Profilbild von SophiaDango

SophiaDango

Lesejury Star
offline

SophiaDango ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SophiaDango über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.11.2024

Kurze, prägnante Geschichte mit überraschend viel Tiefgang auf wenigen Seiten

Reichlich spät
0

Cathal ist ein einfacher Angestellter, der in Irland lebt. Aus seiner Sicht wird ein typischer Tag, Freitag, der 29. Juli, erzählt. Zunächst wirkt Cathal noch sympathisch: er kehrt von der Arbeit heim ...

Cathal ist ein einfacher Angestellter, der in Irland lebt. Aus seiner Sicht wird ein typischer Tag, Freitag, der 29. Juli, erzählt. Zunächst wirkt Cathal noch sympathisch: er kehrt von der Arbeit heim und ist nicht zufrieden in seinem Leben. Als er zu Hause den Duft einer Frau riecht, erinnert er sich an eine frühere Beziehung mit Sabine und der Leser geht gemeinsam mit ihm auf eine Reise in die Vergangenheit.

Das Cover hat mich zunächst verwirrt: die Kirschen sind übergroß dargestellt, in der Buchhandlung hätte ich wahrscheinlich nicht zu dem Buch gegriffen, auch wegen seiner Kürze mit knapp fünfzig Seiten. Doch nach der Lektüre passt das Cover umso mehr zur Geschichte und die Kirschen sind durchaus gut gewählt.
Der Einstieg in das Buch fällt leicht, es wird ein typischer Tag im Leben Cathals beschrieben, wie ihn die meisten Menschen tagtäglich erleben. Er wirkt wie ein sympathischer Mann, aber dieses Bild wird auf wenigen Seiten immer mehr zerstört. Er beginnt von seiner Beziehung mit Sabine zu erzählen und es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Cathal keineswegs der "nette Typ von nebenan" ist.
Sabine bringt Cathals Leben (wie es in Beziehungen und bei einem Zusammenzug in eine Wohnung nun mal so ist) ziemlich durcheinander: sie bringt Möbel mit, Badutensilien und beansprucht nicht nur den Platz in seiner Wohnung sondern auch in seinem Leben. Nach und nach kommt Cathals wahrer Charakter zum Vorschein: für ihn ist es selbstverständlich, dass sich die Frau um den Haushalt und die Finanzen kümmert, während er sich ein entspanntes Leben zurecht rückt. Immer mehr kommt seine allgemeine Ablehnung Frauen gegenüber ans Licht und auch das Thema Misogynie wird hier hervorragend heraus gearbeitet. Sabine verlässt Cathal, für sie zum Glück, noch rechtzeitig vor der Hochzeit.

"Reichlich spät" ist eine leise, unaufgeregte Geschichte, die auf wenigen Seiten viele wichtige Themen behandelt und eindringlich und auf den Punkt erzählt wird. Eine große Leseempfehlung von mir!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.11.2024

Eine junge Frau in der vermeintlich perfekten Social-Media-Welt

That Girl
0

Tess Raabe ist 25 Jahre alt, wohnt im hippen Stadtteil Hannover-Linden und ist erfolgreiche Influencerin. Auf ihren Social-Media-Accounts teilt sie so gut wie alles aus ihrem Leben. Sie steht für Selbstliebe ...

Tess Raabe ist 25 Jahre alt, wohnt im hippen Stadtteil Hannover-Linden und ist erfolgreiche Influencerin. Auf ihren Social-Media-Accounts teilt sie so gut wie alles aus ihrem Leben. Sie steht für Selbstliebe und die richtigen Werte. Auch ihr Buch "Date Me", in dem sie über die Partnersuche bei Tinder schreibt, ist sehr erfolgreich. Doch der Schein trügt und Tess fühlt sich oft allein und unglücklich. Auch ihre eher weniger erfolgreiche Partnersuche lässt sie im Inneren immer pessimistischer werden. Sie trifft auf einer Party auf Leo, der ihr sofort den Kopf verdreht und so ganz anders scheint als ihre vorherigen Dates. Sie muss sich schließlich fragen: wer bin ich eigentlich wirklich und kann die Liebe für mich funktionieren?

Das Cover finde ich zur Geschichte passend, allerdings ist es für meinen Geschmack etwas zu bunt und die Kachelanordnung finde ich weniger gelungen. Der Einstieg in das Buch fällt leicht, Tess beschreibt aus der Ich-Perspektive. Dadurch erfährt man sehr viel über Tess selbst und ihre Sicht der Dinge.
Beim Lesen habe ich mich oft gefragt ob Tess stellvertretend für die neue Generation steht, in der ein makelloses Zuhause, Selbstliebe und das "Alles auf Social Media festhalten" Alltag ist oder ob die Autorin hier eine Gruppe junger Menschen von vielen beschreibt. Ich selbst bin zwar auch erst Anfang dreißig, aber für mich ist dieses Leben, wie Tess es führt, sehr weit weg von meinem eigenen und ich hatte oft Probleme, mich in sie hinein zu fühlen. Sie erzählt zynisch und pessimistisch aus ihrem Leben, von ihren Dates und ihren Freundinnen, was das Lesen oft lustig, aber auch einseitig gemacht hat. Die Annäherung mit Leo wird toll beschrieben, aber im Verlauf wurde es für mich immer unrealistischer und ich hatte weniger Lust, weiterzulesen.

Dennoch ist das Buch gerade für junge Menschen wahrscheinlich gut geeignet, da es die vermeintlich perfekte Welt der anderen auf Social Media auseinander nimmt. Am Ende sind wir alle Menschen mit Fehlern, schlechten Tagen und Ängsten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.10.2024

Hundert Wörter pro Tag in einer düsteren Zukunft - wichtiges und eindrückliches Buch

Vox
0

Jean ist Linguistikwissenschaftlerin und forscht an Wernicke-Apathien. Die Betroffenen können nicht mehr deutlich sprechen, Jean und ihr Team forschen zu einem Heilmittel, das den Betroffenen die Sprache ...

Jean ist Linguistikwissenschaftlerin und forscht an Wernicke-Apathien. Die Betroffenen können nicht mehr deutlich sprechen, Jean und ihr Team forschen zu einem Heilmittel, das den Betroffenen die Sprache zurückgibt. Ein Regierungswechsel allerdings stellt die Pläne auf den Kopf: Frauen dürfen nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen, nicht mehr arbeiten gehen, nicht mehr reisen und müssen dem Idealbild der klassischen Rollenverteilung der 1950er Jahre entsprechen. Jede Frau bekommt ein elektronisches Armband, das bei jedem Wort zu viel Stromschläge aussendet. Auch Mädchen haben nicht mehr als hundert Wörter am Tag zur Verfügung, sie lernen in der Schule kochen und nähen und werden auf ihren Job als Hausfrau vorbereitet um so schnell wie möglich verheiratet zu werden. Homosexualität und außer- und vorehelicher Sex sind verboten. Als der Bruder des Präsidenten erfährt, dass er eine Wernicke-Apathie hat, versucht der Präsident alles um die Forschung für das Heilmittel schnellstens zu bekommen. Jean soll mit einem Team unter Verschluss daran weiter arbeiten, doch sie weiß nicht, worauf sie sich einlässt...

Das Cover ist eher schlicht gehalten und ich hätte in der Buchhandlung nicht zuerst zu diesem Buch gegriffen. Auf den zweiten Blick jedoch entfaltet es seine Botschaft in aller Deutlichkeit: Frauen wird der Mund sprichwörtlich "zugeklebt" und auch der Titel "Vox", lateinisch für Stimme hätte nicht passender gewählt sein können.
Ich wurde in das Buch förmlich hineingezogen und konnte es nicht aus der Hand legen. Die Spannung wird stets aufrecht erhalten, weil die Geschichte eine unglaubliche Dynamik aufbaut und sich die Lage immer weiter zuspitzt. Die Figuren sind alle gut gezeichnet, auch wenn man durch die Ich-Perspektive Jeans meist nur subjektive Eindrücke erhält. Auch die Nebencharaktere sind allesamt hervorragend ausgearbeitet. Beim Lesen kann man den Schmerz und die Not der Frauen und Mädchen förmlich mitfühlen und nicht nur einmal hat es mir fast das Herz zerbrochen als es um Jeans kleine Tochter geht.
Das Buch zeigt eindrücklich, was passiert, wenn die Falschen gewählt werden, aber auch, was passiert, wenn man seine Stimme nicht erhebt und zur stillen Mehrheit gehört. Wenn man sich dann noch beim Lesen vor Augen hält, dass es in vielen Ländern und Kulturen der Welt Alltag ist, dass Frauen nicht arbeiten dürfen, kein Auto fahren dürfen und auch sonst keine Rechte haben, läuft es einem kalt den Rücken hinunter.

Ein wichtiges Buch, das jeder lesen sollte und das ich mir auch sehr gut als Schullektüre vorstellen kann. Absolut zu empfehlen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.10.2024

Der große Traum Chinas - hochspannender Thriller und ein absoluter Pageturner!

Die Übermacht. Nominiert für den GLAUSER 2025 in der Kategorie bestes Debüt
0

Die chinesische Wissenschaftlerin Jun Ji Bao möchte in einer deutschen Livesendung "das größte Geheimnis Chinas" enthüllen. Sie stirbt jedoch unerwartet mitten in der Sendung und niemand weiß zunächst, ...

Die chinesische Wissenschaftlerin Jun Ji Bao möchte in einer deutschen Livesendung "das größte Geheimnis Chinas" enthüllen. Sie stirbt jedoch unerwartet mitten in der Sendung und niemand weiß zunächst, was es damit auf sich hat. Robert Forster, ehemaliger BND-Mitarbeiter, soll herausfinden, was die Chinesin enthüllen wollte.
In China erhält Maria, die Nichte Jun Ji Baos, eine Videobotschaft, in der ihre Tante sie auffordert, mit einem USB-Stick mit geheimen Dokumenten nach Berlin zu reisen und diese Dokumente öffentlich zu machen. Schon bald wird Maria Staatsfeind Nummer eins in China und sie muss, mithilfe von Komplizen, aus China flüchten und gerät immer wieder in gefährliche Situationen. Robert und Maria müssen zusammenarbeiten um das Geheimnis aufzudecken, das die chinesische Regierung mit aller Macht und Gewalt zu vertuschen versucht. Wird ihnen das gelingen?

"Die Übermacht" ist Stefan Grebes Debüt - ein gelungener Thriller mit aktuellen Themen und viel Spannung. Allein das Cover zieht den Blick auf sich und verspricht eine spannende Handlung mit China im Mittelpunkt.
Die Kapitel sind meist nur wenige Seiten lang und spielen an verschiedenen Orten in verschiedenen Ländern. Zunächst fällt es schwer, den vielen Personen und Orten zu folgen, man findet jedoch sehr schnell in die Geschichte hinein. Durch die schnellen Szenenwechsel entsteht eine unglaublich gut aufgebaute Dynamik und die Kapitel enden meist mit einem Cliffhanger, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.
Der Schreibstil ist sachlich, vermittelt aber gut die Spannung und Bedrohlichkeit, die stets im Raum schwebt. Stefan Grebe versteht es, den Leser einzufangen und eine düstere Atmosphäre zu schaffen, in die man als Leser vollends eintaucht.
Auch die Figuren sind allesamt detailliert gezeichnet und man sich stets gut in sie hinein fühlen. Man fiebert mit ihnen und alle Personen werden ausreichend gut beschrieben.

Man merkt der Geschichte an, dass Stefan Grebe unglaublich gut recherchiert hat zu dem Thema. Es ist beängstigend zu lesen, wie wenig man im Allgemeinen über China und seine verborgenen Machenschaften weiß - auch wenn der Thriller fiktional ist, lässt er einen als Leser doch schaudernd zurück.
Ich empfehle dieses Debüt jedem, der einen gut konstruierten Thriller sucht mit viel Spannung. Man lernt zudem viel über China als Machtzentrum und Weltmacht. Absolut lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 17.10.2024

Langatmige und nicht auserzählte Handlung mit Charakteren ohne Tiefe

Das Wohlbefinden
0

1907: Anna Brenner ist eine einfache Arbeiterin, die in die Heilstätten Beelitz geschickt wird. Sie besitzt anscheinend übernatürliche Kräfte und wird in den Heilstätten als Medium und Hellsichtige angefeindet. ...

1907: Anna Brenner ist eine einfache Arbeiterin, die in die Heilstätten Beelitz geschickt wird. Sie besitzt anscheinend übernatürliche Kräfte und wird in den Heilstätten als Medium und Hellsichtige angefeindet. Dies wird auch für den Leiter immer mehr zum Problem. Johanna Schellmann ist wohlhabend und Schriftstellerin. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Mann Clemens, der Arzt ist und zwischenzeitlich auch in den Heilstätten forscht und ihren beiden Kindern zusammen. Für die Recherche zu einem Roman reist Johanna nach Beelitz und lernt dort Anna kennen. Zwischen den beiden ungleichen Frauen entsteht eine Verbindung.
1967: Die mittlerweile über 80-jährige Johanna möchte noch einmal einen erfolgreichen Roman schreiben und versucht, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
2020: Vanessa, Johannas Urenkelin, lebt in Berlin und sucht verzweifelt eine Wohnung. Durch einen Makler bekommt sie ein Manuskript und Notizen ihrer Urgroßmutter in die Hand.

Wegen des Covers und Klappentextes wollte ich das Buch sehr gerne lesen - auch die Nominierung zum Deutschen Buchpreis 2024 ließ mich mit großen Erwartungen in die Lektüre starten. Leider wurde ich enttäuscht und hätte ich das Buch nicht innerhalb einer Leserunde gelesen, hätte ich es wahrscheinlich abgebrochen.
Aufgrund der drei Zeitebenen war ich gespannt, wie die Autorin den Bogen spannen möchte: drei Frauen in drei Epochen. Der Einstieg fällt leicht und der Schreibstil ist der jeweiligen Zeit angepasst. Man startet im Jahr 1907 und erhält einen guten Einblick in die Arbeit der Heilstätten Beelitz - ein Grund, warum ich das Buch lesen wollte. Nach etwa einem Drittel flacht die Handlung aber leider ab und man fragt sich als Leser, wo die Autorin einen eigentlich mit der Geschichte hinführen möchte. Die Figuren, allesamt mit großem Potenzial, bleiben blass und ohne Tiefe. Alle drei Frauen bleiben einem unsympathisch und keine ruft große Emotionen oder Empathie hervor.
Auch die Handlung bleibt leider unklar. In der zweiten Hälfte plätschert sie so dahin und vermeintlich wichtige Dinge und Situationen werden angerissen, aber nicht weiter verfolgt und unwichtige Handlungen werden in die Länge gezogen. Das Ende konnte mich ebenfalls nicht überzeugen, es wirkt konstruiert und zu vieles, gerade in Bezug auf Anna, bleibt unklar. Oft kam es mir beim Lesen vor, als wären die Handlungsstränge von Johanna im Jahr 1967 und Vanessa im Jahr 2020 noch dazu erfunden worden um die Handlung aus dem Jahr 1907 in die heutige Zeit zu holen. Sie wirken eher unnötig und geben der Geschichte keinen Mehrwert.

Positiv fand ich, dass die Autorin in die Recherche sehr viel Zeit und Mühe investiert hat, man merkt, dass sie sich mit diesem Thema auseinander gesetzt hat, auch wenn die Geschichte rund um die Heilstätten Beelitz zu kurz kommt.

Ich habe mir einen Roman um zwei starke Frauen in der damaligen Zeit im Kaiserreich erhofft und eine besondere Verbindung der beiden, die intensiv beschrieben wird. Leider wurde ich dahingehend trotz viel Potenzial enttäuscht und die Nomierung für den Deutschen Buchpreis und die Longlist kann ich nicht nachvollziehen. Schade!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere