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Veröffentlicht am 19.09.2020

2. Fall von Veronika Hart - spannend, rasant, heftig!

Goldene Bremm
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Bei "Goldene Bremm" von Greta R. Kuhn handelt es sich um den 2. Fall der jungen Ermittlerin und Hauptkommissarin Veronika Hart, die es nach Jahren in Frankfurt ins Saarland, genauer gesagt nach Saarbrücken, ...

Bei "Goldene Bremm" von Greta R. Kuhn handelt es sich um den 2. Fall der jungen Ermittlerin und Hauptkommissarin Veronika Hart, die es nach Jahren in Frankfurt ins Saarland, genauer gesagt nach Saarbrücken, verschlagen hat.

Hier muss sie nicht nur Prostituiertenmorde aufklären, sondern auch selbst um ihr Leben (und das ihres Umfeldes) fürchten: Jemand hat Rache geschworen und lässt keine Gelegenheit aus, Hart zu schaden, sie möglichst zu eliminieren: Doch wer aus ihrer beruflichen Vergangenheit hat es auf ihr Leben abgesehen?

Der Titel des Kriminalromans hat mich mächtig angezogen, da ich - selbst Saarländerin - an diesem Ort aufgewachsen bin. Die Handlung spielt (sehr authentisch dargestellt) auch in direktem Umfeld zum "alten" deutsch-französischen Grenzübergang; so werden in der Nähe des Drahtzugweihers Prostituierte aufgefunden, die bestialisch ermordet wurden: Wer ist zu solch entsetzlichen Taten fähig? Diesen und anderen Fragen muss sich Hart und ihr Team im Kommissariat widmen: Becker, der erfahrene ältere Kollege ringt mit sich, da er auf die Kommissarstelle ebenfalls erpicht war - und nun eine Frau als Vorgesetzte hat. So beschäftigt sich der Krimi (ausser mit Menschenhandel und Gewalt, Missbrauch) auch mit der Frage, dass es Frauen in Führungspositionen noch immer eher schwer haben, was mir durchaus gefiel.

Ein großer Pluspunkt ist der Schreibstil der Autorin: Er ist fesselnd, dramatisch und rasant zu beschreiben, so dass es eher schwerfällt, den Krimi beiseitezulegen. Allerdings bin ich eher die Leserin von Kriminalromanen (und Psychothrillern) der ruhigeren, psychologischen Art: Die Darstellung der überschäumenden Wut und Aggression, die sich hier in Morden entlädt, ist nicht so meins - und könnte in evtl. Folgebänden als Motiv des Täters mehr ergründet werden. Auch die Hintergründe der Person, die Racheakte perfidester Art auf Hart und ihr Umfeld begeht, haben sich mir nicht ganz erschließen können, ich hatte jedoch das Gefühl, dass es zweckmäßig gewesen wäre, "Saarperlen" - der Vorgängerband - zuerst zu lesen (was ich normalerweise auch tue).

"Goldene Bremm" ist ein hochspannend geschriebener, fesselnder Kriminalroman, der so einige Thrillerelemente in sich trägt. In der Landeshauptstadt verortet, deren Handlungsorte authentisch sind (bis auf einen fauxpas, die Örtlichkeit betreffend), in der ich selbst lebe, war dies natürlich ein besonderer Krimi für mich, jedoch hatte ich inhaltlich etwas andere Vorstellungen. Dennoch fand ich ihn aufgrund des wahrlich hochspannenden und teils im Stakkato-Stil geschriebenen Schreibstils der Autorin - und der Handlungsverläufe - dennoch lesenswert. Empfehlen kann ich ihn jedem, der heftige, rasante Thriller mag und vergebe 3,5*

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.09.2020

Wo ist wahres Glück zu finden?

Es war einmal ein blauer Planet
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Ohne die Reisen von "Hector" zu kennen, hat mir diese Reise überaus gut gefallen, da sie durchaus "Wege" zum persönlichen Glück aufzeichnet, aber sich andererseits auch sehr kritisch mit dem momentanen ...

Ohne die Reisen von "Hector" zu kennen, hat mir diese Reise überaus gut gefallen, da sie durchaus "Wege" zum persönlichen Glück aufzeichnet, aber sich andererseits auch sehr kritisch mit dem momentanen Zustand unseres "Blauen Planeten" auseinandersetzt; ja geradezu dazu auffordert, die Natur und auch die Ressourcen zu schützen und anders damit umzugehen, als im Roman bereits erfolgt....
Ein absoluter Eyecatcher ist das Cover, das sich in blauem Buchschnitt fortsetzt und sehr hochwertig gearbeitet wurde: Dafür ein chapeau an den Pinguin-Verlag!

