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Veröffentlicht am 29.07.2023

Spannend und informativ

Im Kopf des Bösen - Der Sandmann
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Der Plan: Bekannte Fälle werden neu erzählt, die Fakten bleiben, werden aber in die heutige Zeit transferiert. Das Ziel: Eine Schnittstelle zwischen Sachbüchern und Thrillern erschaffen, die Ermittlungsmethoden ...

Der Plan: Bekannte Fälle werden neu erzählt, die Fakten bleiben, werden aber in die heutige Zeit transferiert. Das Ziel: Eine Schnittstelle zwischen Sachbüchern und Thrillern erschaffen, die Ermittlungsmethoden real und spannend abbilden und sich so von rein fiktiven Büchern unterscheiden.

Gelungen, würde ich sagen.

Obwohl ich natürlich meine übliche Kritik üben muss. Denn anscheinend kommt kein Krimi ohne einen überaus eigensinnigen Protagonisten aus, der ohne Furcht vor Konsequenzen genau das macht, wonach ihm gerade der Kopf steht. Hier ist es Sophie, deren Asperger-Autismus ihr bei der analytischen Arbeit von Vorteil ist und dem Leser ungewohnte Perspektiven auf die Ermittlungsarbeit gewährt. In diesem Punkt ist die Realität wohl doch nicht so abgebildet, wie sie meistens vorherrscht.

Dennoch war mir Sophie sehr sympathisch, ihre authentische Darstellung hat mir gut gefallen. Ihr „Partner“ Leonhard ist hingegen ein Charakter, mit dem ich erst warm werden musste. Dass die Ermittler ihre eigenen Geschichten mitbringen, ist für mich ein Pluspunkt, das macht sie zu Menschen, mit denen man sich identifizieren kann. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich in den Folgebänden weiterentwickeln oder ob die Reihe nur lose zusammenhängt und bewusst so gestaltet wird, dass man die Fälle auch unabhängig voneinander lesen kann.

Wie nach den vorigen Büchern von Axel Petermann nicht anders zu erwarten war, wurde hier auf einer soliden Basis aufgebaut. Das ist auch ein Grund, weshalb ich dieses Buch eher in der Sparte Krimi als Thriller einordnen würde. Denn der Fokus liegt auf der Aufklärung des Verbrechens, die Ermittlungen stehen im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit Petra Mattfeldt ist hier der Fall des „Sandmanns“ aufgearbeitet worden, der den ersten Fall in der Reihe „Im Kopf des Bösen“ bildet. Auch wenn man aufgrund der Bekanntheit des Falls vielleicht schon weiß, wie alles zusammenhängt, wurde hier ein spannendes Puzzle erarbeitet, das man sich selber Stück für Stück zusammensetzen kann. Auch, wenn die Handlung nicht galoppiert, fand ich die Spannung trotzdem stetig steigend. Die unbehagliche Atmosphäre, die sich durch das ganze Buch zieht, tut ihr übriges.

Fazit: Ich hoffe sehr, dass es wie geplant eine Reihe geben wird und wir Sophie und Leonhard noch einmal treffen. Und natürlich freue ich mich auf einen weiteren spannenden True Crime Fall!

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Veröffentlicht am 29.07.2023

Psychologisches Katz-und-Maus-Spiel

Ich bringe dich zum Schweigen
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Phoebe und Charlie sind Halbschwestern. Doch das Verhältnis zwischen den beiden ist schwierig. Neid und Eifersucht stehen auf der Tagesordnung und jede versucht auf ihre eigene Art, um Anerkennung der ...

Phoebe und Charlie sind Halbschwestern. Doch das Verhältnis zwischen den beiden ist schwierig. Neid und Eifersucht stehen auf der Tagesordnung und jede versucht auf ihre eigene Art, um Anerkennung der Eltern zu buhlen. Nach dem Tod der Tante wartet ein beträchtliches Erbe auf die beiden. Doch es gibt Bedingungen, und diese zu erfüllen, fällt den Halbschwestern mehr als schwer. Statt zusammenzuhalten und sich auf ein Leben ohne Geldsorgen zu freuen, geht der Konkurrenzkampf weiter und endet in einem schlimmen Desaster…

Die Autorin entfaltet meisterhaft eine Geschichte über einen psychologischen und kriegerischen Konflikt zwischen zwei Stiefschwestern, die sich skrupellos rächen wollen für vergangene Verletzungen. Beide Charaktere sind herausragende Manipulatorinnen, die gekonnt theatralisch und dramaturgisch agieren. Die eine Stiefschwester hat seit ihrer Kindheit stets Leid erfahren und plant nun im Erwachsenenalter akribisch ihre Rache, um mit der Vergangenheit endlich abschließen zu können. Die andere hingegen beherrscht die Kunst der psychologischen Gewalt und ist geradezu bösartig darauf aus, die andere zu zerstören.

In dieser raffiniert erzählten Geschichte werden die Leser in ein emotionales Wechselspiel zwischen den beiden Protagonistinnen gezogen. Die Erzählperspektive wechselt zunächst zwischen den beiden Schwestern hin und her. Aber immer wieder kommen auch Nebencharaktere zu Wort, deren Verbindung man auf Anhieb nicht erkennen kann, die letztendlich aber für die Handlung enorm wichtig sind.

Der Schreibstil der Autorin ist direkt und sehr real. Die geschaffene Atmosphäre passt perfekt zur Handlung, wirkt bedrückend und fesselt den Leser an die Geschichte, die mit unvorhersehbaren Wendungen und Ereignissen kaum Zeit zum Durchatmen lässt.

Fazit: Ein gelungenes, psychologisches Katz-und-Maus-Spiel hält den Leser in Atem und lässt ihn diesen ausgereiften Psychothriller hautnah miterleben. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 26.07.2023

Potenzial nicht ausgeschöpft

Refugium
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Von Prologen kann man halten, was man möchte. Für die Einen ebnen sie den Weg des weiteren Verlaufs, für Andere sind sie eher sekundär. Ich würde sagen: Wenn mich ein Prolog catcht, ist das schon die halbe ...

Von Prologen kann man halten, was man möchte. Für die Einen ebnen sie den Weg des weiteren Verlaufs, für Andere sind sie eher sekundär. Ich würde sagen: Wenn mich ein Prolog catcht, ist das schon die halbe Miete. Der Auftakt in diesem Band ist stark. Er bietet Action, Nervenkitzel, versetzt den Leser direkt in eine angespannte Position. Nun liegt es am Autor oder der Autorin, die Spannung beizubehalten. Leider ist es in diesem Fall nicht gut gelungen.

Zwar hat Lindqvist ein Gespür für die richtigen Formulierungen, punktet mir Ausdruck und definitiv mit einer klug gewählten Figurenausarbeitung, jedoch ist letzteres auch der Knackpunkt. Der Autor hat den Fokus klar auf die Charaktere gelegt. Und zwar so sehr, dass alles andere fast schon nebensächlich wirkt. An einigen Stellen zog sich der Plot unnötig in die Länge, sodass man guter Dinge sein muss, um trotzdem weiterzulesen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass wir es eher mit klassischen Elementen eines Krimis zu tun haben, nicht mit denen eines Thrillers. Wer sich jetzt freut, weil er gern die Ermittlungen mitverfolgt und Hintergründe serviert bekommt, sollte sich lieber etwas bremsen. Denn auch diese Aspekte werden nur bröckchenweise thematisiert. Da mich insbesondere politische, wirtschaftliche und unternehmerische Handlungen in Büchern nicht sonderlich interessieren, war es so, dass ich öfter Zeilen übersprungen habe. Das ist natürlich Geschmackssache und könnte dem einen oder anderen Leser durchaus bedeutend besser gefallen als mir. Für mich las sich die Story dadurch zu nüchtern und trocken. Hier und da hätte man ruhig kürzen und das Ganze auflockern können.

Bei Fehlern bin ich zwar im Allgemeinen recht kleinlich, ich finde jedoch, dass sich der Nachname einer Figur während des Verlaufs nicht ändern darf. Sicher, kann passieren. Ist trotzdem ärgerlich, wenn aus Julia Malmros plötzlich Julia Ribbing wird. Apropos Ribbing: Der Nachname gehört eigentlich Kim. Kim Ribbing. Für mich der coolste Charakter seit Längerem. Er ist faszinierend, ihn umgibt eine düstere Aura, man kann ihn nur schwer einschätzen. Und das macht ihn unglaublich interessant. Er ist niemand, der in der Masse untergeht, sondern sich ins Gedächtnis brennt.

Im Großen und Ganzen hat mich Lindqvist mit REFUGIUM etwas enttäuscht, muss ich gestehen. Vor allem wegen des aufreibenden Prologs. Ob ich dem zweiten Teil der Trilogie eine Chance geben werde, weiß ich noch nicht. Ich würde schon gern wissen, wie es weitergeht, wie sich Julia und Kim weiterentwickeln. Und ein klitzekleines bisschen hege ich die Hoffnung, dass der erste Teil dazu dient, eine solide Basis aufzubauen, damit es danach ordentlich kracht. Mal sehen!

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Veröffentlicht am 26.07.2023

Ein Sommer kann viel verändern

Rattensommer
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Lou und Sonny. Sonny und Lou. Ein Herz und eine Seele. Gemeinsam gehen sie durch dick und dünnen, erleben die Hitze dieses Sommers und Ereignisse, die ihre friedvolle Zweisamkeit ziemlich zerrüttet. Und ...

Lou und Sonny. Sonny und Lou. Ein Herz und eine Seele. Gemeinsam gehen sie durch dick und dünnen, erleben die Hitze dieses Sommers und Ereignisse, die ihre friedvolle Zweisamkeit ziemlich zerrüttet. Und schwupps sind sie mittendrin in einem Chaos, das ihnen allerlei abverlangt. Es geht um Vertrauen und Mut, um Angst und Hoffnung. Vor allem darum, sich selbst zu schützen und die Grenzen zu kennen.

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Lou, die uns mitnimmt und ruhig in die Geschichte einführt. Schnell verstehen wir, dass dieser Sommer nicht so ist wie viele andere zuvor. Es ist unerträglich heiß. Und Dinge stehen im Raum. Dinge passieren. Dinge, die weder die Protagonistinnen noch uns loslassen.

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt: Sind Sonny und Lou wirklich Freundinnen? Was verbindet sie eigentlich (noch) miteinander? Obwohl beide gleichermaßen als Protagonistinnen fungieren, macht Lou für mich die wichtigere Entwicklung durch. Sie wird erwachsen, befreit sich aus einengenden Beziehungen, wird sich selber darüber im Klaren, dass sie in ihrem Leben bisher eher passiv beteiligt war. Sie war mir sympathisch, mit dem Herzen dabei. Sonny hingegen ist das genaue Gegenteil. Sie sieht Lou nicht als beste Freundin – oder besser gesagt, behandelt sie nicht so. Sonny ist nur auf ihren Vorteil aus, benutzt Lou und manipuliert sie nach Belieben. Das war nicht immer so, doch auch Sonny hat sich im Laufe der gemeinsamen Zeit verändert.

Juliane Pickels Roman kam gerade zur richtigen Zeit. Denn während sie von heißen Sommertagen schreibt, an denen man die Hitze vom Asphalt aufsteigen sieht, herrscht draußen ebendieses Wetter und macht die ohnehin bedrückende Atmosphäre noch beklemmender.

