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Veröffentlicht am 24.01.2017

Zwei Frauen in Norwegen

Das Geheimnis der Mittsommernacht
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Mit ihrem neuen Roman bleibt Christine Kabus ihrer Linie treu und führt den Leser erneut nach Norwegen. Im Mittelpunkt des Geschehens, das im Jahr 1895 beginnt, stehen zwei unterschiedliche junge Frauen, ...

Mit ihrem neuen Roman bleibt Christine Kabus ihrer Linie treu und führt den Leser erneut nach Norwegen. Im Mittelpunkt des Geschehens, das im Jahr 1895 beginnt, stehen zwei unterschiedliche junge Frauen, die bei näherer Betrachtung doch einige Gemeinsamkeiten aufweisen.

Da ist einerseits die fünfundzwanzigjährige Clara. Die Deutsche ist ein Findelkind und eine Waise und scheint ihr Glück trotz aller Widrigkeiten gefunden zu haben. Schließlich hat sie es vom mittellosen Dienstmädchen zur Ehefrau eines aufstrebenden Juristen gebracht. Ihr Mann Olaf Ordal ist grundsolide und einer von der stillen Sorte, der seiner Frau mit Achtung und Respekt begegnet und für sie und Sohn Paul sorgt. Vor zehn Jahren hat Olaf seine Heimat verlassen, und als er mit seiner Familie zu einem Leben in die Südsee aufbrechen will, ruft ihn eine Nachricht zurück nach Norwegen. Mit offenen Armen werden die jungen Ordals dort nicht empfangen. Und als ein Unglück geschieht und Olaf stirbt, verschlechtert sich für Clara und Paul die Situation zusätzlich. Denn sie befinden sich nicht nur in einem unbekanntes Land, sondern sehen sich zudem Menschen gegenüber, die sie nicht willkommen heißen und akzeptieren wollen, ja sogar vehement ablehnen. Doch bei aller Verzweiflung gibt es auch Lichtblicke...

Im Gegensatz zu Clara ist Sofie als Tochter des Bergwerkdirektors Ivar Svartstein in ein privilegiertes, sorgenfreies Leben hineingeboren. Sie möchte sich nicht mit ihrem vorbestimmten Schicksal als Frau abfinden und nutzt jede Gelegenheit, ihrer Welt zu entfliehen, auch um ihren Wissensdurst und ihre Neugier zu stillen. Sie glaubt daran, dass in einer Ehe Zuneigung zärtliche Gefühle herrschen können und dass eine Liebesheirat keine romantische Utopie sein muss, sondern wahr sein kann. Jedoch das Schicksal macht keinesfalls vor Sofies Familie nicht halt, und Sofie verliert ihre geliebte Mutter bei der Geburt des erhofften Sohnes. Bei deren Eltern findet sie liebevolle Aufnahme, Verständnis und Zuspruch. Gestärkt beschreitet sie neue Wege, findet Erfüllung in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Bibliothekarin, engagiert sich für ein Theaterstück und scheint die Liebe zu entdecken...

Christine Kabus verfügt über eine einprägsame Art des Schreibens, die es dem Leser möglich macht, eine Geschichte so zu erleben, als wäre er unmittelbar vor Ort, obwohl einem das Land und die Menschen eigentlich völlig fremd erscheinen. Ihre ausführliche Recherche des historischen, politischen und gesellschaftlichen Hintergrundes fügt sich gekonnt in die Geschichte ein, ohne ausufernd zu sein. Sie schafft es, mit bildhaften und intensiven Beschreibungen, detaillierte Vorstellungen beim Leser zu erzeugen.

Eine weitere Stärke der Autorin sind die differenziert ausgearbeiteten Figuren. Sie wirken natürlich, lebensnah und glaubwürdig und haben viel Raum, sich zu entfalten und zu entwickeln.

Im Mittelpunkt stehen natürlich Clara und Sofie.

Anfänglich ist der sanftmütige Clara ihr neues Leben an der Seite von Olaf immer noch ein wenig unheimlich, und es fällt ihr nach wie vor schwer, unbefangen damit umzugehen, dass sie durch ihre Heirat zur "besseren"Gesellschaft aufgestiegen ist. Sie sieht dieses Leben nicht als selbstverständlich an. Deshalb ist ihre Verzweiflung nach dem Tod von Olaf deutlich spürbar. Sie sorgt sich um die nunmehr fehlende Geborgenheit und Sicherheit. Aber mit der Zeit wächst sie über sich hinaus und kann sich davon lösen, ohne Olaf den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein. Etwas, was in ihrem bisherigen Leben bisher nicht hatte, verfestigt sich, die Gewissheit, dass sie mehr zustande bringen und aushalten kann, als sie sich je zutraute.

Sofie ist 19 und gilt in den Augen einiger Mitmenschen als verschlossen, grüblerisch und widerborstig. Dabei verfügt sie über einen scharfsinnigen Verstand, der sie erkennen lässt, dass die bigotten Ansichten, scharfzüngigen Verurteilungen und engstirnigen Normvorstellungen mancher braver Bürger nicht nur amüsant, sondern unangenehm sind, weil sie durchaus den guten Ruf eines unbescholtenen Mitmenschen vernichten und dem Betroffenen das Leben zur Hölle machen können. Zwar ist auch Sofie nicht frei von Vorurteilen, andererseits es ist ihr möglich, dies selbst zu erkennen und aus ihren eigenen Fehlern zu lernen.

Neben den beiden Frauen vermögen auch die anderen Charaktere zu überzeugen. Während einige wie Paul, Bodil, Per, Mathis und Frau Olsson sofort begeistert aufgenommen werden, rufen andere - beispielsweise Sofies Schwester Silje - durchaus Unbehagen hervor. Daneben gibt es Figuren wie Ivar Svartstein, der nicht unbedingt ins positive Licht gerückt wird, bei dem keinesfalls nur negative Eigenschaften vorherrschen. Hier ist der Autorin eine anschauliche Mischung gelungen.

Christine Kabus überzeugt mit einer Geschichte voller Möglichkeiten und Entwicklungen, mischt diese mit dem Gegebenheiten Norwegens und füllt sie mit beeindruckenden Menschen, die in Erinnerung bleiben.

Veröffentlicht am 15.10.2017

Die Schlange von Essex

Die Schlange von Essex
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Nach dem Tod ihres Ehemannes lässt Cora Seaborne das elegante Stadthaus im viktorianischen London hinter sich und fährt mit ihrer Begleiterin Martha und ihrem Sohn nach Essex. Michael Seaborne hat zu Lebzeiten ...

Nach dem Tod ihres Ehemannes lässt Cora Seaborne das elegante Stadthaus im viktorianischen London hinter sich und fährt mit ihrer Begleiterin Martha und ihrem Sohn nach Essex. Michael Seaborne hat zu Lebzeiten nicht nur eine über das übliche Maß hinaus gehende Boshaftigkeit abgesondert, sondern gehörte auch zu jenen Männern, die ihre Frau quälten. So ist es nur verständlich, dass Cora trotz aller Prägung, die sie durch ihren Mann erfahren hat, und all jene Kraft, die unterdrückt wurde, nun einen Weg gehen will, der ihrer Neugier und ihrem Wissensdurst gerecht wird: Fossilien finden und erforschen - eine Sache, die ihr Mann immer für Zeitverschwendung hielt, dem sie sich aber nun ganz widmen kann.

In Aldwinter begegnet ihr nicht nur die Legende der Schlange von Essex, sondern auch Pfarrer William Ransome und dessen Familie.

Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen sind sich Cora und Will nicht unbedingt sympathisch. Später entdecken sie, dass sie auf eine Art miteinander reden können, die es bislang für beide nicht gab. Sie reiben sich aneinander, wenn sie auf den Glauben und die Vernunft kommen, ihre Argumente austauschen, Cora das eine oder andere Mal provoziert und Will reizt. Und schleichend wird aus ihrer Freundschaft etwas, das Liebe sehr nahe ist…

Daneben beschäftigt sich der Roman auch mit sozialen Problemen wie beispielsweise die Problematik des menschenwürdigen Wohnraums in London. Hier ist es vor allem Matha, die Sozialistin, die einen aktiven Part einnimmt.

Und über allem wacht das lebende Fossil?

