profilbild von Readaholic

Readaholic

Lesejury Star
offline

Readaholic ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Readaholic über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.03.2026

Kindheitsfreunde

Der Sommer, der uns blieb
0

Pia, Britta und Martin waren als Kinder und Jugendliche beste Freunde. Dann geschah etwas, was sie auseinanderbrachte. Ihre Wege trennten sich, nur Martin blieb im Heimatort wohnen. Auch jetzt, mit 40, ...

Pia, Britta und Martin waren als Kinder und Jugendliche beste Freunde. Dann geschah etwas, was sie auseinanderbrachte. Ihre Wege trennten sich, nur Martin blieb im Heimatort wohnen. Auch jetzt, mit 40, lebt er noch mit seiner dominanten Mutter zusammen, die sein Leben bestimmt, was ihm allerdings erst bewusst wird, als sowohl Britta als auch Pia in die Heimat zurückkehren. Britta hat sich in Frankfurt ein Leben aufgebaut, jetzt kehrt sie zurück, weil es ihrem an Demenz erkrankten Vater nicht gut geht. Pia ist inzwischen eine renommierte Fotografin, die im Ort ihrer Kindheit eine Vernissage hat, was jedoch keineswegs der einzige Grund für ihre Rückkehr ist.
Die Story hörte sich interessant an, man fragt sich, was der Grund für das Zerwürfnis der drei Freunde war. Doch leider bleibt die Geschichte ziemlich an der Oberfläche. Einige der Enthüllungen sind vorhersehbar und keine große Überraschung. Keine der drei Personen erschien mir sonderlich sympathisch. Alle drei hängen ihrer glücklichen Jugendzeit nach, die in Rückblicken geschildert wird.
Die Gegenwartskapitel spielen während der Zeit der Coronapandemie. Trotzdem treffen sich die Personen munter auch in größeren Gruppen. Es wird erwähnt, dass Seniorenheime für Besucher geschlossen sind, aber im Heimatort der drei Hauptpersonen merkt man nichts von coronabedingten Einschränkungen.
Mit dem Schreibstil der Autorin hatte ich teilweise Probleme. Sie schreibt sehr bildhaft und anschaulich, aber manchmal schießt sie mit ihren Vergleichen für meine Begriffe über das Ziel hinaus, was ungewollte komisch wirkt, beispielsweise wenn die Kaffeemaschine „das schwarze Gold in die Kanne spuckt“. Rechtschreibfehler wie „da muss ich wohl andere Seiten aufziehen“ finde ich auch störend.
Auf der positiven Seite muss ich sagen, dass ich selten so ein schön gestaltetes Buch in den Händen gehalten habe. Die stimmige Umschlaggestaltung einer Blumenwiese in Pastellfarben, zweigeteilt in Gegenwart und Vergangenheit, sowie ein wunderschöner Farbschnitt und ein farblich passendes Lesebändchen haben mir sehr gefallen.
Ich fürchte, ich gehöre einfach nicht zur Zielgruppe des Vani-Verlags, denn Wohlfühlbücher sind nicht so mein Beuteschema. Für Leserinnen, die sich von „Geschichten umarmen“ lassen mögen (Verlagsseite), ist „Der Sommer, der uns blieb“ sicher die richtige Lektüre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.03.2026

Warum leuchtet der Mond?

Kleine und große Wunder des Weltalls
0

Als ich das Buch „Kleine und große Wunder des Weltalls“ des Carlsen Verlags zum ersten Mal durchgeblättert habe, hatte ich die Befürchtung, meinen fast fünfjährigen Enkel mit den geballten Informationen, ...

Als ich das Buch „Kleine und große Wunder des Weltalls“ des Carlsen Verlags zum ersten Mal durchgeblättert habe, hatte ich die Befürchtung, meinen fast fünfjährigen Enkel mit den geballten Informationen, die in diesem Buch präsentiert werden, zu überfordern. Doch ich hätte mir keine Gedanken zu machen brauchen, denn er stürzte sich mit Begeisterung auf die Seiten und ich bin erstaunt, wie viel Fachwissen bei ihm hängenbleibt. So erklärte er später seinen Eltern, wieso der Mond leuchtet und warum Pluto traurig ist. Sehr hilfreich sind die schönen Illustrationen, zum Beispiel die schwitzende Venus, die anschaulich zeigt, wie heiß es auf ihrem Planeten ist! Auch das Kapitel über die Milchstraße muss ich immer wieder vorlesen, vor allem schwarze Löcher, die alles verschlucken, findet er faszinierend. Im Übrigen bietet das Buch auch für Erwachsene so manche neue Information. Ich hatte zumindest noch nie von der Oortschen Wolke gehört!
Wir haben noch längst nicht alle Kapitel gelesen und dieses schöne und informative Buch wird uns sicher noch lange begleiten! Herausheben möchte ich noch die wirklich ansprechende Gestaltung und den stabilen Einband mit Golddruck, auf dem sich die Planeten um die Sonne scharen. Ein schönes und lehrreiches Buch für wissbegierige Kinder.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.03.2026

Leider enttäuschend

Villa Rivolta
0

In „Villa Rivolta“ verknüpft Daniel Speck das Leben von Piero Rivolta, dem Sohn des bekannten Industriellen Renzo Rivolta, mit der Geschichte des Mädchens Valeria, deren Mutter als Hausangestellte bei ...

In „Villa Rivolta“ verknüpft Daniel Speck das Leben von Piero Rivolta, dem Sohn des bekannten Industriellen Renzo Rivolta, mit der Geschichte des Mädchens Valeria, deren Mutter als Hausangestellte bei den Rivoltas arbeitet. Valeria und ihre Mutter leben auf dem Anwesen der Rivoltas und Piero und Valeria freunden sich als Kinder an. Für Valeria steht fest, dass Piero ihr Seelenverwandter ist. Für sie gibt es nie wirklich einen anderen Mann als Piero, ihre spätere Beziehung zum Vater ihres Sohnes Tonino entsteht aus einer Laune heraus und ist nicht von Dauer. Piero hingegen fühlt sich als junger Mann zu Lele hingezogen, die aus denselben gesellschaftlichen Kreisen wie er stammt. Eines der Themen dieses Buchs ist daher die Klassenzugehörigkeit, die wohl im Italien der 1950er und 1960er Jahre noch eine große Rolle spielte. Wir erfahren einiges über das Leben der Schönen und Reichen, aber auch über die Arbeiterklasse sowie den beginnenden Klassenkampf, für den sich Toninos Vater Flavio einsetzt.
Das Buch beginnt spannend: der vierzehnjährige Tonino, der mit seiner alleinerziehenden Mutter Valeria in Mailand wohnt, findet in einer Baugrube vor dem Haus eine Pistole. Da er diese mit in die Schule nimmt, gerät er in Schwierigkeiten und hat mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen. Valeria reagiert panisch und flieht mit Tonino zu Piero, der inzwischen längst mit Lele verheiratet ist. Lange ist nicht klar, was es mit der Pistole auf sich hat. Sie dient zunächst lediglich als Aufhänger, denn auf der Fahrt zu Piero erzählt Valeria ihrem Sohn die Geschichte ihres Lebens.
Ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Daniel Speck gefreut, doch leider hat er meine Erwartungen nicht erfüllt. Vieles ist unendlich in die Länge gezogen, von den 600 Seiten hätte gut ein Drittel gekürzt werden können. Die Personen blieben für mich blass, ihre Beweggründe konnte ich größtenteils nicht nachvollziehen. Was mich außerdem zunehmend genervt hat, sind die ständigen italienischen Worte und Sätze im Text: er ist ein grande uomo, als ich noch ein ragazzo war, seine selbst gewählte sfortuna usw.
Von allen Büchern, die ich von Daniel Speck gelesen habe, ist dies für mich mit Abstand das schwächste, nicht zuletzt auch deshalb, weil am Ende viele Dinge offenbleiben, zum Beispiel die Frage, warum Valeria ihren Sohn unbedingt von seinem leiblichen Vater fernhalten will. Ich kann „Villa Rivolta“ leider nicht empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.02.2026

Entmündigt

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
0

Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch ...

Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch sein Sohn Hans ist der Meinung, Bo könne sich nicht mehr angemessen um das Tier kümmern und drängt darauf, Sixten in eine Familie abzugeben. Bo ist verzweifelt, denn er hängt sehr an dem Tier, das nachts neben ihm schläft und ihm tagsüber treu Gesellschaft leistet. Unterstützung bekommt Bo von seiner Lieblingspflegekraft Ingrid, die es fast immer einrichten kann, mit Sixten Gassi zu gehen, obwohl dies natürlich nicht zum Pflegeumfang gehört. Doch letztendlich hat Hans das letzte Wort, und objektiv betrachtet hat er wohl recht, denn eines Tages stürzt Bo beim Spazierengehen mit Sixten, was böse hätte ausgehen können. Doch ob rationale Entscheidungen immer die besten sind, sei dahingestellt.
Den einzelnen Kapiteln des Buchs, das die Monate Mai bis Oktober umfasst, sind jeweils Einträge ins Bos Pflegetagebuch vorangestellt. „Bo schlummert in seinem Sessel, als ich komme. Ich mache ihm eine Dose Fischklößchen und erinnere ihn daran, dass Hans später vorbeikommt. Ingrid.“ Bo schläft viel und träumt von der Vergangenheit. Oft vermischen sich die Zeitebenen, eben war er noch ein junger Mann, der sich frisch in Fredrika verliebt hat, dann wacht er auf seiner Küchenbank auf und ihm wird bewusst, wie abhängig und entmündigt er in der Jetztzeit ist. In Gedanken spricht er mit Fredrika, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie weder Bo noch den gemeinsamen Sohn Hans erkennt. Auf diese Weise erfahren wir viel über Bos Leben, seinen lieblosen Vater, für den Härte das einzig probate Erziehungsmittel war, die Mutter, die sich oft schützend vor Bo stellte, das harte Arbeitsleben in der Holzfabrik und die glücklichen Jahre mit Fredrika. Viele seiner Erinnerungen haben mich berührt, doch besonders zu Herzen geht die Jetztzeit, in der Bo nur noch sehr eingeschränkt über sein eigenes Leben bestimmen kann. Manche Passagen haben mich zu Tränen gerührt, wobei der Roman nie ins Kitschige abdriftet. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman über das Leben eines alten Manns so tief und nachhaltig berührt. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.02.2026

Mit gestutzten Flügeln

Der letzte Sommer der Tauben
0

Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der ...

Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der Vater, der ein Bekleidungsgeschäft besitzt, darf keine westliche Kleidung mehr verkaufen, Abbildungen von Frauen sind streng verboten, lediglich die Augen dürfen sichtbar sein. Frauen dürfen nur verhüllt und in Begleitung das Haus verlassen, die Religionspolizei wacht streng über die Einhaltung dieser Regeln. Bei Nichtbeachtung drohen drakonische Strafen. Noahs Onkel muss sein Café schließen. Die Scharia ist allgegenwärtig, Angst beherrscht das tägliche Leben.
Noahs größte Freude sind seine Tauben. Er kennt ihre Namen, weiß um ihre Eigenheiten und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Eines Tages beschließt das Kalifat, dass Taubenschläge nicht mehr ,wie bisher üblich, auf dem Dach der Häuser untergebracht sein dürfen, zu groß ist die Gefahr, dass Männer vom Dach aus einen Blick auf eine unverschleierte Nachbarin werfen könnte. Die Taubenschläge müssen in den Hof umziehen, die Flügel der Tauben gestutzt werden. Ein Sinnbild für das Leben während des Kalifats, in dem auch die Menschen jeglicher Freiheit beraubt werden.
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein höchst informatives, aber sehr bedrückendes Buch, das sicherlich autobiographische Züge des irakischen Autors Abbas Khider trägt. Ein Roman, der einem vor Augen führt, auf welch hohem Niveau wir hierzulande jammern und wie vieles für uns selbstverständlich ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere