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Veröffentlicht am 29.06.2025

Gleichzeitig anspruchsvoll und sehr spannend

Löwen wecken
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Etan Grien arbeitet als Neurochirurg in einem kleinen Krankenhaus in der israelischen Wüste. Er wurde dorthin strafversetzt, nachdem er in Tel Aviv seinen Professor (zu Recht) der Korruption bezichtigte. ...

Etan Grien arbeitet als Neurochirurg in einem kleinen Krankenhaus in der israelischen Wüste. Er wurde dorthin strafversetzt, nachdem er in Tel Aviv seinen Professor (zu Recht) der Korruption bezichtigte. Etans Leben ist ereignislos, geradezu langweilig, bis er eines Nachts auf einer Spritztour einen Menschen überfährt. Das Unfallopfer ist ein eriträischer Flüchtling, dessen Verletzungen zu schwer sind, als dass er gerettet werden könnte. So trifft Etan die schwerwiegende Entscheidung, Unfallflucht zu begehen.
Am nächsten Tag steht Sirkit, die Frau des Eriträers, vor Etans Tür und erpresst ihn. Er soll im Gegenzug für ihr Schweigen Flüchtlinge nachts in einer Werkstatt ärztlich behandeln. So beginnt für Etan ein Doppelleben, denn er verschweigt seiner Frau den Unfall und dessen Folgen. Zwischen Sirkit und Etan entwickelt sich eine Art Hassliebe und mit der Zeit fühlen sie sich zueinander hingezogen.
Als Leser fühlt man die ganze Zeit die Gefahr, in die Etan sich begibt. Wie lange wird seine Frau die Geschichte von Doppelschichten im Krankenhaus noch glauben? Wird sie Etan verlassen und die Kinder mitnehmen? Wie lange hält Etan diese Doppelbelastung noch durch? Verkompliziert wird das Ganze noch dadurch, dass Etans Frau Kriminalbeamtin ist, die im Fall des toten Eriträers ermittelt.
Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das einen solchen Sog auf mich ausgeübt hat. Ich konnte es kaum aus der Hand legen, obwohl manche Passagen ziemlich ausschweifend und für die Geschichte unnötig waren. Die Autorin lässt viele philosophische Gedanken einfließen. Es ist ein ausgesprochen anspruchsvolles Buch, das einen interessanten Einblick in die Flüchtlingssituation in Israel gibt.
Ayelet Gundar-Goshen ist eine hervorragende Beobachterin, der man anmerkt, dass sie nicht nur Journalistin, sondern auch Psychologin ist. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 22.06.2025

Ein mutiger Schritt

Strandgut
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Earlon „Bucky“ Bronco ist mit seinen siebzig Jahren ein physisches und psychisches Wrack. Gegen seine Hüftschmerzen nimmt er Opioide, die in den USA ja eine Zeitlang von den Ärzten wie Smarties verteilt ...

Earlon „Bucky“ Bronco ist mit seinen siebzig Jahren ein physisches und psychisches Wrack. Gegen seine Hüftschmerzen nimmt er Opioide, die in den USA ja eine Zeitlang von den Ärzten wie Smarties verteilt wurden und in kürzester Zeit zu Abhängigkeit führen. Seit Buckys Frau Maybellene vor einem Jahr gestorben ist, lebt Bucky sehr einsam, sein häufigster Kontakt ist der Verkäufer im Drugstore, wo er seine Rezepte einlöst.
In seiner Jugend schaffte Bucky ein One-Hit-Wonder, „Until the wheels fall off“. Seine Karriere nahm jedoch ein abruptes Ende und keiner kann sich inzwischen mehr daran erinnern, dass Bucky einmal eine vielversprechende Karriere vor sich hatte. Als er einen Brief vorfindet, in dem er dazu eingeladen wird, bei einem Musikfestival im britischen Scarborough aufzutreten, hält Bucky dies zunächst für einen Scherz. Er hat keine Ahnung, dass er im Norden Englands wie ein Star gefeiert wird und eine große Fangemeinde hat. Da Flug- und Hotelkosten, sowie ein großzügiges Honorar bezahlt werden, beschließt er, den Flug über den großen Teich zu wagen, zumal er die USA noch nie verlassen und auch das Meer noch nie gesehen hat. Was hat er schon zu verlieren?
In England wird er von der fünfzigjährigen Dinah in Empfang genommen, die ein großer Fan von ihm ist. Dinah ist mit einem Nichtsnutz von Ehemann verheiratet, ihr erwachsener Sohn verbringt die Nächte vor dem Computer und verschläft den Tag. So ist es für sie ein absolutes Highlight, Bucky während des Festivals betreuen zu dürfen. Bucky leidet zunächst unter Jetlag und Entzugserscheinungen, die er zu verbergen versucht. Lange Zeit ist nicht klar, ob er es überhaupt schaffen wird aufzutreten.
Für mich war „Strandgut“ das erste Buch von Benjamin Myers. Sein teilweise sehr poetischer Schreibstil und seine genauen Beobachtungen und Charakterisierungen der Personen haben mir sehr gut gefallen. In mancher Szene hatte ich das Gefühl, neben Bucky herzugehen, beispielsweise, als er nachts die dunklen Gänge des Hotels „Majestic“ erkundet, das seine Glanzzeiten längst hinter sich hat.
Im Übrigen möchte ich auch die hervorragende Übersetzung aus dem Englischen durch Werner Löcher-Lawrence erwähnen, ich habe schon lange kein so gut übersetztes Buch mehr gelesen!
Benjamin Myers ist mit „Strandgut“ ein wunderschönes, leises Buch über Freundschaft und Liebe, Verlust und Trauer, aber auch über den Mut, eigene Grenzen zu überwinden gelungen. Die Rückblicke auf Buckys Leben haben mich sehr berührt. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.06.2025