Sarah Perrys „Die Schlange von Essex“ ist ein üppiger Roman in einer Komplexität, der mit Geistergeschichte, Fragen des Glaubens und der Naturwissenschaften, aber auch mit sozialkritischer Parabel aufwartet. Erst nach und nach zieht einen der besondere Schreibstil, der aus der Zeit der Erzählung zu stammen scheint, in den Bann. Dieser ist auf gewisse Weise vollmundig und reich, selbstbewusst, manchmal von heiterer Anmut und vermag es, den Charakter seiner Protagonisten tiefgründig zu verdeutlichen.

Cora Seaborne ist eigenwillig und temperamentvoll und in gewisser Weise unergründlich. Francis, ihr zehnjährige Sohn, mutet sehr eigen an und weist autistische Züge auf. All seine kleinen Rituale und "Schrullen", seine Zurückgezogenheit, eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber seiner Mutter lassen sie sich unbehaglich fühlen, ohne dass es dafür eine Erklärung gibt.

Will Ransome hat sich bewusst für das Leben als Pfarrer entschieden. Seine Religiosität beschränkt sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, schließlich ist er „kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlichen Ministeriums“ (Seite 139). Will glaubt mit dem ganzen Herzen, und sucht vor allem gern die Natur zur Ausübung seines Glaubens auf. Dann ist das Himmelsgewölbe sein Kirchenschiff.

In der Geschichte geht es um Freundschaft und Liebe jeder Art. Zwischen Frauen, Männern, Frauen und Männern. Ob aus unterschiedlichen Schichten oder mit unterschiedlichen Ansichten und Hintergründen. Glaube und Vernunft stehen im Wettstreit und versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Doch letztlich überstrahlt Liebe alles und zeigt sich als das hellste Licht von allem.

Veröffentlicht am 08.09.2017

Und du kommst auch drin vor

Und du kommst auch drin vor
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Kim Josephine gehört zu den 15-Jährigen, die einem Buch nichts abgewinnen können und Lesen für überflüssig halten. Damit steht sie nicht alleine da, und als ihre Klasse zu einer „Läsung“ gehen ...

Kim Josephine gehört zu den 15-Jährigen, die einem Buch nichts abgewinnen können und Lesen für überflüssig halten. Damit steht sie nicht alleine da, und als ihre Klasse zu einer „Läsung“ gehen soll, ist nicht nur sie irritiert, sondern alle stöhnen: „Iiih, was sollen wir da? Bücher lesen?“ (Seite 6) Und es kommt noch schlimmer. Wider Erwarten ist Kim gefesselt von dem, was die Autorin da vorliest, und kann kaum glauben, was passiert: Leah Eriksson schreibt doch tatsächlich über sie und ihre Familie und noch ein paar andere, die sie kennt. Beispielsweise ihren Mitschüler Jasper, und der kommt im Buch nicht gut weg. Das passt Kim gar nicht, und so beschließt sie, das das Schicksal geändert werden muss. Was liegt da näher, als die Autorin selbst darum zu bitten. Erst einmal höflich, dann mit etwas mehr Druck...

Alina Bronsky trifft in "Und du kommst auch drin vor" mit ihrer ungezwungenen frischen Darstellung gut den Ton, wenn sie ihre Protagonistin Kim aus ihrer Sicht erzählen lässt. Die Fünfzehnjährige erscheint zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt sympathisch, um sie gleich ins Herz zu schließen. Auch wird schnell klar, dass sie nicht nur mitten in der Pubertät steckt, sondern zudem recht selbstbezogen und oberflächlich, ist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie nimmt andere Menschen kaum zur Kenntnis, es zählen vor allem ihre Sorgen und Nöte. Wobei trotzdem eine gewisse Unsicherheit spürbar wird, weswegen die Freundschaft zu Petrowna von großer Wichtigkeit ist. Jedoch schafft es Kim im Verlauf der Handlung, nicht mehr der typische, ein wenig schlichte Teenager zu sein. Sie öffnet und entwickelt sich und gewinnt an Format und lernt auf bemerkenswerte Weise, dass sie das Leben erst verändert, wenn sie sich selbst ändert.

In ihrer Geschichte thematisiert Alina Bronsky neben Freundschaft, Familie, Trennung, Engstirnigkeit und Eigensucht das Erkennen von Weitsicht, Hingabe und Begeisterungsfähigkeit. Sie schreibt mit einem Augenzwinkern und stellt das Geschehen und die Figuren überspitzt dar. Dabei lässt sie nicht nur ihre jugendliche Protagonistin in einen Spiegel schauen. Vielmehr zeigt sie mit einem Schmunzeln, dass auch die Erwachsenen menschlich und fehlerhaft sind. Und dass eine Autorin wie Leah Erikson nicht immer nur Charme versprüht, sondern mit den Unzulänglichkeiten des Alltags zu kämpfen hat. Deren Weigerung, den eigenen Roman zu korrigieren und deren Anmerkung, Kim würde nur rumsitzen und alle anklagen, ohne auch nur einen Finger zu rühren, statt eine eigene Handlung zu erfinden, treiben Kim an und lassen sie aktiver werden, ja letztlich das Ganze mit anderen Augen sehen.

Das Leben bekommt nicht nur für Kim eine neue Bedeutung. Denn ihre Freundin Petrowna, die ihre Intelligenz unter einen rauen Schale versteckt und einerseits zu unterscheiden vermag, was die wichtigen Dinge ausmacht, sich aber andererseits wünscht, jemand anders zu sein, nämlich lieber reich und langweilig, als arm und spannend, intensiviert ihre Talente.

Obwohl das Ende überraschend schnell und mit einer plötzlichen Wendung daherkommt, ist die Lektüre des Buches auch Interessierten fernab des anvisierten Lesealters zu empfehlen, weil sie einem mit einer ungewöhnlichen, gleichwohl unterhaltsamem Idee ein paar amüsante und außerdem nachdenkenswerte Momente beschert.

Veröffentlicht am 20.08.2017

Sommerkind

Sommerkind
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Kolja ist fünfzehn, als seine sieben Jahre jüngere Schwester Malu unbedingt im Freibad und nicht im Meer schwimmen will. Während er auf einer Bank sitzt und ein Buch liest, fällt ihm nicht auf, dass sie ...

Kolja ist fünfzehn, als seine sieben Jahre jüngere Schwester Malu unbedingt im Freibad und nicht im Meer schwimmen will. Während er auf einer Bank sitzt und ein Buch liest, fällt ihm nicht auf, dass sie nicht zurückkommt. Vielmehr ist es Ragna, ein Jahr älter als Kolja und in ihn verliebt, die das bemerkt, aufspringt, losläuft, Malu reglos im Schwimmbecken liegen sieht und das Mädchen aus dem Wasser rettet. Doch ein normales Leben wird es nicht mehr sein. Malus Gehirn ist bereits geschädigt, sie fällt ins Koma. Malu ist ein Sommerkind.

Es ist das Bild des kleinen Mädchens auf dem Grund des Beckens, das Ragna 25 Jahre mit Erinnerungen konfrontiert, die ihr nicht mehr gegenwärtig und lückenhaft sind. Im Rahmen eines Forschungsprojektes befasst sie sich mit der Frage, ob es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen den Orten der Kindheit und dem Verlauf des Lebens gibt. Und ob der Mensch am Ende seines Lebens dorthin zurückkehrt.

Sie begibt sich auf die Suche nach ihren Erinnerungen, nach Kolja und danach, was damals wirklich geschehen ist. Dabei begegnen ihr Menschen, die Kolja auf seinem Weg begleitet haben. Ragna trifft seine Mutter, Malu und spricht mit der Ärztin, die mit mehr Fürsorge und Augenmerk auftritt, weil sie die Sensibilität erkennt und die Schuldgefühle, mit denen Kolja belastet ist. Denn vor allem Koljas Mutter vermittelt ihrem Sohn, verantwortlich für das Geschehen zu sein. Zur Strafe muss er seine Schwester im Krankenhaus besuchen, und es ist nur verständlich, dass er darauf mit Abwehr reagiert. Stattdessen widmet Kolja seine Zeit und seine Zuneigung einem kleinen Jungen, der vom Wickeltisch gefallen ist und den er "Kai in der Kiste" nennt.

"Der Satz, mit dem sie ihn fortschickte, verschmolz mit dem Geräusch der Tür, die sie leise hinter ihm ins Schloss drückte."

Sommerkind ist ein emotional intensives Erlebnis. Der Roman besticht durch seine stille, tiefgründige, gleichwohl poetische Sprachgewalt und das psychologisches Feingefühl, mit dem Monika Held ihre Figuren porträtiert. Es gelingt ihr nicht nur, die Fassungslosigkeit der Eltern ob dieses Unglücks zu verdeutlichen, sondern auch die Einsamkeit und den Schmerz darzustellen, denen Kolja ausgesetzt ist und unter denen er leidet.

Im hohen Maße schafft die Autorin eine glaubhafte Darstellung. Dabei erzählt sie zeitversetzt aus zwei Blickwinkeln. Ragna nimmt die Ich-Position ein, wodurch es stets möglich ist, an ihren Gedanken und Emotionen teilzuhaben. Hingegen wird Koljas Geschichte aus der Sicht von Dritten geschildert. Insgesamt beleuchtet die Autorin ein Geschehen, das unsagbar traurig und betroffen macht und doch nicht ohne Hoffnung und schöne Momente ist.

Vielleicht ist am Ende nicht alles gesagt, aber so viel, dass die Geschichte schließen kann. Und es ist auch nicht wichtig. Denn Ragna und Kolja werden sich treffen, wenngleich wir nicht mehr dabei sind...

Veröffentlicht am 02.08.2017

Claire vom Meereslicht

Kein anderes Meer
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Mit ihrem Roman „Kein anderes Meer“ nimmt Edwidge Danticat uns mit auf eine Reise in ihre Heimat Haiti und lässt uns nicht nur teilhaben an haitischem Dasein und haitischer Kultur, sondern bietet einen ...

Mit ihrem Roman „Kein anderes Meer“ nimmt Edwidge Danticat uns mit auf eine Reise in ihre Heimat Haiti und lässt uns nicht nur teilhaben an haitischem Dasein und haitischer Kultur, sondern bietet einen tiefgründigen Einblick in das Leben der Menschen. Die von ihr geschaffenen Charaktere geben in ihrer Vielfalt ein Bild der fiktiven Stadt zwischen Meer und Bergen wider: Ville Rose – ein Name wie Musik, und doch befindet er sich im krassen Gegensatz zu seinen Bewohnern, die aus einer kleinen Minderheit von Mittel- und Oberschicht sowie der großen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze bestehen, die um das tägliche Überleben kämpfen. Ein Ort unermesslicher Schönheit und außerordentlichen Elends.

Im Mittelpunkt steht auf den ersten Blick Claire Limyè Lanmè, was Claire vom Meereslicht heißt - "Claire of the Sea Light" ist der Originaltitel des Romans. Er beginnt mit Claires siebtem Geburtstag. An diesem Tag versenkt eine drei oder vier hohe Monsterwelle den Fischer Caleb mitsamt seinem Kutter. Claire lebt mit ihrem Vater Nozias, ebenfalls Fischer, in einer winzigen Hütte. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben, und so sind ihre Geburtstage jedes Jahr nicht nur glückliche Tage, sondern auch immer solche der Trauer. Die ersten drei Jahre wird Claire von Verwandten ihrer Mutter großgezogen. Dann holt Nozias seine Tochter wieder zu sich, um sich selbst der Herausforderung zu stellen, sein Kind von seinem dürftigen Einkommen zu versorgen. Und obwohl es ihm nicht an elterlicher Liebe oder Verantwortung und gutem Willen fehlt, erkennt er die Hoffnungslosigkeit seines Unterfangens, Claire eine sorgenfreie Existenz bieten zu können. Aus diesem Grund entscheidet er sich, Gaëlle, die Besitzerin des Stoffladens, zu überzeugen, Claire zu adoptieren. Denn aus seiner Sicht ist es das Beste, ein neues Elternteil zu finden, dem er vertraut, sich um Claire zu kümmern. Er selbst will auf der Suche nach einer besser bezahlten Arbeit fortgehen.

An diesem siebten Geburtstag stimmt Gaëlle zu, Claire zu sich zu nehmen; am Abend verschwindet Claire, und erst im letzten Kapitel erfahren wir, was mit ihr passiert. Bis dahin porträtiert die Autorin andere Bewohner der Stadt, und im Verlaufe dessen wird deutlich, dass im Grunde Ville Rose in ihrer menschlichen Vielfalt, brutalen Realität und miteinander kollidierenden Schicksalen die eigentliche Protagonistin des Romans darstellt.

Da ist die Stoffhändlerin Gaëlle, die als Spiegel für Nozias wirkt. Auch ihr Leben ist von Verlusten geprägt. Am Tag, an dem sie ihre Tochter Rose auf die Welt bringt, wird ihr Mann Laurent ermordet. Sieben Jahre später – es ist der vierte Geburtstag von Claire – stirbt Rose bei einem Autounfall.

Bernhard Dorien, der in Cité Pendue, einem armen, gefährlichen Außenbezirk von Ville Rose, dem „ersten Höllenkreis“, zu Hause ist und dessen Idealismus und die Verbindung zu Tiye, dem berüchtigten Anführer der Bande Baz Benin, schreckliche Konsequenzen für sein Leben und das von Gaëlle haben.

Bernards enger Freund Max Ardin Junior, ein wohlhabender junger Mann, der vor zehn Jahren ein Kind zeugte, von seinem Vater Max Senior nach Miami geschickt wurde, nun nach Haiti zurückkehrt und mit seiner Schuld konfrontiert wird.

Louise George, eine bekannte und beliebte Radiomoderatorin, Lehrerin von Claire in der Schule von Max Ardin Senior und zeitweise desssen Geliebte, mit dem sie eine Rechnung offen hat. Sie ermöglicht es Bürgern von Ville Rose, in ihrer populären Radiosendung die eigene Geschichte zu schildern...

Edwidge Danticats Protagonisten sind fehlerhaft, aber menschlich, handeln auf einem schmalen Grad zwischen richtig und falsch. Während Nozias sich beispielsweise gezwungen sieht, seine Tochter aufzugeben, obwohl er sie eigentlich nicht verlieren möchte, muss Claire als Vertreterin vieler Kinder mit der Entscheidung leben, die andere Menschen für ihre Zukunft treffen.

Durch die verschiedenen Geschichten zeigt die Autorin eine Stadt, die von Gewalt, Leid und Tod, Korruption, Klassenunterschieden und sozialen Tabus geprägt ist, in der es jedoch durchaus auch Hoffnung, Träume, Liebe und Versöhnung und gute Absichten gibt.

Insgesamt ist der Tod - einerlei, ob er natürlichen, zufälligen oder kriminellen Ursprungs ist - in Ville Rose eine konstante und alltägliche Größe. Er taucht immer wieder in den Geschichten auf und verknüpft sie zum Teil miteinander. Leben und Tod stehen sich kontinuierlich gegenüber, wodurch die Autorin gleichzeitig die Fragilität des Lebens im Angesicht des Todes hervorhebt.

Danticats Roman ist geprägt von einem ruhigen Erzähltempo, ihre Sprache zeigt sich schnörkellos und klar, gleichwohl kraftvoll, poetisch und von enormer Tiefe. Sie verwendet sie, um komplizierte Verbindungen zu knüpfen, wenn sie sowohl Schönheit als auch Schrecken beschreibt. Die Einflechtung kreolischer Redewendungen und Worte schaffen den Reiz einer fremden Welt, erschweren allerdings zugleich das eine oder andere Mal das Lesen und Verständnis.

In ihrer Weise des Erzählens fordert uns die Autorin. Es erfolgt keine chronologische Abfolge. Vielmehr bewegt sich die Handlung von der Gegenwart bis zur nahen Vergangenheit, geht in die ferne Vergangenheit, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren. So beginnt und endet die Geschichte mit Claires Geburtstag und damit nicht nur dem Todestag ihrer Mutter.

Am Schluss ihres eindrucksvollen und komplexen Romans erlaubt die Autorin ein wenig Zuversicht, unsicher zwar, aber vorhanden. Und daran möchten wir festhalten.