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Veröffentlicht am 27.04.2019

Ein Findling auf Reise

Der blaue Stein
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Jimmy Liao - Der blaue Stein

Mitten im tiefen tiefen Wald liegt ein großer blauer Stein. Er wacht und schläft mit dem Gezwitscher der Vögel, genießt das wenige Sonnenlicht, das sich durch das grüne Laubdach ...

Jimmy Liao - Der blaue Stein

Mitten im tiefen tiefen Wald liegt ein großer blauer Stein. Er wacht und schläft mit dem Gezwitscher der Vögel, genießt das wenige Sonnenlicht, das sich durch das grüne Laubdach mogelt und lässt sich von den Jahreszeiten liebkosen. Sommer wie Winter, nie wäre er auf den Gedanken gekommen, dass es einen besseren Ort gäbe, um ein blauer Stein zu sein. Wer weiß schon wieviel Tage und Nächte, wer gibt den Stunden eine Zahl?
Eines unglückseligen Tages brennt das grüne Paradies lichterloh, zwischen Asche und Totholz liegt der Stein, umhüllt von einem rußigen Mantel.

Die Menschheit wird ihm gewahr und verschleppt ihn in weite Ferne. Wo er ist, weiß der traurige Findling nicht, nur, dass er wieder zurück muss. Der Stein zerbricht vor Sehnsucht nach seinem Zuhause. Er will keine Skulptur sein, kein Ding, kein Gebrauchsgegenstand, kein Spielball der Menschen.
Indem sich seine Masse stetig verringert, kommt er seinem Ziel, sich von Windesflügeln davon tragen zu lassen immer näher.


Die Geschichte ist traumschön und phantastisch in Szene gesetzt.
Bildgewaltig, melancholisch und kraftvoll. Ein kleines Buch mit großer Wirkung, Ausgabe,in sehr schöner und guter Qualität. Als aufmerksamer Betrachter liest man die Bilder wie eine Geschichte. Die Worte darunter, fast Makulatur. Man kann darin versinken und staunen, oder wieder staunen lernen. Was Kindern selbstverständlich ist, haben so viele, als Erwachsene verloren.
Der "Blaue Stein" ist ein mit viel Liebe erschaffenes Kunstwerk. Ich bin begeistert.

Jimmy Liaos Bilderbücher für Erwachsene öffnen ein Tor zum Staunen und Träumen.
Die Demut der kleinen Dinge für die blauen Stunden des Lebens.

Veröffentlicht am 27.04.2019

Farbenreise

Der Klang der Farben
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Jimmy Liao - Der Klang der Farben

Das Schicksal will es, dass eine lebenslustige 15jährige allmählich erblindet.
Ihres Augenlicht beraubt, aber nicht ihres Mutes, wächst ein stiller Wunsch heran.
Die ...

Jimmy Liao - Der Klang der Farben

Das Schicksal will es, dass eine lebenslustige 15jährige allmählich erblindet.
Ihres Augenlicht beraubt, aber nicht ihres Mutes, wächst ein stiller Wunsch heran.
Die Neugier auf eine Ersatzwelt - eine Welt in der Farben erklingen und Gerüche Erinnerungen trransportieren.
Gewohnt, allein zu sein, wagt sie das Experiment, sich dem Untergrundnetz anzuvertrauen. Treppen, Schächte, Schienen - die U-Bahn bestimmt wohin die Reise sie führt. Orientierungslos betritt sie eine Odyssee der 4 Sinne. Wohin der Weg geht,
sieht sie nicht mehr, sie muss ihn erstasten, ihn hören, riechen, schmecken.
Die Durst nach Farben ist groß.

Es ist die pfadlose Reise einer Erblindeten, ihre Sehnsucht wird dem Leser auf brachiale Weise deutlich, ein Farbenrausch, der ob des blinden Mädchens traurig stimmt. Das Buch bedient sich einer forschen Einsamkeit, es ist ein Kleinod, das große Empathie einfordert. Ein Geschenk an die Seele.

So einfach - so wunderbar, der Klassiker aus dem Jahre 2001.
Jimmy Liaos Werke sind zeitlose Träume und gebündelte Sehnsucht, seine bebilderte Melancholie begeistert mich jedesmal aufs Neue.

Veröffentlicht am 14.04.2019

Flucht ins Paradies

Der Wind nimmt uns mit
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Katharina Herzog - Der Wind nimmt uns mit

La Gomera, 1985
Die junge Karoline packt in Hast nicht viel mehr als die berühmten 7 Sachen, dabei ein Bündel voller Leben und eine gefälschte Urkunde. Die Flucht ...

Katharina Herzog - Der Wind nimmt uns mit

La Gomera, 1985
Die junge Karoline packt in Hast nicht viel mehr als die berühmten 7 Sachen, dabei ein Bündel voller Leben und eine gefälschte Urkunde. Die Flucht aus dem Paradies kann das Ende des Sturms nicht abwarten, die Überfahrt zum Festland ist mehr als abenteuerlich. Es ist ein Abschied auf lange Zeit.

32 Jahre später:
Das Bündel heißt Maya und erkundet die Erde, als Reisebloggerin ist die Welt ihr Zuhause. Ausgerechnet eine kleine kanarische Insel meidet die mutige junge Frau wie die Pest. Was steckt hinter diesem kuriosen Geheimnis. Wie könnte jemand La Gomera, die Insel der Blumenkinder nicht mögen?

Das neueste Projekt von "Maya will Meer" heißt "52 Orte in 52 Wochen". Die Sponsoren stehen Schlange für Deutschlands beliebtesten Reiseblog, denn diese Challenge will sich keiner entgehen lassen.
Die Fans und Follower lieben die lebenslustige Maya, doch hinter ihrem Laptop sitzt ein kleines soziales Desaster, Beziehungsprofi geht anders. Seit 6 Jahren läuft sie rund um den Erdball der Wahrheit davon. Mit einem Gepäck voller Lügen und traurigen Erinnerungen reist es sich leicht, denn ohne Wurzeln sagt man schnell Adieu.

Eigentlich wollte Maya ihre "Mutter" Karoline nie wiedersehn, doch als sie eine persönliche Suche in ihren Blog einbindet, weht das Schicksal sie nach La Gomera.
Das grüne Eiland empfängt sie mit offenen Armen, doch ob sie bleiben will, muss Maya selbst herausfinden. Ihr Widerwille schmilzt in der freundlichen Sonne der Insel-Community. La Gomera offenbart sich Maya als Muse für bildende Künstler und Freigeister, als Heilmittel für Getriebene und ein Ort der Meditation und Achtsamkeit.
Maya hat hegt keine Lust auf Chill-Out und macht sich lustig über Dreadlocks, Tarotkarten und Energiebällchen. Plötzlich tut sich da was, in ihrem Herzen, welches sie so lange vor Enttäuschung geschont und in Watte gepackt hat. Maya wagt zu hoffen und eine abenteuerliche Suche nach ihrer Vita zeigt ihr eine Skizze aufregender Dynamik. Holá, die insel hat Temperament!

Es geht um Versprechen, Freundschaft, Erinnerungen, Gefühlswelten, Lüge und Wahrheit, Mut und Feigheit und natürlich die Liebe. Spannend und flüssig mit Witz geschrieben. Bitte mehr davon!

Erwähnenswert ist das Layout: liebevolle Gestaltung, klarer Druck und feste Qualität.
Ein Roman, der die kleinen Sinne befeuert.
Ein Buch mit Karma.

"Es sind nicht in allen Muscheln Perlen, aber man muss sie alle durchsuchen."

Veröffentlicht am 29.03.2019

Tanz auf dem Vulkan

Tante Poldi und die Schwarze Madonna
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Mario Giordano - Tante Poldi und die schwarze Madonna

Eine geheimnisvolle Dame spricht mit Poldis Stimme, der Anruf beordert den Neffen nach Sizilien zurück. Es ist Poldis Stimme und doch ist sie es nicht, ...

Mario Giordano - Tante Poldi und die schwarze Madonna

Eine geheimnisvolle Dame spricht mit Poldis Stimme, der Anruf beordert den Neffen nach Sizilien zurück. Es ist Poldis Stimme und doch ist sie es nicht, jemand muss sie in Wort und Laut genau studiert haben. Es wird unheimlich.

Die Poldi steigt durch Radio Galatea als verrückte Detektivin nun endgültig zur lokalen Berühmtheit auf. Gemäß ihres Mottos "Dezenz ist Schwäche", zockelt sie im Leoparden-Outfit in einem pistaziengrünen 500er Fiat durch Torre Archerafi.

Die Tante wirkt verändert. Besorgt aber entrückt lauscht der Neffe, was das Oberreitsche Universum an Novitäten zu bieten hat.

