Profilbild von SueWid

SueWid

Lesejury Profi
offline

SueWid ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SueWid über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2026

All das Ungesagte zwischen uns.

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
1

Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat ...

Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat mich genau mit dieser Mischung sofort angesprochen. Auch die Umschlagsgestaltung mit ihren hellen Farben und dem gelben Kanarienvogel in Bewegung verstärkt diesen Eindruck. Nichts steht still, nichts ist eindeutig – und genau darin liegt eine große Kraft dieses Buches.

Was als entspannter Pärchen-Urlaub beginnt, entpuppt sich schnell als emotionales Minenfeld. Felix lädt seinen besten Freund Matze und dessen Partnerin Linn zu einem gemeinsamen Urlaub nach Frankreich ein. Auf den ersten Blick scheinen die Rollen klar verteilt: Felix, der wohlhabende Selfmade-Man, seine schöne Frau Eva und ihre beiden Kinder. Ihnen gegenüber stehen Linn und Matze, ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch, gefangen in einer laufenden Fertilitätsbehandlung. Doch diese scheinbare Klarheit bröckelt schneller, als man es erwartet.

Denn Zipfel interessiert sich nicht für einfache Gegensätze. Sie legt Schicht um Schicht frei, bis deutlich wird, wie fragil diese Konstellation ist. Alte Muster greifen, neue Dynamiken entstehen, Blicke und Gedanken verschieben sich. Der Urlaub wird zur Bühne, auf der Nähe, Neid, Begehren und Verletzlichkeit ungeschützt aufeinandertreffen.

In seiner Form liest sich der Roman fast wie ein Theaterstück: konzentriert, verdichtet, ohne Ausweichbewegungen. Der begrenzte Raum verstärkt die Spannung, kurze Abschnitte und eine präzise, mitunter schneidende Sprache treiben das Geschehen voran. Besonders überzeugt hat mich der Perspektivwechsel, der vor allem den beiden Frauen Raum gibt und den Text emotional unmittelbarer macht.

Was mich dabei besonders berührt hat, sind die unausgesprochenen Momente. Das, was zwischen den Zeilen liegt, wirkt oft stärker als das Gesagte: roh, ungeschönt, manchmal beinahe unangenehm nah. Dieses Buch will nicht gefallen – es fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.

Alle Figuren tragen ihre eigenen Verletzungen und Geheimnisse mit sich, und keine von ihnen bleibt unberührt.
Besonders eindrucksvoll ist das Spiel mit Eigen- und Fremdwahrnehmung: Eva leidet unter ihrem veränderten Körper und dem Verlust von Leichtigkeit, während sie auf Linn eine fast hypnotische Anziehung ausübt. Linn wiederum bewundert genau das, was Eva an sich selbst nicht mehr sehen kann – ihre Schönheit, ihre scheinbare Mühelosigkeit, ihre gelebte Mutterschaft. Gleichzeitig beneidet Eva Linn um ihre Stärke, ihre Klarheit und ihre kreative Selbstverständlichkeit.
Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die zugleich anziehend und abstoßend ist und die Frage offenlässt, ob jenseits der Männerfreundschaft ein eigenes Band möglich ist.
Auch die Beziehung zwischen Matze und Felix geht tiefer, als bloße Loyalität aus Jugendtagen erklären könnte. Alle Figuren wirken auf verstörende Weise miteinander verstrickt – gefangen in sich selbst und doch unauflöslich verbunden, fast wie ein einziger Organismus.


„Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ist ein Roman, der lange nachhallt. Vordergründig verhandelt er Themen wie Mutterschaft, Kinderwunsch und die Angst davor. In der Tiefe aber geht es um Selbstbilder, Begehren, Neid und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Nähe fast immer auch Verlust bedeutet.
Dita Zipfel erzählt diese Geschichte kompromisslos und mit großer Genauigkeit.
Ein Buch, das nicht tröstet – sondern bewegt, verunsichert und genau deshalb überzeugt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.01.2026

Wenn ein Wort dein ganzes Leben verändert.

Hazel sagt Nein
6

Auf den Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross, „Hazel sagt Nein“, bin ich eher zufällig gestoßen. Das fröhliche Kleinstadtidyll auf dem Cover – das weiße Haus im nordamerikanischen ...

Auf den Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross, „Hazel sagt Nein“, bin ich eher zufällig gestoßen. Das fröhliche Kleinstadtidyll auf dem Cover – das weiße Haus im nordamerikanischen Colonial-Stil, die Wäsche auf der Leine im Vorgarten und der weiße Gartenzaun – hat mich zuerst gar nicht angesprochen. Für mich sah es eher nach einem simplen Feel-Good-Roman aus, der nicht sehr tiefgehend sein würde.

Der ausdrucksstarke Titel hat mich dann aber doch neugierig gemacht. Denn wozu sagt Hazel eigentlich Nein? Und was soll ich sagen: Es war eine echte Überraschung. Stille Wasser sind eben doch tief.

Zum Inhalt:
Im Mittelpunkt steht die achtzehnjährige Hazel, die mit ihrer Familie frisch aus New York ins beschauliche Riverburg im Bundesstaat Maine zieht. Dieser Umzug verändert ihr Leben auf eine Weise, die sie sich nie hätten vorstellen können. Am ersten Schultag eröffnet der Direktor der High School, dass er jedes Jahr eine Schülerin auswählt, um eine intime Beziehung zu führen – und Hazel wurde dafür auserkoren.
Hazel reagiert sofort – kein Zögern, kein Verstummen, keine Flucht. Sie sagt klar und deutlich Nein. Und genau dieses Nein löst eine Reihe von Ereignissen aus, die ihre ganze Familie betreffen.

An dieser Stelle ist mir wichtig zu sagen: Zwar geht es im Roman um Machtmissbrauch und institutionelles Wegsehen, Gewalt oder Missbrauch werden aber nirgends explizit beschrieben. Stattdessen arbeitet die Geschichte mit Andeutungen, Grauzonen und unterschwelliger Spannung. Gerade diese Zurückhaltung ist wirkungsvoll. Sie hinterlässt ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und dass man das Schweigen eines Systems hinterfragen sollte.

Das Thema Selbstbehauptung angesichts ungleicher Machtverhältnisse ist für mich besonders spannend. Schön finde ich, dass der Roman Mut macht – Mut, die eigene Meinung zu vertreten, Missstände zu erkennen und anzusprechen.

Der Schreibstil ist angenehm ruhig, das Tempo passt, die Sprache ist klar und gut gewählt. Außerdem kommen nicht nur Hazel, sondern auch ihre Familie – Vater Gus, Mutter Claire und der zwölfjährige Bruder Wolf – zu Wort. So werden die familiären Dynamiken deutlicher.

Allerdings liegt hier auch eine Schwäche des Romans: Es werden zahlreiche Themen wie psychische Probleme, Mobbing, Cancel Culture oder Antisemitismus angerissen, jedoch nicht wirklich ausgearbeitet. Sie bleiben letztlich im luftleeren Raum, sodass die vielversprechenden Ansätze leider versanden.

Ab etwa der Hälfte wandelt sich die Geschichte in eine zu leichte, positivierte Richtung.
Alles scheint sich plötzlich zum Guten für Hazel zu wenden. Auch wenn eine realistischere, emotional belastendere Darstellung schwerer zu lesen gewesen wäre, hätte ich mir gewünscht, dass die Konsequenzen und die Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen länger realistisch gezeigt würden.
Hazels Erfahrungen mit Mobbing, Ausgrenzung und Verleumdung wirken abgeschwächt, und angesichts des Täters als beliebtes Mitglied der Kleinstadt wirken die Reaktionen unrealistisch zurückhaltend.

Abschließend lässt sich sagen: „Hazel sagt Nein“ hat meine Erwartungen nur teilweise erfüllt, das Grundkonzept ist aber stark. Der Roman zwingt die Lesenden, sich mit Unbehagen auseinanderzusetzen, und zeigt, dass es möglich ist, sich zu behaupten und füreinander einzustehen. Auch in der Gemeinschaft liegt Kraft.
Schade ist nur, dass die Autorin ihre eigenen Themen teilweise abschwächt – gerade diese hätten dem Buch noch mehr Tiefe und Wirkung verliehen.

Ich würde den Roman besonders denen empfehlen, die stark triggernde Inhalte nur schwer vertragen, sich aber trotzdem mit Themen wie Machtmissbrauch, Grauzonen und Gewalt auseinandersetzen möchten.

Am besten eignet er sich für eine Leserunde: Der Austausch mit anderen hat mir sehr geholfen, die Wirkung des Romans noch intensiver zu erleben.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 18.01.2026

Zwei Zeiten und ein Nachhall.

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
1

Als ich den Klappentext von „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ las, wusste ich sofort: Ich werde wieder tief in die Welt von Hannah und ihrer Familiengeschichte eintauchen. Nach „Junge Frau, ...

Als ich den Klappentext von „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ las, wusste ich sofort: Ich werde wieder tief in die Welt von Hannah und ihrer Familiengeschichte eintauchen. Nach „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ hat Alena Schröder erneut ein Buch geschrieben, das mich emotional abgeholt hat.

Der neue Roman knüpft thematisch an die beiden Vorgänger an, lässt sich aber – was ich sehr schätze – auch als eigenständige Geschichte lesen.
Was mich direkt beeindruckt hat, ist nicht nur die erzählerische Tiefe, sondern auch das Cover. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht schlicht, doch die zarten und zugleich kräftigen Farben strahlen für mich etwas Positives und Lebendiges aus – fast so, als würde das Cover bereits andeuten, was einen im Inneren des Romans erwartet.

Zum Inhalt:
In dieser Geschichte treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander.
Zwei Zeitebenen, die kunstvoll miteinander verwoben sind und eine Geschichte über Herkunft, Verlust und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben erzählen.
Im Jahr 2023, in Berlin, verfolgen wir Hannah und ihren Lebensweg. Beruflich hat sie ihren Platz gefunden und fühlt sich angekommen. Doch als ihre beste Freundin auszieht und ihr entfremdeter Vater – den sie nie wirklich kennengelernt hat – plötzlich versucht, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, gerät ihr Leben zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Die zweite Zeitebene führt uns ins Jahr 1945, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in die ostdeutsche Stadt Güstrow. Die junge Waise Marlen ist auf der Flucht vor Soldaten und muss sich verstecken. In ihrer Not begegnet sie der Künstlerin Wilma Engel, die sie bei sich aufnimmt und zu ihrem Mündel macht. Doch Wilma scheint mehr zu verbergen, als sie anfangs zeigt – und verfolgt offenbar ihre ganz eigenen Ziele.

Alena Schröder beweist erneut ihr feines Gespür für emotionale Tiefe und authentisches Erzählen. Mit einem zugänglichen, nie ins Kitschige abgleitenden Stil schafft sie ein Leseerlebnis, das ebenso berührt wie fesselt.
Jede der beiden Zeitebenen funktioniert als eigenständige, spannende Geschichte – doch in ihrem Zusammenspiel entsteht ein berührendes Gesamtbild, das lange nachhallt. Ich mochte das eher ruhige Erzähltempo, es entschleunigt und passt zum Ton, ohne dass sich die Geschichte dabei dehnt.

Besonders haben mir außerdem die vielschichtigen weiblichen Protagonistinnen gefallen. Sie verleihen dem Roman eine besondere Stärke: sympathisch, eigensinnig und zugleich verletzlich Charaktere.

Das Lesen des Romans war für mich fast wie ein Heimkommen – voller vertrauter Charaktere, aber auch neuer Figuren, die der Geschichte frischen Wind und neue Perspektiven gegeben haben.

„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist für alle eine Leseempfehlung, die ruhige, fein erzählte Geschichten mit einem roten Faden und liebevoll beschriebenen Charakteren mögen. Ein Buch, das man mit einem guten Gefühl aus der Hand legt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.12.2025

Der Start einer Spicy Dystopie Reihe.

To Cage a Wild Bird
0

"To Cage a Wild Bird" ist der Debütroman der Autorin Brooke Fast. Die Geschichte entführt uns in eine düstere, dystopische Welt, die sich gar nicht so fern anfühlt. Ein unterdrückerisches Regime in Dividium ...

"To Cage a Wild Bird" ist der Debütroman der Autorin Brooke Fast. Die Geschichte entführt uns in eine düstere, dystopische Welt, die sich gar nicht so fern anfühlt. Ein unterdrückerisches Regime in Dividium setzt die gnadenlose Regel „Disziplin oder Tod“ durch. In dieser Welt kämpft die 23-jährige Raven mit allen Mitteln ums Überleben, nicht nur für sich, sondern auch für ihren Bruder. Als er verhaftet wird, hat sie nur ein Ziel: ihn aus dem brutalen Gefängnis Endlock zu befreien, koste es, was es wolle.

Das Cover hat mich sofort gefesselt. Die intensive Farbgebung in Rot und der große, weiße, prägnante Titel springen direkt ins Auge, sie wirken bedrohlich und aggressiv. Besonders liebe ich es, wenn der Titel sich visuell widerspiegelt – hier gelingt das meisterhaft mit den goldenen Vögeln. Der Farbschnitt verleiht dem Ganzen zusätzliche Tiefe und sorgt bei Sammlern sowie Fantasy-Fans für pure Begeisterung.
Beim Lesen entdeckte ich ein weiteres Highlight. Jedes Kapitel beginnt mit einer kleinen Schar Vögel. Ich liebe es, wenn ein Buch ein solches Konzept konsequent durchzieht und nahtlos einbindet.

Der Schreibstil und das Worldbuilding passen nahtlos zum düsteren Setting. Sie erzeugen eine atemberaubend stimmungsvolle Atmosphäre, wie dieses Zitat eindrucksvoll zeigt: „Ich schätze, wer so närrisch ist, einen wilden Vogel einzufangen, sollte nicht damit rechnen, dass der Vogel im Käfig singt.“ (S. 140)
Die Welt wirkt gnadenlos grausam und ausweglos. Genau dort keimt jedoch Hoffnung auf, etwa in einer kleinen Rebellengruppe, einer Siedlung jenseits des Regimes von Dividium und Figuren, für die Herkunft weniger zählt als pure Menschlichkeit.
Hinzukommt eine knisternde Liebesgeschichte zwischen Raven und dem Gefängniswächter Vale. Die Szenen sind intensiv spicy. Hier wartet kein langsamer Slow-Burn, sondern pure, adrenalingeladene Leidenschaft.

Was mich allerdings gestört hat, war die starke Nähe zu Vorlagen wie „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins oder „Die Bestimmung“ von Veronica Roth. Natürlich muss nicht immer das Rad neu erfunden werden. Mir persönlich waren die Parallelen jedoch einfach zu zahlreich.


Daher ist mein Fazit, wer sich nicht an Ähnlichkeiten zu anderen Dystopien stört und Enemies-to-Lovers, Forbidden Love sowie Found Family liebt, findet hier eine düstere, spannende Geschichte, die sich rasend schnell lesen lässt und Lust auf die Fortsetzung macht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.11.2025

Kann man die Antwort in der Vergangenheit finden?

Manche Schuld vergeht nie
0

Würdest du in die Vergangenheit reisen, wenn du könntest? Ohne genau zu wissen welche Schatten und Probleme auf dich lauern könnten?

Im neusten Roman von Elly Griffiths „Manche Schuld vergeht nie“ folgt ...

Würdest du in die Vergangenheit reisen, wenn du könntest? Ohne genau zu wissen welche Schatten und Probleme auf dich lauern könnten?

Im neusten Roman von Elly Griffiths „Manche Schuld vergeht nie“ folgt eine geheime Einheit der Polizei diesem dunklen Pfad und reist durch die Zeit, um vergangene Morde zu lösen und alte Verstrickungen ans Licht zu bringen.
Doch als Kriminalbeamtin Ali Dawson bei einem Einsatz inmitten des Jahres 1850 strandet, sieht sie sich Hindernissen gegenüber, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verweben. Während ihr Sohn Finn in der Gegenwart eines Verbrechens beschuldigt wird und Ali in einer fremden Epoche um ihre Rückkehr und Gerechtigkeit kämpft, verdichten sich die Rätsel.

Elly Griffiths ist das Pseudonym einer britischen Kriminalautorin, die besonders durch ihre erfolgreiche Krimireihe um Ruth Galloway bekannt wurde. Mit „Manche Schuld vergeht nie“ startet sie eine neue Reihe im Krimigenre.
Die Autorin war mir bisher unbekannt, daher habe ich ihr neuestes Werk ganz unvoreingenommen begonnen und war gespannt, was mich erwartet.
Dennoch hatte ich klare Erwartungen an das Thema Zeitreisen, da Autor*innen hier häufig an Paradoxien scheitern oder die Figuren das Abenteuer ohne echte Hindernisse durchschreiten.
Umso positiver überrascht war ich, als ich merkte, dass sich die Autorin gerade diesen Herausforderungen mit großer Sorgfalt widmet.

Sie erschafft eine atmosphärische Immersion ins Jahr 1850: Die Kälte, die hygienischen Bedingungen und das komplexe Einfinden in Alltag und Gesellschaft werden eindrucksvoll beschrieben, sodass ich mühelos in die Geschichte eintauchen konnte.
Die Geschichte wird dabei aus verschiedenen Perspektiven und im Wechsel zwischen 1850 und Gegenwart erzählt. Dadurch entsteht eine spannende Dynamik, die das Erzähltempo steigert und bis zum Schluss für anhaltende Spannung sorgt.

Besonders beeindruckt hat mich die Vielschichtigkeit der Figuren.
Allen voran die 50-jährige Ali. Sie ist mir ans Herz gewachsen, eine warmherzige, quirlige Protagonistin, die weit entfernt vom Mainstream ist und die Geschichte mit ihrer Einzigartigkeit bereichert. In ihrer Gesellschaft habe ich mich als Leserin einfach wohlgefühlt. Vor allem, weil erfreulicherweise auf eine gezwungene Liebesgeschichte verzichtet wurde, die sonst so oft als vermeintliches Highlight gesetzt wird.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt das abrupte Ende und die zahlreichen offenen Fragen, die sich im Laufe der Geschichte angesammelt haben.
Man kann nur hoffen, bald mit dem Folgeband erneut in die Geschichte einzutauchen.
Für mich ist das Buch der gelungene Beginn einer Krimireihe, der viel Spaß beim Lesen und Miträtseln bietet.

„Manche Schuld vergeht nie“ ist für alle empfehlenswert, die einen gelungenen Spannungsbogen, historische Krimis mit hervorragendem Zeitreise-Flair mögen und keinen Wert auf übertriebene Gewalt legen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere