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Veröffentlicht am 26.06.2020

Eine wundervoll und spannend erzählte Reise in den historischen Orient!

Das Buch des Smaragds
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Ein wunderbar und fesselnd geschriebenes Werk, das einen sprichwörtlich in den Orient entführt - um das Jahr 979 n Chr.... Während der gesamten Buchlänge von 450 Seiten wird die Spannung gehalten, den ...

Ein wunderbar und fesselnd geschriebenes Werk, das einen sprichwörtlich in den Orient entführt - um das Jahr 979 n Chr.... Während der gesamten Buchlänge von 450 Seiten wird die Spannung gehalten, den Titel betreffend und was es nun mit dem "Buch des Smaragds" auf sich hat: Erst zum Ende kommt die Klärung; in der Biographie der (stellvertretend für so viele Frauen, die in dieser Zeit aus Nordeuropa in den Orient versklavt wurden und sicher oft ihrem Schicksalsweg nicht wie die mutige, kämpferische und furchtlose Protagonistin entkommen konnten, sehe ich auch eine brillante Darstellung der emanzipatorischen Entwicklung einer jungen Frau, die ebenso wie der Autor des Buchs, dessen Titel diesem Werk seinen Namen gibt, mit einem brillanten Verstand gesegnet ist. Ein meisterhaftes und wirklich wunderbar erzähltes Werk, das viel Platz zum Nachdenken über die philosophischen Betrachtungen des alten Orient lassen. Ich hoffe, es ist nicht das letzte Werk der (ebenfalls unglaublich gebildeten) Autorin! Hut ab und von mir 95 Punkte!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.06.2020

Die verlorene Frau

Die verlorene Frau
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1960, Seaview Cottage, Sussex, England:

Rebecca Waterhouse wächst auf Seaview Cottage bei ihrer Mutter Harriet auf. Der Vater, der an Kriegstraumata leidet und ein gewalttätiger Trinker ist, prügelt seine ...

1960, Seaview Cottage, Sussex, England:

Rebecca Waterhouse wächst auf Seaview Cottage bei ihrer Mutter Harriet auf. Der Vater, der an Kriegstraumata leidet und ein gewalttätiger Trinker ist, prügelt seine Frau nach seiner Heimkehr (er verbrachte einige Jahre in der Psychiatrie) jeden Abend. Rebecca flüchtet dann regelmäßig zu Harvey, einem Nachbarjungen und Freund, in dem Wissen, dass sie ihrer Mutter nicht helfen kann. Als Harriet eines Nachts von Rebecca blutend und mit schwersten Verletzungen im Vorzimmer liegt, findet man die Leiche des Vaters in der Nähe; er hat sich mit seiner Pistole selbst gerichtet...

2014, Chichester:

Jessica, eine der zwei Töchter von Rebecca, schwanger und durchleidet eine schlimme Schwangerschaft: Sie glaubt, dass man ihr Baby stehlen, ihr fortnehmen wird und flieht mit der neugeborenen Elisabeth aus dem St. Dunston's Hospital.
Iris, die Schwester von Jessie, wird von Rebecca gebeten, Jessica und das Baby zu finden und Rebecca muss sich erstmals seit Jahrzehnten der Frage stellen und ihren Töchtern erzählen, was sich in der schicksalhaften Nacht auf Seaview Cottage ereignet hat, denn das Auffinden von Jessica ist eng mit dieser Frage verwoben.....

Meine Meinung:

Emily Gunnis gelingt es auf einzigartige Weise auch in diesem Roman (der erste hat mich so sehr begeistert, dass ich sehr gespannt auf "Die verlorene Frau" wartete), den Leser durch unterhaltsame und tiefgründige Spannung zu fesseln. Nach und nach lernt man die vielschichtigen Charaktere der Hauptpersonen dieses Romans, der tragische Ereignisse in der Nachkriegszeit Englands um ein Familiengeheimnis schildert, kennen: Da ist Harriet, die Mutter von Rebecca, die auf taube Ohren stößt, als sie sich Hilfe vor ihrem gewalttätigen Ehemann holen will und Rebecca selbst, die das Ereignis 1960 auf Seaview Cottage ihr ganzes Leben, das sie als Ärztin führt, um anderen Menschen zu helfen, begleitet und unausgesprochen ist, bis Jessica, ihre Tochter, die von Liz, deren Stiefmutter, systematisch von Rebecca getrennt wurde, schwanger ist und mit ihrer kleinen Tochter aus der Klinik flieht: Die postpartalen Depressionen scheinen in der Familie zu liegen und wiederholen sich auf schmerzhafte Weise.