Die Poldi erzählt:
Der Besuch kam spät, aber doppelt. Ein schnieker Commissario und ein nervöser Padre aus Rom haben ein seltsames Anliegen. Es geht um Exorzismus, den Tod einer Schwester und dem Verschwinden einer Reliquie, der schwarzen Madonna.
Nach anfänglicher Weigerung den Vatikan zu unterstützen, obsiegt die Neugier.
Minimal invasiv gekleidet, sprich im im Nonnenhabit, ermittelt die Poldi im Allerheiligsten und trifft auf den Obersten Hirten..
Die Poldi bekommt ihren eigenen Vatikan -Thriller, nichts für schwache Nerven.

Der neue Tante Poldi-Roman ist eine atemberaubende Expedition durch Abenteuer und Gefühlsgebirge. Spannende Verfolgungsjagden, Entführung, Blut, Mord, ein unseriöser Deal, flotte Commissarios und "Dings" halt..

Kaum zu glauben, aber an Spannung und Dramatik toppt Poldi.4 ihre Vorgängerromane noch. Denn von all dem versteht der Mario Giordano was.
Überhaupt die Kombi zwischen Spannung und Humor, Poldis Universal-Tiefsinn kontra sizilianischen Fatalismus, ist mega einzigartig.

Bravo, Mario! Namaste!

  • Cover
  • Schreibstil
  • Humor
  • Lesespaß
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2019

Geheimes Tagebuch

Die Fliedertochter
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Teresa Simon - Die Fliedertochter

Berlin/Wien, 2018
Antonia bekommt einen geheimnisvollen Brief aus Wien und bittet Paulina um den Gefallen, sie in dieser Erbangelegenheit zu vertreten. Paulina fährt ...

Teresa Simon - Die Fliedertochter

Berlin/Wien, 2018
Antonia bekommt einen geheimnisvollen Brief aus Wien und bittet Paulina um den Gefallen, sie in dieser Erbangelegenheit zu vertreten. Paulina fährt mit dem Zug in die österreichische Hauptstadt und tritt eine Reise in die Vergangenheit an. Das berühmteste Kind der Donau nimmt sie in seine nostalgischen Arme, die geschichtsträchtige Metropole zieht die junge Künstlerin in ihren Bann.
Freud, Klimt, Hundertwasser und Co sind allgegenwertig, die Historie hadert mit der Moderne, ein Widerspruch mit Kultur.
Die beste Kulisse, um eins mit dem Leben einer zeitlich Entfernten zu werden. Paulina sucht Spuren und findet Wurzeln in Antonias Erbe. Einem Tagebuch.

Berlin/Wien, 1936
Luzie Kühn liebt das Variete und fühlt sich auf der Bühne zuhause, tanzen und singen ist ihr Leben. Als Goebbels ihrer Talente gewahr wird, hat Luzie Angst, dass ihr Geheimnis um ihre jüdische Abstammung ans Licht kommt. Um den hinkenden Bock von Babelsberg zu entkommen, flieht sie nach Wien und findet Asyl bei Familie Brunner. Doch auch hier färbt sich der bunte Herbst in giftiges Sepia, die braune Suppe gärt und brodelt.

Luzies Traum wird wahr, sie bekommt ein Engagement am Theater an der Wien und betritt die Bretter einer Zarah Leander. Ihre Freude darüber lässt sie unvorsichtig werden, plötzlich gibt es neben Singen und Tanzen auch noch die Liebe, die einen großen Tribut zollt. Das Lichtmädchen Luzie gerät zwischen zwei Brüderherzen, doch den Schatten wirft der Krieg, der Millionen von Menschen verschlingt.

Dramatisch und spannend verbindet Teresa Simon eine Zeitspanne von 80 Jahren.
Vergangenheit und Gegenwart - was man daraus macht, formt die Zukunft.
Das Tagebuch der Luzie Kühn wirkt so authentisch, dass man beim Lesen den Atem anhält und die Zeit vergisst. Ein großartiges Leseerlebnis.

Teresa Simon steht für berührendes Schicksal, starke Heldinnen und unverfälschte Romantik. Die gute Recherche ist wie immer Ehrensache. Das war ganz großes Gefühls-Kino mit Taschentuch-Bonus! Eine unbedingte Empfehlung: Lesen und Teil einer anderen Zeit werden. Ich bin begeistert.

"Ideologien trennen uns, Träume und Ängste bringen uns einander näher."
Eugène Ionesco