Marskolonie, irgendwann in der Zukunft:

Nach dem es der Menschheit "gelungen" ist, den Blauen Planeten durch Streitigkeiten um die Ressourcen, Kriege und nukleare Zerstörung unbewohnbar zu machen, ist eine kleine Marskolonie, deren "Oberhaupt" Athena (KI) ist und die Geschicke der Menschen (ausser dem Liebesleben) durch diese gelenkt werden, entstanden. Nachdem einige "Zomos" (Berufssoldaten) in einer Expedition auf die Erde verschwanden, wird Robin Normandie ausgewählt, um zum einen den Verbleib der Zomos zu untersuchen - und zudem auszukundschaften, ob ein Leben auf der Erde wieder möglich ist. Robin hat Humor, kann Frauen zum Lachen bringen, liebt Yu, eine (genetisch verbesserte) Programmiererin, deren persönlichen "Einschübe" im Roman auch sehr interessant zu lesen sind, liest gerne Romane alter Autoren (also jenen vor der Apokalypse), Lesetipps bekam er vom Vater, einem Geologen, der ihm auch die Liebe zum Schachspielen vererbte... (Hobbys dürfen die Menschen haben in der Kolonie; zudem sollen sie soziale Kontakte ausbauen

Er ist ein "Neutrum", diese werden eigentlich bald überfällig in der Kolonie; jedoch verspricht man sich dadurch, dass Robin sowohl sehr sprachbegabt ist als auch ein diplomatisches Verhalten an den Tag legt, eine erfolgreiche Mission: Dass die Kolonie allerdings andere Pläne mit ihm hat als Robin selbst, entdeckt der Leser erst am Romanende....

Polynesien, diverse Inseln:

Robin landet auf einer Insel und fühlt sich sehr glücklich: Mit allen Sinnen kann er nun das Meer, die Sonne und den Wind genießen, die er nur durch Dokumentationen kannte. Er lernt zwei Inselbewohner kennen, die zu Freunden werden: Tayo und Antina, die als Einzige anders leben als der Rest der Inselbewohner, die an der Küste leben und auch ohne Arbeit Robin sehr glücklich erscheinen. Später entdeckt er "Tahus Pforte", in die alle eintreten, die doch nicht glücklich sind und den Freitod wählen: Das Ende der Vorstellung des Paradieses auf Erden für Robin...
Da er den Auftrag hat, die Zomos zu finden, steuert er mit den beiden Freunden, einem Paar, eine andere Insel an: Hier lebt ein eher kriegerisches Volk; anders als auf "Eros", von der Tayo und Antina stammen. Robin tauft die Insel "Ares" und entdeckt einen intelligenten Inselhäuptling, dem er nichts vormachen kann. Er erzählt also freimütig, er komme von den Sternen und durch seine Diplomatie gelingt es ihm, dass die drei Freunde als Gäste aufgenommen werden, die allerdings nicht aus den Augen gelassen werden. Bei einem Rundgang lernt er Titan kennen, einem Krieger, der über das Erbringen von Leistung (das auf dieser Insel einzig zum wahren Glück führen soll) zweifelt. Robin findet seine "Landsleute" in einer schmählichen Situation wieder und merkt, wie wichtig es ihm ist, diese zur Kolonie zurückzubringen - einschließlich Leutnant Zuma, eine Frau, die ebenfalls ein Auge auf Yu geworfen hatte...
Auf dieser Insel gibt es "Überflüssige", die in der Nähe eines Vulkans leben und die dennoch mehr Verstand haben als die anderen Inselbewohner. Robin ersinnt eine List, wie er die anderen retten kann - und er, der mit wenig Selbstvertrauen auf die Erde zurückkam, spürt, dass er durch die Erfahrungen, die er hier machte, sehr gewachsen ist: Seine Persönlichkeit ist nun viel selbstbewusster und die Kraft der Liebe zu Yu, die er unbedingt wiedersehen will und die seither herauszufinden versucht, weshalb Athena ausgerechnet ihn auf diese Mission schickte, tut ein Übriges: So wandelt sich das "brave" Neutrum zu einem wahren Rebellen, dem es gelingen soll, die Pläne der Athena zu durchkreuzen...

