Entmündigt
Wenn die Kraniche nach Süden ziehenDer 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch ...
Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch sein Sohn Hans ist der Meinung, Bo könne sich nicht mehr angemessen um das Tier kümmern und drängt darauf, Sixten in eine Familie abzugeben. Bo ist verzweifelt, denn er hängt sehr an dem Tier, das nachts neben ihm schläft und ihm tagsüber treu Gesellschaft leistet. Unterstützung bekommt Bo von seiner Lieblingspflegekraft Ingrid, die es fast immer einrichten kann, mit Sixten Gassi zu gehen, obwohl dies natürlich nicht zum Pflegeumfang gehört. Doch letztendlich hat Hans das letzte Wort, und objektiv betrachtet hat er wohl recht, denn eines Tages stürzt Bo beim Spazierengehen mit Sixten, was böse hätte ausgehen können. Doch ob rationale Entscheidungen immer die besten sind, sei dahingestellt.
Den einzelnen Kapiteln des Buchs, das die Monate Mai bis Oktober umfasst, sind jeweils Einträge ins Bos Pflegetagebuch vorangestellt. „Bo schlummert in seinem Sessel, als ich komme. Ich mache ihm eine Dose Fischklößchen und erinnere ihn daran, dass Hans später vorbeikommt. Ingrid.“ Bo schläft viel und träumt von der Vergangenheit. Oft vermischen sich die Zeitebenen, eben war er noch ein junger Mann, der sich frisch in Fredrika verliebt hat, dann wacht er auf seiner Küchenbank auf und ihm wird bewusst, wie abhängig und entmündigt er in der Jetztzeit ist. In Gedanken spricht er mit Fredrika, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie weder Bo noch den gemeinsamen Sohn Hans erkennt. Auf diese Weise erfahren wir viel über Bos Leben, seinen lieblosen Vater, für den Härte das einzig probate Erziehungsmittel war, die Mutter, die sich oft schützend vor Bo stellte, das harte Arbeitsleben in der Holzfabrik und die glücklichen Jahre mit Fredrika. Viele seiner Erinnerungen haben mich berührt, doch besonders zu Herzen geht die Jetztzeit, in der Bo nur noch sehr eingeschränkt über sein eigenes Leben bestimmen kann. Manche Passagen haben mich zu Tränen gerührt, wobei der Roman nie ins Kitschige abdriftet. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman über das Leben eines alten Manns so tief und nachhaltig berührt. Absolute Leseempfehlung!