Die beiden Mädchen verbindet nicht nur Freundschaft, sondern auch der Tod. So haben beide ihr Päckchen zu tragen. Mit viel Feingefühl beschreibt die Autorin die Gefühlswelt der Teenager und schafft es, sie nahbar zu machen. Die Gefühle werden beim Lesen sehr gut transportiert und so hat es mich beim Lesen sehr betroffen gemacht, wie einseitig Liebe sein kann.

Ein toller Roman darüber, dass nichts für immer so ist, wie es war. Dass Menschen sich verändern. Ein Sommer kann das Leben eines Teenagers komplett umformen.

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Veröffentlicht am 18.07.2023

Die grenzenlose Liebe eines Vaters

Was verloren ist
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Dolly ist aus dem Häuschen, als ihr Dad mit ihr zu einer geheimen Abenteuerfahrt aufbricht. Glücklich darüber, endlich etwas Zeit mit ihm zu verbringen, vertraut Dolly ihm blind und würde niemals auf den ...

Dolly ist aus dem Häuschen, als ihr Dad mit ihr zu einer geheimen Abenteuerfahrt aufbricht. Glücklich darüber, endlich etwas Zeit mit ihm zu verbringen, vertraut Dolly ihm blind und würde niemals auf den Gedanken kommen, dass diese Reise alles andere als nur eine kurze Abenteuerreise ist. Einzig ihr Spielzeugpferd Clemesta erkennt die Situation und versucht Dolly darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Dad ein ganz anderes Ziel verfolgt. Doch als Dolly dies endlich begreift, ist es schon zu spät und das Schicksal hat bereits seinen Lauf genommen…

Die "Abenteuerreise" wird ausschließlich aus Sicht der kleinen Dolly erzählt. Hierbei wählt die Autorin einen recht kindlichen Schreibstil, der perfekt zu den Geschehnissen passt und den Leser diese Geschichte ganz besonders mitverfolgen lässt. Wir erleben eine Reise quer durch die Staaten Amerikas und tappen dabei lange Zeit im Dunkeln, weil wir zunächst nicht erfahren, weshalb Dolly und ihr Dad unterwegs sind. Als sich dann nach und nach das Puzzle zusammensetzt, überschlagen sich die Ereignisse und dem Leser bleibt einfach nur noch der Mund offen stehen.

Dolly ist ein unglaublich faszinierender Charakter. Für ihre erst sieben Jahre ist sie aufgeschlossen, klug, mutig und überaus wissbegierig. Sie liebt ihren Vater über alles, und ihre kindliche Naivität hindert sie daran, seine wahre Absicht zu erkennen. Die Gespräche mit ihrem Spielzeugpferd Clemesta haben mich sehr berührt. Clemesta scheint die Dinge realer zu sehen und versucht Dolly die Augen zu öffnen. Auch hier hat die Autorin Wert aufs Detail gelegt und ihr literarisches Können voll ausgelebt.

»Dolly«, sagte sie. »Machst du dir keine Sorgen? Wir sind sehr weit weg von zu Hause.« »Ja, aber wir sind doch bei Dad«, sagte ich. »Mit einem Dad oder einer Mom kann man überallhin gehen, weil es ihr Job ist, sich für immer um dich zu kümmern. So läuft das.«»Aber wenn wir so weit fahren, dass wir gar nicht mehr nach Hause kommen?« Ich rollte mit den Augen. »Clemesta!«, rief ich. »Du verdirbst uns den ganzen Spaß! Hör jetzt auf.« (Zitat S. 62)

Das Ende hat mich völlig aus der Bahn geworfen, so dass ich tatsächlich die eine oder andere Träne verdrückt habe. Mit so einem Ausgang hätte ich trotz der offensichtlichen Geschehnisse niemals gerechnet und wurde von meinen Gefühlen einfach nur überwältigt.

Fazit: Ein ergreifender und tiefgehender Roman über die grenzenlose Liebe eines Vaters, der mich sehr berührt und nachdenklich gestimmt hat. Michelle Sacks nimmt uns mit auf eine Reise, die trauriger und herzzerreißender nicht sein könnte und einfach jedem ans Herz geht.

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