Der Schreibstil von Francois Lelord ist sehr atmosphärisch, teils humorig und dennoch regt der Roman sehr zum Nachdenken an: Es gibt durchaus Parallelen zum Zustand der Erde anno 2020 und besonders die These, dass Glück auch auf Verzicht von allem Unnötigem möglich ist, hat mir sehr gut gefallen; besonders in der heutigen Zeit.

Psychologisch interessant, gar philosophisch am Ende, als Yu auf Robin's Notizen zum "Glück" antwortet, hat dieser Roman ein dramatisches Ende, das dennoch von Glück beschieden ist: Letzten Ende ist die Liebe durchaus dazu in der Lage, den Menschen zu retten. Der Wirkungskreis von "Athena" wird zukünftig eingeschränkt und Robin wird als Leiter einer neuen Expedition zum "Blauen Planeten" der erwählte "Leader" sein: Er will eine Welt ohne Ausgegrenzte, Neutren oder Überflüssige schaffen, in der jeder Mensch glücklich werden kann. Eine schwere Aufgabe liegt vor ihm und mein Wunsch begleitet Robin, dies auch zu schaffen: Es wäre wahrhaft "paradiesisch".
Ein absoluter Lesetipp für fantasievolle und auch kritische LeserInnen und 5* von mir.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 30.08.2020

Fesselnd, packend, dramatisch: Eine "deutsch-deutsche Geschichte"!

Kinder ihrer Zeit
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Vorausschicken möchte ich, dass Claire Winter seit vielen Jahren zu einer meiner (deutschen) LieblingsautorInnen gehört. Daher habe ich mich sehr auf "Kinder ihrer Zeit", ihren neuesten (historischen) ...

Vorausschicken möchte ich, dass Claire Winter seit vielen Jahren zu einer meiner (deutschen) LieblingsautorInnen gehört. Daher habe ich mich sehr auf "Kinder ihrer Zeit", ihren neuesten (historischen) Roman, gefreut: Ich sollte für die Wartezeit belohnt werden und dieser Roman steht den Vorgängern in nichts nach; er ist eher noch spannender und fesselnder, trägt im letzten Romandrittel gar Züge eines sehr guten Agententhrillers - so dass man sich als LeserIn dem Geschehen kaum entziehen kann....

Der Roman ist (auf starken und spannenden 565 Seiten) im Diana-Verlag (HC, 2020) erschienen und in drei Teile gegliedert:

Die Handlung beginnt mit der Flucht von Rosa, die ihre Zwillingstöchter Emma und Alice (11) auf der Flucht im letzten Kriegsjahr (1945) in den sicheren Westen bringen will. Da die Rote Armee schneller ist als viele Menschen aus Ostpreußen, die bis zuletzt ihre Heimat nicht verlassen durften, ist dieser Teil des Romans für mich sehr ergreifend dargestellt: Rosa muss einen Zwilling, der erkrankt ist (Alice) zurücklassen, um den anderen (Emma) zu retten. Die beiden Mädchen werden durch die Kriegswirren getrennt und denken beide viele Jahre, dass die Zwillingsschwester vermutlich nicht mehr am Leben ist - bis sie sich nach Jahren im Berlin des Kalten Krieges (1960/61) wiederbegegnen sollten.... Äußerlich sehen sich Emma und Alice sehr ähnlich; jedoch wuchsen sie in sehr verschiedenen Gesellschaftssystemen auf, der heutigen BRD und der DDR, die vollkommen in der Hand (und der Überwachung) des "großen Bruderlands" UdSSR, heute Russland, stand. Die Bühne, die wir als Leser betreten, ist die heiße Zeit in Berlin vor dem Mauerbau, die die Stadt für viele Jahre in zwei Teile spalten sollte....

Im Romanverlauf lernen wir immer besser die Charaktere der Hauptprotagonisten kennen; die authentisch und sehr empathisch beschrieben werden: So ist es zum einen herzzerreißend, wie sich die beiden jungen Frauen wiedertreffen - und feststellen, wie unterschiedlich sie geprägt sind. Während Alice lange Zeit an die beste Staatsform des Sozialismus glaubt und linientreu später andere Menschen bespitzelt, sie ausspionieren muss; wächst Emma zu einer offenen, sympathischen und zu den Werten der Freiheit stehenden jungen Frau heran, deren große Sympathie den Sprachen gilt, weshalb sie diese Vorliebe zu ihrem Beruf macht und Dolmetscherin wird. Alice ist "Fachkraft im Schreibdienst", was einer Sekretärin im Westen zu dieser Zeit entsprochen hat. Ihre Art ist eher zurückhaltend und verschlossen, da sie früh in ihrem Leben alleine zurechtkommen musste - und durch eine harte Schule früherer DDR-Heime ging. Einzig Sergej, der sie damals auf der Flucht aus dem brennenden Haus rettete, obgleich sie Deutsche war und sich immer um sie kümmerte, vertraut Alice.
Doch welchen Preis muss Sergej zahlen, damit sein Vorgesetzter beim KGB, Markov, ihn nicht belangt?

Es ist die Zeit, in der es in Berlin vor Spionen nur so wimmelte - und sowohl der KGB als auch der BND gerne Menschen anwarben, die sie "umdrehen" konnten, um z.B. wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu bekommen.

Zwei weitere Hauptprotagonisten, deren Geschicke mir ebenfalls sehr nahe gingen, waren Max, der beste Freund von Emma - und Julius, ein junger aufstrebender Wissenschaftler, der im Osten Deutschlands forschte und Zeuge einer Entführung wurde, die seinen besten Freund, ebenfalls Wissenschaftler, betraf: Wie wird sich Julius entscheiden, wird er es vorziehen, sich in den Westen abzusetzen - oder ist sein Gesinnungswandel, parteigemäßes und linientreues Verhalten, echt?

Diesen und vielen anderen Fragen mehr, die sich im Roman stellen, geht der Leser mit großer Spannung nach: "Kinder ihrer Zeit" ist ein Stück Zeitgeschichte - die auch die endgültige Trennung der Stadt Berlin in Ost- und Westberlin beinhaltet: Im Showdown müssen sich unsere RomanheldInnen entscheiden und nicht alle kommen mit dem Leben davon. Die Autorin setzt Alice und Emma (wobei ich den Fakt, dass es sich um Zwillinge handelt, genial fand), Max und Julius, aber auch Sergej und Markov stellvertretend für viele Menschen in einer sehr berührenden, fesselnden Weise dar, die durchaus damals "Kinder ihrer Zeit" waren und teils großen Gefahren ausgesetzt waren, manche zum Spielball der Politik wurden. Tragisch empfand ich das Romanende, aber auch sehr stimmig.

Claire Winter gelingt es wieder einmal, den geneigten Leser in eine Zeit der jüngeren deutschen Geschichte zu entführen und manches "spürbar" zu machen, was damals in Berlin Realität war. Die gewohnt sehr gute und akribische Recherche zu dieser Zeit Ende der 50er/Anfang der 1960er Jahre sind ein weiteres großes Plus der Autorin, die meinen Horizont und meine Sichtweise auf diese Ereignisse erweitern und verbessern konnte.

Ich hatte die Freude, in einer Leserunde gemeinsam mit Claire Winter ihren neuen Roman zu lesen und danke ihr für die sehr spannende, aufschlussreiche und fesselnde Lektüre und die prickelnde Atmosphäre, die stets in ihren Romanen herrscht: Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Roman von ihr und spreche eine absolute Leseempfehlung aus!

  • Cover
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Veröffentlicht am 30.08.2020

Das Leben ist ein wilder Garten

Das Leben ist ein wilder Garten
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"Das Leben ist ein wilder Garten" von Roland Buti erschien im Zsolnay-Verlag (HC, 2020) und stellt für mich die erste Begegnung mit dem Schweizer Autor (1964 in Lusanne) dar. Ich musste mich etwas in diesen ...

"Das Leben ist ein wilder Garten" von Roland Buti erschien im Zsolnay-Verlag (HC, 2020) und stellt für mich die erste Begegnung mit dem Schweizer Autor (1964 in Lusanne) dar. Ich musste mich etwas in diesen Roman "hineinarbeiten, hineinlesen", aber letztendlich lohnte es sich, dies zu tun.

Carlo Weiss, Landschaftsgärtner, Mitte 40, erledigt gerade einen Auftrag, als er auf dem Heimweg einen Anruf erhält: Seine Mutter, die "etwas speziell" sei, wie er Agon, seinem Assistenten und Freund erklärt, sei aus dem Seniorenheim verschwunden....
Im Zimmer seiner Mutter, das sie mit Madame Jaquet teilt, findet er eine alte Fotografie: Sie zeigt Pia, seine Mutter, als ca. 17jähriges Mädchen, wie sie für den Großvater Gebäck und Brot an die großen Hotels der Umgebung in den Schweizer Bergen ausliefert: Weiss hat dieses Foto noch nie zuvor gesehen und gesteht sich ein, dass seine Mutter ein Leben vor ihm hatte - und auch eines danach. Genau genommen verbrachten Mutter und Sohn nur 12 Jahre miteinander...

Ana, seine geschieden oder getrennt lebende frühere Ehefrau, mit der er eine gemeinsame Tochter hat, die in London Kunst studiert, wird im Roman oft von Weiss beschrieben, was oftmals auf reinen Äußerlichkeiten beruht, aber dennoch eine große Sehnsucht nach ihr ausdrückt. Später im Roman ahnt Ana, dass es kein Zufall sein kann, dass auf dem Foto das Hotel "Grand National", das einzige, das aus der Reihe der großen Luxushotels noch existiert, zu sehen ist: Weiss findet den Aufenthaltsort Pia's in diesem Hotel heraus und kann sie nicht umstimmen, ins Seniorenheim zurückzukehren: In Rückblicken erfährt der Leser, dass Pia als Kind in der Bäckerei aufwuchs und gerne Vögel aquarellierte; zu Zeiten des 2. Weltkrieges ein deutscher Graf im Hotel weilte, mit dem sie die Leidenschaft der Ornothologie teilte und sich als junges Mädchen in ihn verliebte. Auch Favre, ein alter Lehrer, der der Mutter noch immer sehr zugetan ist, wie er Weiss verrät, sieht Pia wieder...

Agon, der eigentlich aus dem Kosovo stammt und sein Land verlassen musste, als dieses in Schutt und Asche fiel, Assistent und Freund von Weiss, ist ein breitschultriger, eher grob wirkender Mann, der jedoch ungemein sanft und einfühlsam sein kann: So schließt er Freundschaft mit Mdme. Jaquet und bietet auch ihr seine spezielle Süßigkeit an; die berühmten "Geleekugeln", die noch eine sehr entspannende Substanz enthalten. Als Agon in seiner Gartenlaube bedroht und krankenhausreif geschlagen wird, ist es hingegen Weiss, der ihn umsorgt und ihm Bücher und die Notration der "Kugeln" bringt...

Der Grundton dieses Romans umgibt ein Hauch von Melancholie; aber auch auf der anderen Seite eine Lebensfreude, die besonders von Agon ausgeht: Als die Gartenlaubenkolonie einem Fußballstadion weichen soll und die Lauben "umgesiedelt" werden, hat er den Kopf voller neuer Ideen für sein 'virtuelles Gärtchen' und widmet sich mit ganzem Herzen der neuen Aufgabe, denn

"er besaß die Gabe, nur sich selbst unterworfen zu sein" (Zitat S. 167) und es wird gar philosophisch, wenn Agon zurecht meint

"Man muss die Tür hinter sich zumachen können" (S. 168) oder "man darf nicht zulassen, dass sich die Dinge ansammeln und zu Paketen werden, die einen verbeulen und beschweren"(......) (ebd., S. 168)

Während die Mutter, Pia, für mich im Schatten blieb und Mutter und Sohn sich schon länger voneinander entfernt hatten, wie mir schien "Ständig liegt ein Schleier über den Dingen. Ein undurchdringlicher Schleier" (S. 126), ist dieser Satz von Pia jedoch auch ein guter sprachlicher Ausdruck für Demenz, finde ich.

Man muss sich - vielleicht ein wenig wie ein Maulwurf, der nach den besten Plätzen im Garten gräbt - in diesen Roman "hineinwühlen"; jedoch das letzte Romandrittel lichtet die Nebel, die über den Dingen liegen und entschädigen für die Verschleierung.

Die Themen sind vielfältig; es geht um Beziehungen in Familien, das Alter, Demenz, Verlassen werden, Verlust von Nähe, Einsamkeit und auch um vorsichtige Annäherung und - um Freundschaft.

Ich sympathisierte bereits zu Anfang mit Agon, der für mich einen sehr positiven, starken und dennoch sehr empathischen und feinfühligen Charakter darstellt, der Weiss in schwierigen Zeiten ein wahrer Freund ist. Auch die atmosphärische und authentische Erzählweise des Autors mochte ich. Traurig ist die Tatsache, dass auch eine Entfremdung in Familien spürbar ist, etwa, wenn der Sohn erst spät erkennt, dass die Mutter bereits ein Leben vor seiner Geburt hatte. Hierüber scheint es keine - und wenn eine fehlende - Kommunikation innerhalb der Familie gegeben zu haben. Schade, denn Pia Weiss hatte ein durchaus interessantes Leben! Ein leiser Roman, der vielleicht darauf aufmerksam machen möchte, einander zuzuhören - und auch zu erzählen und gleichzeitig auch eine Hommage an Gärten, die Menschen gut tun.