Iris, die Schwester Jessicas, macht sich auf die schwierige Suche nach Jessie und dem Baby (sie selbst glaubt, keine Kinder haben zu können und ist frisch geschieden), wohl wissend, dass "die Zeit läuft", sollte die kleine Elisabeth, die Medikamente benötigt, am Leben bleiben können....

Die Suche nach dem Baby, aber auch Rückblicke in die Vergangenheit und das unglückliche Leben Harriets, einer sehr sympathischen Figur, die wie viele andere Frauen damals keine Möglichkeiten hatte, sich von einem gewalttätigen Ehemann zu trennen, sind die Kernzentren dieses unter die Haut gehenden Romans. Harvey, der Vater von Jessica, geht dabei stets den "Weg des geringsten Widerstandes" und erkennt dies am Ende des Romans, dennoch ist auch er ein Sympathieträger.

Die Themen dieses emotionalen, aufwühlenden, tragischen und zuweilen schmerzhaft-schockierenden, aber auch sehr berührenden Romans sind jedoch vielschichtiger Natur: Er beschäftigt sich mit den Traumata des 2. Weltkrieges, die teils gewalttätige, jedoch oft psychisch gestörte Männer in ihre Familien zurückbrachte, die damals keinerlei Therapie oder Hilfe bekamen (im Gegensatz zu heute); mit ungewollter Kinderlosigkeit und postpartaler Depression, häuslicher Gewalt, Vergewaltigung, aber auch Liebe und Vertrauen in der Familie. Dramatik kommt durch die Geschichte Harriets ins Spiel, die für mich eine der stärksten Charaktere des Romans und die eigentlich "verlorene Frau" ist: Sie opfert sich in gewisser Weise, um Rebecca zu retten.

Fazit:

Trotz aller Tragik, Familiengeheimnissen und der Verschleierung von Wahrheiten, die familiäre Dramen wie diese am Leben halten - sie sich manchmal sogar wiederholen lassen, steht dieser Roman für mich für Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit in der Familie. Auch dafür, sich nicht an eine unglückliche Vergangenheit zu klammern, sondern loslassen zu können, frei zu sein - zu leben! Zugleich ist es für mich ein literarisches "Denkmal" für all die Frauen (hier personifiziert durch Harriet Waterhouse), die Gewalt von kriegstraumatisierten Männern nach dem 2. Weltkrieg (und auch davor) erleben mussten - und ihr nicht entkommen konnten. Ein starker Roman mit authentischen, sympathischen Figuren (besonders Harriet, Rebecca und Iris), den ich gerne weiterempfehle und selbst gelesen habe! 4*

  • Cover
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Veröffentlicht am 14.06.2020

Wenn alte Geheimnisse lange Schatten werfen

Die brennenden Kammern
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Carcassone, 1526:
Die neunzehnjährige Minou Joubert, Tochter eines katholischen Buchhändlers, erhält eines Tages einen versiegelten Brief mit nur fünf Worten: "Sie weiß, dass Ihr lebt." Doch noch bevor ...

Carcassone, 1526:
Die neunzehnjährige Minou Joubert, Tochter eines katholischen Buchhändlers, erhält eines Tages einen versiegelten Brief mit nur fünf Worten: "Sie weiß, dass Ihr lebt." Doch noch bevor sie herausfinden kann, was hinter der mysteriösen Botschaft steckt, wird die Begegnung mit dem Protestanten Piet Reydon ihr Leben für immer verändern. Denn der junge Hugenotte hat eine gefährliche Mission. Als er zu Unrecht des Mordes beschuldigt wird, verhilft ihm Minou zur Flucht aus der Stadt. Erst in einem einsamen Bergdorf kommen sie dem Rätsel um den geheimnisvollen Brief auf die Spur. (Quelle: Buchrückentext)

"Die brennenden Kammern" von Kate Mosse ist ein farbenprächtiger, spannender und oftmals abenteuerlicher Auftakt um das Schicksal der Hugenotten, die besonders im Frankreich des 16. Jhd. eine unsägliche Verfolgung durch die katholische Kirche erleben mussten, der sich die Autorin hier widmet.

Der Roman gliedert sich in 3 Teile und ist in stetigem Wechsel in Carcassonne, Wassy (Nordost-Frankreich), Toulouse und Puivert (ein kleines Bergdorf, in dem die Familie Joubert einst lebte und wo Minou geboren wurde). In unruhigen Zeiten lernen wir die beiden sympathischen Hauptprotagonisten kennen; Minou Joubert, ein unerschrockenes und mutiges junges Mädchen, das seinem Vater in dessen Buchhandlung hilft, seit die Mutter starb und ihre kleine Schwester Alis und ihren Vater aufrichtig liebt - und Piet Reydon, ein junger Hugenotte, der auf einer Mission ist, die sehr gefährlich ist und er mit seinem einstigen Weggenossen und Freund Valentin zusammentrifft, der katholischer Priester ist und von der Gier nach Macht zerfressen; ebenso wie seine heimliche Geliebte, die Herrin der Burg von Puivert... Es geht zum einen um ein verschollenes Testament und zum anderen um das Grabtuch Christi, das das heiligste Relikt der katholischen Kirche darstellte und dem Wunder nachgesagt werden; dass der Besitzer mit Macht gestärkt wird, lautet die Kunde. Valentin, der seine Macht mehren will und der ein dunkles Herz hat, würde alles dafür tun, um an dieses Tuch zu gelangen... Ist er der Fälschung oder dem wahren Grabtuch auf der Spur?

Kate Mosse gelingt es von Anfang an, Spannung zu erzeugen und die Protagonisten, die sich ineinander verlieben, sehr authentisch darzustellen. Der gut recherchierte Roman zeigt auch reale historische Personen wie etwa Francois de Lorraine, den Herzog von Guise; seines Zeichens machthungrig und bei Hofe unerwünscht: Guise hasst die Hugenotten, die laut Edikt ihre Gebetshäuser außerhalb der Stadtmauern errichten durften. Gerade diese Unterdrückung religiös Andersdenkender und Intrigen sowie Angriffe, die mit päpstlicher Erlaubnis gegen die Hugenotten von der katholischen Kirche betrieben wurden (was in der Bartholomäusnacht gipfelte), machen den Leser mehr als betroffen und lassen mich diese Kirche kein Quentchen mehr sympathisch erscheinen als sie es m.E. ohnehin ist - historisch betrachtet. Auch die Katharer hatten 350 Jahre zuvor mit Verfolgung - und Abschlachtung zu kämpfen, bis sie regelrecht ausgelöscht waren. Einige Hugenotten und deren Nachfahren haben diese Verfolgungen zum Glück überlebt und konnten teils rechtzeitig ins Ausland fliehen - was sich noch heute an manchen Namen (z.B. Laval) zeigt.

Diese Härte und Ungerechtigkeiten gegenüber einer andersdenkenden Minderheit hat Kate Mosse authentisch am Beispiel der Familie Joubert - besonders Minou und Piet Reydon, darstellen können. Auch die Verlogenheit der katholischen Kirche und Brutalität, die sich in "peinlichen Befragungen" äußerten - und seelisch gebrochene Menschen zurückließen, falls sie diese Folterprozeduren überhaupt überlebt hatten, kommt hier zum Tragen.

Bei aller Unterhaltsamkeit und Spannung ist die Reise mit Minou und Joubert mit allerlei Schrecken gepflastert, die diese unruhigen Zeiten in Frankreich porträtieren.

Am Romanende wird immer deutlicher, dass die boshafte Herrin der Burg von Puivert und der machtgierige Priester Valentin bzw. Vidal sich in ihrer Gier nach Macht und Reichtum gegenseitig überbieten, ebenso an verlogener Gläubigkeit und eiskalten Herzen....

Ich fand die Anmerkungen der Autorin zur Sprache (Französisch, Okzitanisch) und zur Theologie sehr interessant; ebenso die Gemeinsamkeiten von Katharern und Hugenotten, die die Freiheit des Geistes und des Gedankens gemeinsam hatten.

Ich empfehle den Romanauftakt zum Schicksal der Hugenotten gerne weiter und bin bereits gespannt auf die Fortsetzung!

