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Veröffentlicht am 05.02.2026

Entmündigt

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch ...

Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch sein Sohn Hans ist der Meinung, Bo könne sich nicht mehr angemessen um das Tier kümmern und drängt darauf, Sixten in eine Familie abzugeben. Bo ist verzweifelt, denn er hängt sehr an dem Tier, das nachts neben ihm schläft und ihm tagsüber treu Gesellschaft leistet. Unterstützung bekommt Bo von seiner Lieblingspflegekraft Ingrid, die es fast immer einrichten kann, mit Sixten Gassi zu gehen, obwohl dies natürlich nicht zum Pflegeumfang gehört. Doch letztendlich hat Hans das letzte Wort, und objektiv betrachtet hat er wohl recht, denn eines Tages stürzt Bo beim Spazierengehen mit Sixten, was böse hätte ausgehen können. Doch ob rationale Entscheidungen immer die besten sind, sei dahingestellt.
Den einzelnen Kapiteln des Buchs, das die Monate Mai bis Oktober umfasst, sind jeweils Einträge ins Bos Pflegetagebuch vorangestellt. „Bo schlummert in seinem Sessel, als ich komme. Ich mache ihm eine Dose Fischklößchen und erinnere ihn daran, dass Hans später vorbeikommt. Ingrid.“ Bo schläft viel und träumt von der Vergangenheit. Oft vermischen sich die Zeitebenen, eben war er noch ein junger Mann, der sich frisch in Fredrika verliebt hat, dann wacht er auf seiner Küchenbank auf und ihm wird bewusst, wie abhängig und entmündigt er in der Jetztzeit ist. In Gedanken spricht er mit Fredrika, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie weder Bo noch den gemeinsamen Sohn Hans erkennt. Auf diese Weise erfahren wir viel über Bos Leben, seinen lieblosen Vater, für den Härte das einzig probate Erziehungsmittel war, die Mutter, die sich oft schützend vor Bo stellte, das harte Arbeitsleben in der Holzfabrik und die glücklichen Jahre mit Fredrika. Viele seiner Erinnerungen haben mich berührt, doch besonders zu Herzen geht die Jetztzeit, in der Bo nur noch sehr eingeschränkt über sein eigenes Leben bestimmen kann. Manche Passagen haben mich zu Tränen gerührt, wobei der Roman nie ins Kitschige abdriftet. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman über das Leben eines alten Manns so tief und nachhaltig berührt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Mit gestutzten Flügeln

Der letzte Sommer der Tauben
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Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der ...

Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der Vater, der ein Bekleidungsgeschäft besitzt, darf keine westliche Kleidung mehr verkaufen, Abbildungen von Frauen sind streng verboten, lediglich die Augen dürfen sichtbar sein. Frauen dürfen nur verhüllt und in Begleitung das Haus verlassen, die Religionspolizei wacht streng über die Einhaltung dieser Regeln. Bei Nichtbeachtung drohen drakonische Strafen. Noahs Onkel muss sein Café schließen. Die Scharia ist allgegenwärtig, Angst beherrscht das tägliche Leben.
Noahs größte Freude sind seine Tauben. Er kennt ihre Namen, weiß um ihre Eigenheiten und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Eines Tages beschließt das Kalifat, dass Taubenschläge nicht mehr ,wie bisher üblich, auf dem Dach der Häuser untergebracht sein dürfen, zu groß ist die Gefahr, dass Männer vom Dach aus einen Blick auf eine unverschleierte Nachbarin werfen könnte. Die Taubenschläge müssen in den Hof umziehen, die Flügel der Tauben gestutzt werden. Ein Sinnbild für das Leben während des Kalifats, in dem auch die Menschen jeglicher Freiheit beraubt werden.
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein höchst informatives, aber sehr bedrückendes Buch, das sicherlich autobiographische Züge des irakischen Autors Abbas Khider trägt. Ein Roman, der einem vor Augen führt, auf welch hohem Niveau wir hierzulande jammern und wie vieles für uns selbstverständlich ist.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich

Alle glücklich
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Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist ...

Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist mit ihren sechzehn Jahren frisch verliebt in einen etwas älteren Jungen, der ihr einiges an Erfahrung voraushat. Ben ist Student und ein Einzelgänger, der sich am liebsten in seinem Zimmer verkriecht und mit anderen Computernerds zockt. Nina bemüht sich nach Kräften, die Familie wenigstens zu einem gemeinsamen Abendessen zusammenzubringen, doch oft gelingt nicht einmal dieses Minimum an Gemeinsamkeit, nicht zuletzt, weil Alexander häufig erst spät von der Arbeit kommt. Wie es wirklich in ihren Kindern aussieht, davon haben Nina und Alexander keine Ahnung. Beispielsweise leidet Ben darunter, dass er noch nie eine Freundin hatte. Überhaupt gibt es viel Unausgesprochenes zwischen den Familienmitgliedern, auch zwischen den Eheleuten läuft es schon lange nicht mehr rund.
Die Kapitel werden aus Sicht der vier Familienmitglieder erzählt und geben Einblicke in deren Seelenleben. Jedem Kapitel ist ein eFrage vorausgestellt, die sich die jeweilige Person gerade stellt: Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt? (Nina), Irgendjemand, der mich sieht, irgendjemand? (Ben), Ich mache doch alles richtig, oder etwa nicht? (Alexander), Oder bin ich ihm doch zu jung? (Emilia). Jede der Personen steuert auf ein Ereignis zu, das ihr Leben und das Leben der anderen Familienmitglieder grundlegend verändern wird.
Trotz einiger Längen fand ich das Buch spannend und kurzweilig. Tolstois berühmter Eingangssatz aus Anna Karenina hat auch knapp 150 Jahre nach dessen Erscheinen noch Gültigkeit: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.
Ein Roman, der nachdenklich macht.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Ein schwieriger Lebensabschnitt

Die Liebe, später
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Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist ...

Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist Anselm pensioniert und der fast sechzigjährigen Kora, die gerade eine schwere Herz-OP hinter sich hat, wurde vom Sender ein Auflösungsvertrag angeboten, von dem sie sich nicht sicher ist, ob sie ihn annehmen soll. Während Anselm sich mit Begeisterung in ein neues Projekt, einen Libellenteich im Garten, stürzt, hinterfragt Kora ihr ganzes Leben. Ist sie überhaupt noch glücklich mit Anselm? Wie soll sie diese ständige Nähe aushalten? Und wo ist die selbstbewusste Kora von früher geblieben? Kora begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, trifft alte Freunde und Weggefährten und macht sich Gedanken, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll.
Zunächst hatte ich Schwierigkeiten damit, wie die Autorin von einer Begebenheit in Koras Leben scheinbar willkürlich zur nächsten wechselt. Eben lag Kora noch von der OP geschwächt im Krankenhaus, dann ist sie ein kleines Mädchen, das seine Mutter verloren hat, nur um im nächsten Absatz Felix, einen Bekannten, dessen Frau spurlos verschwunden ist, zu besuchen. Dieses Hin- und Herspringen hat mich am Anfang ziemlich irritiert. Als ich mich dann auf den Schreibstil eingelassen habe, hat mich die Geschichte doch gefesselt und ich wollte herausfinden, wie sich Kora entscheidet. Ebenfalls interessant fand ich den Handlungsstrang um Felix‘ verschwundene Frau. Das Buch wirft Fragen auf, die sich wahrscheinlich viele Frauen, vor allem in Koras Alter, irgendwann stellen. Was mich etwas frustriert hat, ist die Tatsache, dass ein Handlungsstrang, der mich sehr interessiert hat, nicht aufgelöst wird, sondern einfach nach langen Spekulationen im Sand verläuft. Die Umschlagillustration ist im übrigen sehr irreführend, da sie suggeriert, dass der Roman von einer weitaus jüngeren Frau handelt.

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Veröffentlicht am 22.01.2026

Gentechnik - Segen oder Fluch?

Real Americans
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Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet ...

Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet „Real Americans“ als fesselnd, verspielt und philosophisch. Es werden also große Erwartungen geweckt und dieses Mal nicht enttäuscht.
Der Roman ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil handelt von Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die in New York in einem unbezahlten Praktikantinnenjob arbeitet und nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Eltern, beides Wissenschaftler, sind etwas enttäuscht, dass sie nicht in ihre Fußstapfen tritt. Als Lily den erfolgreichen Matthew kennenlernt und die beiden sich ineinander verlieben, ändert sich Lilys Leben von Grund auf. Doch die Beziehung hält nicht an und Lily, die mittlerweile einen Sohn hat, zieht an die Westküste.
Der zweite Teil wird aus Sicht des Sohns Nick erzählt. Nick weiß nicht, wer sein Vater ist und beschließt, ihn über einen DNA-Test ausfindig zu machen. Er wird tatsächlich fündig. Diese Information hält er allerdings vor seiner Mutter geheim. Vater und Sohn lernen sich kennen, doch die Beziehung ist problematisch, denn Matthews Lebenswirklichkeit ist eine ganz andere als die des Studenten Nick.
Im dritten Teil des Romans erfahren wir schließlich, was Nicks Großeltern dazu bewogen hat, Maos China unter großen Gefahren zu verlassen. Man erfährt viel über das entbehrungsreiche Leben im kommunistischen China, wo Wissenschaftler mit Argwohn beäugt wurden und Hungersnot herrschte. Sehr anschaulich wird ihre Ankunft in den USA geschildert, das einfache Leben, das sie zunächst führen, doch auch ihre beruflichen Erfolge in der Gentechnikforschung. Dieser Teil des Romans spielt im Jahr 2030 und Nicks Großmutter Mei blickt auf ihr Leben zurück.
Ich konnte „Real Americans“ tatsächlich über weite Strecken kaum aus der Hand legen. Es ist ein vielschichtiger Generationenroman, der die gesellschaftlichen Situationen in China und den USA sehr anschaulich schildert. Am Schluss schließt sich der Kreis, Nick versucht, Fehler seiner Eltern und Großeltern, die Gentechnik für einen Segen für die Menschheit hielten, auszubügeln bzw. den Schaden zu begrenzen. Diesen Schluss fand ich nicht ganz so realistisch. Alles in allem kann ich „Real Americans“ jedoch voll und ganz empfehlen.

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