3,5

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Veröffentlicht am 15.08.2020

Das Regenorchester

Das Regenorchester
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Der Schweizer Autor Hansjörg Schertenleib hat mich auch in seinem zweiten Roman, den ich bisher gelesen habe, durch seine Erzählkunst überzeugen können: Nach "Der Glückliche" war es nun "Das Regenorchester"....

Auch ...

Der Schweizer Autor Hansjörg Schertenleib hat mich auch in seinem zweiten Roman, den ich bisher gelesen habe, durch seine Erzählkunst überzeugen können: Nach "Der Glückliche" war es nun "Das Regenorchester"....

Auch im Roman wandert ein Schweizer Schriftsteller mit seiner Frau und dem Papagei Vian nach Irland aus; sie verbringen einige glückliche Jahre miteinander in ihrem Haus - bis es zu Auseinandersetzungen und zur endgültigen Trennung kommt. Während Vian nur in Schwitzerdütsch "Bern isch schö" kräht, geht es unserem Protagonisten alles andere als gut. Er schließt sich einer Gruppe verlassener Männer an, die von einem Coach ein "Wieder-Stabilisierungsseminar" oder wie immer man dies nennen möchte, in einer Wald- , Feld- und Wiesenaktion "draußen" ihren Schmerzen des Verlassenworden seins, ihrer Gefühlswelt (gegen cash, versteht sich) nun freien Lauf lassen.
Diesen Abschnitt des Romans habe ich sehr genossen, da er sehr reale Männergefühle widerspiegelt und in komischer Weise zum Ausdruck bringt (z.B. stellt jemand von den 9 Männern fest, dass er gar nicht wütend ist, sondern nur traurig: Dennoch verlangt der Coach von allen, dass sie mit dem Prügel, den sich jeder suchen musste und der "genau in die Hand passt" mit Vehemenz auf die Lichtung im Walde einprügeln....

Als "Sean", der eingewanderte Schweizer, in Donegal eine Frau kennenlernt, merkt diese sofort, welchen Schmerz er mit sich trägt: Sie ist sehr krank und will ihm - der ja Autor ist - gerne ihre Geschichte erzählen. So kommt es, dass sich Niamh und "Sean", wie sie ihn nennt, mit einem Diktiergerät treffen und wir in das Leben von Niamh, das sie fortan in Sequenzen erzählt, eintauchen, daran teilhaben:

Die Geschichte Niamhs, in einer einfachen, armen Familie mit 8 Kindern aufgewachsen, erinnert an das Irland der 50er und 60er Jahre: Durch die hohe Arbeitslosigkeit mussten viele Iren und Irinnen nach England auswandern, um Geld zu verdienen. So auch einige Geschwister Niamhs und sie selbst auch eines Tages. Höhepunkte ihrer Kindheit und Jugend waren die Besuche von Familie Friedrich aus Köln, die jeden Sommer im Nachbarcottage verbringen, Niamh später Frau Friedrich hilft und sich sehr eng mit deren Tochter, Nella, anfreundet. Diese Freundschaft soll später dazu führen, dass Niamh viele Jahre in Köln lebt, bevor sie - viel älter geworden - nach Irland zurückkehrt.

Der Roman ist geprägt vom Leben Sean's, der versucht, sich aus seinem Schmerz zu befreien und wieder "von vorne anzufangen" und der Lebensgeschichte von Niamh, von der ich an dieser Stelle nicht mehr verraten möchte: Ein beeindruckender Roman über Liebe, Trennung, Schmerz und Verlassenwerden sowie Krankheit und Tod: Aber auch von Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Empathie sowie vom Loslassen und vom Neubeginn. Der Erzählstil des Autors gefällt mir sehr; er ist schnörkellos, atmosphärisch und lässt genügend Raum für eigene Gedanken und Gefühle. Besonders gerne habe ich am Leben von Niamh teilgenommen, die hier exemplarisch für viele Irinnen ihrer Generation (*1940) stehen könnte. Der Autor lebte selbst zwischen 1996 und 2016 im County Donegal/Irland.

Ich empfand "Das Regenorchester" als sehr lesenswert und empfehle "es" gerne weiter!

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