Ich dachte ich bekomme Romcom – ich bekam Chaos.
Ein unheimlich guter MenschAls ich „Ein unheimlich guter Mensch“ von Kirsten King gesehen habe, dachte ich direkt, was für ein originelles, fast schon absurd lustiges Cover. Die surreale Pop-Ästhetik ist für mich ein absoluter Blickfang ...
Als ich „Ein unheimlich guter Mensch“ von Kirsten King gesehen habe, dachte ich direkt, was für ein originelles, fast schon absurd lustiges Cover. Die surreale Pop-Ästhetik ist für mich ein absoluter Blickfang im Bücherregal. Ein scheinbar klassisches Gemälde wird hier mit kleinen Gimmicks in die Neuzeit gezogen.
Nach der Leseprobe war ich sofort positiv gestimmt. Die Protagonistin Lillian wirkt liebenswert, herrlich chaotisch und authentisch. Ich dachte, vielleicht wird das sogar ein bisschen philosophisch.
Ich lag so falsch.
Was ist ein guter Mensch und wie wird man zu einem? Diese Fragen hatte ich beim Lesen zwar im Kopf, aber das Buch schlägt schnell eine andere Richtung ein.
Statt lange dabei zu bleiben, landen wir direkt in Lillians verrückt-normaler Welt.
Sie ist neunundzwanzig und wünscht sich nichts sehnlicher als eine stabile Beziehung. Dafür passt sie sich konsequent an, übernimmt Interessen, optimiert ihren Instagram-Account und versucht, möglichst anziehend zu wirken.
In Henry glaubt sie, den vermeintlich besten Partner gefunden zu haben, und würde alles tun, um ihn zu halten. Als er sie plötzlich verlässt, kommt Lillian auf die alkoholgeschwängerte Idee, einen Schadenszauber auf YouTube auszuprobieren. Doch statt zu ihr zurückzukehren, stirbt Henry. Ab da kippt alles.
Was folgt, ist ein zunehmend außer Kontrolle geratenes Chaos, in dem Lillians Leben Stück für Stück auseinanderfällt. Man fragt sich, wie weit das noch gehen kann.
Ich hatte mit einem leichten, spritzigen Roman über das Liebeschaos einer Frau Ende zwanzig gerechnet. Mit Wiedererkennungswert und vielleicht etwas Selbstironie.
Bekommen habe ich etwas anderes.
Lillian ist nicht liebenswert, nicht harmlos-chaotisch. Sie bewegt sich klar im Kosmos der Weird Girl Fiction. Egozentrisch, widersprüchlich und oft unangenehm. Eine Figur, bei der man nicht weiß, ob man hofft, dass sie heil da herauskommt oder ob man will, dass alles endgültig eskaliert.
Gerade darin liegt der Reiz. In diesem unangenehmen Wiedererkennen. In Momenten, in denen man sich fragt, ob man nicht selbst schon einmal Dinge gemocht hat, nur um jemand anderem zu gefallen.
Das Buch spielt genau mit diesem Unbehagen. Mit Fremdscham, mit Überforderung, mit einem inneren „Jetzt reicht es doch“ und gleichzeitig dem Drang, weiterzulesen.
Das Tempo ist angenehm und das Ende durchdacht. Sprachlich wird es stellenweise derb und manchmal fast hart, was gut zum Ton passt, aber nicht immer leicht auszuhalten ist.
Ein großer Kritikpunkt ist für mich das Fehlen einer Triggerwarnung. Sowohl physische als auch psychische Gewalt, Missbrauch, psychische Probleme und unkontrollierter Alkoholkonsum sind wiederkehrende, teils sehr harte Themen. Sie tauchen oft unvermittelt und ohne Einordnung auf. An manchen Stellen musste ich wirklich schlucken.
Meine Bewertung:
(4 von 5 Sternen)
Ich bin ehrlich, dieses Buch hat mich ziemlich hin- und hergerissen. Einerseits habe ich seine derbe, schonungslose Art sehr gefeiert, andererseits wollte ich es zwischendurch am liebsten weglegen, weil ich keine Lust mehr hatte, Lillian weiter zu begleiten.
Am Ende muss jede Person für sich entscheiden, ob sie sich auf diesen rauen Ritt einlassen und bewusst etwas abseits des Mainstreams lesen möchte.
Ein Debütroman für Vielleserinnen und Vielleser, die es ungewöhnlich, kantig und nicht allzu empfindlich mögen.