Profilbild von Readaholic

Readaholic

Lesejury Star
offline

Readaholic ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Readaholic über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.05.2026

Mosaik der Abschweifungen

Das Mosaik der Frauen
0

Der Einstieg in das Buch erzählt von dem Syrer Said Nardini, der 1971 gegen den Willen seiner Familie nach Deutschland flieht. In der Heimat war der Student der Philosophie und Literatur damals nur knapp ...

Der Einstieg in das Buch erzählt von dem Syrer Said Nardini, der 1971 gegen den Willen seiner Familie nach Deutschland flieht. In der Heimat war der Student der Philosophie und Literatur damals nur knapp seiner Verhaftung entkommen. Zunächst schlägt sich Nardini mit Aushilfsjobs durch, doch lernt er in kürzester Zeit so gut Deutsch, dass er als Simultandolmetscher arbeiten kann. Er ist gut integriert und heiratet eine Deutsche. Nach Jahren meldet sich ein alter Freund aus Studientagen bei ihm, der inzwischen Leiter einer großen Klinik ist. Einer seiner Patienten, der schwerkranke Syrer Nadim Suri, möchte vor seinem Tod dem Landsmann von seinem bewegten Leben berichten, das vor allem von Frauen geprägt wurde. Nardini, der inzwischen Autor etlicher Bücher ist, soll Suris Lebensgeschichte niederschreiben. Nardini findet in Suri einen charismatischen Erzähler vor, der ihm nicht nur eine Fülle an persönlichen Anekdoten, sondern auch viel über die politischen Entwicklungen in Syrien und anderen arabischen Ländern berichtet. Dabei kommt Suri vom Hundertsten ins Tausendste, man hat den Eindruck, die halbe Bevölkerung von Damaskus kennenzulernen. Suris Bemerkung „Aber ich schweife wieder ab“ ist das Leitmotiv seiner Erzählungen. Obwohl vieles interessant ist, machten diese Ausschweifungen für mich das Erzählte sehr ermüdend, zumal kein roter Faden ersichtlich ist. Auch die blumige, poetische Sprache hat mich nicht erreicht, beispielsweise, wenn der Tomatenverkäufer auf dem Markt in Damaskus seine Ware mit den Worten anpreist „Meine Tomaten haben ihre Wangen geschminkt und gehen mit mir spazieren“ oder der Aprikosenverkäufer nebenan seine Kunden mit „Oh, Aprikose! Der Wind hat dich und die Gier hat mich tief fallen lassen.“
Die persönlichen Schicksale der Frauen in Suris Leben sind durchaus bewegend, so wird zum Beispiel seine erste Liebe, Samira, von einem eifersüchtigen Cousin ermordet, weil der nicht ertragen kann, dass sie seine Liebe verschmäht. Ab der Mitte des Buchs habe ich die Seiten nur noch quergelesen. Ich weiß jetzt wieder, warum ich vor ein paar Jahren aufgehört habe, die Bücher von Rafik Schami zu lesen. Für mich leider eine eher enttäuschende Leseerfahrung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.05.2026

Abwechslungsreiches Buch mit vielen guten Nachmachideen

Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita
0

Alma, Pippa, Emil, Kisi und Aziz sind Vorschulkinder, die einmal in der Woche mit ihrem Erzieher Joschi etwas Besonderes basteln oder spielen und auch die Schule, in die sie nächstes Jahr gehen werden, ...