Erdrückende Beweise

Die feindliche Zeugin
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Die junge Anwältin Rosa bekommt ihren ersten großen Fall übertragen. Sie soll den 17-jährigen Emmett verteidigen, der einen Weißen erstochen haben soll. Die Beweise gegen ihn sind erdrückend. Mehrere Zeugen ...

Die junge Anwältin Rosa bekommt ihren ersten großen Fall übertragen. Sie soll den 17-jährigen Emmett verteidigen, der einen Weißen erstochen haben soll. Die Beweise gegen ihn sind erdrückend. Mehrere Zeugen haben ihn dabei beobachtet, wie er blutüberströmt neben dem am Boden liegenden Opfer stand, das Messer noch in der Hand.
Als Leser weiß man, dass er nicht der Täter ist, doch Rosas Aufgabe ist nicht leicht. Niemand meldet sich als Entlastungszeuge und Emmett selbst will keine Aussage machen, wer die anderen Schwarzen Jugendlichen waren, die bei der Auseinandersetzung dabei waren, und dies, obwohl ihm bewusst ist, dass ihn im Falle einer Verurteilung womöglich eine lebenslange Freiheitsstrafe erwartet.
Die Autorin dieses Romans ist selbst Barrister und kennt das britische Rechtssystem genau. Sie schildert daher minutiös die Abläufe dieses Strafprozesses, was zwar interessant, aber auch manchmal ziemlich ausufernd ist. Als Justizthriller kann man „Die feindliche Zeugin“ auch wahrhaftig nicht bezeichnen, denn über viele Seiten hinweg fehlt es an Spannung. Trotzdem habe ich diesen Roman gern gelesen. Ich denke, dass die Autorin viel ihrer eigenen Erfahrung in die Geschichte hat einfließen lassen, denn sie liest sich sehr authentisch.

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Interessant, aber sehr bedrückend

Das Echo der Sommer
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Wie schon seit Jahrhunderten ziehen die schwedischen Samen als Nomadenvolk jedes Jahr zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren hin und her. Als Inga dreizehn Jahre alt ist, kehrt sie mit ihrer Mutter ...

Wie schon seit Jahrhunderten ziehen die schwedischen Samen als Nomadenvolk jedes Jahr zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren hin und her. Als Inga dreizehn Jahre alt ist, kehrt sie mit ihrer Mutter Ravdna und ihrer Tante Anne ins Sommerquartier zurück, nur um festzustellen, dass im Auftrag der Regierung der See, an dessen Ufer sie wohnen, weiter angestaut wurde und das ganze Dorf bereits halb unter Wasser steht. Begründet wird diese Maßnahme durch den erhöhten Energiebedarf des Landes und den Bau eines großen Kraftwerks. Die Samen wurden über die Maßnahme nicht einmal in Kenntnis gesetzt. Die Regierung hielt es nicht für notwendig, da ihnen der Grund und Boden nicht gehört und sie daher, so die offizielle Begründung, kein Anrecht darauf haben. Inga und ihre Familie bauen sich weiter oben in den Bergen eine neue Kote, die allerdings Jahre später ebenfalls mitsamt ihrem Besitz wieder geflutet wird. Insgesamt passiert dies vier Mal. Es ist kaum zu glauben, in welchem Ausmaß die Volksgruppe der Samen diskriminiert wurde. So war es ihnen auch verboten, viereckige Häuser zu besitzen, Fenster in ihre Koten einzubauen und an die Stromversorgung angeschlossen zu sein, für die sie so viel opferten.
Ich konnte im Übrigen nicht ganz nachvollziehen, wie gleichmütig die Samen dies alles hinnahmen und sich fast kein Aufstand regte. Erst ab dem Jahr 1972 erhielten sie für den Verlust ihrer Lebensgrundlage eine lächerlich kleine Entschädigungssumme.
„Das Echo der Sommer“ gibt einen guten Einblick in das traditionelle Leben der Samen und ihre tiefe Naturverbundenheit. Die Sprache des Buchs ist sehr poetisch, oft zu poetisch für meinen Geschmack. Es werden auch sehr viele Sätze und Begriffe in der samischen Sprache verwendet, ohne dass diese erklärt werden. Das hat mich ziemlich gestört, zumal kein Glossar vorhanden ist und nicht immer aus dem Zusammenhang hervorgeht, was gemeint ist. „Inga hatte Goasttemállasa zubereitet“, „Mon jáhkán“, sagte sie, woraufhin Heaikka Biette erleichtert „Na huff“ erwidert. Und so geht das in einem fort. Mich hat dies im Lesefluss gestört. Es ist mit Sicherheit ein wichtiges Buch, da es Missstände anprangert, die wenig bekannt sind, doch liest es sich stellenweise ziemlich zäh.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Die Suche nach Identität

Beeren pflücken
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Eine indigene Familie aus Kanada kommt 1962, wie jedes Jahr, über die Grenze in die USA, um dort Beeren zu pflücken. Alle Familienangehörige haben ihre Aufgabe, nur die vierjährige Ruthie ist noch zu klein. ...

Eine indigene Familie aus Kanada kommt 1962, wie jedes Jahr, über die Grenze in die USA, um dort Beeren zu pflücken. Alle Familienangehörige haben ihre Aufgabe, nur die vierjährige Ruthie ist noch zu klein. Eines Tages verschwindet sie spurlos und auch großangelegte Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.
Zur selben Zeit erleben ein Richter und seine Frau die große Freude, dass ihr Kinderwunsch endlich erfüllt wurde. Das kleine Mädchen Norma wird allerdings von wiederkehrenden Träumen geplagt, in denen es eine Frau und einen Jungen sieht, im Traum ist dieser Junge ihr Bruder. Die Mutter tut diese Träume als Hirngespinste ab.
Als Leser ahnt man natürlich den Zusammenhang. Norma wird von allem ferngehalten, soll sich möglichst nur im Haus aufhalten. Sie spürt, dass etwas falsch ist, nur was, kann sie sich nicht erklären. Währenddessen gibt ihre wirkliche Familie nie auf, nach ihr zu suchen. Einmal, Jahre später, erhascht einer ihrer Brüder bei einem Besuch in Boston einen Blick auf sie, schafft es aber nicht, Kontakt zu ihr aufzunehmen.
„Beeren Pflücken“ ist ein sehr beeindruckendes Debüt. Die Kapitel des Buchs werden in Rückblicken abwechselnd von Norma und Joe erzählt. Wir erleben die Zerrissenheit des kleinen Mädchens, das instinktiv spürt, dass es anders ist als seine Eltern. Sie wird mit Lügen abgespeist und zweifelt an sich selbst. Erst spät im Leben erfährt Norma die Wahrheit.
Auf Seiten ihrer Ursprungsfamilie erfahren wir, welche Auswirkungen das Verschwinden Ruthies auf das Leben der einzelnen Familienmitglieder hat. Besonders stark beeinflusst hat es das Leben ihres zwei Jahre älteren Bruders Joe, der sich zeitlebens Vorwürfe macht, dass er damals nicht besser auf seine kleine Schwester aufgepasst hat. Er lebt ein Leben voller Wut und Selbstzerstörung.
Die Sprache des Buches ist eindringlich und voller Bilder, die sowohl die Schönheit als auch die Härte des Lebens widerspiegeln. Absolute Leseempfehlung!

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