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Veröffentlicht am 06.04.2020

Beeindruckender Roman um starke Frauen - und über Solidarität!

Das Haus der Frauen
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Laetitia Colombani hat mit ihrem Roman "Das Haus der Frauen" (Originaltitel "Les victorieuses") einen wundervollen und sehr lesenswerten Roman geschrieben, in dem sie die Leben zweier Frauen miteinander ...

Laetitia Colombani hat mit ihrem Roman "Das Haus der Frauen" (Originaltitel "Les victorieuses") einen wundervollen und sehr lesenswerten Roman geschrieben, in dem sie die Leben zweier Frauen miteinander literarisch verwoben hat und zum einen Blanche Peyron, die ihr Leben der Heilsarmee widmete und einen der höchsten Ränge in dieser Organisation gemeinsam mit ihrem Mann Albin ein literarisches Denkmal setzt und - einhundert Jahre später - eine Frau der Gegenwart, Solène, in Szene setzt, die stellvertretend für viele Frauen unserer Zeit stehen könnte....

Paris, Gegenwart:

Solène, eine erfolgreiche und brillante Staranwältin in den Dreißigern, wird jäh aus ihrem bisherigen Leben gerissen, als ein Mandant Suizid begeht: Sie fühlt sich schuldig und gerät in ein 'burn-out', das ein berufliches Weitermachen vereitelt. Ihr Psychiater rät ihr, sich selbst aus dem Fokus zu nehmen und anderen zu helfen, um aus der Abwärtsspirale der Depression herauszufinden. Nach längerer Zeit der Leere sieht sich Solène nach einer solchen Aufgabe um und wird fündig: Sie will sich als "öffentliche Schreiberin" in einem Haus der Frauen in Paris bewerben, da sie mit Wörtern stets gut umzugehen weiß. Nach zögerlichen ersten Stunden merkt sie, dass die Frauen langsam Vertrauen fassen und sich an sie wenden: Als Leser lernt man einige Frauen und ihre tragischen und auch oft traurigen Hintergründe kennen, weshalb sie im Haus der Frauen ein Dach über dem Kopf suchen: Da ist die Mutter aus Guinea, die den Sohn verlassen muss, um die Tochter vor einer Verstümmelung zu retten; die "Strickerin", die fleißig nadelt, aber meist kein Wort sagt, da sind die "Tatas", die viel Leben und Kinderwägen ins Haus bringen, was Cynthia, der stets Genervten und zuweilen Hochaggressiven, ein Dorn im Auge ist.... Sehr viel Sozialkritik sickert durch die Zeilen, die mehr als berechtigt sind, da noch heute alleinstehende Frauen mit Kindern zu den sozial Benachteiligten gehören und den größten Teil der Hilfesuchenden und Mittellosen Menschen in unserer Gesellschaft sind.

Berührend die Geschichten, die hinter diesen Frauen stehen und Solène selbstkritisch werden lassen, sie mit der Zeit - trotz aller Zweifel - zum Positiven verändern: Solène nimmt wieder am Leben teil, wozu ihr die Stelle der Schreiberin im Haus der Frauen sehr hilft: Am Ende dieses sehr atmosphärischen und feingezeichneten Romans hat Solène erstmals in ihrem Leben das Gefühl, "an der richtigen Stelle zu sein". Sie kommt gar ihrem Traum näher, ein Buch zu schreiben und sortiert nach und nach ihr altes, behütetes Leben aus.

Paris 1925:

Blanche Peyron, Ende fünfzig, lungenkrank, Tochter eines französischen Pfarrers und einer schottischen Mutter, lernt in ihrer Jugend die Tochter von William Booth, der Heilsarmee in Schottland kennen und ist von deren Arbeit sehr beeindruckt: Fortan will sie ihr Leben den Aufgaben der Heilsarmee widmen, die sich für die Schwächsten und Ärmsten der Gesellschaft einsetzen. Sie lässt sich ausbilden und entwickelt ein starkes Mitgefühl für andere, die Schlimmes durchmachen. Ihre Hilfsbereitschaft grenzt an Selbstlosigkeit und sie stellt ihre Aufgaben, zu helfen, sogar vor ihre Gesundheit. Auch ein gewisser Sinn für Abenteuer macht ihre Persönlichkeit aus - vor allem aber eine Unerschrockenheit und eine Courage, die ihresgleichen sucht: Obwohl sie eigentlich nicht heiraten will, erkennt sie in Albin einen Seelenverwandten. Ihr Mann unterstützt sie auch in ihrer Arbeit zeitlebens und gemeinsam erreichen sie mit den Jahren viel: Sie schrecken auch nicht davor zurück, Mittel für ein großes Haus aufzutreiben, das alleinstehenden Frauen ein Dach über dem Kopf bieten würde; eine Möglichkeit für die von der Gesellschaft ins Abseits gedrängten Frauen "ihre Wunden heilen zu können, um wieder zu Kräften zu kommen".

Das Ehepaar erreicht sein Ziel durch große Anstrengungen, Geldgeber zu finden und die ersten Frauen können einziehen: Das Haus hat ca. 750 Zimmer! Der Autorin gelingt es sehr gut, sowohl Solène und ihre positive Veränderung durch ihre Arbeit und Solidarität mit den Frauen und ihren Anliegen als auch - im Wechsel der Romankapitel - Blanche Peyron Farbe und Leben einzuhauchen; mehr noch, Sozialkritik zu üben, wo sie leider heute noch Realität ist und gleichzeitig leidenschaftliche Charaktere darzustellen, dem Leser näherzubringen, was durch SOLIDARITÄT - das Hauptthema des Romans für mich - erreicht werden kann! Besonders Blanche Peyron, vor deren Energie und Willenskraft trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit man sich nur verneigen kann, wird hier zurecht ein literarisches Denkmal gesetzt, das gerade jetzt - in Pandemiezeiten - an das menschliche Miteinander und an Solidarität gemahnt.

Ich gebe diesem wundervollen Roman aus den genannten Gründen heraus die volle Punktezahl sowie eine absolute Leseempfehlung!

  • Cover
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Veröffentlicht am 31.03.2020

Die Hüterin der Säugetiere

Die stummen Wächter von Lockwood Manor
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Auf das Romandébut der englischen Autorin Jane Healey - das sich durch ein bemerkenswertes und sehr hübsches Cover auszeichnet und der Titel bereits in die Genrerichtung weist, die der Leser vorfindet ...

Auf das Romandébut der englischen Autorin Jane Healey - das sich durch ein bemerkenswertes und sehr hübsches Cover auszeichnet und der Titel bereits in die Genrerichtung weist, die der Leser vorfindet (Mystery-Anteile), habe ich mich sehr gefreut, da ich Geschichten sehr mag, die in alten englischen Herrenhäusern sowie in England selbst verortet sind. Gefunden habe ich allerdings eine Geschichte, die ich mir anders vorgestellt habe; vor allem spannender und "packender".

Inhalt:

England, 1939:

Um die Tiere eines Londoner Museums vor der Zerstörung durch etwaige Angriffe im Kriegsverlauf zu schützen, begibt sich Hetty Cartwright, Angestellte des Museums, mit ihrer Abteilung der Säugetiere, in denen Panther, Jaguar, Eisbär, Okapi und viele andere ausgestopfte Tiere zu finden sind, auf die Reise in das Herrenhaus Lockwood Manor, wo die ausgelagerten Museumsexponate vermeintlich gut während des Krieges aufgehoben sind.
Im weitläufigen alten Herrenhaus mit seinen 92 Zimmern, 4 Stockwerken und 6 Treppenhäusern jedoch stellt Hetty fest, dass sich einige der Tiere plötzlich auf einem anderen Platz befinden; ein Tier verschwindet gar spurlos und nachts bevölkern bizarre Geräusche und unheimliche Gestalten das große Herrenhaus. Während Lucy,die Tochter von Lord Lockwood, dem "Major", der passionierter Jäger und leidenschaftlicher Sammler ist, Hetty sehr freundlich begegnet, ist der Herr des Hauses sehr reserviert und kaltschnäuzig; allerdings imponiert ihm, wie sehr sich Hetty bzw. Miss Cartwright für die Sammlung der Säugetiere einsetzt und diese unbedingt durch die Kriegswirren bringen will, um sie nach dem Kriege unversehrt wieder dem Museum zukommen zu lassen.

Hetty bleibt nicht verborgen, als sich die beiden Frauen besser kennenlernen, dass Lucy von allnächtlichen Angstzuständen und Albträumen geplagt wird, die seit dem Tod ihrer Mutter und Großmutter noch stärker geworden sind. Hetty ahnt, dass ihr Lucy und Lord Lockwood etwas verheimlichen, das mit dem großen alten Haus zu tun haben mag, doch woher kommen Lucys und ihre eigenen Albträume?

Meine Meinung:

Neben Hetty und Lucy wie auch ihr Vater Lord Lockwood gibt es einen Hauptprotagonisten für diesen Roman von Jane Healey: das Haus, Lockwood Manor, das die Autorin sehr gekonnt und atmosphärisch in all seiner mysteriösen Weitläufigkeit gut beschreibt. Doch genauso gibt sie dem Leser lange Zeit Rätsel auf; z.B. die Mutter von Lucy betreffend, Heloise, die von einer Insel stammte und sich in dem großen Haus ängstigte, sich eingesperrt fühlte: Diese Figur bleibt lange Zeit nebulös. Ebenso wie die Aufklärung der verschwundenen Uhr, die Hetty nicht wiederfindet, einen Jaguar, der nicht wieder auftaucht und Kolibris, die aus ihrem Glaskasten entschwanden. Nach und nach enthüllt und entrollt die Autorin die Hintergründe, lässt Hetty "Museums-Detektivin" spielen und lässt den aufmerksamen Leser lange im Dunkeln tappen. Was hat es mit dem "blauen Zimmer" auf sich, von dem Lucy immer wieder in ihren Albträumen geplagt wird - und das in der Realität nicht aufzufinden ist?

Atmosphärisch und düster verfolgt man Seite um Seite die Geschehnisse, die Jane Healey trotz allem atmosphärischem Schreibenkönnens das durchaus "Mysteriöse" teilweise übertrieben und zu bemüht darstellt, durch Längen so sehr detailliert, dass mir jegliche Spannung leider genommen wurde. Den Stil der Autorin finde ich eigentlich gut, daher bemühte ich mich immer wieder, aus der Geschichte Spannung herauszulesen (Mystery gehört durchaus zu meinen Lieblingsuntergenres), allerdings war dies vergeblich: Die Langatmigkeit und diverse Vorahnungen nahmen jegliche Spannung aus dem Roman. Schade!

Obgleich die Figuren recht gut ausgeleuchtet wurden; im Besonderen Hetty und Lucy, fand ich keinen Zugang oder Nähe zu ihnen; die Darstellung des Lords war eher von Abneigung geprägt, was sicher im Interesse der Autorin lag und folgerichtig ist, wenn man sich dem Romanende nähert.

Merkwürdig fand ich das Bild der teils verrückten, teils klaren Mutter von Lucy, die ihre Tochter noch nach ihrem Tod ängstigt und deren Hintergründe viel zu lange verborgen bleiben: Das Lesen dieses Romans war für mich (leider) wie ein Lesen mit einer Taschenlampe, deren Batterien schwächeln... Auch das Romanende, das in einem legendären Weihnachtsessen in der Langen Galerie mitsamt exotischen Pflanzen und den Museumsexponaten stattfand, konnte den Roman in meinen Augen nicht bestehen lassen.

Die Sorgen um ihre Sammlung und damit die Bewertung ihrer Qualifikation und Karriere als Museumsangestellte durch den Direktor waren mir zuweilen etwas zu viel; wenn auch nachvollziehbar. Aber da auch der herannahende Krieg und die Bomben der Deutschen immer wieder thematisch ins Bild gesetzt werden (sowie die damit einhergehende Verdunkelung), war dies wie die Autorin schreibt "ein Staubkörnchen" im Verhältnis der vielen Tausende Opfer und Toten des kriegszerstörten Europa.

Fazit:

Die düstere Thematik dieses Schauerromans, der auf Gruseleffekten basiert und atmosphärisch geschrieben wurde, lichtet sich erst ganz zum Romanende hin. Mich konnte die erzählte Geschichte wie auch die HauptprotagonistInnen leider nicht erreichen. Vieles war für mich überzeichnet und zu langatmig, Spannung kam allenfalls zum Schluss auf. Daher kann ich nur knappe 3* vergeben.

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