Alma, Pippa, Emil, Kisi und Aziz sind Vorschulkinder, die einmal in der Woche mit ihrem Erzieher Joschi etwas Besonderes basteln oder spielen und auch die Schule, in die sie nächstes Jahr gehen werden, besuchen. Dabei haben sie jede Menge Spaß und lernen viele neue Sachen. Sie erfinden selbst Spiele, bauen einen Vulkan, erfahren, dass man Knete auch selbst anrühren kann und lernen dabei spielerisch Sozialverhalten, schulen ihre Feinmotorik und Kreativität. Das Beste dabei ist, dass den einzelnen Kapiteln Seiten folgen, auf denen genau beschrieben ist, wie die Aktivitäten zuhause nachgemacht werden können und erklärt wird, welche Fähigkeiten durch die Aktivitäten trainiert werden. Wie es sich für ein Kinderbuch der Jetztzeit gehört, kommen die Vorschulkinder nicht nur aus klassischen Mutter-Vater-Kind(er)-Familien, sondern Pippa hat beispielsweise zwei Väter. Diese „political correctness“ in Kinderbüchern finde ich in diesem Fall ein wenig übertrieben, da ich in letzter Zeit schon mehrere Kinderbücher gekauft habe, in denen es entweder zwei Mütter oder zwei Väter gab. So wie diese Familienkonstellation früher gar nie in Kinderbüchern vorkam, ist sie meiner Meinung nach jetzt überrepräsentiert. Gut finde ich allerdings, dass eines der Kinder, Emil, ein Cochlea-Implantat hat und deshalb bei wilden Spielen nicht mitmachen kann. Auf diese Weise erfahren Kinder, dass es bei ihren Spielkameraden körperliche Einschränkungen geben kann und es Rücksicht zu nehmen gilt.
Das Buch ist liebevoll gestaltet und sehr farbenfroh. Die Sprache ist kreativ, was mir mal mehr, mal weniger gefallen hat. „Rappelzappelig“ und „nörgelmotzig“ ist ja ganz nett und lautmalerisch, aber „es riecht nudelig“? Über einen QR-Code gelangt man zum Vorschullied, dessen eingängige Melodie wohl jeder kennt. Hier hätte ich allerdings eine Bande von Vorschulkindern erwartet, die das Lied vorsingt, und nicht die Autorin.
Alles in allem finde ich das Buch allerdings sehr gelungen. Es gibt eine Fülle von Anregungen, von denen wir mit Sicherheit viele aufgreifen werden (zum Beispiel das „Wehe, du lachst“ Spiel)! Ein Buch, das sich hervorragend als Geburtstagsgeschenk für ein Vorschulkind eignet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.04.2026

Leben am Rande der Gesellschaft

Solange ein Streichholz brennt
0

Alina Alev ist eine junge, ambitionierte Journalistin, die in dem Fernsehsender, für den sie arbeitet, in den letzten Jahren kaum die Möglichkeit hatte, ihr Können zu beweisen. Sie geht davon aus, bald ...

Alina Alev ist eine junge, ambitionierte Journalistin, die in dem Fernsehsender, für den sie arbeitet, in den letzten Jahren kaum die Möglichkeit hatte, ihr Können zu beweisen. Sie geht davon aus, bald ihre Kündigung zu erhalten, als sie stattdessen das Angebot bekommt, eine Reportage zum Thema „Wie entgleitet ein Leben?“ zu drehen. Dafür will sie einen Obdachlosen in seinem Alltag begleiten. Ihre Wahl trifft auf Bohm, einen 35jährigen, der auf der Straße lebt. Bohm will zunächst davon nichts wissen, erst als sein Hund schwer verletzt wird und dringend Behandlung braucht, lässt er sich darauf ein, denn der Sender wird im Gegenzug für die Tierarztkosten aufkommen.
Obwohl Alina und Bohm aus völlig unterschiedlichen Welten stammen, ist von Anfang an Sympathie zwischen den beiden da. Alina erlebt die Geringschätzigkeit, die Bohm tagtäglich entgegengebracht wird. Er nimmt weite Wege auf sich, um an ein kostenloses Mittagessen zu kommen und campiert in schmutzigen Hinterhöfen, immer in der Angst, entdeckt und verjagt zu werden. Diesen Einblick in das Leben von Obdachlosen fand ich interessant. Man fragt sich, wie es dazu kam, dass Bohm seit Jahren auf der Straße lebt, doch über seine Vergangenheit gibt er zunächst nichts preis.
Alina ist mit ihrem Leben auch nicht glücklich. Sie strampelt sich ab, doch ihre Reportagen finden im Sender wenig Anklang. Sie hat keinen Freundeskreis und die Kollegen im Sender sind oberflächlich und würden alles für die Quote tun.
In „Solange ein Streichholz brennt“ wird im Wechsel aus Alinas und Bohms Perspektive erzählt. Beide Personen fand ich zunächst sehr sympathisch und glaubhaft dargestellt. Lediglich im letzten Drittel, als man erfährt, was den Ausschlag für Bohms Ausbrechen aus seinem alten Leben gab, konnte mich die Geschichte nicht mehr überzeugen und meine Sympathie für Bohm nahm ab. Der Antiklimax am Ende des Romans hat mir ein wenig die Freude an dem Buch verdorben, daher vergebe ich nur 4 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.04.2026

Lebendige Geschichte

Ein Ort, der bleibt
0

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen ...

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Da Präsident Kemal Atatürk in der Türkei gerade nach Wissenschaftlern aus dem Ausland suchte, die das Universitätssystem in der Türkei auf den neuesten Stand bringen sollten, gelang es Alfred, seiner Frau Magda und den beiden Kindern, Deutschland rechtzeitig zu verlassen, bevor Alfred womöglich in einem KZ gelandet wäre.
In der Türkei fasst Alfred schnell Fuß und auch Magda lebt sich gut ein. Sie bauen sich dort ein neues Leben auf und finden zunächst Halt in der Gemeinschaft der Exildeutschen, die das gleiche Schicksal teilen. Doch auch dort ist man nicht vor den Spitzeln der Nazis sicher. Alfreds größte Errungenschaft in seiner neuen Heimat Istanbul ist der Aufbau eines wunderschönen botanischen Gartens mit Pflanzen aus aller Welt.
In einem zweiten Handlungsstrang, der in der Jetztzeit spielt, lernen wir die junge Städteplanerin Imke kennen, die für vier Wochen Istanbul besucht, um zusammen mit ihrem Vorgesetzten ein Gutachten zum dortigen botanischen Garten zu erstellen, das den Ausschlag darüber geben wird, ob der vor fast hundert Jahren durch Alfred Heilbronn angelegte Garten erhalten werden soll oder nicht.
Das Interessante an der Geschichte ist, dass der historische Teil auf wahren Begebenheiten beruht. Die Vita der historisch belegten Personen ist dem Buch in einem Anhang beigefügt.
„Ein Ort, der bleibt“ ist wirklich faszinierende Lektüre. Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Es erweckt längst vergangene Ereignisse und Personen zum Leben und ist akribisch recherchiert. Die Autorin muss viele Monate damit zugebracht haben, sich nicht nur über die historischen Begebenheiten, sondern auch über Botanik zu informieren! Sandra Lüpkes ist eine lebendige Geschichte gelungen, die überaus spannend zu lesen ist. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2026

Pina Luxen ist ein Final Girl

Pina fällt aus
0

Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, ...

Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, macht er beispielweise immer zwei Schritte vorwärts und dann wieder einen zurück, egal, wie spät er dran ist. Sobald er im Bus zur Behindertenwerkstatt sitzt, hetzt Pina zu ihrem Job im Call Center. Seit längerer Zeit hat sie Magenschmerzen, die sie mit Tabletten bekämpft, doch eines Tages bricht sie mitten auf der Straße zusammen und landet mit Magendurchbruch auf der Intensivstation.
Der 20jährige Leo ist zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung der 86jährigen Nachbarin Inge, für die Pina die Einkäufe erledigt. Als Pina nicht zurückkehrt, wird Inge panisch und auch Leo fragt ständig nach seiner Mutsch. Außer Inge wohnen im Haus in der Hansastraße noch Wojtek, ein dreißigjähriger schrulliger Einzelgänger, und die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die Tochter des Hausbesitzers, die sich eine Glatze rasiert hat und permanent wütend ist. Keiner von ihnen fühlt sich der Aufgabe gewachsen, sich um Leo zu kümmern, zumal sie auch keine Ahnung haben, was mit Pina passiert ist und wann sie zurückkommt.
„Pina fällt aus“ schildert, wie aus den Leuten, die bisher keinerlei Kontakt untereinander pflegten, nach und nach eine Gemeinschaft wird, die beginnt, Leos Besonderheiten zu verstehen und sich auf ihn als Mensch einzulassen und ihn nicht mehr nur als „Behinderten“ zu sehen. Doch es geht nicht nur um Leo und seinen Autismus, wir erfahren auch viel über das Leben von Inge, Wojtek und Zola, und sie wachsen einem allesamt ans Herz. Selbst für den unfreundlichen Busfahrer Harry, der immer nur für eine Zigarettenlänge vor dem Haus hält und wegfährt, wenn Leo es nicht schafft, während dieser Zeit den Bus zu erreichen, beginnt man irgendwann, ein bisschen Sympathie zu hegen. Zola, die zu Beginn keine Ahnung hatte, welche Mammutaufgabe die in ihren Augen arrogante Nachbarin Pina mit ihrem nervigen Sohn täglich zu stemmen hat, erkennt, dass Pina in Wirklichkeit ein „final girl“, eine Superheldin wie in ihren Computerspielen ist. Die Aufgabe, sich gemeinsam um Leo zu kümmern, wirkt sich positiv auf das Leben aller Hausbewohner aus. Ein äußerst berührender Roman, dem man anmerkt, dass die Autorin Vera Zischke sich bestens mit dem Thema Autismus auskennt. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, es wird ganz hervorragend gelesen von Elisabeth Günther. Unbedingte Lese- bzw. Hörempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere